ESC-Finale Schmacht-Pop schlägt Bürstenkopf

Lena zeigte sich als souveräne Entertainerin und holte den zehnten Platz. Gewonnen haben den Eurovision Song Contest nicht die favorisierten Bürstenköpfe oder Heldentenöre, sondern der beste Song aus Aserbaidschan. Zu den Siegern zählt auch der NDR - die Mission ESC-Erneuerung ist gelungen.

dapd

Von , Düsseldorf


Düsseldorf/Hamburg - Triumphe sehen anders aus. Zum Beispiel wie Lenas Sieg 2010 in Oslo, als es zwölf Punkte nur so hagelte. Trotzdem: Der Eurovision Song Contest in Düsseldorf war ein Erfolg. Mit "Running Scared" hat der beste Song des Abends gewonnen. Der NDR hat eine beeindruckende Show auf die Bildschirme gebracht.

Und Lena hat mit ihrem zehnten Platz mehr als nur ihr Gesicht gewahrt.

Dass das Aserbaidschaner Duo Ell und Nikki Chancen auf den Titel haben könnte, erschien nach dem ersten Halbfinale entfernt möglich, aber nicht wahrscheinlich. Musikalisch überzeugten die 30-jährige Nikki und der 22-jährige Ell mit ihrer melancholischen Midtempo-Nummer zwar auf der ganzen Linie. Doch politisch ist Aserbaidschans autoritäres Regime eigentlich eine ähnliche politische Herausforderung für den ESC wie Weißrussland.

Aber ein Grandprix aus Baku schien die längste Zeit ein Gedankenspiel für Journalisten mit zu viel Zeit zu sein. Die bessere Show lieferten nämlich die anderen Acts - oder die bessere Geschichte. Würde Lena die erste Titelverteidigung des ESC schaffen? Würde dem französischen Tenor Amaury Vassili wirklich der prognostizierte Durchmarsch gelingen? Und was war mit den irischen Zwillingen Jedward?

Dass es keinen eindeutigen Favoriten in diesem Jahr gab, zeigte sich schließlich auch bei der Punktevergabe: Viele Punkte wurden zwischen Nachbarländern hin- und hergeschoben, fast unbemerkt setzte sich Aserbaidschan an der Spitze fest. Die deutschen Augen klebten derweil auf dem mittleren Drittel, in dem Lena und ihr Song "Taken By A Stranger" hoch- und runterfuhren - ein Indiz dafür, wie nah die Länder in diesem Teil des Rankings beieinander lagen.

Medienprofi Lena zeigte sich als souveräner Entertainer

"Siebter Platz wäre gut", hatte Lena als vorsichtiges Ziel ausgegeben. Dass es nun der zehnte geworden ist, kann man trotzdem als völlig okay werten. Bei ihrem Auftritt zeigte sie die Weiterentwicklung, die man nach dem Sieg im vergangenen Jahr von ihr gefordert hatte: Der Medienprofi Lena bewies sich als souveräner Entertainer. Dass sie 2011 nicht mehr so berührte wie 2010, lag am Überraschungsmoment, das diesmal nicht mehr auf ihrer Seite war.

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Lenas Auftritt: Mit Hüftschwung und laszivem Blick
Das lag diesmal eindeutig beim Italiener Raphael Gualazzi. Seinen angeswingten Klavier-Song "Madness Of Love" hatte keiner auf dem Zettel - und dann war er plötzlich Zweiter. Italien, das nach 14 Jahren ESC-Abstinenz zum ersten Mal wieder am Wettbewerb teilnahm, ist damit ein völlig überraschendes Comeback gelungen. Zwar hat mit Italien ein eher altmodischer Song einen der vorderen Plätze belegt. Doch die Mission ESC-Erneuerung, die Stefan Raab zusammen mit dem NDR angestoßen hatte, ist trotzdem ein Erfolg: Dass bekannte Acts wie Blue aus Großbritannien oder Jedward aus Irland diesmal angetreten sind, kann man als Folge der Aufwertung sehen, die Lenas erneutes Antreten bewirkt hat: Ein Sieg beim ESC ist nicht mehr unbedingt die Sprungschanze in eine internationale Karriere, von der man sich bald lossagen möchte, weil sie einem ein wenig peinlich ist - man kann den ESC auch als Wettbewerb so ernst nehmen, dass man ihn noch einmal gewinnen will.

Kein Preis für Pyrotechnik

Aber Düsseldorf kennt auch ein paar Verlierer - zum Beispiel Amaury Vassili. Der Franzose musste sich bei seiner Pressekonferenz am Freitagabend noch Mühe geben, nicht allzu siegessicher zu wirken. Dass seine Schmalznummer mit Wolkenhimmel, Trockeneis und Pyrotechnik-Einsatz so wenige Stimmen bekam, dürfte seiner Karriere als klassischer Tenor zwar nicht schaden. Der neue Andrea Bocelli mit Goldenen Schallplatten in ganz Europa dürfte er damit aber auch nicht mehr werden.

Wie es nun mit Lena weitergeht? Man kann ihr nur wünschen, dass sie jetzt die Zeit hat, sich mehr Gedanken darum zu machen, wohin es musikalisch für sie gehen soll - oder ob sie sich nicht doch eher im Bereich der Moderation oder Schauspielerei sieht. Hoffentlich lässt ihr Stefan Raab dafür genug Raum. Aber der ist im nächsten Jahr wahrscheinlich eh mit anderen Dingen beschäftigt. Zum Beispiel, unseren Star für Baku zu finden.

Das dürfte eine ebenso große musikalische wie politische Herausforderung werden.

Die Ergebnisse des Eurovision Song Contests 2011

Rang Land Interpret Titel Punkte
01. Aserbaidschan Ell/Nikki Running Scared 221
02. Italien Raphael Gualazzi Madness Of Love 189
03. Schweden Eric Saade Popular 185
04. Ukraine Mika Newton Angel 159
05. Dänemark A Friend In London New Tomorrow 134
06. Bosnien-Herzegowina Dino Merlin Love In Rewind 125
07. Griechenland Loucas Yiorkas feat. Stereo Mike Watch My Dance 120
08. Irland Jedward Lipstick 119
09. Georgien Eldrine One More Day 110
10. Deutschland Lena Taken By A Stranger 107
11. Großbritannien Blue I Can 100
12. Moldawien Zdob si Zdub So Lucky 97
13. Slowenien Maja Keuc No One 96
14. Serbien Nina Caroban 85
15. Frankreich Amaury Vassili Sognu 82
16. Russland Alexej Vorobjov Get You 77
17. Rumänien Hotel FM Change 77
18. Österreich Nadine Beiler The Secret Is Love 64
19. Litauen Evelina Sasenko C'est Ma Vie 63
20. Island Sjonni's Friends Coming Home 61
21. Finnland Paradise Oskar Da Da Dam 57
22. Ungarn Kati Wolf What About My Dreams? 53
23. Spanien Lucía Pérez Que Me Quiten Lo Bailao 50
24. Estland Getter Jaani Rockefeller Street 44
25. Schweiz Anna Rossinelli In Love For A While 19

insgesamt 262 Beiträge
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Seite 1
akrisios 15.05.2011
1. Was für ein Kitschgerangel das ganze...
Besonders gut fand ich gestern den Kommentar in "Die Heute-Show". Bei dem Song-Contest (o.s.ä.) handelt es sich um "akustisches Waterboarding". Grauenhaft.
desertmole 15.05.2011
2. Einfallslos
Zitat von sysopLena zeigte sich als souveräner Entertainer und holte den zehnten Platz. Gewonnen haben den Eurovision Song Contest nicht die favorisierten Bürstenköpfe oder Heldentenöre,*sondern der beste Song*aus Aserbaidschan. Zu den Siegern zählt auch der NDR - die Mission ESC-Erneuerung ist gelungen. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,762625,00.html
Schlagt den Raab vor allem von der Bühne, das kommt dabei raus wenn manche auch wie der Gottschalk und noch manch anderer zu lange im Geschäft sind und zuviel Macht bekommen. Deutschland hätte sicher besseres zu bieten gehabt aber da unser Fernsehen mittlerweile die gleichen Machtsruckturen wie das Berlusconische Imeperium in Italen hat geht es immer darum wer schläft mit mir der bekommt den Job, zum Nachteil der Zuschauer und einfach zum kotzen. Tip! Zieht den Stecker (noch ist es Zeit) und Schmeisst den Fernseher raus und mit ihm alles was drinn und dran hängt. Zahlt man Gebühren für den geistigen Schwachsinn will ich mehr mitsprache Recht und vor allem besseres geboten bekommen, einfach mehr Niveau und nicht etwas was wie eine Krankheit meine letzten grauen Gehirnzellen zerstört (oder ist das die Absicht der Sender?)
kajoter 15.05.2011
3. Der Schlachter und sein Metier
@ der deutschen Teilnehmerin. Im Artikel steht, sie müsse sich jetzt entscheiden, ob sie als Sängerin, Moderatorin oder Schauspielerin weitermachen wolle. Benötigen diese Berufe keine Qualifikationen? Als Sängerin ist sie eine Zumutung: schlechte Intonation und sehr geringes Stimmvolumen. Da würde selbst intensiver Unterricht nicht viel bewirken. In ihren öffentlichen Auftritten lehnte sie sich im Duktus sehr stark an ihren Produzenten, den Schlachter an, d.h. frech mit Proll-Bezügen. Das mag zu ihrem eigentlichen Erfolgsrezept passen, das in der Verkörperung einer etwas älteren Lolita lag. Das wird aber nicht mehr zu einer älteren Moderatorin passen. Schauspielerin? Noch eine selbst ernannte, sogenannte Darstellerin? Falls sie jetzt diese Scheinwelt nicht verlassn und ihre Beine auf real erworbene Kompetenzen stellen sollte, würde sie ein weiteres "It Girl" werden. Aber wahrscheinlich wird sie ihre "Gesangskarriere" fortsetzen müssen, da sie mit Knebelverträgen an den Schlachter gebunden ist.
stevie76 15.05.2011
4. ..
ich fand den lena-auftritt klasse. gesang, bühnenshow, alles passte. hatte fast ein wenig von j. bond.
cine, 15.05.2011
5. Lena ist eine Frau, also eine EntertainerIN ...
Also wenn schon, dann sollte es heissen Lena zeigte sich als souveräne EntertainerIN. Sie ist eine Frau und nicht Stefan Raab!
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