Eurovision Song Contest Alle 26 ESC-Finalisten im Check

Die eine Sache, auf die sich Europa noch einigen kann? Oder bloß ein großes Trash-Fest? In Lissabon steht der Eurovision Song Contest an. Welcher Titel hat Siegchancen? Wem fliegen die Herzen zu?

CYBC/ Panik Records

1. Ukraine

Mélovin - "Under The Ladder"

Hier ist die Show alles: Mélovin, der 21-jährige Vampirdarsteller, entsteigt mittels einer Hebeapparatur einem Flügel, zeigt seine irritierende Glasaugen-Kontaktlinse in die Kamera, wirft den Frack ab, setzt sich ans Klavier, woraufhin das Podest, auf dem es steht, in Flammen aufgeht. Daran wird man sich auch nach 25 weiteren Liedern erinnern können. Vom Song hingegen bleibt außer "Oho-hooo" nicht viel im Gedächtnis.

Sympathiepunkte: 3/10
Siegchancen: 5/10

2. Spanien

Alfred & Amaia - "Tu Canción"

Hier sieht man, was passiert, wenn sich ein Land nicht durch die Mühlen der Halbfinalqualifikation quälen muss: Der 21-jährige Alfred und die 19-jährige Amaia haben die Castingshow "Operación Triunfo" gewonnen mit einem wirklich ganz hübschen Liebesduett. Im Musikvideo ist das angemessen kitschsatt inszeniert - aber für die Bühne in Lissabon hat man sich praktisch nichts einfallen lassen. So müssen die beiden Jungspunde nicht enden wollende drei Minuten lang auf der Riesenbühne aufeinander zu und voneinander weg laufen, während sie die Kamera umkreist. Wäre die spanische keine der fünf finanzstärksten Mitgliedsanstalten der Europäischen Rundfunkunion und somit fürs Finale gesetzt: Dieser Auftritt wäre so was von krachend im Halbfinale rausgeflogen.

Sympathiepunkte: 4/10
Siegchancen: 2/10

3. Slowenien

Lea Sirk - "Hvala, ne"

Und wie zum Beweis, was man erreichen kann, wenn man sich ein paar Gedanken macht: Da ist Slowenien also tatsächlich im Finale! Musikalisch geht es nämlich eigentlich kaum schwächer - ein Elektro-Pop-Liedchen, das auf einen irgendwie Trap-angehauchten Nicht-Refrain zusteuert. Und die Message, eine Warnung vor falschen Versprechungen der Werbung, verschwindet in der von 2,2 Millionen Menschen gesprochenen Landessprache. Aber sie haben sich eben was ausgedacht für die Show. Und zwar eine Pseudo-Tonpanne, in der Lea Sirk geistesgegenwärtig das Publikum auffordert, durch Klatschen das Playback zu ersetzen. Zack ist Stimmung in der Halle und der nächste Nichtrefrain ein Fest. Auf einer Pressekonferenz sagte die slowenische Delegationsleitung: "Wir sind ein kleines Land. Wir müssen irgendwie auf uns aufmerksam machen." Hat geklappt.

Sympathiepunkte: 4/10
Siegchancen: 2/10

4. Litauen

Ieva Zasimauskaité - "When We're Old"

An ein, zwei Stellen macht die 24-jährige Sängerin so kleine Kiekser, wie man sie auch von Dolores O'Riordan kannte, der im Januar gestorbenen Cranberries-Sängerin. Das löst noch zusätzliche Gänsehaut aus bei einem Beitrag, der sowieso schon ziemlich auf Rührung angelegt ist. Es ist ein Liebeslied über den Traum, gemeinsam alt zu werden. Eher gehaucht als gesungen, eine Piano-Ballade. Und dann tritt doch tatsächlich Ievas realer Ehemann auf die Bühne, strahlt sie verliebt an, sie nehmen sich an der Hand. Es gab schon aufregendere Songs, es gab schon originellere Inszenierungen, es gab schon charismatischere Interpreten - aber das Gesamtpaket ist ziemlich stimmig.

Sympathiepunkte: 5/10
Siegchancen: 6/10

5. Österreich

Cesár Sampson - "Nobody But You"

César Sampson sang schon zweimal im Hintergrund beim ESC, er stammt schließlich aus Backingvocal-Adel: Seine Tante Pepsi begleitete George Michael bei Wham! Immerhin: Einen Hit hatten Pepsi & Shirlie auch ohne Wham! ("Heartache", 1987) - und einen Hit, zumindest für ESC-Verhältnisse, hat er vom Songwriting-Unternehmen Symphonix International zur Verfügung gestellt bekommen als Hauptakteur - nachdem er zum Gelingen zweier Beiträge für Bulgarien mitgeholfen hat. Sampson singt aber nun für sein Geburtsland Österreich, zunächst von der lichten Höhe einer Hebebühne aus - begleitet von einem gospeligen "Ain't nobody"-Chor. Nahaufnahmen zeigen eine Agnetha-Gedächtnis-Zahnlücke, doch für solche Höhen in der Endabrechnung wird es dann doch nicht reichen.

Sympathiepunkte: 6/10
Siegchancen: 7/10

6. Estland

Elina Nechayeva - "La forza"

Ungeteilt gibt es diesmal das Opernfan-Votum für Estland. Und auch die Freunde von Projektionskleidern werden Elina Nechayeva belohnen. Das sind zwar eher spitze Zielgruppen, wie man im Marketingsprech sagen würde, aber es sind wenigstens schon mal welche. Bei anderen Zuschauern mag diese Leistungsschau in Koloratursopran-Gesang namens "La forza" eher eine Kraft weg vom Fernseher und hin zum Kühlschrank auslösen. An die italienischen Tenöre von Il Volo, die 2015 Dritter wurden und das Publikumsvotum gewannen, wird sie nicht heranreichen können.

Sympathiepunkte: 3/10
Siegchancen: 4/10

7. Norwegen

Alexander Rybak - "That's How You Write A Song"

Der Sieger von 2009 ist zurück. Damals sang und geigte Alexander Rybak sich mit "Fairytale" in die Herzen Europas mit seinem Harry-Potter-Lächeln. Das Lächeln ist noch da, erinnert aber jetzt eher an den arg selbstgewissen Musiklehrer, der genervten Schülern mal zeigt, was er kann. Sein Disco-Pop-Lied übers Liederschreiben kann schon unterhalten und die Trick-Animationen bieten hübsche Gags. Aber wahrscheinlich wird am Ende des Abends weiterhin Johnny Logan der Einzige sein, der zweimal auf der ESC-Bühne triumphierte.

Sympathiepunkte: 5/10
Siegchancen: 7/10

8. Portugal

Cláudia Pascoal - "O jardim"

Der schönste portugiesische Gesangsauftritt des Abends wird in der Abstimmungspause kommen, denn Vorjahressieger Salvador Sobral darf sich den Traum erfüllen, gemeinsam mit Caetano Veloso zu singen - einem Giganten der brasilianischen Tropicália-Szene und begnadeten Melancholiker. Melancholie war ja auch Teil des Erfolgsrezepts, mit dem Sobral den Wettbewerb nach Portugal holte - und davon rückt man nun als Gastgeber auch nicht ab: Die Höflichkeitspunkte verdient sich die 23-jährige, rosahaarige Cláudia Pascoal mit einem sehr tastend vorgetragenen Abschiedslied, das ihre Kollegin Isaura für ihre verstorbene Großmutter geschrieben hat. Für eine Strophe taucht Isaura dann auch aus dem Bühnendunkel auf, singt für eine Stimme Harmoniegesang. Stimmungsvoll.

Sympathiepunkte: 7/10
Siegchancen: 2/10

9. Großbritannien

SuRie - "Storm"

Was hätte ein ehrgeiziger ESC-Choreograf aus diesem Lied nicht alles machen können! Es heißt "Storm", aber auf der Bühne nur Bodennebel. Es geht darum, Regenbogen zu jagen - aber die Sängerin steht zwischen blinkenden Neonquadraten herum. Es gibt ein Schlagzeugbreak, aber keinen martialischen Trommler weit und breit. Nur die bedauernswerte Susanna Marie Cork, 29, die ein bisschen an die junge Annie Lennox erinnert. Sie singt gut, der Song ist okay, es wäre ihr mehr als der (gut mögliche) letzte Platz zu gönnen.

Sympathiepunkte: 5/10
Siegchancen: 1/10

10. Serbien

Sanja Ilic & Balkanika - "Nova deca"

Aleksandar Sanja Ilic ist ein Veteran der serbischen Musikszene. Schon mit 20 gründete er 1971 die Band San, 1982 komponierte er den jugoslawischen ESC-Titel "Halo Halo", seit 1998 will er mit Balkanika die traditionelle Musik des Balkan modernisieren. Und Sanja Ilic ist ein Vollprofi. Deshalb weiß er: Wenn nur sechs Leute beim ESC auf der Bühne stehen dürfen, dann muss er, der wie ein emeritierter Wirtschaftsprofessor aussieht, nicht dabei sein - anders als im serbischen Vorentscheid, wo ihn das TV-Publikum ja erkannte. Also macht er Platz für eine dritte von den Sängerinnen, deren mystische Harmonien die Basis bilden, damit ein bärtiger Glatzkopf mit heiligem Ernst serbische Zeilen über die "neuen Kinder" deklamieren, ein Raver auf Ölfässer hauen und ein Weißhaariger die Flöte spielen kann. Es ist alles sehr verwirrend. Aber zumindest Sanja Ilic weiß, was er da tut.

Sympathiepunkte: 6/10
Siegchancen: 2/10

11. Deutschland

Michael Schulte - "You Let Me Walk Alone"

Wenn Deutschland aus den Misserfolgen der jüngeren Vergangenheit etwas gelernt haben müsste, dann dass es beim ESC aufzufallen gilt. Mit einer Klavierballade anzutreten, scheint da zunächst nicht ideal. Aber der rote Lockenkopf des 28-jährigen Sängers sollte je nach Altersgruppe an Mick Hucknall oder Ed Sheeran erinnern und im Gedächtnis bleiben. Und die Hintergrundgeschichte vom früh verstorbenen Vater und der Drehung, dass Schulte selbst Vater wird, dürfte kein TV-Kommentator unerwähnt lassen. Dazu ist der deutschen Delegation diesmal eine nicht nur geschmackvolle, sondern zumindest kurz auch überraschende Inszenierung gelungen. In den Wettbüros fielen die Quoten die ganze Probenwoche über, am Freitagnachmittag stand Deutschland sogar auf Platz vier der Wettquotentabelle - so gut wie seit Lena Meyer-Landruts Sieg 2010 nicht mehr. Eine Top-Ten-Platzierung könnte wirklich drin sein.

Sympathiepunkte: Keine Angabe, weil keine Stimmabgabe aus Deutschland
Siegchancen: 6/10

12. Albanien

Eugent Bushpepa - "Mall"

Keine Worte können die Gefühle beschreiben, wenn sich zwei Herzen vereinen und wie eines schlagen, singt der 33-Jährige. Und weil das so ist, wirft er sich mit aller Macht in Hard-Rock-Schreigesang-Meisterleistungen, die vielleicht sogar Axl Rose beeindrucken würden. Im Halbfinale brachte das dem Mann mit dem Nietenjackett Szenenapplaus ein - und vielleicht den Finaleinzug, neben ein paar Stimmen aus der albanischen Diaspora, die sich über den landessprachlichen Gesang freuten. Vielleicht löste er ja sogar Sehnsucht nach der Heimat aus - "Sehnsucht" (und nicht etwa Einkaufszentrum) bedeutet der Songtitel auf Deutsch.

Sympathiepunkte: 5/10
Siegchancen: 1/10

13. Frankreich

Madame Monsieur - "Mercy"

Der Anteil der deutschen Schüler, die französisch lernen, geht tendenziell zurück. Das könnte sich heute Abend negativ auswirken, denn dieses Lied lebt stark von seiner (wahren) Geschichte: Eine Schwangere wurde von der Besatzung des Flüchtlingshilfsschiff "Aquarius" aus dem Mittelmeer gerettet, sie bracht ihr Kind auf dem Schiff zur Welt und nannte es Mercy (zu Deutsch: Gnade). Davon singt Emilie Satt ein sehr schönes Lied zu den Elektro-Beats ihres Partners Jean-Karl Lucas, aber eben auf Französisch. Und in der Bühneninszenierung sind offenbar keine Hinweise geplant: Alles dreht sich um das Duo in seinen schwarzen Rollkragenpullovern - das sich aber zu einer solidarisch gemeinten Armgeste hinreißen lässt.

Sympathiepunkte: 6/10
Siegchancen: 6/10

14. Tschechien

Mikolas Josef - "Lie To Me"

Wird im Finale das Geheimnis um den Inhalt von Mikolas Josefs Rucksack gelüftet? Der ist das geheimnisvollste Bühnenaccessoire des ESC-Jahrgangs, der kecke junge Mann aus Prag präsentiert ihn mit viel Hinternwackeln, zum abschließenden Sprung über die Bühne ist der Tornister dann aber verschwunden. Ein Hingucker also für einen Song, in dem Marilyn Monroe, Madonnaund Spaghetti erwähnt werden, der ein gewisses Justin-Timberlake-Flair versprüht mit eingestreutem Trompeten-Thema. Sollte den größten Erfolg in der Contest-Geschichte für die Tschechische Republik ergeben - bisher steht da nämlich nur ein 25. Platz zu Buche.

Sympathiepunkte: 7/10
Siegchancen: 5/10

15. Dänemark

Rasmussen - "Higher Ground"

Hätte Deutschland doch mal mit den Nordmannen von Santiano antreten sollen? Diesmal haben sich die Dänen, bei denen das ja historisch auch näher liegt, für einen Auftritt in Wikingeroptik entschieden. Kapitän ist der 32-jährige Jonas Flodager Rasmussen, ein rotbärtiger Geselle, der auf der Bühne eingerahmt wird von zerzausten Segeln und tanzenden Zauseln. Rasmussen ist Musicaldarsteller und Sänger der Coverband Hair Metal Heröes, schauspielerisch ist er auf der Höhe des ganz gefälligen Pathos-Rock-Popsongs. Die Windmaschine pustet das dänische Wikingerschiff dann auf höchster Stufe in den Heimathafen.

Sympathiepunkte: 7/10
Siegchancen: 6/10

16. Australien

Jessica Mauboy - "We Got Love"

2015 galt es noch als Jubiläumsgag, doch nun ist Australien als Europas Verwandter von der Südhalbkugel schon zum vierten Mal zu Besuch beim ESC - oder sogar zum fünften Mal, wenn man den Auftritt in der Abstimmungspause 2014 mitzählt, bei dem Jessica Mauboy in Kopenhagen sang. Nun darf sie, eine der bekanntesten Sängerinnen Australiens, auch im Wettbewerb antreten. Ihr Song ist ein modernes, recht anspruchsloses Stück "Gib nicht auf!"-Pop, bei dem man sich sehr auf die starke, soulige Stimme der 28-Jährigen verlässt. Auch die Bühnenshow bestreitet sie allein - was für Energiebündel!

Sympathiepunkte: 8/10
Siegchancen: 5/10

17. Finnland

Saara Aalto - "Monsters"

Die 31-jährige Sängerin hatte vor einiger Zeit ihr Coming-out. Das dürfte der Hintergrund sein für Zeilen wie "I ain't scared no more" in ihrem Euro-Dance-Song, der von einem Team komponiert wurde, das zum Teil auch am schwedischen ESC-Siegertitel "Heroes" beteiligt war. Auf der Bühne gibt es die große Show mit einem Zirkusrad (sie hat einen Zauberer in der Verwandtschaft), grau uniformierten Tänzern und einer Hebe- und Sturz-Choreografie. Saara will's wissen!

Sympathiepunkte: 7/10
Siegchancen: 7/10

18. Bulgarien

Equinox - "Bones"

Seit das Produzententeam Symphonix International bei den bulgarischen Beiträgen am Ruder ist, läuft es: Vierter und Zweiter wurde Bulgarien zuletzt. Nun singt ein ebenfalls international besetztes Quintett eine eher düstere Symphonix-Komposition. Die Liebe gehe tiefer als Fleisch und Knochen, wird von den Schwarzgewandeten betont. Mit etwas Fantasie könnte man sich einen The-Weeknd-Song darunter vorstellen, doch "Bones" kommt schon mit ziemlich schwerem Schritt daher. Wenn der gute Synthesizer-Effekt im Schnelldurchlauf zu hören ist, reicht's für die Top Ten.

Sympathiepunkte: 3/10
Siegchancen: 4/10

19. Moldau

DoReDoS - "My Lucky Day"

Wann hatte eigentlich das Ohnsorgtheater zuletzt ein Gastspiel in Chisinau? Nur dabei dürften sich auf einer Bühne öfter Türen geöffnet und geschlossen haben als bei dieser Verwechslungskomödie, die das moldauische Trio mit seinen drei Doppelgängern hier aufführt. Eine sehr hübsche, gutgelaunte Inszenierung, hinter der der russische Altstar Philipp Kirkorov steht, der den Song zusammen mit dem ex-Ace-of-Base-Produzenten John Ballard geschrieben hat. Musikalisch wird in sehr zweifelhaftem Englisch stumpfe Fröhlichkeit verbreitet - aber davon lenkt das bunte Bühnenspektakel erfolgreich ab.

Sympathiepunkte: 4/10
Siegchancen: 7/10

20. Schweden

Benjamin Ingrosso - "Dance You Off"

Was für eine Familie! Benjamin Ingrossos Eltern lernten sich beim Melodifestivalen kennen, dem schwedischen ESC-Vorentscheid, wo er tanzte zu dem Song, den sie sang. Benjamins Tante Charlotte gewann den ESC 1999 mit "Take Me To Your Heaven", und sein Cousin Sebastian Ingrosso hatte weltweit Hits mit der Swedish House Mafia. Große Fußstapfen für den 20-Jährigen? Er macht nicht den Eindruck, von Selbstzweifeln zerrissen zu sein, tanzt sehr souverän vor roten und weißen Neonröhren, die Haare wie der junge Sascha Hehn, die Kiekser ein bisschen wie Michael Jackson, der Groove - wie so oft beim ESC - nach Justin-Timberlake-Art. Das ewige Favoritenland Schweden hat wieder solide abgeliefert, aber ein Siegertitel ist das eher nicht.

Sympathiepunkte: 5/10
Siegchancen: 6/10

21. Ungarn

AWS - "Viszlát nyár"

Das Wacken-Open-Air-Festival hatte vor dem zweiten Halbfinale seine zahlreichen Fans in der Metal-Szene ganz Europas dazu aufgerufen, sich zur Abwechslung mal der leichteren Muse beim ESC hinzugeben. Schließlich machten die Ungarn von AWS dort einen ziemlichen Lärm samt Headbangen und Stagediving. Szeneunterstützung - das neue Diasporavotum? Aber den Finaleinzug haben sie sicher nicht dem allein zu verdanken. Denn "Viszlát nyár" (zu Deutsch: Auf Wiedersehen, Sommer") ist tatsächlich ein starker Song. Man muss kein Ungarisch können, um den Refrain mitzugröhlen. Die Energie der fünf Musiker auf der Bühne war beträchtlich. Und die Trauer um den Vater - hier noch in der Wut-Phase - bringt Sänger Örs Siklósi sehr glaubwürdig herüber. Ja, in den Streaming- und Download-Hitlisten tauchen AWS nirgends auf. Trotzdem scheint eine Überraschung möglich.

Sympathiepunkte: 8/10
Siegchancen: 8/10

22. Israel

Netta - "Toy"

Nach seinem ESC-Sieg 2017 hatte der portugiesische Sänger Salvador Sobral noch geklagt, bei Musik komme es auf Gefühle an, nicht auf Feuerwerke. Nun vertraute er der portugiesischen Zeitung "Publico" an, er sei bei YouTube zufällig auf den israelischen ESC-Beitrag geraten: "schreckliche Musik". Israels Sängerin Netta Barzilai reagierte äußert souverän: Sie sendete "nichts als Liebe" an Sobral und alle Künstler aller Genres. Feuerwerke, die gibt es zu Nettas Lied (und auch Winkekatzen), aber Gefühle kann man ihr nicht absprechen, wenn sie sich durch ihren Song gackert und stottert, aber auch mit Inbrunst singt: "Look at me, I'm a beautiful creature". Der asiatische Style, der bei Jamie-Lee für Deutschland 2016 so blass wirkte, wird hier mit sehr viel Leben gefüllt. Inhaltlich geht es darum, dass die Frau kein Objekt, keine Puppe, keine Barbie sei - was auch ohne die #MeToo-Debatte eine relevante Aussage gewesen wäre. Netta will nicht nur spielen, die will gewinnen.

Sympathiepunkte: 8/10
Siegchancen: 8/10

23. Niederlande

Waylon - "Outlaw In 'Em"

Die Niederlande sind beim ESC so was wie der musikalischer 51st state der USA. Willem Bijkerk, der sich Waylon nennt, war beteiligt beim bisher erfolgreichsten Versuch, Europa mit Americana made in Holland zu verzücken, "Calm After the Storm" von dem Duo Common Linnets, den Zweiten hinter Conchita Wurst. Diesen Platz will er verbessern, sagt Waylon, der seit 2014 wieder solo seiner Wege geht - stur wie Kid Rock. An seiner Outlaw-Hymne hat ein US-Country-Profi mitgeschrieben, sie klingt ziemlich nach Bon Jovi. Am liebsten würde er sie live spielen. Da das aber den ESC-Regeln widerspricht, hat er zur Begleitung Tänzer dabei, die den aus South Central L.A. stammenden Krumping-Tanz vorführen. Das verwirrt ein wenig - aber ein richtiger Outlaw macht eben, was er will.

Sympathiepunkte: 2/10
Siegchancen: 4/10

24. Irland

Ryan O'Shaughnessy - "Together"

Womöglich muss man daran einmal erinnern: Irland ist immer noch Rekordsieger beim Eurovision Song Contest - sieben Triumphe, das schaffte nicht mal Schweden. Doch der jüngste ist 22 Jahre her ("The Voice" von Eimear Quinn), und seitdem kam nicht mehr viel. In diesem Jahr sahen wir schon das Aus im Halbfinale voraus - doch es kam anders. Zum einen, weil der 25-jährige Sänger seine schlichte Ballade sehr konzentriert sang. Zum anderen aber, weil die Inszenierungsidee mit dem schwulen Pärchen, das um eine Parkbank herumtanzt, überzeugte. (Wenn auch nicht in China, wo der Song deswegen zensiert wurde - sehr zum Missfallen der EBU.) Inzwischen taucht "Together" sogar schon in den Top Ten der Wettbüros auf. Die Leichtigkeit der Musik könnte ein Trumpf sein, kurz vor Schluss eines langen, lauten Programms. Da wird doch keine Ära enden?

Sympathiepunkte: 6/10
Siegchancen: 5/10

25. Zypern

Eleni Foureira - "Fuego"

Eleni Foureira kam als Entela Fureraj in Albanien zur Welt, zog als Kind mit ihrer Familie nach Griechenland, ist mit einem spanischen Fußballer liiert und tritt für Zypern an mit einem Lied aus der Feder von Alex P., einem griechischstämmigen Schweden, dessen bisher erfolgreichster ESC-Beitrag "Always" 2009 Platz drei für Aserbaidschan bedeutete. Geht es eurovisionärer? Jawohl, denn der Songtitel "Fuego" heißt auf Spanisch Feuer und begründet das Auslösen zahlreicher Feuerfontänen auf der Bühne. Außerdem wird im Text "higher" auf "fire" und vor allem auf "ah-yeah" gereimt, wie es ein Muttersprachler niemals wagen würde. Mit ein bisschen Wohlwollen erinnert der Einstieg an Rihanna, der Refrain an Shakira und der Lockenwurf an Beyoncé. Seit der ersten Proben in Lissabon der Top-Favorit der Wetter - und seit einem Interview mit einem Fan-Journalisten auch sonst. Auf Englisch gefragt, was denn "Fuego, ah yeah" eigentlich heißen solle, antwortete Eleni trocken und verständnislos: "Fire, ah yeah"! Logisch, was denn sonst?!?

Sympathiepunkte: 7/10
Siegchancen: 9/10

26. Italien

Ermal Meta & Fabrizio Moro - "Non mi avete fatto niente"

Zwei für sich genommen durchaus erfolgreiche cantautori haben sich zusammen getan, um endlich mal das Sanremo-Festival zu gewinnen. Das gelang mit einem Lied, in dem der Römer Moro und der in Albanien geborene und in Bari aufgewachsene Meta die terroristischen Anschläge der letzten Jahre beklagen - und doch zu dem Schluss kommen: "Ihr habt mir nichts antun können". Der Text hat viele Zeilen, die beiden Sänger tragen sie mit angemessen ernstem Blick vor - zugleich werden sie in allen möglichen Sprachen übersetzt, was aber letztlich in keiner Sprache ein zusammenhängendes Verständnis erlaubt. Doch man sagt ja, die Sprache der Musik sei allgemeinverständlich - hier kommt also eine Probe aufs Exempel.

Sympathiepunkte: 5/10
Siegchancen: 4/10

Eurovision Song Contest, Finale, Samstag, 12.5., 21 Uhr, ARD (ab 20:15 Uhr bereits Vorberichte)

insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
Proggy 12.05.2018
1. Existenzberechtigung
Der ESC (und die nationalen Support-Veranstaltungen) sind in den letzten 20 Jahren schleichend zu einem friedlich, schrillen LGBT-Happening mutiert und haben damit - oder gerade dadurch - ihre Berechtigung. Das System der Punktevergabe musste wg. offensichtlicher Stimmen-Schieberei öfter geändert geändert werden, bleibt aber zweifelhaft. Die Zuordnung einiger teilnehmenden Länder zu "Europa" ist grenzwertig belustigend sowie weder politisch noch geografisch plausibel erklärbar - aber sonst? Die machen nicht viel kaputt (außer vielleicht den guten Geschmack), feiern, sind friedlich und fröhlich - also lasst sie doch! Es wird mehr Geld für weniger sinnvolle Events ausgegeben. Einfach ignorieren oder.... mitfeiern.
issernichsüss 12.05.2018
2. Sieger ganz egal!
Egal wer denn nun beim ESC Sieger wird. Viel mehr lohnt es sich doch, die ganze öde Veranstaltung aufzubleiben, bis am späten Abend die höchst amüsante Punktevergabe startet! Douze point for Germany? Interessant ist es doch zu sehen, wie Österreich, die Schweiz, Polen und Holland sich mit der Punktevergabe gegenüber Deutschland sehr zurückhalten, bzw. sie ganz verweigern. Schön ist es aber auch, wenn Deutschland mit Punkten gegenüber diesen (unseren) oben genannten Nachbarn geizt. Man kann das Raunen, dann quasi bis ins eigene Wohnzimmer (sehr zufrieden) wahrnehmen! ;-)
spon-facebook-10000256771 12.05.2018
3.
Zitat von ProggyDer ESC (und die nationalen Support-Veranstaltungen) sind in den letzten 20 Jahren schleichend zu einem friedlich, schrillen LGBT-Happening mutiert und haben damit - oder gerade dadurch - ihre Berechtigung. Das System der Punktevergabe musste wg. offensichtlicher Stimmen-Schieberei öfter geändert geändert werden, bleibt aber zweifelhaft. Die Zuordnung einiger teilnehmenden Länder zu "Europa" ist grenzwertig belustigend sowie weder politisch noch geografisch plausibel erklärbar - aber sonst? Die machen nicht viel kaputt (außer vielleicht den guten Geschmack), feiern, sind friedlich und fröhlich - also lasst sie doch! Es wird mehr Geld für weniger sinnvolle Events ausgegeben. Einfach ignorieren oder.... mitfeiern.
Proggy das ist ganz einfach...die sind Mitglieder der Eurovision. Das hat 0,0 mit Europa zu tun. Zu dem gehören eben auch Israel und Australien
haarer.15 12.05.2018
4. Wie immer wird es Überraschungen geben ...
... egal wie die Buchmacher ihre Prognosen abgeben. Im SPON liegen auffallend viele Peripherie-Länder mit ihren Beiträgen hoch im Kurs - oder sogar noch Australien oder Israel. Wieso nehmen die am Songcontest überhaupt teil ? Eines muss man konstatieren: Die Qualität ist leider mit den Jahren immer mehr in den Keller gesunken. Die Lieder waren allesamt melodisch keine Ohrwürmer, wurden aber mit gekonnter Performance immer künstlich aufgewertet. Beim deutschen Beitrag von Michael Schulte kann man diesmal nur wünschen, nicht unter die letzten Fünf zu kommen. Gibt auch nicht viel her.
Jor_El 12.05.2018
5. Grauenhaft
Der deutsche Beitrag ist die typische Deutschpop-Dudelei der letzten Jahre. Ärgerlich langweilig. Germany zeroPoints, wohl verdient.
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