Salzburger Festspiele Weiblich, männlich, tödlich

Mit Wolfgang Rihms "Die Eroberung von Mexico" boten die Salzburger Festspiele eine mutige Eröffnung auf. Das avantgardistische Raumklang-Werk überzeugte - auch dank satirischer Schärfe und opulentem Körpereinsatz.

Salzburger Festspiele/ Monika Ri

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Der Eroberer Cortez kommt mit Blumen und traut sich nicht durch die Tür: Souveränität sieht anders aus, er zuckt verlegen, taumelt, stammelt, brummt und schreit aus tiefster Seele - kein Gewinner, und drinnen im bürgerlichen Ambiente wartet ein weiblicher Montezuma. Der/die arrangiert noch eben die bürgerliche Schleiflack-Idylle, bevor es ans Date geht. Eine komische Tristesse, unter der aber Hysterie lauert.

In Wolfgang Rihms riesiger Klang-Installation "Die Eroberung von Mexico" geht es um viel mehr, als um historische Ereignisse. Die dienen nur als Zitat und gedankliche Startrampe für den Diskurs über den Kampf zwischen Gegensätzen, die miteinander auskommen müssen, voller Widersprüche agieren, aber im Prinzip auch ergänzen.

Ein existentieller Brocken, für den Komponist Rihm Klangbilder und Klangräume ohnegleichen erdachte, die schon bei der Uraufführung 1992 an der Hamburger Staatsoper für Furore sorgten. Diesmal also in Salzburg. Aber das Festival-Publikum der Eröffnungsinszenierung war in guten Händen: Ingo Metzmacher, damals wie heute musikalischer Leiter, und Peter Konwitschny, Regie, packten fest zu und kreierten aus der hochkomplizierten Partitur ein sinnlich packendes Erlebnis. Und die Salzburger Felsenreitschule spielte als idealer Raum mit.

Mehrere Ensembles im Raum

Klang im Raum, sich bewegende Töne, inszenierte, schwebende Musik und überraschende Perspektiven - das sind Dinge, die den entdeckungsfreudigen Dirigenten Ingo Metzmacher schon immer interessierten. Er produzierte mehrfach Luigo Nonos schwieriges Werk "Prometeo", das sich ganz ähnlicher Mittel wie Rihms "Eroberung" bedient. Mehrere kleinere Ensembles werden im Konzertsaal und vor allem unter dem Publikum verteilt, elektronische und natürliche Klänge mischen sich, werden durch den Raum weitergereicht, schaffen dadurch neue Bezüge und nehmen den Hörer mit auf diese Reise.

Dazu reicht der Einsatz von Stimmen weit über traditionellen Gesang hinaus, bei Wolfgang Rihm wird gehechelt, geflüstert, geschrien, Buchstaben, Sätze, philosophische Sentenzen. Die Grundlage zur "Eroberung von Mexico" bildet schließlich ein Text des französischen Multi-Künstlers Antonin Artaud (1896 - 1948), dem Schöpfer des "Theaters der Grausamkeit", das Vereinigung von Dichter, Zuschauer und vielen sinnlichen Erfahrungen sein sollte - und im Prinzip am eigenen Anspruch scheiterte.

Gelungen war an diesem Salzburger Abend hingegen fast alles. Gebaut auf eine Autofriedhof-Installation thronte als Gegensatz der verengte Bühnen-Guckkastenraum (erdacht von Konwitschnys Bühnen- und Kostümmeister Jfannes Leiacker), in dem sich das stark stilisierte, streng choreographierte Zweier-Drama zwischen Cortez und Montezuma abspielte. Der dänische Bariton Bo Skovhus, der schon in Aribert Reimanns "Lear" sein Einfühlungstalent für avantgardistische Sujets bewiesen hat, brillierte auch hier mit ausdrucksvollem, extremen Körpereinsatz und beeindruckender stimmlicher Kontrolle.

Wenn das iPad geboren wird

In der als Sopranpartie angelegten Rolle des Montezuma singt, spielt, kämpft Angela Denoke mit einer Bandbreite, die zwischen Komik, Brutalität und Verletzlichkeit oszillliert, dass es einem schier den Atem raubt: Anders ließe sich aber das scheinbar schlichte, im Kern hochkomplexe Regiekonzept Konwitschnys nicht realisieren.

Dem Analytiker und Gesellschaftskritiker Peter Konwitschny gelang das Paradoxon, aus der vermeintlichen Banalisierung des abstrakten Gegensatz-Kampfes "männlich/weiblich" eine Überhöhung zu erreichen, indem er als Groteske alle Möglichkeiten der Abwicklung des Kampfes bis in abenteuerliche Verästelungen durchspielt.

Tödliche Aggression, brutale Gewalt, ein Bewegungs- und Stimmchor aus Anzugträgern als Macho-Kraftmeier, auf der Bühne ist immer hübsch was los. Als dann die hochschwangere Montezuma zum Gebären gelangt, kommen Apple-Produkte auf die Welt: iPads, Smartphones, Airbooks. Noch mehr Kampfmittel im Sozialkrieg, was zur Krönung durch eine wilde Videospiel-Tour (geschaffen von Team Fettfilm) führte, die über die ganze Rückwand der Felsenreitschule projiziert wurde.

Felsenreitschule als idealer Raum

Überhaupt die Felsenreitschule: Der breite Raum erwies sich als perfekte Basis sowohl für das unter der Bühne platzierte Orchester (ausgesprochen zuverlässig und inspiriert: 48 Mitglieder des ORF Radiosymphonieorchesters), wie auch für die pointierte Lichtregie (Manfred Voss). Zwei kleine Ensembles links und rechts im Publikum sowie eine kraftvolle Percussion-/Bongo-Truppe ganz hinten im Saal sorgen für die Akzente, die den Raum zum Mitträger der Handlung machen. Zwei Violinen, links und rechts von der Bühne in den Schrottautos platziert, singen und sirren in den Szenen, als zarter Kontrast zu den rohen Macho-Spielen des Männerchores.

Bei aller derber Komik und exaltierter Spielfreude des überaus motivierten Ensembles herrscht doch stets der Klang von Rihms Schöpfung über Raum und Zeit. Harte Schnitte, scharfe Schwerpunkte und heftige Ausbrüche bewahren den Verlauf vor allzu viel geradliniger Didaktik. Wenn plötzlich die Wohnwände zur Benutzeroberfläche mutieren: Da ging dann dem Konwitschny mal wieder sein implantierter Oberlehrer durch. Doch als Comic Relief inmitten all der Klang-Schrillness darf das sein.

Am Ende steht eh der Tod. Und der klingt selbst bei Wolfgang Rihm fast barock und traditionell. Wir sind wieder bei Bach. Und der Rest ist Stille. Großer Beifall für alle am Schluss vom Premierenpublikum.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hieß es, dass Peter Konwitschny auch bei der Uraufführung von "Die Eroberung von Mexico" im Jahr 1992 in Hamburg Regie führte - das stimmt nicht, es war damals Peter Mussbach. Wir haben den Fehler korrigiert.



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