Eurovision-Style Das deutsche Tüllbürzel-Rätsel

Ihr Unterkleid ist verrutscht, sie will sich fesseln lassen - oh, là, là - so verrucht kann wohl nur eine Französin sein. Auch andere ESC-Stars treten etwas fragwürdig auf: Armpeitschen, SS-Uniformen, Umsonst-Säufer. Und die Deutschen erst - wie im Dreißigjährigen Glitzerkrieg! Wir fragen: Warum?

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DPA

Kunst soll ja bekanntlich verwirren, irritieren, Fragen stellen. So gesehen ist der Eurovision Song Contest (ESC) ein europäisches Hochfest der Ästhetik, denn der Sangeswettbewerb gibt auch in diesem Jahr wieder viele Rätsel auf.

Wir haben deswegen mal ein paar Fragen, genauer gesagt: zehn. An zehn Kandidaten.

1. Liebe Amandine Bourgeois, warum verschweinigeln Sie mit "Shades of Grey" den grundanständigen ESC?

"L'enfer et moi"-Clip von Amandine Bourgeois ansehen

Das Hiebe-Triebe-Schmuddelbüchlein als SM-Sangesinspiration: "Du hast mich gleich umgehauen, am Ende gefiel mir das auch/ Hände aus Seide und Fesseln aus Leder/ du ließest mich brennende Tränen weinen/ mein Hals trägt noch immer dein Brandzeichen." So wüst geht es zu bei Amandine Bourgeois, im offiziellen Video hantiert die französische Sängerin dazu im chronisch verrutschten Unterkleid unsachgemäß mit Kerzen und Totenköpfen, eine Eule schaut ratlos zu. Das tut, oh ja: schon ein bisschen weh.

2. Liebe Natalie Horler, warum verzichten Deutsche auf akzeptable Kleidung?

"Glorious"-Clip von Cascada ansehen

Auf ewig eingemeißelt ins Modepein-Gedächtnis sind die lachhaften Blähhosen und Schwulstblousons, mit denen die Gruppe Wind seinerzeit reüssierte - und auch Lena, die bekanntlich alles, alles richtig machte, sah in ihrem schwarzen Kleidchen doch ein wenig evangelisch aus. Natalie Horler, Sängerin der Formation Cascada, zeigt nun eine unglückliche Neigung zum Tüllbürzel. Im deutschen Vorentscheid trug sie einen knappen Fummel mit Blingbling-Brüstung, der aussah, als zöge Xena, the Warrior Princess, in den Dreißigjährigen Glitzerkrieg. Horlers Kleid für Malmö ist zwar obenherum weniger operettenhaft, verfügt allerdings über einen fleischfarbenen Schwänzelanhang.

3. Liebe Zlata Ognevich, ein Schnäpschen gefällig?

"Gravity"-Clip von Zlata Ognevich ansehen

Erfahrene ESC-Gucker, die sich während der hundertstündigen Show mit einem Trinkspiel (zum Beispiel hier) bei Laune halten, sollten vor dem ukrainischen Beitrag schon mal eine Lage Schnäpse vorbereiten: Allein der Bühnenaufgang von Zlata Ognevich dürfte einige trinkrelevante Punkte abhaken - die zierliche Dame wird vom eigens aus den USA eingeflogenen Ukrainer Igor Vovkovinskiy, mit 2,35 Metern angeblich der größte Mann der USA, auf die Bühne getragen. Herrlich verrückt! Auch der weitere Auftritt ist wahres Trinkspiel-Gold, denn Ognevich beherrscht alle klassischen ESC-Moves: Irres Augenaufreißen, entrücktes Grienen, exaltiert-ausladende Gestik - sie zeigt gar mehrfach die Armpeitsche! Dazu trägt sie ein fischförmiges Kleid. Wohlsein!

4. Liebe Emmelie de Forest, warum bloß ohne Zunge?

"Only Teardrops"-Clip von Emmelie De Forest ansehen

Emmelie aus dem Wald - das klingt verdächtig nach Fantasy-Rollenspiel. Die dänische Kandidatin geriert sich dann auch entsprechend elfig und bringt einen Flötenspieler mit, der auf Mittelaltermärkten sicher für allerhand Tandaradei gut ist. Im Vorfeld gab es allerdings einen gar nicht pittoresken Mini-Skandal: Emmelies Trommler trugen Uniformjacken der Waffen-SS, die irgendwer aus dem Kostümfundus einer TV-Serie über den Zweiten Weltkrieg entliehen hatte. Die Abzeichen auf den Ärmeln fielen den Kostümmenschen dabei leider zu spät auf, inzwischen sind sie längst entfernt. Größere Aufruhr ist beim ESC in diesem Jahr nicht mehr zu erwarten, selbst das Lesbenküsschen am Ende des finnischen Beitrags wurde vorsichtshalber entschärft: Ohne Zunge, soll der Aufnahmeleiter dem Vernehmen nach bei der Probe gebeten haben.

5. Liebe Bonnie Tyler, können Rockröhren eigentlich rosten?

"Believe in Me"-Clip von Bonnie Tyler ansehen

Oder bleibt einem dieser Respektstitel, einmal verliehen, ein Leben lang? So wie DJ Bobo immer der "sympathische Schweizer" bleiben wird, selbst wenn er heimlich kleine Kinder zwicken sollte? Oder kann aus einer Rockröhre altersbedingt auch eine Rockrostlaube werden, nur rein theoretisch gefragt? Auf Bonnie Tyler träfe solch garstige Bezeichnung nämlich niemals zu. Im offiziellen Video zu "Believe in Me" sieht sie in manchen Einstellungen von weitem gar ein wenig aus wie Frauke Ludowig nach übermäßigem Schmandgenuss. Das liegt an der Frisur, dieser sanft gesträhnten Bügelmähne. "Labradoring" ist der Fachbegriff für diesen kosmetischen Vorgang, bei dem etwas Widerspenstig-Struppiges glatt und freundlich geschmirgelt wird. Nur Tylers Stimme klingt noch immer wie ein heiser bellender Bullterrier.

6. Liebe Griechen, warum ernüchtert uns eure Saufhymne?

ESC 2013 - Griechenland
"Alcohol is Free"-Clip von Koza Mostra ansehen

Portugal, Polen sowie Bosnien und Herzegowina haben ihre Teilnahme am ESC aus Kostengründen abgesagt, Griechenland aber raffte sein Restgeld zusammen und macht trotzdem mit. Man würde den Beitrag keinesfalls missen wollen: Eine glänzend aufgelegte Männer-Combo singt "Alcohol is Free", eine leider nur gelegentlich zutreffende Behauptung, trägt dazu kurze Röckchen und musiziert mit beleuchteten Instrumenten ein bisschen über ihre Verhältnisse. Schade, wieder kein Sommerhit mit Krisenrefrain. Die Isländer Icy hatten 1986 so schön vorgemacht, wie das funktionieren könnte: Sie sangen mit "Gledibankinn" eine Ode an die "Bank der Freude", die Glückskonten verwaltet.

7. Lieber Marco Mengoni, warum weinen Sie?

"L'Essenziale"-Clip von Marco Mengoni ansehen

Gefühlt wird in diesem Jahr überdurchschnittlich viel balladiert, der eine oder andere osteuropäische Uffz-uffz-Brecher hätte dem Finale gut getan. Mengoni ist ein fader, wehleidiger Schnulzenmann, der seinen faden, wehleidigen Schnulzengesang live ja vielleicht doch noch mit dem einen oder anderen Balla-balla-Accessoire aufpeppt. Auch diese liebe Tradition kommt dieses Jahr leider zu kurz: Das eine oder andere Trickkleid, eine beleuchtete Wahrsagekugel, eine Pyro-Gitarre und ein sinnloser Plexiglaskasten, in dem sich ein Mensch windet, und das war's. Kein Vergleich zu früher, wo Wettbewerber einfach mal ein Teerfass oder einen 75-jährigen Rapper auf die Bühne stellten.

8. Liebe Spanier, seid ihr Schotten?

"Contigo hasta el final"-Clip von El Sueño de Morfeo ansehen

Das fragt man sich als europageschichtlich mäßig bewanderter Zuschauer, wenn gleich zu Beginn des spanischen Beitrags Dudelsäcke tröten. Folkloreklau! Alles rechtmäßig, lehrt die ESC-Webseite, denn die Kelten, die dieses Instrument spielten, waren durchaus auch in Nordspanien zugange. Wieder was gelernt. Fast wie damals, bei "Einer wird gewinnen".

9. Lieber Robin Stjernberg, was macht die Sonnenbank?

"You"-Clip von Robin Stjernberg ansehen

Gefühlt tschilpte sich jeder zweite Teilnehmer irgendwann mal durch ein Casting-Format. Robin Stjernberg könnte man vortrefflich zwischen die hiesigen DSDS-Sonnenbänkelsänger stecken, ohne dass er sonderlich auffiele. Er trägt die bei Castingboys wie bei Fußballern aktuell beliebte Hochhaarfrisur, die dem Federkamm des Tuberkelhokko-Hahns nachempfunden ist. Umturnt wird er bei seinem Auftritt von Menschen, die als amische Polizisten verkleidet sind, was vermutlich von gelegentlichen gesanglichen Schieflagen ablenken soll. Klappt so mittel.

10. Lieber Cezar, geht's Ihnen wirklich gut? Sind Sie sicher?

"It's my Life"-Clip von Cezar ansehen

Endlich! Nach dem Halbfinal-Aus für die lustigen Astronauten aus Montenegro ist der ausgebildete Opernsänger einer der wenigen verbliebenen Kandidaten, die offensichtlich verrückt sind. In schrillen Höhen und festzementiert in einem Bitterböse-Fee-Gewand jodelt sich der crazy Countertenor durch einen durch und durch rätselhaften Beitrag, während sich um ihn herum Tänzer unter roten Planen balgen. Leider muss sich der Fistelbaron im Halbfinale am Donnerstag erst noch für das Finale qualifizieren. Falls Sie für einen Künstler anrufen wollen: Wählen Sie Cezar. Tun Sie es für die Kunst.

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insgesamt 48 Beiträge
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Seite 1
jujo 16.05.2013
1. ....
Zitat von sysopSeb K/ Amandine BourgeoisIhr verruchtes Unterkleid ist verrutscht, sie will sich fesseln lassen, so versaut kann nur eine Französin sein. Aber auch die anderen ESC-Stars treten fragwürdig auf: Armpeitschen, SS-Uniformen, Umsonst-Säufer. Und die Deutschen erst - wie im Dreißigjährigen Glitzerkrieg! Wir fragen: Warum? http://www.spiegel.de/kultur/musik/esc-2013-zehn-fragen-an-zehn-kandidaten-a-899944.html
Und jährlich grüßt das Murmeltier! Voriges Jahr, wie jedes Jahr zuvor, sagen wir diesen Sch... gucken wir nicht mehr! Wir werden aber wieder mit einer (oder 2) Flaschen Rotwein, mit Knabberzeug, am Samstag vor der Glotze hängen. Wir werden das schwedische Programm laufen lassen, Leute seid beruhigt, die Performance/Präsentation der speaker ist auch nicht besser als im deutschen TV!
korktapete 16.05.2013
2. ..
Liebe Anja Rützel, Kompliment! Ich habe Tränen gelacht bei Ihren Texten und ich hab jetzt richtig Lust bekommen, den ESC zu schauen. Leider kommentieren Sie den Wettbewerb ja nicht live!
rechtschreibreformreform 16.05.2013
3. Ach, Ihr
Einst werden wir alle sterben. (Macht was d'raus.)
peervauge 16.05.2013
4.
Sehr witzig - Tüllbürzel!
-seltsam- 16.05.2013
5. Passt!
Jede Generation hat eben ihr Markenzeichen. Nicht umsonst geben wir ihnen auch entsprechende Namen. Nun haben wir nach etlichen Generationen wie Generation X, Generation Golf, Generation MTV, etc., endlich ein neues Allzeittief erreicht: GENERATION 'GEIZ IST GEIL!' Entsprechend billig ist eben auch unsere diesjährige Vertretung für den Contest. Wir haben uns Frau Horler redlich verdient!
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