Schwedens Sieg beim ESC: Der große Zirkus zieht weiter

Aus Baku berichtet Stefan Niggemeier

Tschüs Baku, auf nach Stockholm! Der nächste Eurovision Song Contest wird im Siegerland Schweden stattfinden - was nicht nur künstlerisch eine gute Wahl ist, sondern auch politisch. Trotzdem kann man festhalten: Irgendwie haben ESC und Aserbaidschan zusammengepasst.

dapd

Am Ende gewann einfach der haushohe Favorit. Manche Journalisten vor Ort klagten, es habe an Spannung gefehlt, weil sich der schwedische Durchmarsch so früh abgezeichnet hatte. Aber dafür sahen alle Beteiligten hinterher dann doch sehr fertig aus, und es war nicht klar, ob das bloß an der Zeitverschiebung lag, die dafür sorgte, dass der Wettbewerb um Mitternacht Ortszeit begann.

Loreens Club-Hit "Euphoria" hatte, schon bevor sie im März den schwedischen Vorentscheid gewann, grenzenlose Begeisterung bei den Hardcore-Grand-Prix-Fans ausgelöst. Aber was heißt das schon? Spätestens seit die Veranstaltung ein erweitertes Europa von Island bis Aserbaidschan umfasst, ist das Abstimmungsverhalten von Jurys und Zuschauern kaum berechenbar.

Auch gestern gab es heftige Geschmacksunterschiede, regionale Vorlieben, überlagert von Ländersympathie- und Migrantenvoten. Umso erstaunlicher, dass sich all diese Leute in vielem dann so einig waren. Darin, dem eigentlich erstaunlich zauberhaften Walzer des Briten Engelbert Humperdinck nichts abzugewinnen, zum Beispiel. Darin, die vorher schwer gehypten russischen Omas amüsant zu finden, aber doch nicht spitzenmäßig. Oder eben in der Zustimmung zu diesem mystischen, aber sehr tanzbaren "Euphoria" aus Schweden.

Aus allen Ländern bis auf Italien erhielt Loreen Punkte, davon gleich 18-mal die höchstmöglichen zwölf. Der deutsche Vertreter Roman Lob kam dagegen fast nur in West- und Mitteleuropa an; das reichte für Platz acht.

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Eurovision Song Contest 2012: Totale Partykratie in Baku

In Schweden wird Politik keine Rolle spielen

Loreen durfte im Goldregen auf der großen Sieger-Pressekonferenz erscheinen und Fragen beantworten wie die, was ihr schwedisches Lieblingswort sei und wie sie sich in Zukunft um das aserbaidschanische Volk kümmern wolle. Roman Lob hatte sich kurz zuvor in einer kleinen Interview-Ecke noch einmal vor die deutsche Presse gesetzt und gesagt, wie "super happy" er mit seinem Abschneiden sei. Sein Mentor, Thomas D., erzählte aber auch, wie groß das Zittern am Anfang der Abstimmung war, als fast keine Punkte für Deutschland zusammenkommen wollten.

Das aserbaidschanische Bürgerrechtler-Bündnis "Sing for Democracy" hatte dazu aufgerufen, für die einheimische Teilnehmerin Sabina Babayeva zu stimmen - eine bittere Ironie, die sich so erklärt: "Wenn Aserbaidschan noch einmal gewinnt, können wir unsere Kampagne für Demokratie fortsetzen." Vermutlich hatte das dennoch keinen messbaren Anteil daran, dass es der Gastgeber mit der Pop-Hymne "When the Music Dies" überraschend auf den vierten Platz schaffte.

Der Sieg Schwedens war für viele Fans eine Erleichterung - verspricht er doch einen Grand-Prix, der nicht von politischen Diskussionen belastet wird. Auch die Europäische Rundfunkunion (EBU) als Veranstalter mag es mit Erleichterung aufgenommen haben, obwohl sie in Aserbaidschan gründlich bewiesen hat, dass Bürgerrechtler und Kämpfer für Medien- und Meinungsfreiheit in ihr keinen Verbündeten haben. Die aserbaidschanischen Behörden konnten auch während der beiden ESC-Wochen ungestört friedliche Proteste zerschlagen und Kritiker mundtot machen, ohne fürchten zu müssen, dass die EBU sie zur Rede stellt, öffentlich gar.

Schweden sollte - anders als die Mehrzahl der teilnehmenden Länder - auch in der Lage sein, den Wettbewerb in seiner jetzigen Form auszurichten. Der ESC hat inzwischen eine Größe erreicht, die für den veranstaltenden Sender und das ausrichtende Land eine enorme finanzielle und organisatorische Belastung bedeuten. Jon Ola Sand, der Executive Supervisor des Song Contest, hatte in Baku bereits sehr deutlich formuliert, dass der Wettbewerb Grenzen erreicht habe und in Zukunft Formen gefunden werden müssten, ihn mit deutlich geringerem Aufwand zu veranstalten.

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Eurovision Song Contest 2012: Schweden feiert Loreen

Die herrschende Clique demonstrierte ihre Macht

Diese Überlegungen könnten jetzt womöglich um ein Jahr vertagt werden. Als Austragungsort für den Grand-Prix in Schweden war schon vorab als Gerücht die Friends Arena in einem Vorort von Stockholm im Gespräch, ein überdachtes Fußballstadion, das im Herbst eröffnet werden soll und bei Konzerten bis zu 65.000 Besucher fasst. Die Gigantomanie Aserbaidschans wird sich kaum toppen lassen, aber Schweden könnte diese Form des Riesenspektakels noch einmal zu wiederholen versuchen.

Der Eurovision Song Contest 2012 wird nicht nur in die Geschichte eingehen wegen der politischen Diskussionen, die er auslöste. Selten zuvor hat er eine Stadt so vollständig dominiert. Das ganze Zentrum Bakus schien nur für dieses Ereignis zu existieren. Busse und Taxen fuhren stolz die ESC-Farben und -Logos durch die Stadt, in Einkaufszentren liefen ausschließlich die Songs der Grand-Prix-Teilnehmer, der rasante und teils brutale Prozess der Stadtverschönerung war vorübergehend ganz auf diesen Moment getimt. Die elektronischen Tafeln des Verkehrsleitsystems zählten erst die Tage, dann die Stunden zum Finale herunter, aus Polizeiautos krächzten Durchsagen, um die Straßen möglichst freizuhalten für die vielen Dutzend Delegations- und Shuttlebusse.

Dieser Eurovision Song Contest war im wahren Sinne des Wortes ein Staatsakt: Die herrschende Clique hatte erst alles dafür getan, diesen Wettbewerb zu gewinnen, und dann, ihn zu einer eindrucksvollen Demonstration der Macht, Modernität und Möglichkeiten des Landes zu nutzen. Doch das Ereignis wurde auch von der Bevölkerung begeistert aufgenommen. Stolz und staunend empfingen die Menschen die fremden Besucher aus den zentraleren Regionen des Kontinents, in dessen Nähe das Land seine Zukunft sucht. Sie erbaten Komplimente für die Schönheit der Stadt, riefen auf der Straße "Welcome to Baku", erfragten Herkunft und Vorlieben der Besucher und feierten mit ihnen eine große Party.

Pyro-Effekte im Land des Feuers

In gewisser Weise passte der Eurovision Song Contest perfekt nach Baku. Nicht nur, weil beide eine Leidenschaft für LED-Flächen und Lichteffekte mitbringen. Und nicht nur, weil sich im Land des Feuers der ESC auch wegen seinem Hang zu Pyro-Effekten zu Hause fühlen konnte.

Wie ein glitzerndes Raumschiff landet er von Jahr zu Jahr in einem anderen Land, in einer anderen Stadt, bringt Fans und absurde Rituale mit und betreibt einen unfassbaren Aufwand für vergleichsweise wenig musikalische Substanz. In Baku ist dieses Raumschiff in einer Umgebung gelandet, die es an Künstlichkeit, Vergänglichkeit und bizarrer Oberflächlichkeit mit ihm aufnehmen kann.

Wer nach der Sieger-Pressekonferenz von Loreen vor die Kristallhalle trat, halb fünf Uhr morgens Ortszeit, sah auf einmal die gewaltigen Flammentürme nicht mehr. Während der Show waren die drei nagelneuen geschwungen Hochhäuser, eines der vielen neuen Wahrzeichen Bakus, häufiger ins Bild gesetzt worden als die meisten Sänger. Nun waren die Fassaden, auf denen LED-Lampen sonst eindrucksvolle Bilder und Animationen zeichnen, plötzlich dunkel.

Es hätte kaum jemanden gewundert, wenn die Türme wieder eingepackt worden wären, abgebaut mit all den anderen Kulissen, und zusammen mit dem ganzen Tand mit dem Grand-Prix-Zirkus das Land verlassen hätten.

Gewinner und Verlierer beim ESC in Baku
Rang Land Punkte
1 Schweden 372
2 Russland 259
3 Serbien 214
4 Aserbaidschan 150
5 Albanien 146
6 Estland 120
7 Türkei 112
8 Deutschland 110
9 Italien 101
10 Spanien 97
11 Moldau 81
12 Rumänien 71
13 Mazedonien 71
14 Litauen 70
15 Ukraine 65
16 Zypern 65
17 Griechenland 64
18 Bosnien 55
19 Irland 46
20 Island 46
21 Malta 41
22 Frankreich 21
23 Dänemark 21
24 Ungarn 19
25 Großbritannien 12
26 Norwegen 7

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insgesamt 104 Beiträge
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1. Gegenaufklärung
zwietracht 27.05.2012
Wer auch immer die Idee hatte, einen Musikwettbewerb in Nationenwertung zu veranstalten, gehört nachträglich noch auf den Mond geschossen. Es gibt nix Bekloppteres, als Musik als nationalistischen Wettkampf zu betreiben. Musik soll Grenzen überwinden und die Menschheit vereinen, nicht nationale Grenzen befestigen. Hurra, wir sind auf dem Weg zurück ins Mittelalter.
2. Altes Spiel
etherbaron 27.05.2012
Zitat von zwietrachtWer auch immer die Idee hatte, einen Musikwettbewerb in Nationenwertung zu veranstalten, gehört nachträglich noch auf den Mond geschossen. Es gibt nix Bekloppteres, als Musik als nationalistischen Wettkampf zu betreiben. Musik soll Grenzen überwinden und die Menschheit vereinen, nicht nationale Grenzen befestigen. Hurra, wir sind auf dem Weg zurück ins Mittelalter.
Da hält es sich genauso wie mit dem Fußball: Den Irrsinn kann man am ehesten noch damit begründen, dass man den Hang zum internationalen Wettstreit besser über ein (pseudo)sportliches Ventil abbaut, als durch konflikte auf staatlicher Ebene. In Wirklichkeit folgt das System einfach nur der altbekannten Brot&Spiele Taktik, mit der die politischen Eliten schon immer die Massen zu sedieren ersuchten.
3.
ObackoBarama 27.05.2012
Zitat von sysop....Umso erstaunlicher, dass sich all diese Leute in vielem dann so einig waren. Darin, dem eigentlich erstaunlich zauberhaften Walzer des Briten Engelbert Humperdinck nichts abzugewinnen, zum Beispiel. ESC-Bilanz in Baku: Was in Schweden anders wird - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,835483,00.html)
Die Erklärung dafür ist dass, ich schätze mal, 90% der Zuschauer die anrufen so zwischen 15 und 25 Jahre alt sind und die Fans von Engelbert die überwigend so ab 50 aufwärts sind, rufen nicht an, oder selten. Wenn Engelbert Humperndick, bißchen jünger gewesen wäre und so süß wie Roman Lob ausgesehen hätte, wäre er unter den ersten drei gelandet oder hätte sogar gewonnen. Stimmllich war Engelbert der beste (unter den männnlichen Sängern), den jungen Kerlen überlegen und sein Song war auch der beste. Aber so ist es, man muss wissen was man sich antut wenn man beim ESC auftritt. Auch ein Paul McCartney, oder Mick Jagger hätten was Ähnliches beim ESC erlebt. Ob das Lied Schwedens "künstlerisch" ist, wage ich zu bezweifeln. Das war ein wenig Kate Bush für Arme, mit dem typischen Disco-Humpa-Humpa-Sound doch verunstaltet. Für mich war Schwedin kein bißchen besser als die anderen weiblichen Sängerinnen. Und deshalb ist es der Sieg doch ein Rätsel, ein wenig, bzw. so überzeugend, wo schon nach der Hälfte der Länder klar war dass Schweden gewinnt. Schweden hatte schon nach 22 Ländern, die die Punkten abgegeben haben, 40 Punkte Vorsprung vor dem zweiten und da die ganzen skandinawischen und baltischen Länder erst danach voten sollten, war schon also, in der Mitte der Abstimmung, klar dass Schweden gewinnt. Ich werfe mal eine Verschwörungstheorie...und und zwar, man (also die ESC-Bosse), hat sich vorher darauf geinigt dass Schweden gewinnen soll (dafür hat man es vorher für Favoriten erklärt). Denn, die ganz grosse Begeisterung für den ESC gibt es ja nur in den skandinawischen Ländern, sowie den Ländern der ex-Sowietunion. Und da in den vergangenen 10 Jahren, Dänemark, Finnland und Norwegen bereits je gewonnen haben, diesmal war Schweden dran. Gut, künstlerisch, hin oder her, aber das Lied Schwedens ist einfach langweilig. Wenn ich mich an die Gewinner-Songs der letzten 7-8 Jahren erinnere, ist dieser Song aus Schweden, neben dem russischen 2008, der langweiligste.
4. Kulturerosion
ontheline 27.05.2012
Zitat von zwietrachtWer auch immer die Idee hatte, einen Musikwettbewerb in Nationenwertung zu veranstalten, gehört nachträglich noch auf den Mond geschossen. Es gibt nix Bekloppteres, als Musik als nationalistischen Wettkampf zu betreiben. Musik soll Grenzen überwinden und die Menschheit vereinen, nicht nationale Grenzen befestigen. Hurra, wir sind auf dem Weg zurück ins Mittelalter.
ich gebe dir absolut recht. vorallen dingen finde ich es sehr schlimm, dass die beiträge kulturelle leere von den amerikanisch-europäischen hitparaden rüber transportieren. diese armseelige pop-prostitution ist eine schande für die kulturen der welt. es kann für mich allerhöchstens als kabarette gelten. allerdings finde ich den aufwand einfach zu gross und total übertrieben. die energie die dafür verschwendet wurde unendlich schade.
5. titel
Darjaan 27.05.2012
Zitat von etherbaronDa hält es sich genauso wie mit dem Fußball: Den Irrsinn kann man am ehesten noch damit begründen, dass man den Hang zum internationalen Wettstreit besser über ein (pseudo)sportliches Ventil abbaut, als durch konflikte auf staatlicher Ebene.
kann man abolut nicht vergleichen... beim Songcontest zählt der subjektive Eindruck, oder es gewinnt eben der, dem man die meisten Punkte aus Sympathie zuschanzt... beim Fußball gewinnt der faktisch Bessere, wenn man von ein paar Fehlentscheidungen absieht...
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Bevölkerung: 9,188 Mio. Einwohner

Fläche: 86.600 km²

Hauptstadt: Baku

Staatsoberhaupt: Ilcham Alijew

Regierungschef: Artur Rasisade

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