ESC-Vorentscheid Wer soll in Tel Aviv für Deutschland singen?

Schafft es eine Zumba-Trainerin oder ein Ex-Justin-Bieber-Doppelgänger für Deutschland zum Eurovision Song Contest? Warum nicht, Michael Schulte kannte ja auch keiner - und der wurde zuletzt Vierter. Das sind die Kandidaten.

Sängerin Makeda
NDR/ Jenny Bartsch

Sängerin Makeda

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Sieben Lieder schickt der NDR ins Rennen für den Platz im Finale des Eurovision Song Contests (ESC), der am 18. Mai in Tel Aviv stattfinden wird. Der Sender richtet für die ARD erneut den Vorentscheid aus. Wie in jedem Jahr seit 2008 wird Deutschland auch diesmal mit einem englischsprachigen Titel antreten.

Die Auswahl zwischen den sieben Acts beim Vorentscheid im Fernsehstudio in Berlin-Adlershof treffen zu je einem Drittel die TV-Zuschauerinnen und -Zuschauer, eine hundertköpfige Eurovisions-Jury und eine internationale Experten-Jury. Die Punkte werden nacheinander in der Show bekanntgegeben.

Moderiert wird der deutsche Vorentscheid nach einem Jahr Pause wieder von Barbara Schöneberger - zusammen mit Linda Zervakis, die Schöneberger 2018 vertrat. Den Off-Kommentar spricht wie gewohnt Peter Urban, als Pausenacts sind die beiden erfolgreichsten deutschen ESC-Vertreter der jüngeren Vergangenheit dabei: Michael Schulte, der 2018 mit "You Let Me Walk Alone" nach einem fast identischen Auswahlverfahren wie in diesem Jahr nach Lissabon geschickt wurde, wo er einen starken vierten Platz belegte. Und natürlich Lena Meyer-Landrut, die ESC-Siegerin von 2010. Außerdem dabei: Revolverheld und Udo Lindenberg gemeinsam mit Andreas Bourani.

Das sind die Kandidaten:

Aly Ryan

Aly Ryan
NDR/ Brian Tampol

Aly Ryan

Wer ist das? Zuhause im hessischen Oberursel heißt die Sängerin Alexandra Eigendorf, ihre Mutter ist ZDF-Reporterin, ihr Vater Sprecher der Deutschen Bank. Doch schon vor fünf Jahren hat sie etwas Abstand gesucht, ist nach Los Angeles gezogen und wurde erst zur rothaarigen Countrysängerin Charly Cole und dann zur blonden Popfigur Aly Ryan mit einigem Erfolg bei Streamingdienst Soundcloud.

Wie klingt der Song? Zum Auftakt von "Wear Your Love" kommt eine Fanfare, die an "The Race" von Yello erinnert. Leichte Retro-Anklänge durchziehen das Lied weiterhin, aber dann nicht mehr so plakativ - dafür entwickelt sich ein ziemlich eingängiger Disco-Popsong, in dem Aly bekennt, sie brauche keine Haute-Couture, sie wolle bloß in Liebe gekleidet werden. Aus den Proben ist zu hören, sie werde dazu einer langen Robe entsteigen und im Glitzerbody weitersingen - so geht sie, die ESC-Logik!

Wie sind die Chancen? Als einer der wenigen Uptempo-Songs im deutschen Feld ziemlich gut. In Tel Aviv könnte es für einen osteuropäischen Beitrag gehalten werden.

BB Thomaz

BB Thomaz
NDR/ Alexei Bazdarev

BB Thomaz

Wer ist das? Als Béatrice Thomas kam sie 1984 in New York zur Welt, mit zehn Jahren zog sie nach Deutschland. Unter dem Künstlernamen BB Thomaz trat die Mutter eines kleinen Sohnes schon 2017 bei "The Voice of Germany" an, wo sie im Finale auf Platz vier kam. Ihre sportliche Seite zeigt sie als Zumba-Trainerin.

Wie klingt der Song? "Demons" merkt man ein wenig die Entstehung im Songwriting-Camp an, das der NDR zum zweiten Mal ausrichtete, denn es wirkt zusammengestückelt: In der Strophe ist es eine R&B-Ballade von der Stange, im Refrain wird es musicalhaft mit Queen-Andeutungen in den Gitarrenriffs. Im Text singt BB Thomaz von Kindheits- und Jugenderlebnissen, die ihr noch immer im Kopf herumspuken - doch "My demons can go and f-- themselves" singt sie unter Schimpfwortvermeidung.

Wie sind die Chancen? Auch die Inszenierung verspricht recht musicalhaft zu werden, mit einer großen Treppe und Graugestalten als symbolische Dämonen. Das könnte im Gedächtnis bleiben - mehr als der Song.

Gregor Hägele

Gregor Hägele
NDR/ Daniel Hägele

Gregor Hägele

Wer ist das? Weil Gregor Hägele, der Jüngste im Teilnehmerfeld, erst 19 ist, kann man sich in seinem Instagram-Account putzige Jugendfotos anschauen - zum ersten Mal im Anzug, zum ersten Mal im Steakhouse, zum ersten Mal bei "The Voice of Germany". Da scheiterte der Stuttgarter ausgerechnet an BB Thomaz, die auch diesmal zu seinen Konkurrentinnen gehört. Er ist einer von den gefühligen Typen, die die Augen beim Singen schließen.

Wie klingt der Song? "Let Me Go" ist entsprechend ein Lied, das sich gut mit geschlossenen Augen singen lässt. Es handelt von Fernweh, das Klavier klimpert, zu den Songschreibern zählt David Jürgens, der schon für "Deutsch-Poeten" wie Mark Forster, Max Giesinger oder Wincent Weiss geschrieben hat.

Wie sind die Chancen? Beim deutschen TV-Publikum wären die Chancen wahrscheinlich besser, wenn Gregor Hägele auf Deutsch sänge. Doch das ist wegen der vermeintlich schlechteren internationalen Chancen unerwünscht.

Lilly Among Clouds

Lilly among clouds
NDR/ Katja Ruge

Lilly among clouds

Wer ist das? Unter ihrem wolkigen Künstlernamen hat Elisabeth Brüchner 2017 schon beim renommierten Label PIAS Recordings das Album "Aerial Perspectives" herausgebracht. Die in Straubing geborene Musikerin lebt in Würzburg, aber nach deutscher Provinz klingen ihre Indie-Elektro-Songs gar nicht, sondern nach internationalem Selbstbewusstsein; der "Stern" dachte an Florence & The Machine und Lana Del Rey.

Wie klingt der Song? Das Selbstbewusstsein zeigt sich darin, dass "Surprise" von der Sängerin selbstgeschrieben wurde (mit ein bisschen Unterstützung ihres Stammproduzenten) und kein Songwritingcamp-Produkt ist. Entsprechend fällt der Song mit seinen dramatischen Wendungen zwischen Klavierintimität, Mitklatsch-Übergang und orchestralem Höhepunkt aus dem Rahmen.

Wie sind die Chancen? Lilly Among Clouds verleiht dem Wettbewerb einen Schub in musikalischer Seriosität - das wird ihr einen ehrenhaften Mittelplatz und neue Fans einbringen.

Linus Bruhn

Linus Bruhn
Getty Images

Linus Bruhn

Wer ist das? Der Hamburger war ein richtiges Show-Kind: Er spielte den jungen Tarzan im Disney-Musical. Als Zwölfjähriger siegte er bei einer RTL2-Doppelgänger-Show - als Justin Bieber. Inzwischen, mit 20, ist er in Diensten des Produzententeams Madizin, das zuletzt mit "Achterbahn" für Helene Fischer einen Hit herstellte.

Wie klingt der Song? Mehr nach Bieber als nach Fischer, in den balladenhaften Strophen dürften auch die Teenager aufhorchen, die Shawn Mendes bewundern. Vom Refrain bleibt eine hübsche Autotune-Melodie im Sinn. Der Titel "Our City" beschwört wahlweise "Wir bauen eine neue Stadt" von Palais Schaumburg oder "We Built this City" von Starship heraus - doch ist Linus Bruhns Song weder so avantgardistisch wie der eine noch so unerbittlich ohrwurmhaft wie der andere.

Wie sind die Chancen? Wäre ein Pausenact gebucht, der junge Zuschauer anzieht, stünden die Chancen gar nicht so schlecht. Viel wird von der Bühnenpräsenz abhängen - strahlt Linus Bruhn genug Schwiegersohn-Charme aus?

Makeda

Makeda
NDR/ Jenny Bartsch

Makeda

Wer ist das? Makeda Michalke, die ihren Vornamen von einer mythischen äthiopischen Königin hat, ist ein spezieller Fall im Vorentscheidungsfeld. Denn sie hat nicht nur keine Castingshow-Vergangenheit, sie hat sogar Anfragen von Castingshows abgelehnt. Dafür tingelt sie solo oder mit ihrer Soulband Steal A Taxi um Köln und Bonn herum - und auch mal weiter weg: 2015 trat die Band in China auf.

Wie klingt der Song? "The Day I Loved You Most" ist so eine richtig klassische ESC-Ballade, die danach schreit, mit Windmaschine und Feuerregen inszeniert zu werden. Und wie immer bei solchen Balladen kommt es sehr auf die Inbrunst des Vortrags an - und dass die Töne getroffen werden. Das Talent dazu hat Makeda. Melodische Wunder hat die Komposition allerdings nicht zu bieten.

Wie sind die Chancen? Auch wenn einige klassische Balladen in jüngerer Zeit wieder ganz gut abschnitten beim ESC: Vermutlich werden die Jurys einen moderneren Titel bevorzugen.

S!sters

S!sters
HAYOUNG JEON/EPA-EFE/REX

S!sters

Wer ist das? Hier war der Song vor dem Act da: Der NDR glaubte an das Potential von "Sister" und suchte sich ein Interpretinnen-Duo dafür. Man fand zwei Castingshow-Veteraninnen: Carlotta Truman ("Das Supertalent" und "The Voice Kids") und Laura Kästel ("Kiddy Contest", "Star Search").

Wie klingt der Song? Ist "Sister" den Aufwand wert? Nun ja, ein schweizerisch-kanadisch-dänisches Team hat hier einen relativ ausdrucksarmen Popsong gezimmert, dessen größte Besonderheit ein Glockenspiel-Melodiechen im Refrain ist. Der Text handelt davon, dass sich zwei Schwestern wechselseitig für all das Drama und das Konkurrenzdenken entschuldigen - das darzustellen erfordert auch ein bisschen schauspielerisches Talent vom zusammengewürfelten Duo.

Wie sind die Chancen? Auffallen wird der Auftritt wohl, doch von den beiden Kompositionen, an denen Thomas Stengaard (Siegerlied "Only Teardrops" von 2013, deutscher Beitrag 2018) beteiligt war, erscheint die für Aly Ryan als die stärkere.


"Unser Lied für Israel", Das Erste, Freitag, 22.02., 20:15 Uhr



insgesamt 15 Beiträge
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Macka Bär 22.02.2019
1. Warum nicht JADU?
Jung, weiblich, selbstbewusst und mit Migrationshintergrund. Was will man mehr? https://www.bento.de/art/jadu-steht-auf-nazi-kram-findet-das-aber-nicht-politisch-ist-das-okay-a-f51fb7f8-fac4-4a62-a3d8-ce595046678e#refsponi
rubraton 22.02.2019
2. wenn ich mal ganz ehrlich sein darf
.... dann würde ich NIEMAND sagen. diese ganze Wettbewerb hat in keinster Weise etwas mit singen, Kunst oder Kommerz zu tun, sondern ist meines Erachtens ein rein politischer Wettbewerb. es ist durchaus bekannt dass die Nachbarländer sich gegenseitig wählen. Da Russland und deren Anhänger sehr stark von den Nachbarländern profitieren, umgekehrt ob ins genauso fällt die Wahl auch meistens entsprechend aus Punkt Deutschland ist als Land an sich sehr unbeliebt, kommt also auch nur selten unter die ersten 10. Herzkind war es mir eine Freude jedes Jahr gespannt den Wettbewerb zu verfolgen, komme auch damals war es schon eine klassische politische Angelegenheit, aber es waren in erster Linie skandinavische Länder die sich gegenseitig wählten und die sind meines Erachtens damals wie heute noch immer beliebt.
salomon17 22.02.2019
3. Helene Fischer?
Der ganze "Wettbewerb" ist so daneben, dass kein deutscher Künstler freiwillig daran teilnimmt. - Fragt doch mal Helene Fischer.
VadidWyle 22.02.2019
4. Lachhaft
Die ganze Abstimmung hat doch eh nichts mit dem jeweiligen Lied zu tun. Da werden lediglich politische oder kulturelle Koorperationen gestärkt. Mal davon abgesehen, dass die meisten Beiträge musikalisch unter aller Sau sind! Diese Veranstaltung ist so überflüssig wie ein Loch im Kopf!
PeaceNow 22.02.2019
5. @2
Zustimmung, teilweise. Wie kommt es aber dann das Israel gewonnen hat? Ein Land das weltweit in der Beliebtheitsskala stets fast ganz unten steht. Aus politischer Sicht völlig zurecht. Sehr unlogisch dann der Sieg, denn wenn es danach ginge würde Israel nie unter die top10 kommen geschweige denn jemals gewinnen können. Oder hat hier die sehr gute IT des Mossad samt weltweiter Hasbara gute Arbeit geleistet? Und APROPOS ESC = EUROPEAN SONG CONTEST. Warum ist Israel überhaupt dabei? Israel ist nicht in Europa, weder geografisch, historisch, kulturell noch von der Mentalität her.
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