Virtuos an der Rock-Gitarre Mein Gott Eric

Eric Clapton kann vielleicht nie wieder Gitarre spielen. Eine Nervenkrankheit setzt ihm zu. Sein neues Album "I Still Do" könnte auch sein letztes sein.

AP

Eric Clapton gilt als einer der besten Gitarristen aller Zeiten. Aus gesundheitlichen Gründen kann er vermutlich nicht weitermachen. Zum Abschied gibt es ein neues Album, einen Konzertmitschnitt und sein Frühwerk auf Vinyl.

In diesem Jahr der zahlreichen endgültigen Musiker-Abgänge, sind angegriffene Nervenbahnen eher ein Übel zweiten Grades. Aber im Fall von Eric Clapton hängt dann doch mehr daran. Der britische Großmeister der gehobenen Blues-Gitarren-Kunst verkündete jüngst in einem Interview, dass lädierte Nervenstränge ihm so arg zusetzen würden, dass er zahlreiche Konzerte absagen musste und es in den Sternen stehe, ob er jemals wieder Gitarre spielen könne. Die Ärzte würden ihm derzeit keine Besserung in Aussicht stellen, so dass das kürzlich veröffentlichte neue Album "I Still Do" sein finales Werk sein könnte.

So was sagt sich natürlich lässig, als kleiner, billiger PR-Trick daher; aber das passt nicht zu dem wortkargen Gitarristen, der den Ball gewöhnlich flach hält. So endet vielleicht mit "I Still Do" einer der herausragenden Karrieren der britischen Musikgeschichte. Der Mann, den seine Jünger in den Siebzigerjahren ehrfurchtsvoll "Gott" nannten, bereitete die Idee des "Rock-Gitarren-Virtuosen" für ein Massenpublikum auf. Wann immer irgendwo Listen der "Besten-Rock-Gitarristen-Aller-Zeiten" erstellt werden, rangiert Clapton stets auf einem der vordersten Plätze.

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Allerdings hat der Virtuose auch immer polarisiert; nicht wenigen Kritikern galt er als zu ehrgeiziger Perfektionist, der sich musikalisch gern bei anderen bediente. Seinem besten Freund George Harrison spannte er mal die Gattin aus, was Clapton in der Branche auch keine weiteren Sympathien verschaffte. Auch dass er sich immer mal wieder als Fan des britischen Rassisten Enoch Powell präsentiert haben soll, hat nicht wenige Anhänger irritiert.

Dagegen stehen Auszeichnungen ohne Ende: Als einziger Musiker überhaupt ist Eric Clapton gleich drei Mal in der Rockn Roll Hall Of Fame vertreten; mit den Bands The Yardbirds und Cream und als Solist sowieso. Achtzehn Grammys hat er eingesammelt sowie zig andere Trophäen abgeräumt. Vom Britischen Königshaus wurde er obendrein für seine Verdienste um die Musik mit einem Orden bedacht.

Ein begnadeter aber humorbefreiter Blues-Purist

Zur Welt kam Clapton 1945 als Sohn einer sechzehnjährigen Britin und eines kanadischen Soldaten, der sich vor seiner Geburt aus dem Staub machte. Seine erste Gitarre, eine in Deutschland fabrizierte Hoyer, bekam Clapton als Dreizehnjähriger in die Hände. Weil er nur den Blues im Kopf hatte, kam er in der Schule nicht weit. Dafür fiel er früh als musikalisch begabt auf. Die Liste der Leute, die behaupten, Clapton klampfend auf Londoner Vorortsbahnhöfen erlebt zu haben, ist lang. Den Yardbirds trat er 1963 bei und machte schnell von sich reden, als begnadeter aber humorbefreiter Blues-Purist. Die Yardbirds sorgten damals im Großraum London für mehr Furore, als die ähnlich engagierten Blues-Rocker The Rolling Stones. Als sie dann mit "For your Love" sogar einen Pop-Hit landeten, kündigte der von der neuen Richtung angeekelte Clapton umgehend. Blues war damals en vogue im Inselkönigreich und Eric Clapton war ganz besonders beseelt von dieser amerikanischen Puristen-Musik.

Nach einem kurzen Gastspiel bei John Mayall & The Blues Breakers verabschiedete er sich wieder um mit Ginger Baker und Jack Bruce als Cream loszulegen. Was dieses Trio einte war das Bewusstsein, dass sie eben die Besten ihres Genres waren. Der damals verbreitete Graffiti-Spruch "Clapton is God" streichelte Claptons Ego obendrein. Mit Cream-Hits wie "Sunshine of your Love" und "White Room" wurde das Trio schnell seinen eigenen Ansprüchen gerecht. Aber Clapton war ein unruhiger Geist und baute seinen Ruhm noch mit Bands wie Derek & The Dominos und Blind Faith aus, bis ihm dämmerte, dass er sich allein am wohlsten fühlt. Aber zufrieden war Clapton nicht; er trank zu viel und betäubte sich mit allerlei Substanzen. Bei George Harrisons "Concert for Bangladesh" kollabierte er auf der Bühne, wurde wieder aufgepäppelt und beendete seinen Auftritt lädiert.

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Clapton verwaltete in letzter Zeit vor allem seine eigene Legende

Clapton-Kritiker halten ihm gerne vor, dass er viele seiner größten Hits nur übernommen habe; So wie "I Shot The Sheriff" von Bob Marley oder "Cocaine" von JJ Cale. Dazu sollte allerdings angemerkt werden, dass Clapton den Autoren dieser Songs aberwitzige Mengen an Tantiemen in die Taschen spülte. Insbesondere der scheue Kauz JJ Cale war Clapton ewig dankbar für das Vermögen, das der ihm bescherte, indem er einige seiner Songs übernahm.

In den vergangenen Jahren verwaltete Clapton vor allem seine eigene Legende. Gründete noch mal eine Familie, schrieb seine Memoiren und gab sich karitativ. Seit 2004 lädt Clapton zum Beispiel alle drei Jahre gewichtige Blues-Künstler zum wohltätigen Crossroads Festival. Das neue Triple-CD-Set "Crossroads Revisited" bietet Auszüge mit Gastauftritten von Alvin Lee, Keb Mo oder Sheryl Crow mit denen er Dauerbrenner wie "Layla" oder "Lay Down Sally" zum Besten gibt. Sein aktuelles kürzlich erschienenes Album "I Still Do" hätte auch in den Siebzigern veröffentlicht werden können und wird alle Puristen erfreuen. Nachgewachsene Clapton-Verehrer können sich seine Solo-Frühwerke in dem edlen Kasten "Eric Clapton - The Studio Album Collection" auf Vinyl besorgen.

Und wie oder ob es weitergeht mit dieser Karriere werden wohl die Ärzte entscheiden.

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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
noalk 01.07.2016
1. Leo Kottke ...
... musste auch wegen Nervenproblemen in den Händen eine lange Zeit pausieren. Vielleicht sollte Clapton mal bei ihm anklopfen. Dass Clapton viele Stücke anderer Komponisten gecovert hat, muss ihm nicht zum Nachteil gereichen. Joe Cocker ist auch fast nur wegen seiner Interpretationen fremder Songs berühmt geworden. Nicht das "was", sondern das "wie" zählt hier. Gilt übrigens auch für die klassische Musik.
phboerker 01.07.2016
2. überschätzt
Clapton wird massiv überschätzt. Beste Gitarristen aller Zeiten? Da gibt es viele, die ich als fantasievoller und virtuoser einschätzen würde als Clapton. Nicht nur JJ Cale, sondern gleich um die Ecke Jeff Beck. Grandiose Gitarristen gibt es erfreulicherweise so viele, dass jeder, der einen Besten benennt, sich gleich durch sein Fantum disqualifiziert.
angst+money 01.07.2016
3.
Lustiger Interviewausschnitt den ich mal aufgeschnappt habe, in dem Clapton von einem Robert Fripp-Interview erzählte, in dem dieser über Gitarristen lästerte, die den kleinen Finger (links oder rechts weiß ich nicht mehr) nicht benutzen. Clapton: "Ich dachte nur 'wie peinlich, den benutze ich auch nie'". Ich fand EC auch nie so aufregend, aber immerhin lustiger als im Artikel behauptet.
freddykrüger, 01.07.2016
4. Überbewertet?
Ja stimmt. Eric Clapton wird hoffnungslos überbewertet. Das letzte für mich persönlich relevante Clapton Album, war das 1980 ershienene Live Album "Just One Night". Danach erschien nur noch gepflegte Langeweile. Ein Album öder und bedeutungsloser als das andere, bis zum heutigen Tag. Die wenigen male wenn ich normale Musik höre, ziehe ich Waren Haynes und vor allem Derek Trucks vor. Jeff Beck wurde schon in einen post genannt. Genau das Gegenteil von Claperton, völlig unterbewertet. Bekomm heute noch Gänsehaut wenn ich das Live Album mit der Jan Hammer Group hör. Vieleicht besser so wenn Clapton aufhört. Musikgeschichte hat er geschrieben, daß kann wohl niemand bestreiten. Möchte die Alben von den Yardbirds, Cream, Blind Faith und auch teilweise Solo, nicht missen. Er hat alles erreicht was er erreichen konnte. Ab den 80ern halt nur noch Einer unter vielen.
breezandijk 02.07.2016
5. Ein guter Musiker....
.....keine Frage. Aber als Gitarrist wirklich total überschätzt. Alles zu sauber. Er sollte Walter Trout hören. Der spielt Blues/Blues-Rock mit Humor und Virtuosität. Und gegen die echten Spezialisten ist er halt wirklch "Slowhand". Hier sei nur Paul Gilbert genannt. Der kann alles. Mazel tov
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