Deutscher ESC-Kandidat Michael Schulte soll die Letztplatzschmach verhindern

Schläfrigkeit, dein Name ist ESC-Vorentscheid: Das angekündigte Innovationsfeuerwerk verpuffte eher unspektakulär. Für Deutschland tritt in Lissabon nun Michael Schulte an.

MARKUS HEINE/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Von


Die Wellen der Wurstigkeit schwappen über einem zusammen, als Elton, der Moderationssimulator, einen Ausflug ins Publikum unternimmt. Ob er denn wisse, warum der nächste Eurovision Song Contest im Mai ausgerechnet in Lissabon stattfinde, fragt er einen der Zuschauer im Saal. Keine Ahnung, sagt der, da sei er jetzt nicht drauf vorbereitet. Na, weil Portugal beim letzten Mal gewonnen habe, belehrt ihn Elton mit der dünn aufgepinselten Kompetenz des Aushilfslehrers, der sonst nur Völkerball unterrichtet und plötzlich was über die Geschichte der Habsburger erzählen soll: "Und zwar mit dem Lied… mit dem Lied."

Ein Lied, irgend so ein Lied eben, wurde also gesucht, damit Deutschland wieder da auftreten kann, wo man es seit Jahren nicht hören will. Und zwar dieses Mal, um eine erneute Letztplatzschmach zu verhindern, mithilfe irgendwie modern und nach zumindest mittel-big Data klingenden Algorithmen, und wenn die zur Auswahl stehenden sechs Lieder dann tatsächlich das Beste waren, was eine megamathematische Analysemaschine am Ende ausspuckt, kann man dafür beim nächsten Mal auch wieder getrost einfach die eigenen Wurstfinger nehmen.

Fotostrecke

8  Bilder
ESC-Vorentscheid: Tschüs und ab nach Lissabon

Das Auswahlsortiment: Die diesjährige "Voice of Germany"-Gewinnerin Natia Todua verlor sich in rätselhaft konstruiertem, wildem Gejodel. Der studierte Popmusiker Ryk ("Ich bin immer gut gelaunt, aber ich denke auch sehr viel nach") timbrierte sich mit Streberstimme durch eine Schwergemütsballade. Die in ihrer Retortigkeit fast schon aggressiv machenden Lederhosenträger von voXXclub boten Simpelhuber-Volkstümelstampf aus der Fixtüte (und mit "Heimatliebe"-Longsleeve).

Xavier Darcy, ein langhaariger Schmalibert mit Gitarre, brachte mit exaltiertem X-Bein-Tanz und mategeputschtem Schmissigfolk zumindest ein wenig Leben in die Konkurrenz. Ivy Quainoo, anno dunnemals auch mal "Voice of Germany"- Siegerin, war für ihre Teilnahme extra von New York zurück nach Berlin gezogen, wie eines der dämlichsten Vorstellungsfilmchen seit Erfindung des Genres nimmermüde rapportierte ("Das Schöne am Checkpoint Charly ist, dass man hier diagonal über die Straße gehen kann.") - um sich, mit Goldschmiere gesalbt, durch eine bestürzend beliebige Ballade zu arbeiten. Michael Schulte, ebenfalls "Voice of Germany"-Veteran, sang schließlich eine leidlich lebhafte Nummer über seinen früh verstorbenen Vater, bei der man stetig rätselte, aus welchen derzeit erfolgreichen Popstücken man sie frankensteinesk vernäht hatte. Aber vielleicht ist das ja auch ein gutes Zeichen.

Erfreulich fix, nach nur einer Stunde, war die Auswahl gesichtet, über die nun die repräsentative Zuschauerjury, ein Expertengremium aus internationalen ESC-Experten, die vage einmal etwas mit dem Wettbewerb zu tun gehabt hatten, und die anrufenden Fernsehzuschauer abstimmen durften. Leider mussten Elton und Linda Zervakis dafür nun noch eine weitere Stunde auf einem Moderationsschrottplatz mit vielen scharfkantigen Blabla-ismen totschlagen.

Leierig wurden die ärgsten Reiseprospekt-Plattitüden aufgesagt, um eine "Traumreise" zum ESC nach Lissabon zu verlosen, mit schmerzhaften Verrenkungen dann Mike Singer, "Deutschlands Teenieschwarm Nummer eins" angesagt, obwohl seine Zielgruppe jetzt doch schon lange im Bett läge. Mit derselben Begründung hätte man auch einen einradfahrenden Bernhardiner auftreten lassen und ihn mit dem bedauernden Hinweis abmoderieren können, dass die meisten Hunde ja leider kein eigenes TV-Gerät haben und wahrscheinlich gerade nicht zusehen.

Ja, sagt die Expertin, Charisma brauche man auch

Zwischendurch durfte ein Mitglied der ESC-Expertenjury noch mal kurz daran erinnern, wie niedrigschwellig der Zugang zu diesem Fachgremium offenbar war. Worauf es denn bei einer guten ESC-Performance ankomme, wollte Elton schläfrig von ihr wissen. Die Expertin erklärte fachkundig, man dürfte nicht schief singen. Und Charisma, hakte Elton energisch nach, brauche man das nicht auch? Ja, sagte die Expertin, Charisma brauche man auch.

Verzweifelter waren dann nur noch die Gespräche mit den Musikanten, die aufs Ergebnis warteten. Bei Ryks Auftritt hatte eine Tänzerin auf seinem Klavier getanzt, was liegt da näher als die Frage: "Wenn sie dir in die Tastatur gefallen wäre, was hättest du gemacht?" Und wer hatte hier noch mal die Schuhe von seinem Großvater an? Egal.

So lief die Punktevergabe

Am Ende schaffte man es noch, selbst die erlösende Punktevergabe zu vermasseln. Nacheinander durften ESC-Geschmacksrepräsentaten, Experten und Zuschauer Punkte aufsteigender Wertigkeit vergeben - nach den ersten drei Runden, also dann, wenn es spannend oder zumindest "spannend" werden könnte, entschied man sich dazu, den Zwischenstand einfach nicht mehr einzublenden. Stattdessen kommentierten Elton und Zervakis jede Punktvergabe mit einem langgezogen-skeptischen "Ooohkaaay" - für einen Running Gag zu stumpf, für ein Trinkspiel schon zu nah am absoluten Resignationspunkt.

Immerhin, mal etwas Gutes, fiel das Ergebnis am Ende so einmütig wie möglich aus: Alle drei Jury-Instanzen gaben Michael Schulte ihre Höchstpunktzahl, eine solide Wahl, ein Stück mit klarer Geschichte, falls das etwas nützt. Er fährt nun also nach Lissabon, und singt dort… dieses Lied.

insgesamt 64 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
lupus_major 23.02.2018
1. Göttlich.....
kommentiert und auf den Punkt gebracht. So wirds ein guter Tag.
ayee 23.02.2018
2. Schnelldurchlauf
Ich habe mir nur den Schnelldurchlauf angetan und der zeigte mir, dass das eine gute Entscheidung war. Es klang wie ein Schnelldurchlauf beim ESC selbst. Durchschnittliche Stimmen, unterdurchschnittliche Musik, merkwürdige Show. Für den eigentlichen Eurovision Contest ist das ja auch alles ok, nur mehrmals im Jahr geht das eben nicht. ;) Und wer am Ende welchen Platz belegt, spielt doch eigentlich sowieso nur eine untergeordnete Rolle.
goethestrasse 23.02.2018
3. Aufgeblähte Geldverschwendung
Man kann die Show nochmehr aufpimpen und auch 40 ex-Teilnehmer und 200 ESC "Kenner" einladen, die Songs werden dadurch nicht besser. Die Moderation grauenhaft. Urban vermittelte etwas Flair vom großenESC Finale. Das beste Lied hat gewonnen. Aber irgendeines musste es halt auch werden.
thrifter 23.02.2018
4. Ich warte ja sehnsüchtig auf den Tag...
...an dem Frau Rützel mal die Wahlberichterstattung der BTW übernimmt. Aber leider wäre ihr DAS dann wohl doch zu sehr unter ihrem Niveau...
Charlie Whiting 23.02.2018
5. Na gut...
...dass ich was anderes geschaut habe. Diese Ausscheidungswettbewerbe werden leider oft unnötig in die Länge gezogen u Elton hat da schon gar nix zu suchen. Und Algorithmen? Kann oder darf da niemand selbst komponieren oder zumindest eine selbstgewählte Komposition mitbringen? Das muss ja in Beliebigkeit versickern. Werde mir Natias Beitrag mal anhören weil ich ihren letzten Auftritt schon gut fand. Deutschland sollte nach den letzten Ergebnissen nicht mehr automatisch im Finale stehen. Kann man da nicht absteigen?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.