Étienne Daho in Berlin Frankreichs größter Fan

Zum ersten Mal seit 25 Jahren spielte einer der wichtigsten Popstars Frankreichs wieder ein Konzert in Deutschland: Étienne Daho beschwor Jugenderinnerungen herauf, begeisterte aber auch mit Gegenwärtigem.

Votos/ Roland Owsnitzki

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Es ist eine Lektion in Fan-Sein, dieses Konzert in Berlin. Étienne Daho ist nach Deutschland gekommen, zum ersten Mal seit 25 Jahren. In Frankreich löste er in den Achtzigern mit Synthie-Pop-Hits eine "Dahomania" aus, etablierte sich danach als Albumkünstler und ist heute allseits anerkannt als eine Größe des dortigen Musikgeschäfts.

In Berlin, in der Schlange vor dem Festsaal Kreuzberg, wird an diesem kalten Januarmontagabend ganz überwiegend Französisch gesprochen, nur ein paar frankophile Deutsche haben sich dazwischen gemischt. Den Durchbruch im Nachbarland hat Étienne Daho nie ernsthaft versucht. Nur 1993 wagte er mal eine Tournee ins nicht-frankophone Ausland, mit vier Konzerten in Deutschland. Dass ausgerechnet das Deutsch-Französische Jugendwerk das Konzert präsentiert, wird vielfach belächelt - ihre Jugend haben die meisten hier schon länger hinter sich.

Étienne Daho reiht sich sehr bewusst ein in die Traditionslinie des französischen Pop, er hat mitFrançoise Hardy und Jacques Dutronc gearbeitet, sich mit Serge Gainsbourg zu Gesprächen getroffen. Für die nachfolgende Generation der Pop-Chansonniers, von Benjamin Biolay und Dominique A bis Lescop war er Inspiration und Türöffner. Im Winter 2017/18 präsentierte er seine französischen Favoriten sogar in einer Ausstellung in der Pariser Philharmonie - die vorzügliche Videoclip-Selektion dazu ist noch online.

Wenn man sich grundsätzlich für französischen Pop interessiert, kommt man also um Daho nicht herum. Aber zum Fan wird man ja anders: Man hört diese sanfte Stimme, schmeichelnd und doch cool, und sie ist die Rettung - aus Liebesleid oder Teenagerüberdruss oder Ferienlangeweile. Wenn so eine Stimme mal geholfen hat, hört man sie immer wieder heraus - und ist ein bisschen dankbar.

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Étienne Daho live: Berlin, France

Und so ist sie dann im Saal zu hören, zunächst als Sprechstimme, begleitet von Sirenen. Étienne Dahos jüngstes Album heißt "Blitz", eine Anspielung auf die deutschen Luftangriffe auf London, die Stadt, in deren Anonymität sich Daho seit langem zurückzieht, wenn ihm die Bewunderung seiner Landsleute zu viel wird. "Blitz"-Tour - das klingt nach der "Bravo"-Beatles-Blitztournee, aber natürlich begeistern sich die Zuschauer hier auf gesittetere Art. Manche schauen erstmal schüchtern um sich, bevor sie Tanzschritte wagen.

Aber es werden schnell mehr, denn es stellt sich heraus, dass das große Gerät, das Daho hier aufgefahren hat - Flacker-Lichtshow, zahlreiche Wechselgitarren, Plexiglas-Kabine ums Schlagzeug - zwar für die größeren Hallen seiner heimischen Konzerte ausgerichtet ist. Doch es erfüllt seinen Zweck auch hier im kleineren Rahmen, und auch der Sänger scheint die Nähe zum Publikum zu genießen: Sein ins Publikum gerufenes "Happy to be here" klingt glaubwürdig. Auf Französisch merkt Daho an, er wisse schon, dass viele Franzosen hier seien, aber die Deutschen fänden Englisch cooler. "Non!", schallt es zurück. Er bleibt trotzdem bei den englischen Ansagen.

Ringelshirts im Publikum

Es gibt so ein paar Popsänger, die man an ihren Bewegungen erkennen würde, selbst wenn man sie nur im Schattenriss sähe - Elvis, Michael Jackson, Morrissey. Mit Étienne Daho könnte das durchaus auch gelingen, obwohl es nur ein paar Gesten sind, ein leichtes Wackeln hier, eine ausgestreckte Hand dort. Aber sie wirken vertraut, sobald man mal ein Video von ihm gesehen hat. Der inzwischen 63-Jährige trägt sie auf der Bühne alterslos elegant vor und wird entsprechend dafür bejubelt.

In Interviews hat Étienne Daho erzählt, dass sein erstes selbstgekauftes Album das erste von Pink Floyd war, "The Piper At The Gates Of Dawn". Es war dem jungen Étienne eine solche prägende Hilfe, dass er heute gleich zwei Stücke zu Ehren des damaligen Sängers Syd Barrett spielt, eine Coverversion ("Arnold Layne") und eine eigene Hommage. Dass Daho selber Fan ist, das stellt er immer wieder offensiv aus, so funktioniert dieser Mensch, so funktioniert auch seine Musik. Voller Stolz präsentiert er später den Song "L'Étrangère", für den er Blondie-Sängerin Debbie Harry als Gastsängerin gewinnen konnte. Als Harrys Stimme vom Band erklingt, strahlt Daho.

Im Publikum haben einige Leute Ringelshirts an - so wie Étienne Daho auf dem legendären vom Künstlerpaar Pierre et Gilles gestalteten Albumcover von "La Notte, La Notte", mit dem Daho Mitte der Achtziger anfing, bekannt zu werden. Ja, natürlich spielt Daho seine großen Hits aus dieser Zeit, "Tombé pour la France", "Épaule Tattoo"; Paare liegen sich in den Armen, singen "Ba-da-Ba-ba" und denken vielleicht an erste Küsse auf Dorffesten. Doch bei aller Nostalgie, die Daho da antriggert: Er ist Musikfan genug, um die Songs im Sound zu aktualisieren, manche Achtziger-Synthie-Fanfare ist nur noch zwischendurch kurz als Selbstzitat zu hören.

Nach zwei Stunden ist das Programm samt Zugaben durch, doch die Band kommt noch einmal zurück, wiederholt zwei Stücke. "À bientôt", verabschiedet sich Étienne Daho. Bis bald? Wäre schön! Es muss ja nicht wieder 25 Jahre dauern.



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