ESC-Analyse Muff vertrieben, Mission erfüllt!

Der ESC in Düsseldorf war der modernste aller Zeiten, analysiert Grand-Prix-Experte Jan Feddersen: Stefan Raab und dem NDR ist es gelungen, das ehemals abseitige Randgruppen-Tanztheater endgültig zu einem Mainstream-Ereignis zu machen. Ohne Lena wäre dieses Projekt kaum so gut gelungen.

dapd

Das konnte keine Verstellung gewesen sein: Lena Meyer-Landrut gratulierte ihren Nachfolgern als Gewinner des Eurovision Song Contest noch auf der Bühne herzlich. Wenig später, im Interview mit der WDR-Reporterin Sabine Heinrich, wirkte sie, als sei sie erleichtert über den zehnten Platz, der am Ende für sie und ihr "Taken by a Stranger" heraussprang: Geschafft!

Wie bitte? Wollte und sollte sie nicht ihren Titel verteidigen? Hatten nicht Stefan Raab, ihr Mentor, und Thomas Schreiber, der ARD-Unterhaltungskoordinator und Chef des Projekts Eurovision Song Contest in Düsseldorf, eben das unentwegt als Ziel vorgegeben? Lena jedenfalls muss weder deren noch der Nation Hoffnungen auf Glorie bei diesem Wettbewerb mehr schultern.

Die Strategen des Unterfangens mögen schon länger kalkuliert haben: Nur mit der einstigen Schülerin aus Hannover wird diese Show endgültig von Traditionsbeständen entsorgt. Lena musste in Wahrheit zu keiner Minute wieder gewinnen - die sogenannte Titelverteidigung war rein als Mobilisierungsmoment eingesetzt worden.

Keinerlei Rücksicht auf Nostalgiker

Seit 15 Jahren hatte kein Land den ESC zweimal gewonnen - dass Deutschland dies mit Lena gelingen würde, war krass unwahrscheinlich. Worauf es ankam, war, den einst als Grand Prix Eurovision verhämten Schlager- und Chansonabend zu entrümpeln und auch vom Image her zu einer Europameisterschaft des Pop zu stilisieren. Lena war die Verkörperung dieser Ambition - sie war reichlich als Opposition zur Schlagerkultur des Ralph Siegel aufgebaut worden. Und, irre und wahr zugleich: Diese Strategie ging auf. Man könnte sagen: Mitleidlos wurde keinerlei Rücksicht auf nostalgische Hoffnungen genommen.

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Lenas Auftritt: Mit Hüftschwung und laszivem Blick
Sah man den Münchner Grand-Prix-Präzeptor Siegel in der ersten Reihe, womöglich neben sich Haudegen wie Katja Ebstein, Mary Roos, Nino de Angelo oder Ingrid Peters, die am Mittwoch voriger Woche bei den Grand-Prix-Classics in der Düsseldorfer Tonhalle sentimental Gestimmtes über die guten alten Zeiten verströmten? Die kaum mehr als "Heute ist alles Geschäftemacherei" zu sagen haben - als ob sie nicht selbst stets Teil eines Business gewesen wären?

Die ARD wie auch Raabs TV-Firma Brainpool achteten sehr kühl darauf, mit dieser Veranstaltung nicht identifiziert zu werden - der Pesthauch verwesender ästhetischer Entwürfe sollte sie nicht erreichen. Selbst Ehrenkarten gab es für die rüstigen Pensionäre am Samstag nicht: Warum sollten wir Leute einladen, so Thomas Schreiber, die schlechtreden, was wir machen? Zur Glaubwürdigkeit trug nicht gering bei, dass Schreiber wie auch Raab mit dem Zentralorgan des Schlagermuffs, der "Bild"-Zeitung, nicht kooperieren. Hier durfte sich Siegel ausweinen. Schreibers und Raabs Mission, projektbezogen, darf so verstanden werden: Der ESC - er werde Pop!

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Eurovision Song Contest: Europameisterschaft des Pop
Und er ward es! Saßen einst im Publikum einer Grand-Prix-Übertragung überwiegend Honoratioren im Frack und mit Begleitung im Abendkleid, sollte der ESC in der Düsseldorfer Arena als Partyzone inszeniert werden.

Der wichtigste Act war das Publikum

Diese Entwicklung begann freilich bereits 1998, als die BBC dieses Event in Birmingham auszurichten hatte. Wochen vor der Veranstaltung wurde die übliche Sitzordnung rabiat verändert: In den ersten Sitzreihen sollten als Kamerafutter nicht mehr ergraute Funktionäre und seriöse Delegationsleiter aus den teilnehmenden Ländern Platz nehmen, sondern - Fans! Sie sollten Teil der Dramaturgie werden, am besten ein jeder von ihnen mit einer Länderflagge ausgestattet, auf dass sich das Publikum in den übertragenden Ländern in ihnen wiedererkennen konnte.

In Düsseldorf ist diese Entwicklung nun konsequent fortgeführt worden: Die Bühne war so gebaut, dass ihre Ausläufer bis in die Mitte der Arena reichten. Das Publikum in der Halle, 38.000 Menschen, war stets der zentrale Teil der Inszenierung - es war der 26. und wichtigste Act des 56. Eurovision Song Contest: die Fans in Kostümen und mit Flaggen, tanzende Männer und Frauen, die die Kameras gelegentlich und absichtsvoll einfingen und die bisweilen lärmende Atmosphäre, die die Tontechniker mit präzisem Sinn in die Übertragung integrieren.

Mission erfüllt: Das sah auf den Bildschirmen in den 49 Ländern, die diese Sendung ausstrahlten, nicht mehr aus wie ein gediegener Liederabend mit Orchester, Dirigenten und neckisch operierenden Interpreten, sondern wie ein monströser Partyraum. Der Grand Prix Eurovision, der über die meisten Jahre seiner Existenz vor allem Underground im schlagerästhetischen Sinne war, ist nun der ESC und insofern keine übel beleumundete Soirée für Schräges und Abseitiges, sondern ein Ereignis für die ganze Familie.

International statt altbürgerlich

Das Ergebnis von Düsseldorf spiegelt denn auch mehr als alle ESCs zuvor, dass die Zuschauer der Popkultur anhängen und nicht mehr einem gestrigen Stil, der sich insgeheim immer von allem abgrenzen wollte, was nach Jugendkultur schmeckt. Auf den vorderen Rängen lagen international zugeschnittene Acts, vor allem der von Ell/Nikki aus Aserbaidschan, die sich ihren Titel von einem skandinavischen Trio basteln ließen.

Auch der Italiener Raphael Gualazzi, der Schwede Eric Saade, die irischen Zwillinge Jedward oder die Briten von Blue - und nicht zuletzt Lena Meyer-Landrut: Ihre Ausdrucksweisen atmeten allesamt nicht die mehr oder weniger elegische Verachtung für Pop. Sie kennen sich offenbar alle aus in der Diskurssprache des Pop, sie assoziieren mit Club nicht mehr Kulturbeutel und mit Musik nicht mehr Tanzorchester in altbürgerlichem Outfit.

Insofern macht der ESC eine Entwicklung durch, die im Fußball Ende der achtziger Jahre sichtbar wurde: Als in Sachen Bundesliga mehr von Hooligans als von Spielkultur die Rede war, kam zeitgleich das große Geld durch die Einführung von Bezahlfernsehen und Champions League, die Konkurrenz zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten TV-Stationen spülte Bares in die Vereinskassen. Vom Marketing her wurde allen Clubs bedeutet, die alte Fußballkultur - zu 100 Prozent männlich - umzucodieren: Fußball sollte ein Familienvergnügen werden.

Die Party als Werbung für's Produkt

Wer heute auf sich hält, inszeniert Fanmeilen, hofft auf Sommermärchen und dass noch mehr Frauen ihre Männer in die Stadien begleiten. Und, vermutlich wichtiger noch: Fans wurden nicht mehr hinter Zäunen wie in Käfigen gehalten, sondern als Entertainmentfaktor ins Spiel eingebunden: Menschen, die durch erhebliches Partybewusstsein das Produkt - nichts als Fußball - nobilitieren.

Auch dieses Projekt läuft seit den frühen Neunzigern, man darf darin Mainstreamisierung einer Unterhaltungsform des proletarisch-kleinbürgerlichen Vergnügens sehen. Die Kundschaft mit den pralleren Portemonnaies musste gewonnen werden - und eben dies ist beim Fußball längst Alltag. Dass wenigstens in West- und Nordeuropa die nationalistisch befeuerten Affekte bei Länderspielen durch die Partyisierung sublimiert wurden, war ein erfreulicher Nebeneffekt.

Der Eurovision Song Contest, der mal ein Grand Prix Eurovision war und durch die Hartnäckigkeit (überwiegend schwuler) Fanclubs irgendwie lebensfähig gehalten wurde, hat diese Entwicklung noch vor sich. Stefan Raab, der den craze namens ESC seit Jahrzehnten intensiv liebt und guckt, teilte in einer der Vorsendungen zum Düsseldorfer Finale mit, er sehe für dieses Event noch jede Menge Spielraum - der Düsseldorfer ESC, an dessen Ende selbst die letzten Reste mittelbetulicher Schlagerseligkeit auf die ganz hinteren Ränge gewertet wurden (die Schweiz wurde gar Allerletzter), war als Entwicklungshilfeprojekt in Sachen Pop-Mainstream angelegt. Der Plan ging auf.

Lena Meyer-Landrut wird nun ohne Erwartungsballast weiterleben. Sie hatte keinen Druck verspürt: "Ist ja Sonntag vorbei", sagte sie Spiegel Online, "dann geht das Leben ruhig weiter." Sie musste eine Menge Überstunden machen.

Sie hat einen ziemlich prima Job gemacht.

Die Ergebnisse des Eurovision Song Contests 2011

Rang Land Interpret Titel Punkte
01. Aserbaidschan Ell/Nikki Running Scared 221
02. Italien Raphael Gualazzi Madness Of Love 189
03. Schweden Eric Saade Popular 185
04. Ukraine Mika Newton Angel 159
05. Dänemark A Friend In London New Tomorrow 134
06. Bosnien-Herzegowina Dino Merlin Love In Rewind 125
07. Griechenland Loucas Yiorkas feat. Stereo Mike Watch My Dance 120
08. Irland Jedward Lipstick 119
09. Georgien Eldrine One More Day 110
10. Deutschland Lena Taken By A Stranger 107
11. Großbritannien Blue I Can 100
12. Moldawien Zdob si Zdub So Lucky 97
13. Slowenien Maja Keuc No One 96
14. Serbien Nina Caroban 85
15. Frankreich Amaury Vassili Sognu 82
16. Russland Alexej Vorobjov Get You 77
17. Rumänien Hotel FM Change 77
18. Österreich Nadine Beiler The Secret Is Love 64
19. Litauen Evelina Sasenko C'est Ma Vie 63
20. Island Sjonni's Friends Coming Home 61
21. Finnland Paradise Oskar Da Da Dam 57
22. Ungarn Kati Wolf What About My Dreams? 53
23. Spanien Lucía Pérez Que Me Quiten Lo Bailao 50
24. Estland Getter Jaani Rockefeller Street 44
25. Schweiz Anna Rossinelli In Love For A While 19



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insgesamt 163 Beiträge
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Seite 1
Jonny_C 15.05.2011
1. Stimmt !
Uns hat die Show gefallen ! Nette Entspannung und Unterhaltung. Mehr sollte man auch nicht hinein interpretieren.....
Freifrau von Hase 15.05.2011
2. Es ist nicht alles Gold.....
In einigen Punkten hat der Schreiber sicher nicht Unrecht, aber: Durch die "entstaubung und entrümpelung" ist der Grand Prix auch beliebig geworden. Ein Blick auf die Lieder zeigt: Nur noch englisches Zeug. Aserbaidschaner, die ihre Titel von Skandinaviern schreiben lassen usw. Wenn es die Einblendungen nicht gäbe wüsste man gar nicht mehr, welches Land da gerade antritt. Es fehlt das individuelle. So erinnert der "Eurovision Song Contest" doch eher an einen x-beliebigen Nachmittag im Privatradio.....
tauschspiegel 15.05.2011
3. lobhudelei
Zitat von sysopDer ESC in Düsseldorf war der modernste aller Zeiten, analysiert Grand-Prix-Experte Jan Feddersen: Stefan Raab und dem NDR ist es gelungen, das ehemals abseitige Randgruppen-Tanztheater endgültig zu einem Mainstream-Ereignis*zu machen. Ohne Lena wäre dieses Projekt kaum so gut gelungen. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,762639,00.html
*** vom üblichen medienhype einmal abgesehen war die veranstaltung grottelangweilig, die meisten songs waren unterirdisch schlecht und die interpreten dürften kaum die popmusikalische blüte ihrer länder, sondern eher morgen wieder vergessen sein. die mit dem guten sound machen nämlich nach wie vor und verständlicherweise nicht bei diesem muff-wettbewerb mit. daher ist es völlig überzogen und realitätsfremd, den "esc" auch nur ansatzweise als europameisterschaft des pops darstellen zu wollen oder so zu tun als ob sich dank lena (bei der mehr als zweifelhaft ist ob sie sich lange halten kann), die dieses mal komplett enttäuschte, irgendetwas verändert hätte.
Der Markt, 15.05.2011
4.
Ein schöner Artikel, Danke. Ich fand die Veranstaltung toll gemacht, respekt. Und Lena hat es gut gemacht. Klar werden jetzt viele Lena-Hasser unken :"Ham wir doch gesagt, dass das nix wird", aber vor einigen Jahren hat man sich in Deutschland über einen 10ten Platz noch gefreut. Ich fands alles in allem eine tolle Sache. Die Bühne war vom Feinsten, die Riesenleinwand, das Licht, klasse.
cor 15.05.2011
5. Mainstream
Zitat von sysopDer ESC in Düsseldorf war der modernste aller Zeiten, analysiert Grand-Prix-Experte Jan Feddersen: Stefan Raab und dem NDR ist es gelungen, das ehemals abseitige Randgruppen-Tanztheater endgültig zu einem Mainstream-Ereignis*zu machen. Ohne Lena wäre dieses Projekt kaum so gut gelungen. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,762639,00.html
Na dann mal meine allerherzlichsten Glückwünsche. Jup, "Mainstream" trifft's ziemlich genau auf den Punkt. Ein Grund mehr kein TV mehr zu schauen.
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