ESC-Vorentscheid Das sind die zehn Kandidaten

Heute Abend schickt die ARD mittelalterliche Kutten-Sänger und Ralph-Siegel-Nachwuchs in den Vorentscheid zum ESC. Wer hat das Zeug zum Gewinner? Eine Übersicht.

"The Voice"-Gewinnerin Jamie-Lee Kriewitz: Ihr Lied für Stockholm?
Universal Music/ Michael Zargarinejad/ NDR

"The Voice"-Gewinnerin Jamie-Lee Kriewitz: Ihr Lied für Stockholm?

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Im November nominierte der NDR Xavier Naidoo als einzigen Kandidaten für den ESC - und ruderte nach öffentlichen Debatten um politisch brisante Aussagen des Sängers zurück. Stattdessen kämpfen jetzt beim deutschen Vorentscheid zehn Musikprojekte um die Teilnahme. Wer soll zum Finale nach Stockholm? Beim Kandidatencheck wird klar: Auch dieser Weg wird kein leichter sein.

(Anmerkung: Dieser Text erschien ursprünglich nach der Bekanntgabe der Kandidaten im Januar. Er wurde um Einschätzungen zu den Songs ergänzt, die seinerzeit noch nicht zu hören waren.)

Oliver Zwack/ NDR

Alex Diehl: "Nur ein Lied"

Wer? Alex Diehl ist ein gestandenes Mannsbild aus dem bayerischen Chiemgau, das "nach zehn Jahren harter Arbeit" im Herbst einen Plattenvertrag mit dem Marktführer unterschrieben hat - nachdem "Nur ein Lied" nach den Anschlägen von Paris am 13. November zum Viralhit geworden war.

Wie klingts? Tja. Es ist eben nur ein Lied. Akustikgitarre, ganz hübsche Melodie, zuletzt bei TV-Auftritten häufiger mit Streichorchestern garniert. Aber: Hier geht es um den Text.

Naidoo-Faktor? Gering. Zwar versucht sich auch hier ein Liedsänger an politischer Analyse, doch was Alex Diehl da erkennt, ist wenig kontrovers: "Aus Angst wird Hass, aus Hass wird Krieg, bis die Menschlichkeit am Boden liegt."

Was für Stockholm? Friedensbotschaft zur akustischen Gitarre, da muss man natürlich an Nicole denken; wenn auch nicht gerade optisch. Aber es ist doch ein Lied, was vor allem von dem Moment lebte, in dem es populär wurde.

Alex Kuehr/ NDR

Avantasia: "Mystery of a Blood Red Rose"

Wer? Avantasia war ursprünglich ein Nebenprojekt des Sängers von Edguy, Tobias Sammet, mit dem er seine Träume von einer Metal-Oper zu verwirklichen suchte. Inzwischen hat Sammet Avantasia zu einer Art Melodic-Metal-Allstarband ausgebaut.

Wie klingts? Höchst pathetisch natürlich. Mit Wuchtschlagzeug, singendem Gitarrensolo und prallen Chören.

Naidoo-Faktor? Vernachlässigenswert. Sollte Metal als Genre überhaupt noch Kontroversen auslösen, so doch sicher nicht in dieser Bombastkitschform.

Was für Stockholm? Metalfans sind eine relevante Zielgruppe, speziell in Nord- und Osteuropa. Aber schaltet die beim ESC ein? Manche Fans der Band äußern sich jedenfalls schon kritisch zur Vorentscheidteilnahme. Und eine solche Freakshow wie Lordi, die ESC-Sieger von 2006, bieten Avantasia auch nicht.

Felix M. Weber/ NDR

Ella Endlich: "Adrenalin"

Wer? Jacqueline Zebisch wurde 1984 in Weimar geboren, sang als Teenager unter dem Namen Junia englischsprachigen Charts-Pop, erfand sich dann aber als Schlagersängerin Ella Endlich neu. Ihr größter Erfolg war 2009 eine Version des Märchenfilmsongs "Küss mich, halt mich, lieb mich", nach dem auch ihr 2014 erschienenes Best-of-Album benannt ist.

Wie klingts? Ihr Song "Adrenalin" folgt dem allererfolgreichsten Schlager-Erfolgsmodell der letzten Jahre: Helene Fischer und ihrem Schlager-Disco-Popsong "Atemlos durch die Nacht". Natürlich ist Ella Endlichs Song bei Weitem nicht so zwingend wie der Megahit, aber doch nah genug an aktuellen Pop-Standards, um auch Schlager-Verächtern zu gefallen. Würde Ella Endlich nur nicht so deutlich phrasieren, wie sich das auf Musicalbühnen gehört.

Naidoo-Faktor? Abgesehen davon, dass ja so manche Ballade des Mannheimers auch nur knapp am Worthülsengeklingel des Schlagertexthandwerks vorbeischrammt - natürlich gleich null.

Was für Stockholm? Eher nicht. In der Disziplin "Disco-Pop mit lokaler Prägung" haben die Mitbewerber im ESC-Finale erkennbar mehr Routine.

Christian Barz/ NDR

Gregorian: "Masters Of Chant"

Wer? Der Hamburger Musikproduzent Frank Peterson steckte schon hinter dem Projekt Enigma - seinerzeit mit Michael Cretu, dem damaligen Mann der Popsängerin Sandra. Den Trick mit der Mischung aus mittelalterlichen und elektronischen Klängen wiederholte Peterson mit Gesang nach Art der gregorianischen Choräle.

Wie klingts? Nach wohlig düsterem Choralkitsch - aufgepeppt mit einer Kirmesdisco-Fanfare zum Schluss. Als Gastsängerin ist noch Amelia Brightman dabei - das ist die Schwester von Sarah Brightman, der Ex-Frau von Andrew Lloyd Webber.

Naidoo-Faktor? Der Gesangsstil von Gregorian stammt aus einer Zeit, als es die Bundesrepublik Deutschland als Staat noch gar nicht gab. Sie also auch noch nicht anerkannt werden konnte.

Was für Stockholm? Nicht undenkbar, wobei ESC-Fanatiker stets aufstöhnen, wenn Projekte wie Gregorian antreten, die kalkuliert den kleinsten gemeinsamen musikalischen Nenner Europas ansprechen wollen. Ein weiteres mögliches Problem: Die Kutten schränken bei der Bühnenshow ein.

Universal Music/ Michael Zargarinejad/ NDR

Jamie-Lee Kriewitz: "Ghost"

Wer? Die Siegerin der jüngsten Staffel von "The Voice of Germany". Sie ist 17, stammt aus dem niedersächsischen Bennigsen, liebt K-Pop und will später mal Koreanistik studieren.

Wie klingts? Die K-Pop-Produktionsfirmen bedienen sich oft bei den avanciertesten Songwriterschmieden Schwedens und Großbritanniens, wie viele ESC-Teilnehmer heutzutage also. Hier allerdings hat DJ Thomilla produziert, ein Mann aus dem Umfeld der Fantastischen Vier. Wir hören vage melancholischen Schleppbeat-Pop.

Naidoo-Faktor? Eine Wahl von Jamie-Lee Kriewitz wäre in etwa so frisch, wie wenn man 1994 den Rödelheim-Hartreim-Backingsänger Xavier Naidoo zum Grand Prix geschickt hätte.

Was für Stockholm? Durchaus, schließlich ist "The Voice" europaweit die Castingshow, die derzeit die meisten ESC-Teilnehmer hervorbringt. Den Asiavision Song Contest hätte sie im Sack.

Sony Music/ Benedikt Schnermann/ NDR

Joco: "Full Moon"

Wer? Die beiden Schwestern Josepha und Cosima Carl aus Hamburg, die vom Popkurs der Itzehoer Versicherungen gefördert wurden, wie wir schon einmal in der Abgehört-Kolumne erfreut feststellen durften. Ihr Debütalbum "Horizon" erschien im Juni 2015.

Wie klingts? Auf dem Vorentscheidsong "Full Moon" üben sich die Schwestern in säuselndem Harmoniegesang zu recht flottem Klavier-Folk-Pop. Zur Sicherheit hat eine Popkurs-Dozentin am Text mitgearbeitet. Am Schluss kommt ein international verständliches "Hey!"

Naidoo-Faktor? Weitgehend unbekannte Interpreten singen Persönliches. Nein, wirklich nicht.

Was für Stockholm? Anspruchsvoller moderner Pop hatte seine Momente in den letzten Jahren. Also: Warum nicht?

Eduardo Pavez Goye/ NDR

Keøma: "Protected"

Wer? Die australische Songwriterin Kat Frankie lebt schon seit zehn Jahren in Berlin, spielte zuletzt in der Band von Olli Schulz. Für ihr neues Projekt hat sie sich mit dem Kölner Musiker Chris Klopfer zusammengetan.

Wie klingts? "Protected" ist so eine hinterhältige Ballade, die sich beim dritten Hören anschleicht und im Kopf hängenbleibt. Sehr zeitgemäß, auf den Spuren von Lana Del Rey.

Naidoo-Faktor? So reizvoll der Song ist: Auftritte wie dieser sind das Gegenteil von dem, was sich NDR-Unterhaltungschef Thomas Schreiber gedacht haben dürfte, als er Xavier Naidoo ins Rennen schickte.

Was für Stockholm? Da es beim Vorentscheid kein drittes Hören geben wird: leider keine Chance.

Claude Langlois/ NDR

Laura Pinski: "Under The Sun We Are One"

Wer? Von Rihanna bis zu Ralph Siegel ist es ein weiter Weg - die Düsseldorferin ist ihn gegangen: Mit Rihannas "Diamonds" trat sie 2012 beim RTL-"Supertalent" auf. Mit einer Siegel-Komposition will sie nun nach Stockholm kommen.

Wie klingts? Im Januar schlossen wir vom Songtitel auf eine große Völkerverständigungshymne. Inzwischen sagte Ralph Siegel zu "Under The Sun We Are One", der Song sei "ein Zeitspiegel mit dem Wunsch nach mehr Völkerverständigung". Vor dem Hintergrund von Siegels Kompositionsgeschichte setzten wir, bevor der Song zu hören war, auf eine Tonartverschiebung vor dem vorletzten Refrain. Nun, hören Sie selbst, bei Minute 2:09 kommt sie!

Naidoo-Faktor? Wenn es ausgerechnet der sich in Deutschland für verfemt haltende Ralph Siegel wäre, der dem nach dem Naidoo-Debakel in die Kritik geratenen Schreiber mit einem guten Platz im Finale den Kopf retten würde - das wäre schon eine gute Geschichte.

Was für Stockholm? Siegels Titel für San Marino schafften es in den letzten vier Austragungen nur einmal ins Finale - wo es dann Platz 24 von 26 gab. Es ist keine sehr realistische Geschichte.

Ben Wolf/ Universal Music/ NDR

Luxuslärm: "Solange Liebe in mir wohnt"

Wer? Eine "in die Jahre gekommene Schülerband" nennt der ESC-Blog von "Prinz" die Iserlohner Formation um Sängerin Jini Meyer.

Wie klingts? Über Luxuslärms bisheriges musikalisches Werk urteilte der Kritiker Linus Volkmann: "Gesungene Horoskope für Unsympathen". Den Text zum Vorentscheidsong kann man sich gut als Facebook-Post in Comic-Sans-Schrift vor einem Sonnenuntergangs-Hintergrund vorstellen: "Ich laufe barfuß über Scherben / Ich bau aus Trümmern einen Thron / Ich tanz mit jedem meiner Feinde / Solange Liebe in mir wohnt."

Welcher Naidoo-Faktor? Gibt es möglicherweise Musiker in Deutschland, die noch stärkere Hasstiraden auslösen als Xavier Naidoo?

Was für Stockholm? Besser nicht.

Schall und Schnabel/ NDR

Woods of Birnam: "Lift Me Up (From The Underground)"

Wer? Woods of Birnam hat der Schauspieler Christian Friedel ("Das weiße Band", "Elser") mit Musikern der Band Polarkreis 18 gegründet. Sie dümpelte so herum, bis Schauspielerkollege Til Schweiger einen Song von Woods of Birnam für den Film "Honig im Kopf" auswählte.

Wie klingts? Der Sound der Band passt durchaus ins schweigersche Beuteschema (siehe z.B. OneRepublic): Mid-Tempo, melodiös, mittelaufregend. Bei "Lift Me Up" kommt allerdings ein leichter Achtzigerjahre-Touch hinzu, der mit etwas gutem Willen an Prefab Sprout erinnert.

Naidoo-Faktor? Wird durch den Schweiger-Faktor ersetzt.

Was für Stockholm? Der Bandname stammt aus "Macbeth" - ein europaweit als bekannt vorauszusetzendes Drama. Der Schauspieler Friedel sollte eine eindrucksvolle Sängerrolle hinkriegen. Der Song ist okay, aber wohl nicht besonders genug.

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insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
kugelsicher, 25.02.2016
1.
Gute Auflistung, aber den "Naidoo-Faktor" hätte man sich wirklich sparen können. Völlig irrelevant.
leander_hausmann 25.02.2016
2.
Jamie-Lee Kriewitz Sollte meiner Meinung nach zum ESC. K-Pop find ich zwar nicht so gut wie J-pop (vorallem Mädchen stehen auf K-Popo), aber trotzdem wäre das sehr, sehr geil mal was anderes als nur Euro-pop gedudel zu hören. Also meine Stimme hat sie schon.
angst+money 25.02.2016
3. ESC Vorentscheid ist der neue ESC
Hier gibt es wenigstens noch ein bisschen schrägen Quatsch statt aufgeblasener, in die Länge gezogener Langeweile.
gatsue 25.02.2016
4.
Seit wann bedienen sich K-Pop Produzenten bei Schwedischen Songwritern. Ist eigentlich klar was K-Pop heißt? Und wieso kündigt mn des "Style" von Jamie als Manga an? Habe sie noch nie auf einer Convention gesehen und wenn sie schon auf K-Pop steht, was für ihren guten Geschmack sprechen würde, dann würde es schon auch Manwha (!) heißen. Soviel simple Gründlichkeit sollte schon sein!
stefanryke 25.02.2016
5. Gestandenes Mannsbild aus Oberbayern?
Also ich weiß ja nicht, wo die verbale Sozialisierung des "gestandenen Mannsbild aus Oberbayern" statt gefunden hat, aber dem Video nach eher in Hannover. Nix für unguat.
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