ESC-Gewinnerin Emmelie de Forest: Barfuß zum Sieg

Von Felix Bayer

Eurovision Song Contest: Malmö feiert Fotos
DPA

Eine zarte 20-Jährige aus Dänemark dominiert Europa musikalisch: Emmelie de Forest siegte mit ihrem Song "Only Teardrops" beim ESC in Malmö. Die deutsche Band Cascada landete enttäuschend auf Platz 21 - in einem Wettbewerb, der sich immer mehr dem Radio-Mainstream anpasst.

Als Emmelie De Forest über die Brücke lief, die sie in der Brückenstadt Malmö zwischen dem Green Room und die Showbühne gebaut haben, brach sich einmal kurz die ganze Nervosität Bahn, die die 20-Jährige all die Proben und die Auftritte hindurch zu verbergen gewusst hatte: Ihr Blick flirrte kurz wild umher. Der Druck, von allen stets als die große Favoriten des Eurovision Song Contest 2013 angesprochen zu werden, muss groß gewesen sein.

Um so gelöster sang sie am Ende ihren Siegertitel noch einmal. Auch hier erlaubte sie sich, den Blick schweifen zu lassen, aber diesmal mit einem befreiten Lachen. Man muss sagen, sie "erlaubte es sich", weil bei ihrem Wettbewerbsauftritt zuvor mit der Startnummer 18 jeder einzelne Blick eindeutig festgelegt war und zur Choreographie gehörte.

Ja, Dänemark hat verdient gewonnen beim Eurovision Song Contest. "Only Teardrops" war einer der eingängigsten Titel in der Auswahl. Emmelie de Forests Auftreten im weißen Sommerkleidchen, mit verwuschelten blonden Haaren, hatte auf verzückende Weise etwas von einer Waldelfe - barfuß war sie obendrein. Doch Dänemark zählte auch zu den Ländern, die am meisten gewinnen wollten.

Für ihre Performance haben die Dänen auf zahlreiche Knöpfe gedrückt, hinter denen sich bewährte ESC-Erfolgseffekte verbargen: Die Flötenmelodie zu Beginn brachte etwas Keltenmystik, die Trommler in ihren Uniformen erinnerten irgendwie an Coldplay und klangen doch vage balkanisch, zum Schluss regnete es noch Konfettitränen, das wirkt immer im Fernsehen. Und die nackten Füße, na klar: Barfuß liefen auch Sandie Shaw 1967 und Loreen 2012 zum Sieg.

Die einzigen beiden Länder, die es noch ein bisschen mehr wissen wollten - Aserbaidschan mit dem Glaswürfeltänzer und die Ukraine mit dem Riesen - landeten auf den Plätzen zwei und drei mit 234 und 214 Punkten.

Deutschland enttäuschend auf Platz 21

Für Deutschland war in diesem Wettbewerb wenig zu holen. Cascadas Bühnenaufbau beschränkte sich auf ein nacktes Gerüst mit Treppe, von dem Sängerin Natalie Horler allerdings souverän herunterstieg. An ihrem Einsatz lag es auch nicht: Mit reichlich Publikumsanfeuerungen kämpfte sie sich hinein in ihren wohl allzu simpel gestrickten Euro-Dance-Song.

Doch Applaus dafür gab es nur aus fünf Ländern: Österreich (sechs Punkte), Israel (fünf), Spanien und Albanien (drei), sowie die Schweiz, die ein Pünktchen übrig hatte. Mit den 18 Punkten landete Deutschland auf Platz 21.

Pop-Konsens statt Kuriositäten

Die Basis für die durchdachte Show der Dänen bildete natürlich das Lied, das ein Songwriterteam um die routinierte Lise Cabble komponierte, die schon 2011 mit "New Tomorrow" für A Friend In London und 1995 mit "Fra Mols til Skagen" für Aud Wilken am dänischen ESC-Titel beteiligt war und jeweils auf Platz fünf kam. Der Text scheint von einer Beziehungskrise zu handeln; Tenor: Warum machen wir es uns selbst so schwer?

"Only Teardrops" klingt nach einem Lied, wie es jederzeit im Mainstream-Pop-Radio laufen könnte. Mit musikalischen Kuriositäten kann man in den Zehnerjahren zwar immerhin noch Mittelplätze erreichen (wie Rumäniens Countertenor auf 13), aber für den Sieg braucht es offenbar ein Pop-Konsenslied - und genau solche schicken, dem schrillen Image des Wettbewerbs zum Trotz, die meisten Länder ins Rennen.

Dänemark gewann Punkte aus allen abstimmenden Ländern - mit einer Ausnahme, nämlich San Marino, kurioserweise das Land, mit dem die Abstimmungs-Bekanntgabe begann. Danach hagelte es aber Höchstplatzierungen, darunter zwölf Punkte aus Mazedonien, Serbien und Slowenien, aus Island, Frankreich und Italien sowie aus Großbritannien und Irland. Wie es sich für einen Eurovisions-Siegertitel gehört: "Only Teardrops" war populär auf dem ganzen Kontinent.

Einen Hit hat sie - wird Emmelie de Forest auch ein Star?

Das zeichnete sich schon vor dem großen Finale ab, und zwar nicht nur wegen der Wettquoten bei den Buchmachern: In zahlreichen europäischen Ländern war Emmelie de Forests Song schon in den iTunes-Charts gut platziert - das heißt, der Song wurde als Download bereits gekauft. Und das nicht nur in Dänemark oder Schweden (wo "Only Teardrops" auf Platz 2 lag), sondern auch in ferneren Regionen wie Aserbaidschan, Griechenland oder Russland.

Einen Hit hat sie also - aber wird Emmelie de Forest auch ein Star werden? Nun, sie ist noch sehr jung, ist erst vor zwei Jahren nach Kopenhagen ins Zentrum der dänischen Musikszene gezogen. Und ihre Eurovision-Performance war zu durchchoreographiert, um wirklich Rückschlüsse auf ihre Bühnen-Persönlichkeit ziehen zu können. Etwas Skepsis also ist da.

In der Geschichte der dänischen Teilnahmen beim Eurovision-Wettbewerb, die 1957 bei der zweiten Austragung begann, ist es der dritte Sieg. 1963 gewannen Grethe und Jörgen Ingmann mit der angejazzten "Dansevise" und 2000 waren es die gemütlichen Olsen Brothers mit "Fly On The Wings Of Love". Dänemark wird 2014 mit Sicherheit ein hervorragender Gastgeber sein - hoffentlich nicht auf Kosten der grandiosen Krimiserien, die das Dänische Fernsehen produziert.

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1. Verdienter Sieger...
kartenleser13 19.05.2013
...zumal die Plätze 2 und 3 schon sehr schnulzig waren. Musikalisch war Norwegen mein klarer Favorit. Der Song war dann aber wohl doch zu modern um überall Punkte zu sammeln. Dass Aserbaidschan schon wieder so weit vorn gelandet ist verdient allerdings schon ziemlich viel Anerkennung. Dass Deutschland nix reißen können würde war mit dieser Song Kopie ja von vornherein klar. Wenn man dann hier und da auch noch die Töne versemmelt... geschenkt.
2. Ein Hoch ...
wolfwal 19.05.2013
auf seichte Militärmusik. Bravo Europa!!!
3. Wie geplant
argonaut 19.05.2013
Cascada war wie geplant ganz hinten. Das war ein Strafstoß für Deutschland
4. Wirklich...
druli 19.05.2013
hübsch, die süße Dänin!
5.
Keyser Söze 19.05.2013
Peter Urban ist eine Fehlbesetzung par excellence. Der Typ ist ja sowas von peinlich. Beispiel: seine Kommentare zu Aserbaidschan. 12 Punkte von der Ukraine an Aserbaidschan wird mit einem "war ja klar, 12 Punkte an den Nachbarn (!) kommentiert". Die Vergabe der Höchstpunktzahl von Belgien an das Nachbarland Niederlande ist jedoch total normal: "Die haben es aber auch verdient!" Hingegen erstaunt ihn, dass Aserbaidschan keinen einzigen Punkt vom Nachbarland Armenien erhält ("Da wird es noch das ein oder andere Gespräch zwischen diesen beiden geben"). Peter Urban hat also nicht nur von Musik keine Ahnung, sondern auch von Weltpolitik. Den Vogel schießt er mit seinem Kommentar zu den 12 Punkten von Österreich an Aserbaidschan ab, da das "sicher nicht von alteingesessenen Österreichern stammen könne." Als hätte er die Schädel der Voter vermessen. Und die Tatsache, dass die Hälfte der Punkte von einer Jury vergeben wird, ist ihm anscheinend auch nicht bekannt.
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