ESC-Sieg der Ukraine Russland wittert den großen Betrug

Die Ukrainerin Jamala hat den Eurovision Song Contest gewonnen - mit einer inbrünstig vorgetragenen Widmung an die Krim. Ihr Land jubelt, die Russen reagieren vergrätzt.

ESC-Verlierer Sergey Lazarev
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ESC-Verlierer Sergey Lazarev

Von , Moskau


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Sofern der ESC gemäß seiner Statuten tatsächlich die Politik außen vor halten wollte, ist er in diesem Jahr damit gescheitert. Nachdem die ukrainische Sängerin Jamala im Finale des Eurovision Song Contest Australien und vor allem den russischen Publikumsliebling Sergey Lazarev auf die Plätze verwiesen hatte, meldete sich der ukrainische Präsident Petro Poroschenko zu Wort.

"Heute hat mit Jamalas Stimme das ganze ukrainische Volk gesprochen. Die Wahrheit hat wie immer gesiegt", schrieb der Staatschef auf Twitter. Er nutzte die Gelegenheit für das Versprechen, in seinem Land zügig mit dem kommunistischen Erbe aufzuräumen, das sei "eine Frage der politischen Sicherheit".

Der Kiewer Bürgermeister Vitali Klitschko sagte: "Ich bin unglaublich stolz auf die Ukraine, und ich bin Jamala dankbar für diesen Sieg, der für uns alle heute wichtig ist." Er lud für 2017 zum ESC nach Kiew ein, als einen möglichen Austragungsort nannte er das Olympiastadion.

Jamalas Siegersong "1944" war offiziell dem Leiden der Krim-Tataren gewidmet, die von Sowjetdiktator Josef Stalin 1944 nach Zentralasien deportiert worden waren. Der Beitrag war aber auch eine kaum verhohlene Anspielung an die jüngere Geschichte der Halbinsel, nämlich an die militärisch durchgesetzte Annexion der Krim durch Russland 2014 (Lesen Sie hier die Analyse). So wurde ihr Lied jedenfalls auch in der Ukraine verstanden, das zeigen die Reaktionen auf Jamalas Erfolg.

Refat Tschubarow, ein Anführer der Tataren, pries den ESC-Triumph als "wichtigen Schritt für die Befreiung der Krim". Moskau hat Tschubarow und andere Tatarenfunktionäre mit Einreiseverboten belegt und die Medschlis verboten, das Selbstverwaltungsorgan der Tataren. Mustafa Najem, ukrainischer Abgeordneter der Parlamentsfraktion von Präsident Poroschenko und 2013 einer der Initiatoren des Euromaidan, verkündete, im kommenden Jahr müsste der Song Contest "in der historischen Heimat von Jamala stattfinden, der ukrainischen Krim".

Besonders großer Beliebtheit erfreute sich ein Tweet mit der Forderung, alle Russen sollten sich "von der Krim verpissen. Wir haben dort nächstes Jahr Eurovision und müssen noch nach euch sauber machen".

Sergey Lazarev bei seinem Auftritt
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Sergey Lazarev bei seinem Auftritt

Doch bereits vor dem Wettbewerb hatte es Diskussionen gegeben: Russische Abgeordnete forderten, Jamala wegen des politischen Subtexts ihres Beitrags zu disqualifizieren. Dem wollten die ESC-Veranstalter nicht folgen. Ihnen wäre der Vorwurf gemacht worden, russischen Zensurwünschen zu entsprechen.

Für Ärger sorgt in Russland auch das Zustandekommen des ukrainischen Siegs. Nach der Publikumswertung hätte nämlich der russische Teilnehmer Sergey Lazarev gewinnen müssen. Der Favorit der Wettanbieter wurde in der Gesamtwertung aber nur Dritter - die Juroren hatten ihn deutlich schlechter bewertet. (Lesen Sie hier die Erklärung zum neuen Voting-System.)

Lazarev, selbst ein Gegner der Krim-Annexion durch Russland, zeigte sich enttäuscht von dem Ergebnis. Er könne nicht nachvollziehen, warum das Votum der Jury so anders ausgefallen sei als das der Zuschauer. "Einige Jurys haben uns boykottiert", klagte der Russe, der eine aufwendige Show in Stockholm präsentierte. Tatsächlich bekam Lazarevs Auftritt, den die meisten Zuschauer für den besten hielten, von Juroren in 20 von 41 Ländern nur null Punkte (Lesen Sie hier die detaillierten Ergebnisse für Russland).

Die Russen wittern die große Verschwörung

Es ist nicht so, dass die Enttäuschung die Russen überraschend getroffen hätte. Dabei hätten sie einen Sieg gut gebrauchen können angesichts der chronischen Wirtschaftskrise. Das russischen Geheimdiensten nahestehende Portal "Lifenews" erklärte seinen Lesern bereits vor dem Wettbewerb, dass beim ESC ausschließlich "nach geopolitischen Prinzipien" abgestimmt wird. Beim zum Gazprom-Imperium gehörenden Fernsehsender NTW war noch kurz vor Beginn des Finales am Samstagabend zu hören, in Wahrheit handele es sich um eine "Arena für Intrigenspiele, einen Ort für provokative Äußerungen und Auftritte".

Schon bevor dann später tatsächlich mit dem Sieg von Jamala der - aus russischer beziehungsweise Kreml-Sicht gesehen - größte anzunehmende Unfall eintrat, war die Erklärung dafür vorbereitet. Wann immer etwas eintritt, was Russland nicht passt, handelt es sich natürlich nur um ein Komplott, es kann gar nicht mit rechten Dingen zugegangen sein.

Es ist nicht das erste Mal, dass Russland - traditionell stark beim ESC - mit dem Wettbewerb fremdelt. Als vor zwei Jahren Conchita Wurst gewann, galt das für Moskau als vermeintlicher Beweis dafür, Europa stehe kurz vor dem Untergang. Vize-Minister Dmitrij Rogosin ätzte, die EU habe allen "Anhängern der europäischen Integration ihre europäische Zukunft gezeigt: ein Mädchen mit Bart."

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Nach Jamalas Sieg ist der Ton in Moskau ähnlich hysterisch. Russische Medien wittern wieder einmal die große Verschwörung. Die regierungsnahe Boulevardzeitung "Komsomolskaja Prawda" titelt am Sonntag, die "europäische Jury" habe Russland den Sieg gestohlen. "Das sieht alles so aus, als habe jemand um jeden Preis einen Sieg Russlands vermeiden wollen", behauptet das Massenblatt.

Unerwartete Unterstützung bekam Russland von einer Organisation, die bisher nicht durch gesteigertes Interesse am ESC aufgefallen war: Die Enthüllungsplattform Wikileaks twitterte etwas wirre Verschwörungstheorien. Der Wettbewerb repräsentiere nur "die westeuropäische und andere Gruppe beim Uno-Sicherheitsrat" und sei überhaupt nur ein Mittel, um die Menschen "von anderen Skandalen abzulenken". Der Sieg der Ukraine? Ein ganz klarer Fall von "Geopolitik". Wikileaks-Gründer Julian Assange hatte mal eine eigene Sendung bei Russia Today, dem Auslandssender des Kreml.

Angesichts solch schriller Töne ging unter, das ausgerechnet die Zuschauer in Russland und der Ukraine keine Lust auf Grabenkämpfe zu haben schienen. Siegerin Jamala bekam zwar von der russischen Jury null Punkte, vom Publikum aber sogar zehn. Und für Lazarev, den enttäuschten Sänger aus Russland, gab es von den Ukrainern sogar die Höchstzahl: zwölf Punkte.


Zusammengefasst: Die Ukrainerin Jamala hat den Eurovision Song Contest mit ihrem Lied über die Deportation der Krimtataren gewonnen. Präsident Petro Poroschenko gratuliert überschwänglich. In den russischen Medien ist dagegen von einem gestohlenen Sieg die Rede. Der russische Sänger Sergey Lazarev landete nur auf Platz drei der Gesamtwertung, obwohl er der Zuschauerliebling des Finales war.

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