Pop und Politik Was Europa vom ESC lernen kann

Ist der Schlager der geheime Kitt, der Europa zusammenhält? Beim Eurovision Song Contest werden wieder Millionen Fans die europäische Idee feiern. Ihre Begeisterung ist auch politisch.

ESC-Fans 2013 in Schweden
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ESC-Fans 2013 in Schweden

Ein Essay von Andre Wilkens


Zum Autor
  • Gerlind Klemens
    Andre Wilkens, Jahrgang 1963, arbeitete nach seinem Politikstudium viele Jahre im europäischen Ausland - u.a. für die Soros Stiftung und die Europäische Kommission. Zuletzt erschien sein Buch "Der diskrete Charme der Bürokratie. Gute Nachrichten aus Europa" beim Fischer Verlag.

Mein erstes Mal war 1998. Ich lebte damals in Turin und war zu Besuch bei Freunden in Berlin, die unbedingt zu einer ESC-Party gehen wollten. Zu einer Schlagerparty? Ich dachte, die wollten mich veräppeln. Ich war Rolling Stones, Clash, Feeling B, Pankow. Nicht Nicole, Abba oder Achim Menzel.

Deutschland hatte in jenem Jahr einen gewissen Guildo Horn zum Eurovision Song Contest geschickt. Unterstützt wurde er durch Orthopädische Strümpfe und damit war seine Begleitkombo gemeint. Sein Song hieß "Guildo hat euch lieb". Ich brauchte ein paar Bier, bis ich den Punk hinter der Sache zu verstehen begann: Singen konnte Guildo nicht. Und die Deutschen konnten sich über sich selbst lustig machen. Das, wiederum, war fast schon Monty Python. Immerhin gab es für Guildo & die Orthopädischen Strümpfe einen siebten Platz. Eine durchaus überdurchschnittliche deutsche Platzierung.

Das war meine erste Eurovision. Seitdem bin ich meist per Television dabei. Die Musik ist Nebensache. Es ist ein Phänomen, Pop Art im Wahrholschen Sinne, die Fortführung des Punk mit anderen Mitteln. Warum denken wir bei Europa eigentlich immer so viel an Politik? Für manche ist Europa einfach Pop, und das ist auch okay so. Ist vielleicht der Schlager gar der geheime Kitt, der Europa zusammenhält?

Guildo Horn 1998 beim Grand Prix: Für manche ist Europa einfach Pop, und das ist okay
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Guildo Horn 1998 beim Grand Prix: Für manche ist Europa einfach Pop, und das ist okay

1954, drei Jahre vor den Römischen Verträgen, hatten die öffentlich-rechtlichen Fernseh- und Radiosender der späteren EU-Gründungsländer plus Schweiz eine Art europäische Netzzentrale gegründet - die European Broadcasting Union (EBU). Die Idee war, durch den Austausch von Bildern und Tönen eine Zusammenarbeit zu schaffen, die über das Nationale hinausgeht. Als Label für übernationale Produktionen wurde das Wort "Eurovision" erfunden - europäisch zuschauen, europäische Visionen haben. Europäische Pop Fiction.

Auf jeden Fall europäisch

Neben den technischen Herausforderungen, das war ja alles lange vor Kabelfernsehen und noch länger vor YouTube, war die Frage, welche Art Programm Menschen in Europa gleichzeitig freiwillig gucken würden. Der Schweizer Marcel Bezençon, damals EBU-Programmdirektor, also Medienbürokrat, schlug ein Liederfestival vor, bei dem Sängerinnen und Sänger aus allen beteiligten Ländern mit ihren Songs um den ersten Platz, den Grand Prix, konkurrieren sollten. So entstand der "Eurovision Song Contest", der 1956 das erste Mal im schweizerischen Lugano stattfand.

Anfangs war das Medium die Message, Eurovision war vor allem dazu gedacht, dem Fernsehen Geltung zu verschaffen und seine technische Entwicklung zu fördern. Farbfernsehen, bewegliche Kameras, die Einblendung von Livebildern aus den beteiligten Ländern, all das hat zur Entwicklung von modernem Fernsehen beigetragen. Die Eurovision war eine Art industriepolitisches Fernsehlabor - mit immerhin 150 Millionen Fernsehzuschauern an einem Abend. Auch in den besten Fernsehzeiten hat das Medium, abgesehen von Fußball und Olympia, kein anderes Entertainmentformat, das so erfolgreich ist.

Als der eiserne Vorhang fiel, war die Eurovision eine der ersten europäischen Institutionen, die Ost und West vereinten. Ab 1993, also über zehn Jahre vor der großen Osterweiterung der EU, konnten osteuropäische Länder bei Eurovision mitmachen. Eurovision bot die Gelegenheit, sich Europa zu zeigen, so, wie man sein wollte: modern, bunt, nicht-sowjetisch, mit einer eigenen Identität, ein bisschen exzentrisch. Auf jeden Fall europäisch.

Überall gründeten sich Eurovisionszellen

Es war wie ein Bewerbungsprozess für Europa, nicht mit Papieren und Vorschriften, sondern singend, tanzend, lachend. Diese Vorstellung lief nicht vor Politikern und Bürokraten, sondern vor den Bürgern Europas, die dann auch gleich abstimmen konnten. Die Osteuropäer gaben alles und waren erfolgreich. Ab 1993 haben sechs osteuropäische Teilnehmer den Grand Prix gewonnen. Die Ausrichtung des darauffolgenden Eurovision Song Contest in den Gewinnerländern wurde zum aufwendigen Marketing für diese Länder genutzt, trug aber auch zur Weiterentwicklung des ESC bei, mit Vorentscheidungsrunden und technischer Perfektionierung der Show.

In den Achtzigern begann sich auch eine eigenständige Szene herauszubilden. ESC-Fans trafen sich in Hinterzimmern von Kneipen, in Privatwohnungen, in Kellerbars. Sie tauschten Geschichten aus, Aufzeichnungen von den Wettbewerben. Überall in Europa gründeten sich Eurovisionzellen.

Fans beim ESC 2015 in Wien: Sublimes, undefiniert europäisches Wir
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Fans beim ESC 2015 in Wien: Sublimes, undefiniert europäisches Wir

Eine Graswurzelbewegung war im Entstehen, ganz ohne offizielle Sponsoren, ganz zu schweigen von der Europäischen Union. Laut Jan Feddersen, einem Eurovision-Beobachter der ersten Stunde, war das nicht weniger als der Beginn einer echten europäischen Bürgerbewegung. Jenseits der Kulissen des Eurovision Song Contest war eine vernetzungswillige Community entstanden, deren Interesse ein genuin europäisches war. Die jeweiligen Beiträge des eigenen Landes werden unterstützt - aber im Fokus steht ein sublimes, undefiniert europäisches Wir.

Die Eurovision-Bewegung ist anders als die offizielle europäische Bewegung von gesetzten Führungspersönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Medien, die sich dauernd auf Konferenzen, Talkshows und Festessen trifft. Es sind Fans, die sich über YouTube, Facebook, Twitter, Blogs, Webseiten und analoge Treffen vernetzen, die ihre eigene Zeit und ihr eigenes Geld investieren, die Spaß haben, die sich organisieren, die Lösungen für Probleme finden und die sich nicht durch Anfeindungen und jede neue Mode aus der Ruhe bringen lassen.

Ist der Eurovision Song Contest eine unpolitische europäische Spaßveranstaltung mit dazugehöriger Bewegung? Das kann man so sehen, und sicher wird die offizielle Sprachregelung immer unterstreichen, dass das Ganze überhaupt nichts mit Politik zu tun hat, genau wie Fußball und Olympia. Aber Eurovision ist es doch, eher subtil, aber doch politisch.

Es war schon einigermaßen politisch, als das eben noch nazistische Deutschland als Gründungsmitglied beim Grand Prix d'Eurovision mitmachen durfte. Und es war politisch, dass sich die Türkei und Griechenland in den Siebzigern trotz des Zypern-Konflikts beim ESC aushalten mussten. 1971 sang Katja Ebstein mit "Diese Welt" den ersten Eurovision-Ökoschlager. Nicoles "Ein bisschen Frieden" war 1982 auf dem Höhepunkt der antinuklearen Friedensbewegung und mitten im Falklandkrieg doch ein großes Bisschen politisch.

Nicole beim ESC 1982: Ein großes Bisschen politisch
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Nicole beim ESC 1982: Ein großes Bisschen politisch

Und 1990 sang der italienische Gewinner Toto Cutugno im damals noch jugoslawischen Zagreb von der wundervollen Gemeinsamkeit der Europäer. Der Sieg der ukrainischen Ruslana 2004 und die Eurovision-Show im darauffolgenden Jahr im revolutionär orangefarbenen Kiew waren ziemlich politisch aufgeladen. 2009 fand Eurovision in Moskau statt, und die schwulen Fans hatten ihre berechtigte Angst vor Übergriffen politisch thematisiert.

Und kann es unpolitisch sein, wenn die ukrainische Jamala in ihrem Lied "1944" die gewaltsame Vertreibung ihrer Familie von der Krim besingt und damit den Gran Prix davonträgt, vor dem digital hochgerüsteten russischen Beitrag und zwei Jahre nach der russischen Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim? Klar, Eurovision ist nicht politisch, aber es ist ein Spiegel europäischer Politik.

Der nächste Satz fällt mir nicht ganz leicht. Aber ich glaube, Europa kann eine ganze Menge lernen von Eurovision. Zum Beispiel, dass es gut ist, zu seiner Vision zu stehen.

Gewinnerin Jamala im Jahr 2016: Ein Spiegel europäischer Politik
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Gewinnerin Jamala im Jahr 2016: Ein Spiegel europäischer Politik

Dass national und europäisch eine gute Kombi bilden, wenn klar ist, dass nach europäischen Regeln gespielt wird. Dass Europa mehr als Kohle, Stahl und Bürokratie ist. Dass ein bisschen Pathos nicht schadet, auch wenn es manchmal wehtut. Dass eine europäische Bewegung auch aus Ecken kommen kann, wo wir sie gar nicht vermutet hätten. Dass Industriepolitik identitätsstiftend wirken kann, auch wenn das anfangs gar nicht beabsichtigt sein muss. Dass Europa nicht so ein Snob sein sollte, denn eher retten die schmalzigen Schlagerfuzzis Europa als die aufgedrehten Feuilletonisten.

Wir können lernen, dass die dynamischsten Europäer oft die kleinen sind. Dass Europa Englisch spricht und dass es trotzdem langweilig ist, wenn ganz Europa es tut. Dass man den Bürgern ruhig mehr zutrauen kann, immerhin haben sie Conchita Wurst zur Eurovision-Prinz(essin) gemacht; das hätten sich Politiker nicht getraut.

Europa braucht mehr Eurovisionen.



insgesamt 42 Beiträge
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Seite 1
RalfHenrichs 07.05.2017
1. Seit 1975
habe ich bis auf zwei jeden ESC gesehen. Dabei war ich auch immer von der europäischen Idee, die hierdurch zum Ausdrück kommt, und weniger von der Musik fasziniert. Aber einen solchen Beitrag zu schreiben, ohne auf den Skandal einzugehen, dass die Ukraine die russische Sängerin nicht singen lassen will. Hierdurch wird der ESC-Gedanke diskreditiert und natürlich würde ich mir eine Solidarität mit Julia Samoilova wünschen. Ist aber in der heutigen Zeit nicht möglich. Schade.
sojetztja 07.05.2017
2.
Zwei Einwürfe dazu: 1. Die Zahl derer, die den ESC bescheuert, überflüssig und affig finden, ist wohl höher als die Zahl derer, die ihn gut finden. 2. Der ESC ist ein Spielplatz des Nationalismus' und hat mit der Europäischen Idee etwa so viel zu tun wie Le Pen, Ukip etc. pp. Das zeigt Jahr für Jahr das Abstimmungsverhalten der ESC-Fans. Da geht Nationalität vor Gefallen und es werden jedes Jahr politische oder historische Grabenkämpfe ausgefochten. Von wegen "Friede, Freude, Eierkuchen" und "Piep, Piep, Piep, wir hamm uns alle lieb". Wer das so sieht, ist offenbar ein naiver Schlagefan, wie er im Klischeebuch steht. Also: Weg mit dem Blödsinn.
stefan taschkent 07.05.2017
3. Was Sie nicht sagen
Millionen werden die europäische Idee beim ESC feiern? Habe ich da was verpasst? Ich kenne nun wirklich viele Leute, auch in verschiedenen europäischen Ländern. Mir ist bisher keiner begegnet, der dem Ganzen eine politische Konotation gibt.
oelfinger 07.05.2017
4. Das man
den Bürger ruhig mehr zutrauen kann? Das liegt nicht im Interesse der Helikopter-Regierungen. Heutzutage ist doch Bevormundung "zu eurem eigenen Besten" in jedwedem Bereich das Motto.
j.e.r. 07.05.2017
5. Eurovision - oder nur noch ESC ?
Danke für die Begeisterung - ich habe zwar seit 20 Jahren auf eine Fernsehanschluss verzichtet, finde persönlich ESC eher doof, freue mich aber über die Art von Begeisterung. Und bin eben aus Kyiv zurückgekehrt - es tut sich wieder einiges auf den Strassen, man hört vermehrt Besucher die andere Sprachen nutzen - bei zusätzlich teilweise schon sommerlichen Temperaturen. Ich hoffe, das Ereignis wird ein voller Erfolg. Trotzdem: Eurovision war viel mehr als ESC. Es waren die vielen Sendungen mit dem "Te dem" von Charpentier - einige lächerlich (Spiel ohne Grenzen beispielsweise), viele gut als Landes- und Sprachgrenzen überschreitender Medienkanal. Eurovision scheint sich heute leider neben technischem Dienstleistungen (mit Sendeaustausch und Rechtevermarktung) auf ESC und Neujahrskonzert zu beschränken - und wirklich aktiv scheint nur noch ein auf zwei Sprachen und beschränkten Themen abgemagerter Kanal unter dem Namen Arte. Es wäre angebracht, mehr aus "Eurovision" zu machen als nur ESC.
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