Dragqueen siegt beim Eurovision Song Contest Conchitas Liebesgrüße nach Moskau

Triumph der bärtigen Conchita Wurst aus Österreich: Sie machte den Eurovision Song Contest zu einem Referendum darüber, was in Europa gesellschaftlich akzeptiert wird und was nicht. Sie siegte - Russland wurde ausgebuht.

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Weit nach Mitternacht stand die Siegerin des "Eurovision Song Contest" offiziell fest. Es war nicht nur das viertbeste Ergebnis in der Geschichte des Wettbewerbs, es war auch ein im besten Sinne europäisches Ergebnis, der erste Sieg für Österreich seit 1966: Conchita Wurst konnte mit "Rise like a Phoenix" alle anderen Künstler auf die Plätze verweisen. Es war der Schicksalsabend einer Kaiserin.

War es auch ein unterhaltsamer Abend?

Kommt darauf an, ob man sich auf die Songs oder darauf konzentrierte, wofür diejenigen standen, die sie zum Vortrag brachten. Wer auf die Frage nach seiner Lieblingsmusik mit dem Namen seines favorisierten Radiosenders antwortet, für den dürfte es ein vergnüglicher Abend mit hohem Wiedererkennungswert gewesen sein. Es gab eine italienische Version von Pink, eine finnische Version von Coldplay, eine niederländische Version von The Police, eine maltesische Version von Mumford & Sons und eine dänische Version von ELO. Griechenland wagte einen zaghaften Ausfallschritt in den Hip-Hop, Island warf sich dem Kindergartenpunk in die Arme.

Ansonsten herrschte das übliche Nebeneinander von Augenzwinkern und Pathos, demonstrativer Lebensfreude und großen Gefühlen. Es wurden Anzüge und Kleider und Frisuren getragen. Wenn die Windmaschine lief, gab's auch mal Haut zu sehen. Tänzer tanzten, hüpften Trampolin oder fuhren auf Rollschuhen über die spiegelnde Bühne. Ganz bei sich war auch dieser ESC wieder in den obligatorischen Schnelldurchläufen, bei denen alle Nummern des Abends im Sekundentakt vorbeirauschten und so zu einem süßlichen, bunten und ungenießbaren akustischen Amalgam verschmolzen wurden.

Musik? Es geht um Politik beim ESC

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Eurovision Song Contest: Windmaschinen, Pyrotechnik, allergrößte Gefühle
Nun wird allenthalben so hartnäckig behauptet, bei dieser Veranstaltung ginge es um Musik, dass höchstwahrscheinlich das Gegenteil richtig ist. Es geht um Politik, immer, und diesmal noch wesentlich mehr als sonst.

Für die Schweiz trat ein pfeifender Wirtschaftsanwalt an, im Halbfinale warf sich ein junger Mann aus Bochum für Lettland ins Zeug. Für Deutschland ging eine Saarländerin mit polnischer Mutter und ukrainischem Vater ins Rennen - Elaiza belegten nur den 18. Platz. Das winzige San Marino hatte seine drei Minuten ebenso wie die letzte Diktatur auf europäischem Boden, Weißrussland.

Diese Vielfalt nationaler Identifikationsmöglichkeiten, verbunden mit dem Zwang, nur für die anderen und damit das Gute im anderen wählen zu dürfen, immunisieren den ESC eben gegen geschmäcklerische Einwände - und machen ihn zugleich zu einem gesellschaftlichen Großereignis, bei dem es um mehr als nur den Spaß geht und wo ganz andere Dinge verhandelt werden als "gute" oder "schlechte" Musik.

Punkte für Russland wurden im Saal mit Buh-Rufen quittiert

Spätestens bei der Stimmverteilung war es denn auch vorbei mit dem Spaß und der beschwipsten familiären Atmosphäre. Da wurde es frostig. Punkte für Russland wurden im Saal mit Buh-Rufen quittiert, was es in solcher Deutlichkeit bisher noch nicht gegeben haben dürfte. Moderator Peter Urban erklärte es zwar sogleich für "unklar", ob die Abneigung der Musik der beiden 17-jährigen Teilnehmerinnen oder doch ihrem Präsidenten galt. Das traurige Schauspiel wiederholte sich allerdings, als Russland seine 12 Punkte an Weißrussland vergab - dabei gab's auch 7 Punkte für die Ukraine.

Schließlich war es allein die Teilnahme von Tom Neuwirth alias Conchita Wurst aus Österreich, die diesen ESC zu einem paneuropäischen Referendum darüber machte, was auf diesem Kontinent gesellschaftlich akzeptiert wird - und was nicht.

"We are unstoppable"

Als Diva mit Vollbart, die übrigens mit "Rise like a Phoenix" einen tadellosen Bond-Song hinlegte, spaltete Neuwirth die Spaß- und Wirtschaftsgemeinschaft wieder entlang ihrer unsichtbaren Wertegrenze zwischen Ost und West.

In Minsk und Moskau war gegen seinen Auftritt scharf protestiert worden. Punkte für den Travestiekünstler mussten daher zwangsläufig zum freiheitlichen Glaubensbekenntnis zu genau dem "Gayropa" werden, als das der Kreml Europa gerne abfällig bezeichnet.

Am Ende kam es doch noch zu einem wirklich packenden Kopf-an-Wurst-Rennen zwischen Österreich und den Niederlanden. Die konnten sich mit dem Duo The Common Linnets und einem soliden Neo-Country-Beitrag auf der Bass-Basis von "Every Breath You Take" zwar musikalisch deutlich vom Rest des Feldes absetzen. An diesem Abend aber war die Wahl eine ideologische, und sie hätte deutlicher nicht ausfallen können.

Conchita Wurst war sich der symbolischen Qualität ihres Sieges durchaus bewusst. Sie wusste genau, wofür sie stand, als sie sichtlich erschüttert und unter Tränen auf der Bühne die Faust reckte: "We are unstoppable!" Wenn das so ist, sollte einer Rolle als Bond-Girl nichts mehr im Wege stehen.

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Helga-B- 11.05.2014
1. Unglaublicher Kommentar von Arno Frank
Glaubt der Verfasser dieses Artikels das wirklich, was er da schreibt ? Ich dachte nur, daß ich im falschen Film bin oder auf der falschen Welt lebe. Nicht zu fassen, was Herr Frank von sich gegeben hat.
kimba_2014 11.05.2014
2.
Zitat von sysopAFPTriumph der bärtigen Conchita Wurst aus Österreich: Sie machte den Eurovision Song Contest zu einem Referendum darüber, was in Europa gesellschaftlich akzeptiert wird und was nicht. Sie siegte - Russland wurde ausgebuht. http://www.spiegel.de/kultur/musik/eurovision-conchita-wurst-aus-oesterreich-und-der-esc-bart-a-968744.html
Mein Beileid an die Österreicher für diese Wurst. Das habt ihr nicht verdient. Lächerlich war der Eurovision Song Contest schon lange, jetzt wird es auch noch unappetittlich. Man darf gar nicht daran denken, wie sowas in den nächsten Jahren noch unterboten werden soll. Wer oder was steht dann auf der Bühne?
celsius234 11.05.2014
3. Der Exoplanet ESC
Zitat von sysopAFPTriumph der bärtigen Conchita Wurst aus Österreich: Sie machte den Eurovision Song Contest zu einem Referendum darüber, was in Europa gesellschaftlich akzeptiert wird und was nicht. Sie siegte - Russland wurde ausgebuht. http://www.spiegel.de/kultur/musik/eurovision-conchita-wurst-aus-oesterreich-und-der-esc-bart-a-968744.html
es ist schon außerirdisch wie sich hier eine Branche auf Kosten der Steuerzahler selbst feiert. Freiheit in allen Ehren, Toleranz in allen Ehren, aber muss ich das als Normalo (minderheit ?) noch mitbezahlen. Kaum einer der Teilnehmer ist so tauglich, dass man von ihm in 2 Monaten noch spricht; kaum ein Titel. Und das Schönste die Buherei. Ehrlich liebe Anwesende, wenn ihr so für Toleranz seit, dann bitte auch für die russischen Künstler. Die können nichts dafür und in einigen der anderen Teilnehmerländer siehts mit Demokratie auch nicht gerade rosig aus.
martin_g 11.05.2014
4. Hineininterpretiert
Zitat von sysopAFPTriumph der bärtigen Conchita Wurst aus Österreich: Sie machte den Eurovision Song Contest zu einem Referendum darüber, was in Europa gesellschaftlich akzeptiert wird und was nicht. Sie siegte - Russland wurde ausgebuht. http://www.spiegel.de/kultur/musik/eurovision-conchita-wurst-aus-oesterreich-und-der-esc-bart-a-968744.html
Muss man eigentlich aus allem ein Ost-West Politikum machen? Ja angeblich hat es eine private Petition in Belarus gegen Herrn Wurst gegeben. (behauptete Der Standard) In Belarus wusste davon niemand was. Aus Österreich gab es eine deutlich grössere Petition gegen dieselbe Person. https://de-de.facebook.com/pages/NEIN-zu-Conchita-Wurst-beim-Song-Contest/723559711002948
polargreis 11.05.2014
5. Nicht anders zu erwarten von SPON
...dieser herablassend-apodiktische Tenor des Beitrags. Alles eine Kopie irgendwelcher semiprominenter Vorbilder, "ungenießbar"; man hört ja sonst nur was vordergründig als cool-rocklastig oder contemporary angesagt ist oder gleich Zwölftonmusik. Und ach ja, der ausgeleierte Vorwurf, es ginge nicht um Musik sondern nur um Politik, darf natürlich auch nicht fehlen. Eine Veranstaltung mit 37 unterschiedlichsten Teilnehmerländern kann gar nicht unpolitisch sein. Der Sieg der Wurst: Triumph des Könnens, nicht des outfits. Eine mehr als verdiente Gewinnerin. Und das outfit? Sie ist ebene eine Lady mit Bart, and that's it. Viel schwerer wiegt: Herr Neuwirth bzw. Frau Wurst ist eine seriöse Künstler/in mit Klasse, deutlich erkennbar ausgebildeter Stimme und einem eindrucksvollen, positiv-konventionellem Lied. Ost und West, Nord und Süd hat die Wurst für sich eingenommen hat, auch angeblich "homophobe" Länder haben hoch gewertet - nur Deutschland nicht mit seinen mageren 7 Punkten. Die Televoter hatten Conchita auf Platz 1 gesetzt, die unsäglich inkompetente deutsche Jury den Beitrag total downgevotet. Die Jury-Mitglieder haben weder Gespür für Zeitgeist, Performance, musikalische Qualität noch dafür gezeigt, dass hier ein Statement gegen Homo- und Transphobie stattfand. Dieses Voting ist jenseits aller Kritik; ein - berechtigter - Shitstorm ist bereits im Gange.
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