ESC-Soundcheck Wer hat das Zeug zum Finalisten?

19 Länder kämpfen beim ersten Halbfinale des Eurovision Song Contest um den Finaleinzug. Wer muss seine Hoffnung begraben? Der Livestream.

Daniel Kaminsky

Von


1. Aserbaidschan

Aisel - "X My Heart"

Es gibt Statistiken darüber, welches die meistgesungenen Songs in Castingshows sind. In den USA zum Beispiel lag hier "I Have Nothing" von Whitney Houston vorn. Eher gefühlte Wahrheit dagegen: "Firework" von Katy Perry ist die meistgenutzte Inspiration für ESC-Songs der jüngeren Zeit. Aserbaidschan hat zum sechsten Male die schwedische Songwriterin Sandra Bjurman beauftragt (Siegertitel "Running Scared" 2011), diesmal unterstützt vom griechischen ESC-Profi Dimitris Kontopoulos (zwei zweite, ein dritter Platz). Der Refrain in deren modernen Popsong gipfelt in einem "oh-oh-oh", fast so explosiv wie "Firework". Ansonsten hat man der 28-jährigen Aisel, bisher auf Bar-Jazz spezialisiert, ein selbst für ESC-Verhältnisse irres Phrasengemisch zum Singen gegeben ("Let's rock the nation", "firewalls" auf "cannonballs" gereimt, "Luna moon me to the top"). Hach, da ist man in den ersten drei Minuten schon wieder mittendrin in der Parallelwelt!

Chancen aufs Weiterkommen: 4/5

2. Island

Ari Ólafsson - "Our Choice"

"Wir haben alle eine Wahl", "Gemeinsam können wir etwas ändern", "In jeder Sprache gibt es ein Wort für Liebe" - aus solchen Gemeinplätzen für eine bessere Welt hat schon Ralph Siegels treuer Dichter Bernd Meinunger seine Texte zusammengebaut. Hier haben wir sie Thorunn Clausen zu verdanken, schon 2011 Komponistin des isländischen ESC-Beitrags von Sjonni's Friends. Diesmal singt ein 19-Jähriger, Typ Lehrerliebling. Die Balladenstrophen hindurch hält er sich wacker, doch dann muss er einen in einen unerträglich klischeehaften C-Teil, der ihm das Genick brechen wird.

Chancen aufs Weiterkommen: 1/5

3. Albanien

Eugent Bushpepa - "Mall"

Jawohl, der Mann ist Rocker. Das sieht man an den Tätowierungen und der schwarzen Nietenjacke. Das erfährt man aus seiner Biografie, er stand mit Guns-'n'-Roses-Musikern auf der Bühne und sang in italienischen Metalbands. Das hört man auch in seinem selbst geschriebenen Song, in dem es nicht etwa um Einkaufszentren, sondern um Sehnsucht geht. Man hört es aber nur ganz kurz im Übergang zum Refrain, ansonsten gibt es viele Streicher und einen hübschen Händeklatschbeat. Trotzdem: Die Rock-Insignien fallen auf in dieser Konkurrenz, wie auch das Albanische als eher ungewohnte Singsprache. Ob das aber fürs Finale reicht?

Chancen aufs Weiterkommen: 2/5

4. Belgien

Sennek - "A Matter Of Time"

Mit Songs wie "City Lights" (2017) oder "Rhythm Inside" (2015) hat Belgien sich zuletzt als Lieferant besonderer, leicht avantgardistischer Pop-Experimente stilisiert. Diese Tradition wird nun allerdings nur halbherzig fortgeführt: Im ESC-Kontext sind die von der 28-jährigen Laura Groeseneken mit tiefer Stimme gesungenen Strophen schon überdurchschnittlich geschmackvoll gehalten. Doch die angedeutete Sixties-Eleganz hält der unter anderem vom Songwriter der Band Hooverphonic komponierte Song im Refrain leider nicht durch. Zur Not hat die Sängerin, die sich Sennek nennt, noch eine zweite Karriereoption: Sie arbeitet nämlich für Ikea im "Visual Merchandising".

Chancen aufs Weiterkommen: 3/5

5. Tschechien

Mikolas Josef - "Lie To Me"

Die Tschechische Republik hatte bisher noch nicht viel Glück mit dem Eurovision Song Contest, erst einmal reichte es fürs Finale - und da stand am Ende ein vorletzter Platz. Diesmal sollte alles anders werden: In Mikolas Josef hat man einen sehr kecken jungen Mann gefunden, im Song werden Marilyn Monroe, Madonna und Spaghetti erwähnt, ein gewisses Justin-Timberlake-Flair mit eingestreutem Saxofon-Thema. Alles nicht unsexy für die durchformatierten Verhältnisse des ESC. Und dann? Kommt die erste Probe, Mikolas Josef tanzt wild, springt einen Salto - und muss mit Rückenschmerzen ins Krankenhaus. Der 22-Jährige ist entschlossen, trotzdem anzutreten - fitgespritzt fürs Halbfinale, würde man im Fußball wohl sagen. Hoffentlich klappt's, hoffentlich bleibt nichts nach.

Chancen aufs Weiterkommen: 4/5

6. Litauen

Ieva Zasimauskaité - "When We're Old"

Ihr Pullover sieht aus wie der mit Perwoll gewaschene aus der Werbung, und auch sonst wird einem ziemlich kuschelig zumute beim litauischen Beitrag. Es ist ein Liebeslied über den Traum, gemeinsam alt zu werden. Eher gehaucht als gesungen, eine Piano-Ballade. Und dann tritt doch tatsächlich Ievas realer Ehemann auf die Bühne und strahlt sie verliebt an. Es gab schon aufregendere Songs, es gab schon origineller Inszenierungen, es gab schon charismatischere Interpreten - aber das Gesamtpaket wirkt hier ziemlich stimmig.

Chancen aufs Weiterkommen: 3/5

7. Israel

Netta - "Toy"

Sie war vor den Probentagen von Lissabon die Vorabfavoritin der Wettbüros: Netta Barzilai, die sich durch ihren Song gackert und stottert, aber auch mit Inbrunst singt: "Look at me, I'm a beautiful creature". Der asiatische Style, der bei Jamie-Lee für Deutschland 2016 so blass wirkte, wird hier mit sehr viel Leben gefüllt. Inhaltlich geht es in verschiedenen Textvarianten darum, dass die Frau kein Objekt, keine Puppe, keine Barbie sei, sondern was zu sagen habe - was auch ohne die #MeToo-Debatte eine relevante Aussage gewesen wäre. Sie wird vorgebracht mit großer Ausgelassenheit. Die will nicht nur spielen, die will gewinnen. Doch nach den Proben haben sich die Wettquoten verschlechtert. Spannend.

Chancen aufs Weiterkommen: 5/5

8. Weißrussland

Alekseev - "Forever"

Nikita Vladimirovich Alekseev wurde 1993 in Kiew geboren, was für manche in Weißrussland ein Politikum ist. Denn in kaum einem anderen Land wird der ESC so unverhohlen als patriotische Mission begriffen. Drum gab auch Präsident Alexander Lukaschenko persönlich sein Okay für den ukrainischen Vertreter Weißrusslands. Ob's allerdings was nützt? Alekseev klingt nicht danach, als wisse er so ganz genau, was er da auf Englisch singt. Die Musik dazu ist ein Durcheinander aus Balladen-, EDM- und Pop-Elementen. Da wird das Bühnenspektakel einiges rausreißen müssen.

Chancen aufs Weiterkommen: 2/5

9. Estland

Elina Nechayeva - "La forza"

Die Nachbarn aus Lettland entschieden sich schon 2007, mit italienischem Operngesang beim ESC anzutreten. Immerhin ins Finale schafften es Bonaparti.lv seinerzeit, dort allerdings reichte es nur für Platz 16. Der estnischen Diva wird Größeres prophezeit, manche Beobachter erwarten sie schon in ähnlichen Regionen wie die italienischen Tenöre von Il Volo, die 2015 Dritter wurden und das Publikumsvotum gewannen. Doch dafür ist "La forza" vielleicht dann doch zu sehr darauf angelegt, das Publikum hauptsächlich mit sehr hohen Tönen beeindrucken zu wollen - die Eingängigkeit kommt da etwas kurz. Da die 26-Jährige aber auf das Opernfanvotum ungeteilt zählen kann, ist eine Finalqualifikation praktisch sicher.

Chancen aufs Weiterkommen: 5/5

10. Bulgarien

Equinox - "Bones"

Seit das Produzententeam Symphonix International bei den bulgarischen Beiträgen am Ruder ist, läuft es: Vierter und Zweiter wurde Bulgarien zuletzt. Nun singt ein ebenfalls international besetztes Quintett eine eher düstere Symphonix-Komposition. Die Liebe gehe tiefer als Fleisch und Knochen, wird von den Schwarzgewandeten betont. Mit etwas Fantasie könnte man sich einen The-Weeknd-Song darunter vorstellen, doch "Bones" kommt schon mit ziemlich schwerem Schritt daher. Wenn der gute Synthesizer-Effekt im Schnelldurchlauf zu hören ist, reicht's fürs Finale.

Chancen aufs Weiterkommen: 3/5

11. Mazedonien

Eye Cue - "Lost And Found"

Es fängt an wie ein Folksong, wird aber nach wenigen Textzeilen zu einem Reggaestück. Nach einem kurzen Zurück zum Folk setzt der Vierviertel-Beat ein und "Lost and Found" wird zu einem geradlinigen Popsong mit Tropical-House-Anklängen. Zu viel, was das mazedonische Duo da in den Beitrag gepackt hat? Mag sein. Aber alles ist melodiös, die Übergänge sind zwar abrupt, haben aber ihre eigene Logik. Und wir sind ja hier nicht beim Formatradio, wenn Bojan Trajkovski und Marija Ivanovska eine entsprechende Show hinlegen, könnte die Abwechslung zur Stärke werden.

Chancen aufs Weiterkommen: 3/5

12. Kroatien

Franka - "Crazy"

Am 5. Mai gewann Lokomotive Moskau zum ersten Mal seit 14 Jahren wieder die russische Meisterschaft. Mit dabei: der kroatische Verteidiger Vedran Corluka. Einen noch größeren Triumph strebt Corlukas Freundin Franka Batelic in Lissabon an - denn Kroatien konnte noch nie beim ESC gewinnen. Franka setzt nun allerlei Verführungskunst ein zu einer etwas R&B-angehauchten Popballade - immerhin hat sie mal im Vorprogramm von Beyoncé gesungen -, deren Höhepunkt eine kleine Sprechgesangpassage mit "Bonnie & Clyde"-Erwähnung ist. Leider nur die Musicalversion von verrucht und deshalb kein Titelkandidat.

Chancen aufs Weiterkommen: 3/5

13. Österreich

Cesár Sampson - "Nobody But You"

Über das bulgarische Kerngeschäft hinaus expandiert das Songwriting-Unternehmen Symphonix International, 2017 nach Serbien, diesmal nach Österreich. César Sampson, immerhin in Linz geboren, sang in den vergangenen beiden Jahren im Hintergrund bei den bulgarischen Beiträgen - schließlich ist seine Familie Backingvocal-Adel: Tante Pepsi begleitete George Michael bei Wham! Immerhin: Einen Hit hatten Pepsi & Shirlie auch ohne Wham! ("Heartache", 1987) - und ein Hit würde dem durchtrainierten César ja reichen als Hauptperson auf der ESC-Bühne. Sein Soul-Popsong mit Gospel-Touch in den "Ain't nobody"-Chören taugt dafür durchaus. Für Höheres ein wenig zu unbesonders, aber fürs Finale sollte es reichen.

Chancen aufs Weiterkommen: 4/5

14. Griechenland

Yianna Terzi - "Oniro mou"

Einen "imaginären Dialog zwischen Griechenland und seinen Bürgern" trägt die 38-jährige Sängerin Yianna Terzi hier vor, der Songtitel heißt übersetzt "Mein Traum", und im Text geht es um bedingungslose Liebe, bis hin zum Tod. Hui! Inszeniert wird das Ganze zu Ethno-Klängen (zwei der fünf Songs für den griechischen Vorentscheid wurden als zu Ungriechisch aussortiert) und in einem opulenten weißen Kleid (zwei weitere der fünf Songs für den Vorentscheid wurden aussortiert, weil die Labels keine Startgebühr an den TV-Sender zahlen wollten). Terzi, die sich dann ohne Vorentscheid qualifizierte, kann sich freuen, dass auch Zypern im ersten Halbfinale antritt.

Chancen aufs Weiterkommen: 2/5

15. Finnland

Saara Aalto - "Monsters"

Die 31-jährige Sängerin ist populär in Finnland. Doch sie ist auch international orientiert, Furore machte sie mit einem "Eiskönigin"-Video in 15 Sprachen auf YouTube, in England nahm sie an der Castingshow "X Factor" teil und wurde Zweite. Ihr Euro-Dance-Song wurde komponiert von einem Team, das zum Teil auch am schwedischen ESC-Siegertitel "Heroes" beteiligt war. Im Songtext singt Saara Aalto "I am scared no more", was sich womöglich auf ihr Coming-out vor einiger Zeit beziehen lässt. Auf der Bühne große Show mit einem Zirkusrad (sie hat einen Zauberer in der Verwandtschaft) und Hebechoreografie. Fazit: Da wird so viel richtig gemacht, dass auch sehr viel schiefgehen kann.

Chancen aufs Weiterkommen: 4/5

16. Armenien

Sevak Khanagyan - "Qami"

Eine der Effekte des portugiesischen Sieges mit "Amar pelos dois" ist offenkundig, dass wieder mehr Länder den Mut finden, sich von Interpreten vertreten zu lassen, die in ihrer Landessprache singen. Und die Liebessehnsucht, die der 30-jährige Sevak hier ausdrückt, vermittelt sich auch ohne dass man die Worte versteht. (Der Titel bedeutet "Wind", bei der Show sollte die Windmaschine zum Einsatz kommen.) Was Armenien allerdings nicht vom 2017er-Siegerbeitrag übernahm, war das Entspannte, Zurückhaltende. "Qami" klingt ziemlich, Pardon, aufgeblasen und wird gekrönt durch ein wirklich scheußliches Gitarrensolo.

Chancen aufs Weiterkommen: 2/5

17. Schweiz

Zibbz- "Stones"

Corinne "Co" und Stefan "Stee" Gfeller sind Geschwister, deshalb nennen sie ihr gemeinsames Projekt Zibbz, von "siblings" kommt das übrigens. Die beiden kommen aus dem Schweizer Mittelland, der Vater Reto Gfeller spielt in einer Music-Comedy-Kapelle namens Wilhelm Toll. Alles wie immer also in der Schweiz? Das wäre schlecht, denn in den vergangenen elf Jahren kamen die Eidgenossen nur zweimal ins Finale (und wurden dort dann einmal Letzter). Zumindest sehr engagiert kommt der Song daher, gegen Scheuklappen und Ausgrenzung, es klingt nach Sheryl Crow, nach "Rolling in the Deep"-Adele, nach Blues- und Rockeinflüssen. Alles sehr in Ordnung, aber den Funken, der überspringen muss, den müssen Co und Stee auf der Bühne entzünden. Sonst geht's wieder aus wie (fast) immer.

Chancen aufs Weiterkommen: 2/5

18. Irland

Ryan O'Shaughnessy - "Together"

Und das nächste Land, das dringend mal wieder eine zündende Idee bräuchte - in Irlands Fall, um nicht zum fünften Mal in Folge im Halbfinale auszuscheiden. Vielleicht mal nicht mit einer sanftmütig und mit großem Herzen auftretenden Ballade antreten? Irland sieht es anders: Wieder eine solche Ballade, von wegen "bis dass der Tod euch scheidet", die Trennung kam früher. Um das wenig originelle Thema (und den wenig originellen Song) ein wenig aufzupeppen, illustrieren zwei um eine Bank herumtanzende Männer, dass es auch um das Ende einer gleichgeschlechtlichen Ehe gehen könnte. Aber ob das reicht?

Chancen aufs Weiterkommen: 1/5

19. Zypern

Eleni Foureira - "Fuego"

Eleni Foureira kam als Entela Fureraj in Albanien zur Welt, zog als Kind mit ihrer Familie nach Griechenland, ist mit einem spanischen Fußballer liiert und tritt für Zypern an mit einem Lied aus der Feder von Alex P., einem griechischstämmigen Schweden, dessen bisher erfolgreichster ESC-Beitrag "Always" 2009 Platz drei für Aserbaidschan bedeutete. Geht es eurovisionärer? Jawohl, denn der Songtitel "Fuego" heißt auf Spanisch Feuer und begründet das Auslösen zahlreicher Feuerfontänen auf der Bühne. Außerdem wird im Text "higher" auf "fire" und vor allem auf "ah-yeah" gereimt, wie es ein Muttersprachler niemals wagen würde. Mit ein bisschen Wohlwollen erinnert der Einstieg an Rihanna, der Refrain an Shakira und der Lockenwurf an Beyoncé. Gesetzt fürs Finale - und, Stand Dienstagnachmittag, die Nummer eins bei den Wettbüros.

Chancen aufs Weiterkommen: 5/5

Eurovision Song Contest 2018

Eurovision Song Contest, 1. Halbfinale, Dienstag, 8.5., 21 Uhr, ONE

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
Peter M. Lublewski 08.05.2018
1.
"Wer muss seine Hoffnung schon jetzt begraben?" Deutschland. Letzter Platz im Dauer-Abo :-)
cave68 08.05.2018
2. kann man
bei dem musikalischen Einheitsbrei der hier geboten wird überhaupt eine Wertung abgeben?Das einzigst auffällige ist,dass Israel es jetzt mit musikalischem Tourette versucht....
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