ESC-Vorentscheid Triumph des Zierbömmels

Die Konkurrenz war, äh, hart: Jamie-Lee Kriewitz konnte sich beim ESC-Vorentscheid gegen Glitzerkutten, Miederhosen-Schlager und Gutmeine-Songs durchsetzen. Das weckt Hoffnung.

DPA

Von


Das unerschrockene, schussfeste Show-Schlachtross Barbara Schöneberger singt "Vor-Vor-Vorentscheid" auf die Melodie von "Dsching-dsching-Dschingis Khan" - lange musste man zu Hause bangen, diese prächtige Szene aus dem Eröffnungs-Medley sollte die eindrücklichste musikalische Darbietung des Abends bleiben.

Denn Jamie-Lee Kriewitz, das 17-jährige Mädchen aus dem Schreckwald, dieses putzige Tierchen mit den Zierbömmeln auf dem Kopf und der besonderen, manchmal so tief im dunkelsten Seelenbodenschlamm gründelnden Stimme, die zu Recht schon "The Voice of Germany" gewann und nun Deutschland beim Eurovision Song Contest in Stockholm vertreten wird, trat fast als Letzte auf und an. Zuvor war vieles - schwierig.

"Wenn du mir den Kümmert machst, mach' ich Hackfleisch aus dir", hatte die Schöneberger als Abschluss ihres angenehm selbstironischen Medleys (inklusive "Dieser Weg"-Naidoo-Schwanengesang) gedroht. Doch tatsächlich stand nicht zu befürchten, dass die diesjährigen Kandidaten am Ende doch noch einen Rückzieher machen würden wie der angesprochene eigentliche Vorjahressieger - wer hier auftrat, drängte ganz deutlich auf die große Bühne, auch wenn das nicht immer die brillanteste Idee schien.

Eine extrem wilde Mischung hatten die Vorauswahl-Verantwortlichen zusammengeschüttet, ein bisschen wie eine dieser Zuckertüten, die man sich auf Volksfesten halb angerauscht an Wucherständen selbst zusammenschippen kann, und die dann, hastig verschlungen, im Magen zu gärigem Glibber gerinnt.

Als da wären: Die Schlagerette Ella Endlich, die für "Adrenalin" ganz offensichtlich in die Helene-Fischer-Rumsreim-Schule gegangen ist und eine gewagte Kombi aus Miederhöschen und Röntgen-Unterleibsschutzschürze trug, als hätte man ihr das Trickkleid versehentlich schon backstage vom Körper gerissen.

Das Schwesternduo Joco mit irgendwie glutenfrei klingendem Husche-Folk. Die brutal erfolgreichen und dennoch rechtschaffen albernen Chant-Mönche von Gregorian in ihren für Ordensleute doch etwas arg flashy Glitzerroben. Woods of Birnam, ein Popprojekt von Polarkreis-18-Veteranen und Schauspieler Christian Friedel, das weniger durch seine Musik als durch die tollen rickastley-esken Tanzfaxen des Goldjäckchensängers im Gedächtnis blieb.

Außerdem Luxuslärm, die mit Zeilen wie "Ich füll ein Meer mit meinen Tränen/solange Liebe in mir wohnt" und Musik wie vom Stadtfest (cirka 16 Uhr nachmittags) das exakte Mittel zwischen Kirchentag und Wolfgang Petry punktlandete. Schläferle-Elektro von Keoma. Avantasia mit Bombast-Poserrock (inklusive längst vergessener Bon-Jovi-Gedächtnisgesten wie dem Bücklingsgang mit Schrumpfmikroständer). Herzensgutes, aber doch auch arg simples "Gewalt ist schlimm, bitte aufhören damit"-Songwriterwerk von Alex Diehl - und schließlich Ralph Siegel being Ralph Siegel, der Sängerin Laura Pinski eine klassische ESC-San-Merino-Nummer auf Leib und mit dem Boden verschmelzendes Trickkleid schrieb.

Avantasia und Alex Diehl schafften es mit Jamie-Lee ins Halbfinale. Wirklich gut, dass am Ende das Mädchen aus dem Schreckwald gewann, der frischeste, modernste, womöglich wirklich auch ESC-tauglichste Beitrag. Spaßbömmel für Europa - das ist kein schlechtes Rüstzeug für die puschelige Gegenwirklichkeit des Sangeswettbewerbs.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 151 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
fatherted98 26.02.2016
1. tja...
...egal wer da hinfährt...er/sie hat schon verloren. Abgestimmt wird nicht über Musik sondern über Sympathie gegenüber dem jeweiligen Land....und da rangiert Deutschland...wie auch in den letzten Jahren auf dem letzten Platz.
henrich.wilckens 26.02.2016
2. Gut gelungen
Der RFC (= Rützels Fanclub) wird feststellen: Gut gelungene und mit wunderbaren Wortschöpfungen verzierte Beschreibung des Gesehenen - deutlich gebremster als bei anderen Anlässen.
Thorkh@n 26.02.2016
3. Habe mir den ...
... Siegersong gerade mal angetan: Alles schon 1000 mal gehört und 1000 Mal ist nichts passiert. Einheitsbrei aus Tonleitertristesse. War schon richtig, gestern Fußball-Euroleague zu schauen.
k.k.laake 26.02.2016
4. Wieder mal auf den Punkt!
Von Rick Astley bis Bon Jovi, genau das waren auch meine Eindrücke. Jamie-Lee war die verdiente Siegerin, auch wenn mir ihr Auftritt etwas zu Standbild-mässig war und wir mit diesem Song einen der hinteren Plätze sicher haben.
oceang 26.02.2016
5. Wie letztes Jahr...
0 Punkte. Die Deutschen si selbstverliebt, dass sie lernresistent geworden sind, was das Schreiben guter Songs betrifft.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.