ESC-Kandidatin Russische Sängerin stellt Ukraine vor Dilemma

Weil die russische Rollstuhlfahrerin Julia Samoilowa auf der annektierten Krim gesungen hat, darf sie nicht in die Ukraine reisen. Trotzdem wurde sie zur russischen ESC-Kandidatin gekürt. Nun steht die Ukraine unter Druck.

Julia Samoilowa bei den Olympischen Winterspielen 2014
DPA

Julia Samoilowa bei den Olympischen Winterspielen 2014


Die Kandidatenkür des diesjährigen "Eurovision Song Contest" ist ein Fall für den ukrainischen Geheimdienst. Seit Wochen hatte Russland die Veranstalter im Unklaren gelassen, ob das Land an dem diesjährigen ESC-Finale am 13. Mai überhaupt teilnehmen würde. Einen Tag vor Ablauf der Frist gab das russische Staatsfernsehen nun seine Kandidatin bekannt: Die Wahl der Jury fiel auf die 27-jährige Rollstuhlfahrerin Julia Samoilowa, die mit ihrem Lied "Flame is Burning" in den Wettbewerb starten soll.

Samoilowa hat 2013 einen zweiten Platz bei der russischen Talentshow von "Faktor A" gewonnen und ist bei den Paralympischen Spielen 2014 in Sotschi aufgetreten. Im Juni 2015 trat sie in der ukrainischen Stadt Kerch auf, die auf der von Russland im März 2014 annektierten Halbinsel Krim liegt.

Dieser Auftritt auf der Krim macht die Nominierung von Samoilowa zu einem Politikum: Der ukrainische Geheimdienst gab bekannt, es werde geprüft, ob Samoilowa überhaupt zum ESC-Finale einreisen darf. Das teilte Pressesprecherin Jelena Gitlanskaja am Montag mit. Kiew wertet nicht genehmigte Reisen auf die Halbinsel über Russland normalerweise als Grenzverletzung und ahndet den Verstoß mit Einreisesperren.

"Jeder war schon mal auf der Krim"

Beobachter werten die Nominierung Samoilowas deshalb als provokanten Schachzug Putins, weil die Ukraine nun vor einem Dilemma steht: Entweder verweigert sie einer singenden Rollstuhlfahrerin ungerührt die Teilnahme am ESC und setzt sich möglicherweise der Kritik aus, Behinderte zu diskriminieren. Oder die Ukraine weicht vom Prinzip ab, die Krim als ukrainisches Staatsgebiet zu betrachten, das nicht ohne Genehmigung betreten werden darf.

"Ich werde das Gefühl nicht los, dass das Mädchen zu politischen Zwecken verwendet wird", schrieb der bekannte Blogger Ilja Warlamow. Es gehe den Veranstaltern nicht darum, ein gutes Lied zu präsentieren, sondern um jeden Preis "die Ukrainer zu schlagen".

Kreml-Sprecher Dmitri Peskow sagte in Moskau, die Nominierung Samoilowas sei "keine politische Provokation". Die Wahl habe nichts mit dem Auftritt Samoilowas auf der Krim zu tun. "Jeder (Russe) war schon irgendwann mal auf der Krim, es gibt wohl kaum jemanden, der noch nicht dort war", sagte Peskow.

2016 hatte die Krimtatarin Jamala mit dem Lied "1944" für die Ukraine den Eurovision Song Contest gewonnen. Es erinnert an die Deportation ihres Volkes von der Krim. Viele werteten das Lied als Provokation gegen Moskau; viele Russen waren empört, dass die Ukraine mit einem ihrer Ansicht nach politisch motivierten Lied gewinnen konnte. Texte, Ansprachen und Gesten politischer Natur sind während des Contests eigentlich untersagt. Dies gilt ebenso für die Texte wie für die Bühnenshow.

cpa/dpa



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