ESC-Kandidatencheck Alles Käse außer Wurst?

Österreich zählt dank Conchita Wurst zu den Favoriten - doch wer hat ebenfalls Chancen, beim Eurovision Song Contest zu gewinnen? Für Deutschland bewerben sich Elaiza um Europas Sangeskrone - sie und ihre 25 Konkurrenten im Soundcheck.

AP

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In zwei Halbfinales haben sich 20 Songs qualifiziert und treffen nun auf die sechs sowieso gesetzten Titel aus dem Gastgeber- und den Zahlerländen. Die Reihenfolge wurde festgelegt, jetzt ist alles bereit für das große Finale beim Eurovision Song Contest. Wer hat Chancen? Wer blamiert sich?

Startnummer 1: Ukraine - Mariya Yaremchuk: "Tick Tock"

Mariya Yaremchuk ist die Tochter eines in den Siebzigern und Achtzigern in der UdSSR berühmten ukrainischen Sängers. Ihren ursprünglich selbst geschriebenen Song "Tick Tock" hat sie ziemlich umgebaut, nicht zuletzt wegen der politischen Ereignisse im Lande. Die Texterin des Siegertitels von Aserbaidschan 2011, die Schwedin Sandra Bjurman, hat dabei geholfen, ein modernes Stück Popmusik zu erschaffen, bei dem es im Text um Verlässlichkeit geht: "My heart is like a clock, I'm steady like a rock." Dazu rollt eine Art Rhönrad über die Bühne. Was Aussagen zur politischen Lage betrifft, so hat sich Yaremchuk bisher nicht aufs Glatteis ziehen lassen, jedenfalls nicht weiter als bis zu dem Satz, sie sei stolz, Ukrainerin zu sein.

Sympathiepunkte: 5/10

Siegchance: 5/10


Startnummer 2: Weißrussland - Teo: "Cheesecake"

Die weißrussische Antwort auf "Blurred Lines" kommt von Teo, einem in seiner Heimat weithin bekannten 31-Jährigen, der sehr augenzwinkernd daherkommt. Mehr als 20 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion stolpert man ja noch immer darüber, wenn dort eindeutig westliche Referenzen genannt werden. So kommt im Text zu "Cheesecake" das "Dirty Dancing"-Traumpaar Patrick Swayze und Jennifer Grey vor, aber der Film war ja selbst in der DDR ein Hit. Eigentlich sollte sogar Google Maps genamedroppt werden - doch aus Angst vor den strengen EBU-Regularien singt Teo den Text markennamenfrei.

Sympathiepunkte: 3/10

Siegchance: 1/10


Startnummer 3: Aserbaidschan - Dilara Kazimova: "Start a Fire"

Seit 2008 beim Eurovision Song Contest dabei, im Finale reichte es für das ölreiche Land regelmäßig zu guten Platzierungen - und 2011 sogar zum Sieg. Einen der Komponisten des damaligen Titels "Running Scared", Stefan Örn, hat man diesmal wieder beauftragt; zusammen mit zwei schwedischen Landsleuten hat er eine nicht unkomplexe Ballade für große Gefühle erdacht, allerdings ohne großen Refrain. Man ist schnell dabei, mit Zynismus auf die durchkalkulierten Beiträge Aserbaidschans zu blicken - dass wieder ordentlich Bühnenzinnober (ein Trapezkünstler) von der Musik ablenkt, macht's nicht besser. Aber man kann nicht leugnen, dass das Land immer wieder sehr talentierte Sänger an den Start bringt. Diesmal: Dilara Kazimova, die eine interessante Balladenstimme hat, etwas brüchig und rauh, mit an Rihanna erinnernden kleinen Kieksern.

Sympathiepunkte: 4/10

Siegchance: 4/10


Startnummer 4: Island - Pollapönk: "No Prejudice"

Die in den Farben der Regenbogenfahne gekleideten Männer mittleren Alters sind Expunks, die als Vorschullehrer arbeiten; in Island werden ja bekanntlich bis hin zum Bürgermeister der Hauptstadt so ziemlich alle wichtigen Posten von Expunks bekleidet. Im Background singt der Parlamentsabgeordnete Ottarr Proppe. Politisch ist auch die Botschaft des Wettbewerbstitels, wobei "No Prejudice" ja in etwa so kontrovers wie "Ein bisschen Frieden" ist. Der Song rumpelt charmant daher und wird von hübschen Tanzeinlagen begleitet, die auch Fünfjährige zum Lachen bringen würden. Danach geht's aber ab ins Bett, ja?

Sympathiepunkte: 7/10

Siegchance: 1/10


Startnummer 5: Norwegen - Carl Espen: "Silent Storm"

Am 28. März ging schon ein Traum in Erfüllung für Carl Espen Thorbjørnsen: Er trat in der Garage in Bergen auf, jener Rockbar, deren Tür der tätowierte Exsoldat einst bewachte. Carl Espen war Stargast beim Konzert seiner Cousine Josefin Winther, einer 28-jährigen Sängerin, die als die "Patti Smith Bergens" bezeichnet wird. Von Winther stammt auch das Lied, mit dem der sanfte Riese einigermaßen sensationell das norwegische Publikum für sich einzunehmen verstand. Im US-Formatradio gibt es das Genre Quiet Storm, das erwachsene Soul-Balladen bezeichnet. Soul ist es nicht, was Carl Espen singt, aber sehr balladesk, sehr erwachsen und sehr ergreifend. Bühnenerfahrung hat Espen wenig - doch im Halbfinale lauschte auch die Riesenhalle von Kopenhagen voller Rührung.

Sympathiepunkte: 7/10

Siegchance: 5/10


Startnummer 6: Rumänien - Paula Seling und Ovi: "Miracle"

Es war der Song mit dem gläsernen Doppelpiano: "Playing with Fire" kam mit viel Energie und Geschrei beim ESC 2010 auf einen sensationellen dritten Platz für Rumänien. Was lag da näher, als das Erfolgsduo wieder ins Rennen zu schicken? Der eher kleingewachsene Ovidiu Cernauteanu und die ihn überragende Paula Seling besingen die Wunder dieser Welt - und führen mit Hilfe von Hologrammtechnik auch einige auf der Bühne vor. Die Klavierbaukünstler haben diesmal anstelle des Doppelflügels eine Art überlebensgroßen Pianoring geliefert. Text und Melodie steuerten norwegische Profis bei. So ist ein Spektakel zu erwarten, das man nur an einem Abend im Jahr so richtig zu schätzen weiß - an diesem aber sehr!

Sympathiepunkte: 3/10

Siegchance: 4/10


Startnummer 7: Armenien - Aram MP3: "Not Alone"

Aram Sargsyan hat seinen Namenszusatz MP3 bekommen, weil er aktuelle Hits singen kann - auf Kommando, fix wie ein Download. Das macht er zum Beispiel in einer Stand-up-Comedyshow im armenischen Fernsehen. In Kopenhagen singt Aram MP3 aber eine Ballade: "Not Alone" fängt konzentriert an, mit Gesang zu spärlichen Klaviertönen. Nach gut einer Minute wird's dramatisch und modern, mit Streichern und Dubstep-Beats. Im Text geht's zwar universell um Trost, aber mancher versteht ihn als Botschaft an die über die halbe Welt verstreuten Armenier: Ihr seid nicht allein. Die anfängliche Topfavoriten-Bürde bei den englischen Buchmachern ist Aram nach den Halbfinalrunden los, dort werden jetzt Schweden, Österreich und die Niederlande stärker eingeschätzt.

Sympathiepunkte: 5/10

Siegchance: 5/10


Startnummer 8: Montenegro - Sergej Cetkovic: "Moj Svijet"

Dieser Beitrag füllt eine echte Marktlücke in der Auswahl. "Moj Svijet", zu Deutsch: "Meine Welt", ist die einzige klassische Balkanballade des Wettbewerbs, mit Flötenthema und viel Weltschmerz. Der Song klingt wie eine Fortsetzung von "Lane Moje", mit dem Zeljko Joksimovic 2004 Zweiter wurde für den damals noch gemeinsamen Staat Serbien und Montenegro. Doch 2014, und das ist der große Haken, ist Serbien nicht dabei, auch Kroatien und Bosnien-Herzegowina pausieren. Der Finalentzug zeigt aber: Resteuropa wurde über die Jahre auf Balkan-Balladen konditioniert. Nun müssen nur noch die über Europa verstreuten Exil-Jugoslawen SMS für ihn versenden, dann reicht's für einen guten Platz für Sergej Cvetkovic.

Sympathiepunkte: 5/10

Siegchance: 3/10


Startnummer 9: Polen - Donatan und Cleo: "My Slowianie - We are Slavic"

Donatan ist ein renommierter HipHop-Produzent, der mit seinem Platin-Album "Rownonoc. Slowianska dusza" 2012 in Polen zum Superstar wurde. Sein Clou ist, dass er polnische Folkloreklänge mit amtlichen HipHop-Beats paart - und in den Videos mit tiefdekolletierten jungen Frauen dem Landleben huldigt. Den Trick wiederholt er mit der Gastsängerin Cleo und dem Song "My Slowianie". In Polen längst millionenfach auf YouTube angeschaut, wird nun die Bauernmädel-Nummer auf die Bühne gebracht - von der sich Donatan fernhält, schließlich muss die Sechs-Personen-Regel der EBU eingehalten werden, und man zeigt lieber Busen als B-Boy-Käppi.

Sympathiepunkte: 3/10

Siegchance: 2/10


Startnummer 10: Griechenland - Freaky Fortune feat. RiskyKidd: "Rise Up"

Sinnbildlich der Titel des griechischen Beitrags: "Rise Up", so wie die Staatsanleihen sozusagen. Und dann ist der Song auch noch einer der modernsten und mitreißendsten des Wettbewerbs! Das Elektro-Pop-Duo Freaky Fortune, das in einem Cover-Contest des US-Bloggers Perez Hilton bekannt wurde, tritt mit einem Balkan-Tanzhit nach Art von Shantels "Disko Partizani" an, zu dem der in England als Sohn eines deutschen Vaters und einer jamaikanischen Mutter geborene RiskyKidd seine annehmbaren Rap-Künste zeigt. Ein Top-Ten-Kandidat.

Sympathiepunkte: 6/10

Siegchance: 6/10


Startnummer 11: Österreich - Conchita Wurst: "Rise Like a Phoenix"

Es ist weiß Gott nicht das erste Mal, dass der Eurovision Song Contest die Geschlechterbilder ins Wanken bringt - und aus dem Osten waren natürlich Boykottforderungen zu vernehmen. Doch Conchita Wurst, geboren als Tom Neuwirth, liebt das Rampenlicht, stets mit Vollbartschatten im Gesicht und elegantem Fummel am Leib. Hört man "Rise Like a Phoenix" ohne Bilder, erklingt eine solide gemachte Hommage an die John-Barry-Kompositionen für die "James Bond"-Filme - geschrieben übrigens unter anderem von Alexander Zuckowski, dem Sohn von Rolf. Im Halbfinale hatte der Gesang plötzlich auch das gewisse Diven-Etwas, das der glamouröse Auftritt von Conchita ja sowieso hat, wie die Jubelstürme zeigten: Es war das Wurst-kann's-Szenario. Geht es jetzt um alles?

Sympathiepunkte: 7/10

Siegchance: 8/10


Startnummer 12: Deutschland - Elaiza: "Is It Right"

Zum deutschen Beitrag der drei Frauen von Elaiza wurde in diesem Porträt ja schon fast alles gesagt. Seit dem an einen Hausmusikkreis erinernden Unplugged-Vorabvideo, mit dem sich die damals völlig unbekannte Band für das NDR-Clubkonzert bewarb, hat sich einiges getan - der Sound ist kompakter, der Auftritt der Musikerinnen souveräner -, doch seinen Charme hat sich das Lied bewahrt. Aber wird er in Europa ankommen? Die Wettbüros haben da ihre Zweifel, da ist Deutschland im hinteren Mittelfeld notiert; auch die internationalen ESC-Blogs haben nicht so richtig Feuer gefangen. Bei iTunes werden immerhin aus den Nachbarländern Österreich, Schweiz und Polen nennenswerte Verkäufe notiert.

Sympathiepunkte: keine, weil in Deutschland nicht wählbar

Siegchance: 3/10


Startnummer 13: Schweden - Sanna Nielsen: "Undo"

Wohl kein anderes Land geht den Eurovisions-Wettbewerb so generalstabsmäßig an wie Schweden, das über Wochen in Melodifestivalen-Runden den Teilnehmer fürs Finale aussucht. Entsprechend ist Schweden das gelobte Land der Hardcore-Fans, und wenn sich auch noch eine Sängerin qualifiziert, die es zuvor schon sechsmal vergeblich versuchte, ist das Entzücken umso größer. Die lang ersehnte ESC-Teilnahme schaffte Sanna Nielsen mit einer Power-Ballade, die Céline Dion zur Ehre gereichen würde. Bei "Undo" waren Kenner am Werk, unter anderem Fredrik Kempe, der von 2008 bis 2011 dreimal zum Kompositionsteam der schwedischen Beiträge zählte. Viele ESC-Fanatiker sind sich sicher: Wer siegen will, muss an Schweden vorbei. Aber das denken sie ja jedes Jahr.

Sympathiepunkte: 6/10

Siegchance: 7/10


Startnummer 14: Frankreich - Twin Twin: "Moustache"

Die Grande Nation, die sich beim Grand Prix meist als Balladen-Nation präsentierte, tritt 2014 mit einem Hipster-Spaß an, dem coolsten seit Sébastien Telliers legendärem Auftritt 2008. Twin Twin, das sind die Brüder Lorent (mit Hochfrisur) und François (mit Matte), sowie ihr beatboxender Kumpel Patrick. Sie haben sich im Kurzfilm-Milieu umgetan, wurden vom Modelabel Andrea Crews unterstützt und sind auch musikalisch sehr umtriebig: Für das Magazin "Les Inrockuptibles" nahmen sie Webvideo-Stilübungen zu Jazz, Rap oder Chanson auf. "Moustache" ist ein reines Quatschlied, das aber mit die professionellsten Beats des Wettbewerbs hat. Twin Twin werden sicher in Erinnerung bleiben - ob als Riesenspaß oder als Nervensägen, das ist noch offen.

Sympathiepunkte: 6/10

Siegchance: 4/10


Startnummer 15: Russland - Tolmatschowa-Schwestern: "Shine"

Dafür, dass die Russen bei ihren ESC-Missionen meistens wenig dem Zufall überlassen, wurde der Beitrag mit heißer Nadel gestrickt. Trotzdem ist es eine professionell wirkende Kooperation erfahrener ESC-Kräfte, angeführt von Filipp Kirkorow, der 2008 den ukrainischen Beitrag komponiert hat, was ihm dort eine Staatsmedaille einbrachte, woran Kirkorow momentan gern erinnert. Denn in Russland sorgt man sich, von den Eurovisions-Votern für das politische Handeln Putins abgestraft zu werden. Im Halbfinale gab es laute Buhrufe in der Halle. Zumindest der banale, melodische Pop mit Sixties-Touch und schönem Harmoniegesang von den Tolmatschowa-Schwestern hat die aber nicht verdient. Die Zwillinge gewannen 2006 als Neunjährige den Junior-ESC und wurden seither als zukünftige Kandidatinnen bei den Erwachsenen gehandelt - diese Prophezeiung erfüllt sich nun.

Sympathiepunkte: 3/10

Siegchance: 3/10


Startnummer 16: Italien - Emma: "La mia città"

Obacht, wenn diese Frau an einem Wettbewerb teilnimmt, gewinnt sie in der Regel! 2003 bei der italienische Fassung war das so, 2009 bei der nächsten Castingshow "Amici", bei der sie ihre Solokarriere lancierte, und dann natürlich auch 2012 beim Festival von San Remo. (Dass sie im Jahr zuvor in San Remo nur Zweite wurde, kann nur an ihrem Duettpartner von der Gruppe Modà gelegen haben - die Single bekam trotzdem Multi-Platin.) Emma Marrone ist also längst ein echter Star in Italien und will nun versuchen, auch im restlichen Europa Fuß zu fassen. Mit ihrer Gianna-Nannini-Stimme und dem stets etwas vorlaut klingenden Rocksound hat sie schon mal zwei Grundvoraussetzungen für Italophile erfüllt. Ihr selbstgeschriebener Song hakt sich nicht sehr fest im Kopf, aber wird mitreißen.

Sympathiepunkte: 6/10

Siegchance: 5/10


Startnummer 17: Slowenien - Tinkara Kovac: "Round and Round"

Ist es eine Folge des Flötenthemas aus "Only Teardrops", dem Siegertitel 2013, dass es Tinkara Kovac beim vierten Versuch endlich geschafft hat, sich für Slowenien zu qualifizieren? Kovac ist klassisch ausgebildete Flötistin, sie hat schon ihr großes Vorbild Ian Anderson von Jethro Tull auf Tour begleitet. Natürlich lässt sie es sich auch bei "Round and Round" nicht nehmen, ein paar Flötentöne zu dem ziemlich gewöhnlichen Euro-Popsong hinzuzufügen. Was soll man sagen? Vielleicht haben genau die den Unterschied gemacht bei ihrem etwas überraschenden Finaleinzug.

Sympathiepunkte: 3/10

Siegchance: 0/10


Startnummer 18: Finnland - Softengine: "Something Better"

Im westfinnischen Seinajöki steigt jedes Jahr das Provinssirock, ein traditionsreiches Rockfestival, Ende Juni 2014 mit The Prodigy und M.I.A. als Headlinern. Weiter unten auf dem Line-up stehen Softengine, die Lokalmatadoren, die vorher noch einen anderen kleinen Auftritt hinter sich bringen wollen - beim ESC! Die junge Rockband ist mit einem selbstgeschriebenen Song dabei, der die von Coldplay perfektionierte Mischung aus melancholischer Grundstimmung und euphorischen Momenten hinzukriegen versucht. Bleibt ein ganz netter Versuch.

Sympathiepunkte: 5/10

Siegchance: 1/10


Startnummer 19: Spanien - Ruth Lorenzo: "Dancing in the Rain"

Fun fact: Als Spanien 1961 erstmals am Grand Prix Eurovision teilnahm, schickten sie eine Conchita ins Rennen, Conchita Bautista, die 1965 sogar noch ein zweites Mal vor dem europäischen Fernsehpublikum sang. 2014 heißt die spanische Kandidatin Ruth, und Spanien hofft ihretwegen auf Punkte aus England. Denn Ruth Lorenzo war eine lange recht aussichtsreiche Kandidatin im britischen "X-Factor", 2008, als die Show dort noch ein Straßenfeger war. Aus dieser Zeit stammen auch noch die Kontakte zu den Songwritern von "Dancing in the Rain", deren einer, Jim Irvin, in den Achtzigern bei der Band Furniture sang ("Brilliant Mind"), als Musikjournalist arbeitete und Songs für Lana del Rey und David Guetta geschrieben hat. Handwerklich ist dem Song also nichts vorzuwerfen, doch Ruth Lorenzo hat eine gefährliche Tendenz zum Übersingen - da kann dann auch eine dramatische Note danebengehen.

Sympathiepunkte: 3/10

Siegchance: 4/10


Startnummer 20: Schweiz - Sebalter: "Hunter of Stars"

Aus dem Tessin, dem italienischsprachigen Landesteil der Schweiz, kommt Sebastiano Paù-Lessi, und dem Klischee entsprechend steht er mit der englischen Sprache auf Kriegsfuß. Ob's daran liegt, dass er sich entschlossen hat, große Teil seines Songs pfeifend zu intonieren? Jedenfalls klingt auch hier das Folk-Revival durch, wobei Sebalter - so der Künstlername - sich nicht vorwerfen lassen muss, Trends hinterherzuhecheln: Von 2002 an spielte er zehn Jahre lang die Geige bei der Irish-Folk-Band The Vad Vuc. Für seine Solokarriere ist Kopenhagen ein eindrucksvoller Start - und die Schweizer Hoffnungen leben etwas überraschend bis ins Finale fort.

Sympathiepunkte: 5/10

Siegchance: 1/10


Startnummer 21: Ungarn - András Kállay-Saunders: "Running"

Obwohl erst seit 1994 dabei, zählt Ungarn zu den ambitionierteren Ländern beim ESC. 2013 schaffte es das Land unter die ersten Zehn mit dem fluffigen Indie-Elektro-Liedchen "Kedvesem" von ByeAlex. 2014 hofft man auf mehr: Der Sänger András Kállay-Saunders zählt zum erweiterten Favoritenkreis. Kállay-Saunders ist der Sohn eines ungarischen Models aus adligem Geblüt und eines US-Soul-Musikers. "Running" ist ein musikalisch starker Beitrag: Der Titel beginnt als Klavierballade, steigert sich in einen von Drum'n'Bass-Beats getriebenen Refrain, wird dramatisch und bleibt doch stets souverän gesungen. Wenn da nicht die Tatsache wäre, dass der Songtext von häuslicher Gewalt und misshandelten Kindern handelt. Darüber kann man natürlich Lieder schreiben, aber muss das in diesem der leichten Unterhaltung verpflichteten Wettbewerb sein? Nun will ja niemand Kállay-Saunders sein Engagement absprechen, aber die selbstgewisse Pose eines Sängers, der um sein Talent weiß, passt nicht so gut dazu. Ein spannender Fall!

Sympathiepunkte: 5/10

Siegchance: 6/10


Startnummer 22: Malta - Firelight: "Coming Home"

Da sage noch einer, der ESC reflektiere nicht die Trends der internationalen Pop-Szene: Kaum drei, vier Jahre hält das Folk-Revival nun an, schon ist alles voll mit akustischen Gitarren beim ESC - und Richard Edward Micallef schrammelt für Malta sogar auf der Dulcimer. Nach mehreren vergeblichen Versuchen in einer Band hat er es jetzt mit seiner Schwester Michelle zum Contest geschafft. Im Vorstellungsvideo dichten Firelight ihrem sehnsüchtigen, aber doch optimistischen Liedchen einen Bezug zum Ersten Weltkrieg an, von wegen 100-jähriges Gedenken und so. Ein musikalisches Leichtgewicht, das es aber trotzdem ins Finale geschafft hat.

Sympathiepunkte: 3/10

Siegchance: 0/10


Startnummer 23: Dänemark - Basim: "Cliché Love Song"

Die Familie von Anis Basim Moujahid ist marokkanischer Abstammung, aber aufgewachsen ist der heute 21-jährige Sänger im Hochhausquartier Høje Gladsaxe, am Rande Kopenhagens. Schon früh entschied er, dass Musik sein Weg daraus in die Mitte der dänischen Gesellschaft sein sollte: Mit 15 war er schon als Kandidat bei der in Dänemark sehr erfolgreichen Castingshow "X-Factor" dabei, wurde Vierter und veröffentlichte in der Folge zwei Alben mit dänischsprachigen Popsongs - ordentlicher, aber nicht herausragender Erfolg war ihm beschieden. Beim ESC lässt Basim den Bruno Mars in sich heraus, singt mit ansteckender Showman-Laune seinen englischen "Cliché Love Song". Damit dürfte er perfekt die Anforderungen an den Titel des Gastgeberlandes erfüllen: Gute Stimmung verbreiten, ein starkes Ergebnis einfahren, aber um Himmels Willen nicht den Vorjahressieg wiederholen - sonst kann sich das dänische Fernsehen ja nie wieder eine Serie wie "Borgen" leisten.

Sympathiepunkte: 5/10

Siegchance: 6/10


Startnummer 24: Niederlande - The Common Linnets: "Calm After the Storm"

Nachdem Anouk 2013 für ihr subtiles "Birds" mit einem sehr ordentlichen neunten Platz belohnt wurde, schicken die Niederlande erneut einen ihrer größeren Stars nach Kopenhagen, nein, sogar zwei. Ilse De Lange ist seit 1998 mit ihrem Country-beeinflussten Pop-Rock regelmäßig in den Charts zu finden. Das Projekt The Common Linnets hat De Lange eigentlich für ein Festival im Fußballstadion von Enschede gegründet, das sie im Sommer ausrichten will. Ihr Partner, Waylon, ist in Holland seit einem "Supertalent"-TV-Auftritt bekannt, wo er James Browns "It's A Man's World" sang - doch Waylons größte Liebe gilt, wie der Künstlername andeutet, dem Country. "Calm After the Storm" funktionierte prächtig im Halbfinale: Sehr konzentriert, sehr professionell, sehr entspannt klingt der Song des Duos, die Slide-Gitarre quietscht sehnsüchtig um die harmonischen Stimmen herum. Andere haben mehr Drama, aber wer so aus dem Schema fällt, der fällt auf. Die iTunes-Charts fast aller europäischen Lieder stürmt "Calm after the Storm" jedenfalls schon, in den Wettquoten-Ranglisten hat es den Song auch hochgeweht - und auch wir hängen unser Fähnchen nach dem Wind und korrigieren die Siegchancen-Prognose deutlich nach oben.

Sympathiepunkte: 7/10

Siegchance: 7/10


Startnummer 25: San Marino - Valentina Monetta: "Maybe (Forse)"

San Marino hat laut Wikipedia 32.471 Einwohner; in etwa so viel wie Itzehoe, Gevelsberg oder Viernheim. Nicht sehr viel für einen Staat also, und doch: mehr als nur einer. Dennoch: Zum dritten Male hintereinander schickt die Apenninenrepublik dieselbe Sängerin an den Start. Und nach zweimal Scheitern hat Valentina Monetta das Halbfinale diesmal überstanden. Am Klavier begleitet von Ralph Siegel, der zum 22. Mal eine Komposition in der internationalen Endrunde dabei hat. Die Ballade hat nostalgisches Flair, das gut zur klassisch schönen Stimme von Valentina passt. Die ganz große zündende Melodie fehlt allerdings für einen Spitzenplatz im Finale. Aber das wäre auch viel verlangt von Valentina. Ein viertes Mal will sie Interviews zufolge übrigens nicht auf die ESC-Bühne zurückkehren.

Sympathiepunkte: 6/10

Siegchance: 0/10


Startnummer 26: Großbritannien - Molly: "Children of the Universe"

Nach Jahren, in denen Großbritannien große Namen schickte, deren Karrieren aber längst am Ausklingen sind (Blue, Engelbert, Bonnie Tyler) kommt diesmal wieder ein aufsteigendes Talent - und keine Sorge: Molly Smitten-Downes ist trotzdem ein Profi, sie sang lange beim Dancefloor-Projekt Stunt, hat eine bemerkenswert rauhe Stimme und wird es nicht vermurksen. Den Song hat sie selbst geschrieben, zusammen mit dem schwedischen Routinier Anders Hansson, der an internationalen Hits wie "Crying at the Discotheque" oder "Release Me" mitgearbeitet hat. Begleitet von sehr originell gesetzten "Power to the People"-Chören singt sich Molly souverän durch den Popsong. Der "Daily Mirror" meint schon, dies sei der beste britische Beitrag seit Gina G und "Ooh Aah… Just a Little Bit", 1996 Rang acht beim ESC und sogar ein Hit in den USA.

Sympathiepunkte: 6/10

Siegchance: 7/10


Hier übertragen wir das Finale des Eurovision Song Contest 2014 im Livestream der ARD am 10. Mai (Samstag) ab 20.55 Uhr auf SPIEGEL ONLINE - mit Live-Kommentar.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 32 Beiträge
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Seite 1
daslästermaul 10.05.2014
1. Bizarres Event ........
Zitat von sysopAPÖsterreich zählt dank Conchita Wurst zu den Favoriten - doch wer hat ebenfalls Chancen, beim Eurovision Song Contest zu gewinnen? Für Deutschland bewerben sich Elaiza um Europas Sangeskrone - sie und ihre 25 Konkurrenten im Soundcheck. http://www.spiegel.de/kultur/musik/eurovision-song-contest-2014-die-esc-finalisten-im-kandidatencheck-a-968459.html
........... mehr kann man dazu wohl nicht mehr sagen.
haarer.15 10.05.2014
2. Lieber Käse
... als Wurst. Auch wenn die Performance noch so eindrucksvoll sein mag. Aus Osteuropa kommen da wohl kaum Punkte. Die Niederlande sehe ich als echten Favoriten - mit schmackhaftem Käse. Schweden könnte auch punkten. Aber für die osteuropäischen Kandidaten sieht es diesmal weniger verheißungsvoll aus. Und Deutschland hat schon in den vergangenen ESCs nichts zerrissen.
crossi0071 10.05.2014
3. Mein Favorit
ist dieses mal tatsächlich Österreich... auch wenn ein Fraumann mit Bart außergewöhnlich bizarr wirkt... doch guckt manfrau auf das Warum er/sie so ist, dann versteht frauman die Toleranzaussage auch!!!
räbbi 10.05.2014
4.
Zitat von daslästermaul........... mehr kann man dazu wohl nicht mehr sagen.
...natürlich, aber leider nicht bizarr genug. Eigentlich ziemlich langweilig, diesmal. Mann mit Bart und Kleid singt 007-Titelsong der 70er...is dat alles? Als nächstes reaktivieren die Briten Dame Edna.
ramsess 10.05.2014
5.
Zitat von sysopAPÖsterreich zählt dank Conchita Wurst zu den Favoriten - doch wer hat ebenfalls Chancen, beim Eurovision Song Contest zu gewinnen? Für Deutschland bewerben sich Elaiza um Europas Sangeskrone - sie und ihre 25 Konkurrenten im Soundcheck. http://www.spiegel.de/kultur/musik/eurovision-song-contest-2014-die-esc-finalisten-im-kandidatencheck-a-968459.html
diese Veranstaltung wird immer skurriler
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