Umstrittener Eurovision Song Contest: Danke, Anke!

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Der ESC in Baku bot den typischen Mix aus bizarrem Pop und perfekter Inszenierung. Dass das Ereignis in einem Land stattfand, das von einem autoritären Regime regiert wird, hätten die Zuschauer nicht bemerkt - hätte während der Live-Übertragung nicht auch Anke Engelke gesprochen.

Jury-Mitglied Anke Engelke (links): "Aserbaidschan, Europa beobachtet Dich!" Zur Großansicht
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Jury-Mitglied Anke Engelke (links): "Aserbaidschan, Europa beobachtet Dich!"

Berlin/Baku - Der Tag hatte mit der Meldung neuer Festnahmen begonnen, er endete mit einer blendenden Inszenierung: Bei einer Demonstration vor dem Finale des Eurovision Song Contest in Aserbaidschan seien nach neuen Angaben der Opposition am Freitag mehr als 60 Menschen festgenommen worden. Wie das Oppositionsbündnis Public Chamber auf seiner Facebook-Seite mitteilte, wurden zudem rund zehn Demonstranten verletzt.

Am Abend war für TV-Zuschauer, die sich im Vorfeld nicht mit der Berichterstattung über das autoritäre Regime von Aserbaidschan auseinander gesetzt hatten, von solchen unschönen Szenen nichts zu bemerken. Die ESC-Show, das wohl weltweit größte nicht-sportliche TV-Ereignis, hätte auch in jedem anderen Land stattfinden können - so sauber, so glänzend inszeniert, so technisch perfekt, wie sie war. Da wurden mehr oder weniger erträgliche Lieder mehr oder weniger richtig gesungen, es wurde artig moderiert wie jedes Jahr, keine politische Demonstration auf weiter Flur.

Mit einer einzigen Ausnahme, die deshalb besonders bemerkenswert ist, obwohl sie nur wenige Sekunden dauerte und so charmant vorgetragen wurde, dass sie die heitere Stimmung nicht zum Kippen brachte: Als die Entertainerin Anke Engelke die aus Deutschland vergebenen Punkte vortragen sollte, bedankte sie sich zunächst für die schöne Show, bedankte sich bei allen Helfern - und sprach dann folgende Sätze auf Englisch: "Heute Abend konnte niemand für sein eigenes Land abstimmen. Aber es ist gut, wählen zu können. Und es ist gut, eine Wahl zu haben. Viel Glück auf Deiner Reise, Aserbaidschan! Europa beobachtet Dich! Und hier sind die Ergebnisse der deutschen Jury…" Den Moderatoren in Aserbaidschan blieb gar nichts anderes übrig, als diese kleine politische Demonstration einfach wegzulächeln. Die Twitter-Gemeinde hat hingegen gut zugehört: In dem Echtzeit-Medium wird Engelke für ihre Äußerung gefeiert.

Pompöser Auftritt des Schwiegersohns

Wie wenig sich das Regime in Aserbaidschan darum schert, was der Rest der Welt über seine Methoden denkt, wurde insbesondere kurz vor Beginn der Punktevergabe deutlich: In einem Akt dreister Machtdemonstration jenseits jeglicher künstlerischer Erwägungen trat ausgerechnet der Schwiegersohn Ilham Aliyevs, des Machthabers von Aserbaidschan, ein Sänger namens Emin, auf die Bühne. Beziehungsweise, weil ein einfacher Auftritt wohl nicht pompös genug gewesen wäre: Er schwebte an Seilen von der Saaldecke ein. Und sang ein dürftiges Pop-Liedchen.

Aber selbst dieser seltsame Auftritt dürfte unbedarften Zuschauern kaum aufgefallen sein - ist doch der ESC auch in demokratischen Ländern oft genug eine Ansammlung seltsamer Auftritte. 26 Kandidaten konkurrierten um den ersten Platz beim ESC in der aserbaidschanischen Hauptstadt. Schätzungsweise mehr als hundert Millionen Fernsehzuschauer schalteten wieder ein. Das Publikum in allen 42 ESC-Teilnehmerländern konnte abstimmen. Über das Ergebnis entschieden zu jeweils 50 Prozent das Televoting und nationale Jurys.

Um etwa 0.16 Uhr am frühen Sonntagmorgen, Ortszeit in Aserbaidschan nach 3 Uhr, stand dann fest, dass Schweden das nächste Ausrichterland der Mega-Show sein wird. Dort ist keine Menschenrechtsdiskussion zu erwarten.

Gewinner und Verlierer beim ESC in Baku
Rang Land Punkte
1 Schweden 372
2 Russland 259
3 Serbien 214
4 Aserbaidschan 150
5 Albanien 146
6 Estland 120
7 Türkei 112
8 Deutschland 110
9 Italien 101
10 Spanien 97
11 Moldau 81
12 Rumänien 71
13 Mazedonien 71
14 Litauen 70
15 Ukraine 65
16 Zypern 65
17 Griechenland 64
18 Bosnien 55
19 Irland 46
20 Island 46
21 Malta 41
22 Frankreich 21
23 Dänemark 21
24 Ungarn 19
25 Großbritannien 12
26 Norwegen 7

Mit Material von dpa

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insgesamt 182 Beiträge
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1. optional
Florian_Spiegel 27.05.2012
..ja und da sind wir wieder bei "Deutschland, Deutschland über alles". Warum können eigentlich nicht alle so sein wie wir (?): 400 Festgenommenen in Frankfurt (sind zuviel); wie auch 60 in Baku (sind auch zuviel). Aber wo beginnt ein "Gespräch auf Augenhöhe"?. Ich meine: mit dem ESC in Baku wurde eine gute Leistung abgeliefert und das westliche Europa sollte sich fragen, warum es zunehmend in die 2.REIHE gerät (auch wenn diesmal Schweden gewonnen hat). ...Die Uhr tickt...
2. Anke, das war klasse"
Opernfan 27.05.2012
Zitat von sysopDPADer ESC in Baku bot den typischen Mix aus schmalzigen Balladen, bizarrem Pop und perfekter Inszenierung. Dass das Ereignis diesmal in einem Land stattfand, das von einem autoritären Regime regiert wird, wäre für den Zuschauer nicht zu bemerken gewesen - hätte nicht auch Anke Engelke gesprochen. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,835464,00.html
Auch ich habe gut zugehört und es war klasse! Und dann lächelnd mit diesem Charme...Das Gesülze der anderen zog ja schon eine Schleimspur nach sich!
3. Sehr gut Anke
bombenstimmung 27.05.2012
Auch wenn ihre politische Äusserung von den meisten Medien (auch in Deutschland) verschwiegen wird, hat sie es dezent auf den Punkt gebracht.Ein Staat wie Aserbaidschan durfte sich noch einmal der Welt offen und international präsentieren, wie einst Berlin bei den Olympische Sommerspielen 1936....
4.
Urban Spaceman 27.05.2012
Zitat von sysopDPADer ESC in Baku bot den typischen Mix aus schmalzigen Balladen, bizarrem Pop und perfekter Inszenierung. Dass das Ereignis diesmal in einem Land stattfand, das von einem autoritären Regime regiert wird, wäre für den Zuschauer nicht zu bemerken gewesen - hätte nicht auch Anke Engelke gesprochen. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,835464,00.html
Die Idioten, die diesen Mist noch kultivieren, sitzen doch in den Intendanzen öffentlich rechtlicher Sender. Künstlerisch ist das der pure Schrott. Wenn schon Boykott, dann bei diesem Gesinge. Unsere Fussballer beherrschen wenigstens ihr Handwerk.
5. Frage
tollhans 27.05.2012
Anke Engelke hat sich vorbildlich verhalten. Applaus. Im gleichen Atemzug muss die Frage erlaubt sein, was der Punktemitteiler Israels bei seiner langen Verlautbarung in der aserbeidschanischen Landessprache wohl gesagt hat.
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