ESC-Vorentscheid: Die zehn Kandidaten Honig im Topf

Xavier Naidoo fährt ja nun doch nicht zum ESC - stattdessen schickt die ARD Mittelalterchoräle und Ralph-Siegel-Nachwuchs in den Vorentscheid. Wer hat das Zeug zum Gewinner?

"The Voice"-Gewinnerin Jamie-Lee Kriewitz: Ihr Lied für Stockholm?
Universal Music/ Michael Zargarinejad/ NDR

"The Voice"-Gewinnerin Jamie-Lee Kriewitz: Ihr Lied für Stockholm?

Von


Im November nominierte der NDR Xavier Naidoo als einzigen Kandidaten für den ESC - und ruderte nach öffentlichen Debatten um politisch brisante Aussagen des Sängers zurück. Stattdessen kämpfen jetzt beim deutschen Vorentscheid am 25. Februar zehn Musikprojekte um die Teilnahme. Wer soll zum Finale nach Stockholm? Beim Kandidatencheck wird klar: Auch dieser Weg wird kein leichter sein.

Oliver Zwack/ NDR

Alex Diehl: "Nur ein Lied"

Wer? Alex Diehl ist ein gestandenes Mannsbild aus dem bayerischen Chiemgau, das "nach zehn Jahren harter Arbeit" im Herbst einen Plattenvertrag mit dem Marktführer unterschrieben hat - nachdem "Nur ein Lied" nach den Anschlägen von Paris am 13. November zum Viralhit geworden war.

Wie klingt's? Tja. Es ist eben nur ein Lied. Akustikgitarre, ganz hübsche Melodie, zuletzt bei TV-Auftritten häufiger mit Streichorchestern garniert. Aber: Hier geht es um den Text.

Naidoo-Faktor? Gering. Zwar versucht sich auch hier ein Liedsänger an politischer Analyse, doch was Alex Diehl da erkennt, ist wenig kontrovers: "Aus Angst wird Hass, aus Hass wird Krieg, bis die Menschlichkeit am Boden liegt."

Was für Stockholm? Friedensbotschaft zur akustischen Gitarre, da muss man natürlich an Nicole denken; wenn auch nicht gerade optisch. Aber es ist doch ein Lied, was vor allem von dem Moment lebte, in dem es populär wurde.

Alex Kuehr/ NDR

Avantasia: "Mystery of a Blood Red Rose"

Wer? Avantasia war ursprünglich ein Nebenprojekt des Sängers von Edguy, Tobias Sammet, mit dem er seine Träume von einer Metal-Oper zu verwirklichen suchte. Inzwischen hat Sammet Avantasia zu einer Art Melodic-Metal-Allstarband ausgebaut.

Wie klingt's? Höchst pathetisch natürlich. Mit Wuchtschlagzeug, singendem Gitarrensolo und prallen Chören.

Naidoo-Faktor? Vernachlässigenswert. Sollte Metal als Genre überhaupt noch Kontroversen auslösen, so doch sicher nicht in dieser Bombastkitschform.

Was für Stockholm? Metalfans sind eine relevante Zielgruppe, speziell in Nord- und Osteuropa. Aber schaltet die beim ESC ein? Manche Fans der Band äußern sich jedenfalls schon kritisch zur Vorentscheidteilnahme. Und eine solche Freakshow wie Lordi, die ESC-Sieger von 2006, bieten Avantasia auch nicht.

Felix M. Weber/ NDR

Ella Endlich: "Adrenalin"

Wer? Jacqueline Zebisch wurde 1984 in Weimar geboren, sang als Teenager unter dem Namen Junia englischsprachigen Charts-Pop, erfand sich dann aber als Schlagersängerin Ella Endlich neu. Ihr größter Erfolg war 2009 eine Version des Märchenfilmsongs "Küss mich, halt mich, lieb mich", nach dem auch ihr 2014 erschienenes Best-of-Album benannt ist.

Wie klingt's? Ihr Song "Adrenalin" ist noch nicht veröffentlicht. Doch im Allgemeinen singt Ella Endlich sehr ernsthaften, völlig unkoketten Schlager ohne Modernitätsinsignien, so deutlich phrasiert, wie sich das auf Musicalbühnen gehört.

Naidoo-Faktor? Abgesehen davon, dass ja so manche Ballade des Mannheimers auch nur knapp am Worthülsengeklingel des Schlagertexthandwerks vorbeischrammt - natürlich gleich null.

Was für Stockholm? Nein, erreicht höchstens Siebzigerjahreschlagernostalgiker und Kunstliedfanatiker - nicht das paneuropäische Pop-Publikum, von dem die ESC-Initiatoren träumen.

Christian Barz/ NDR

Gregorian: "Masters Of Chant"

Wer? Der Hamburger Musikproduzent Frank Peterson steckte schon hinter dem Projekt Enigma - seinerzeit mit Michael Cretu, dem damaligen Mann der Popsängerin Sandra. Den Trick mit der Mischung aus mittelalterlichen und elektronischen Klängen wiederholte Peterson mit Gesang nach Art der gregorianischen Choräle.

Wie klingt's? Nach wohlig düsterem Choralkitsch.

Naidoo-Faktor? Der Gesangsstil von Gregorian stammt aus einer Zeit, als es die Bundesrepublik Deutschland als Staat noch gar nicht gab. Sie also auch noch nicht anerkannt werden konnte.

Was für Stockholm? Nicht undenkbar, wobei ESC-Fanatiker stets aufstöhnen, wenn Projekte wie Gregorian antreten, die kalkuliert den kleinsten gemeinsamen musikalischen Nenner Europas ansprechen wollen. Ein weiteres mögliches Problem: Die Kutten schränken bei der Bühnenshow ein.

Universal Music/ Michael Zargarinejad/ NDR

Jamie-Lee Kriewitz: "Ghost"

Wer? Die Siegerin der jüngsten Staffel von "The Voice of Germany". Sie ist 17, stammt aus dem niedersächsischen Bennigsen, liebt K-Pop und will später mal Koreanistik studieren.

Wie klingt's? Die K-Pop-Produktionsfirmen bedienen sich oft bei den avanciertesten Songwriterschmieden Schwedens und Großbritanniens, wie viele ESC-Teilnehmer heutzutage also. Hier allerdings hat DJ Thomilla produziert, ein Mann aus dem Umfeld der Fantastischen Vier. Wir hören vage melancholischen Schleppbeat-Pop.

Naidoo-Faktor? Eine Wahl von Jamie-Lee Kriewitz wäre in etwa so frisch, wie wenn man 1994 den Rödelheim-Hartreim-Backingsänger Xavier Naidoo zum Grand Prix geschickt hätte.

Was für Stockholm? Durchaus, schließlich ist "The Voice" europaweit die Castingshow, die derzeit die meisten ESC-Teilnehmer hervorbringt. Den Asiavision Song Contest hätte sie im Sack.

Sony Music/ Benedikt Schnermann/ NDR

Joco: "Full Moon"

Wer? Die beiden Schwestern Josepha und Cosima Carl aus Hamburg, die vom Popkurs der Itzehoer Versicherungen gefördert wurden, wie wir schon einmal in der Abgehört-Kolumne erfreut feststellen durften. Ihr Debütalbum "Horizon" erschien im Juni 2015.

Wie klingt's? Der Vorentscheidsong ist darauf nicht vertreten, also noch unveröffentlicht. Bisher haben sich die Schwestern auf einen eigentümlich säuselnden Harmoniegesang zu Klavier-Folk-Pop spezialisiert.

Naidoo-Faktor? Weitgehend unbekannte Interpreten singen Persönliches. Nein, wirklich nicht.

Was für Stockholm? Anspruchsvoller moderner Pop hatte seine Momente in den letzten Jahren. Also: Warum nicht?

Eduardo Pavez Goye/ NDR

Keøma: "Protected"

Wer? Die australische Songwriterin Kat Frankie lebt schon seit zehn Jahren in Berlin, spielte zuletzt in der Band von Olli Schulz. Für ihr neues Projekt hat sie sich mit dem Kölner Musiker Chris Klopfer zusammengetan.

Wie klingt's? "Protected" ist so eine hinterhältige Ballade, die sich beim dritten Hören anschleicht und im Kopf hängenbleibt. Sehr zeitgemäß, auf den Spuren von Lana Del Rey.

Naidoo-Faktor? So reizvoll der Song ist: Auftritte wie dieser sind das Gegenteil von dem, was sich NDR-Unterhaltungschef Thomas Schreiber gedacht haben dürfte, als er Xavier Naidoo ins Rennen schickte.

Was für Stockholm? Da es beim Vorentscheid kein drittes Hören geben wird: leider keine Chance.

Claude Langlois/ NDR

Laura Pinski: "Under The Sun We Are One"

Wer? Von Rihanna bis zu Ralph Siegel ist es ein weiter Weg - die Düsseldorferin ist ihn gegangen: Mit Rihannas "Diamonds" trat sie 2012 beim RTL-"Supertalent" auf. Mit einer Siegel-Komposition will sie nun nach Stockholm kommen.

Wie klingt's? Wir wissen es noch nicht, aber der Songtitel lässt auf eine große Völkerverständigungshymne schließen - und Siegels Kompositionsgeschichte auf eine Tonartverschiebung vor dem vorletzten Refrain.

Naidoo-Faktor? Wenn es ausgerechnet der sich in Deutschland für verfemt haltende Ralph Siegel wäre, der dem nach dem Naidoo-Debakel in die Kritik geratenen Schreiber mit einem guten Platz im Finale den Kopf retten würde - das wäre schon eine gute Geschichte.

Was für Stockholm? Siegels Titel für San Marino schafften es in den letzten vier Austragungen nur einmal ins Finale - wo es dann Platz 24 von 26 gab. Es ist keine sehr realistische Geschichte.

Ben Wolf/ Universal Music/ NDR

Luxuslärm: "Solange Liebe in mir wohnt"

Wer? Eine "in die Jahre gekommene Schülerband" nennt der ESC-Blog von "Prinz" die Iserlohner Formation um Sängerin Jini Meyer.

Wie klingt's? Den ESC-Titel "Solange Liebe in mir wohnt" gab's noch nicht zu hören, aber über Luxuslärms bisheriges musikalisches Werk urteilte der Kritiker Linus Volkmann: "Gesungene Horoskope für Unsympathen".

Welcher Naidoo-Faktor? Gibt es möglicherweise Musiker in Deutschland, die noch stärkere Hasstiraden auslösen als Xavier Naidoo?

Was für Stockholm? Besser nicht.

Schall und Schnabel/ NDR

Woods of Birnam: "Lift Me Up (From The Underground)"

Wer? Woods of Birnam hat der Schauspieler Christian Friedel ("Das weiße Band", "Elser") mit Musikern der Band Polarkreis 18 gegründet. Sie dümpelte so herum, bis Schauspielerkollege Til Schweiger einen Song von Woods of Birnam für den Film "Honig im Kopf" auswählte.

Wie klingt's? Der Sound der Band bisher passt ins schweigersche Beuteschema (siehe z.B. OneRepublic): Mid-Tempo, melodiös, mittelaufregend.

Naidoo-Faktor? Wird durch den Schweiger-Faktor ersetzt.

Was für Stockholm? Der Bandname stammt aus "Macbeth" - ein europaweit als bekannt vorauszusetzendes Drama. Der Schauspieler Friedel sollte eine eindrucksvolle Sängerrolle hinkriegen. Wenn jetzt nur der Song noch etwas taugen würde.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 31 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
icedearth 12.01.2016
1. Besser Metal als die anderen Heulbojen...
Ich bin sehr dankbar, dass sich Tobias Sammet zur Verfügung stellt, den gleichförmigen ESC Eintopf zu rocken... Könnte sich lohnen, den Vorendscheid anzugucken.... Allerdings wird die andere Contestsülze dadurch auch nicht besser.... Sei's drum... In Zeiten des Dauerterrors und der weltweiten Unmenschlichkeit, in Zeiten der Wiederkehr des tiefbraunen Spiessbürgers und der notleidenden Flüchtlingslager ist es gut, schwachsinnige Veranstaltungen wie den ESC zu kommentieren. .. Es lebe die Nichtigkeit in Zeiten der menschlichen Ignoranz... Never too old to rock... .
keksen 12.01.2016
2.
Ich finde es immer ein bisschen schade, dass so wenige deutsche Songs dabei sind. Schon klar, das erhöht nicht unbedingt die Siegchance, aber so ne 50-50-Auswahl wäre ganz schön.
realitätssprecher 12.01.2016
3.
Objektiv gesehen hat Avantasia (sofern kein anderes Land was Metal/Rocklastiges schickt) die höchsten Gewinnchancen. Lordi gewannen nicht nur wegen den Kostümen und Schockeffekten... Wenn 24 Leute seichten Pop machen teilen die sich viele Anrufer auf. Da sticht die eine Rocknummer dann raus.
townsville 12.01.2016
4.
Avantasia hat mit "Metal" absolut gar nichts zu tun. Da lacht sich Skandinavien kaputt drüber.
spon-facebook-10000167010 12.01.2016
5.
Schade, dass die spannendste Band nicht dabei ist: Die Kassierer aus Wattenscheid
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.