ESC-Siegerin Netta Für Israel. Für die Vielfalt

Zum vierten Mal hat Israel beim Eurovision Song Contest gewonnen, Netta Barzilai überzeugte Europa mit dem Lied "Toy": Es schließt an die #MeToo-Debatte an, feiert Außenseiter - und geht enorm ins Ohr.

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Am Ende der Tage von Lissabon triumphierte dann doch diejenige, die als Favoritin gegolten hatte, bevor die Eurovision-Song-Contest-Gemeinde sich in Portugal versammelte. Sobald Israel den Titel "Toy" und die Interpretin Netta Barzilai der Öffentlichkeit vorgestellt hatte, schoss das Land an die Spitze der Wettbürolisten.

Doch die Probenwoche in der berühmten ESC-Blase können frühe Favoriten stürzen und neue entstehen lassen. Diesmal zog Eleni Foureira mit ihrem Beitrag für Zypern, "Fuego", vorbei. Netta durfte ihr Markenzeichen, den Looper, mit dem sie ihre eigene Stimme begleiten kann, im Wettbewerb nicht benutzen - es wäre ein Regelverstoß. Hintergrundsängerinnen mussten übernehmen.

Am Abend war es dann lange spannend, aber am Ende nicht einmal knapp: Mit 529 Punkten hatte Netta fast hundert Punkte Vorsprung auf die Zweitplatzierte aus Zypern (436). Bei den 43 Länderjurys hatten Österreich und Schweden zwar mehr Punkte ergattert, aber das Votum des Publikums trug die 25-Jährige zum Triumph (das Finale können Sie hier im Minutenprotokoll nachlesen, und eine detailliertere Analyse zum ESC-Finale finden Sie hier).

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Netta Barzilai: "Ich bin nicht dein Spielzeug"

"Ich bin so glücklich", waren ihre ersten Worte mit dem gläsernen Mikrofon in der Hand, der ESC-Siegestrophäe. Das sah man ihr auch an, sie strahlte unter den Haaröhrchen, die zu ihrem Markenzeichen geworden sind.

Wichtiger waren aber ihre nächsten Sätze: "Danke, dass ihr das Anderssein gewählt habt! Danke, dass ihr die Vielfalt gefeiert habt!" Es sind die Kernaussagen, die in ihrem Siegerlied "Toy" stecken. "Look at me, I'm a beautiful creature" beginnt der Text des Songs: "Seid stolz und nehmt euch selbst so an, wie ihr ausseht und denkt", beschreibt sie ihre Botschaft an junge Frauen.

Dass die sich zudem nichts gefallen lassen sollten - wie es im Refrain heißt: "I'm not your toy / you stupid boy" -, das ist kaum anders als feministisch zu verstehen und schließt an die #MeToo-Debatte an. Mit "Wonder woman, don't you ever forget / You're divine and he's about to regret" wird auf eine andere israelische Ikone des popkulturellen Feminismus Bezug genommen: die jüngst von Gal Gadot gespielte Filmfigur "Wonder Woman".

Winkekatzen, Gegacker, Feuerwerk

Immer wieder erzählte Netta Barzilai davon, dass sie solchen Zuspruch als dickes Mädchen gut hätte gebrauchen können. Dass sie sich nicht getraut hätte, sich zu Gesangswettbewerben anzumelden. Dass sie lange gebraucht habe, ihr Anderssein zu akzeptieren: "Wenn die junge Netta mich zur Primetime hätte sehen können, wäre die junge Netta weniger unglücklich gewesen."

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Eurovision Song Contest: So liefen die Auftritte im ESC-Finale

Ihr Anderssein zelebrierte Netta beim "Toy"-Auftritt mit einem asiatisch angehauchten Look, noch gesteigert durch Winkekatzen im Bühnenbild. Irgendwo in der Nähe von Hannover wird sich Jamie-Lee, 2016 für Deutschland mit einem ähnlichen Look am Start, vielleicht gedacht haben: Was hat mir damals gefehlt?

Ganz sicher der passende Sound: "Toy" klingt so knallbunt wie der K-Pop aus Korea, mit ihrem Gegacker und ihren "Bakum-bakum"-Lautmalereien bringt sie das Spielerische auf die Spitze. Als Komponist ist Doron Medalie an dem Song beteiligt gewesen, der nicht nur die Hymne zur Gay-Pride-Parade in Tel Aviv geschrieben hat, sondern auch die israelischen ESC-Beiträge von 2015 ("Golden Boy") und 2016 ("Made of Stars"). Aber auch der junge Produzent Stav Berger hat mitgeholfen, einen Sound zu schaffen, der es in zahlreiche Streamingdienst-Bestenlisten schaffte: Dieser Song hat nicht nur wegen der Show gewonnen. Er wird auch gehört, freiwillig gehört.

Aus Versehen war "Toy" dem Vorjahressieger Salvador Sobral untergekommen, der schon bei seiner Dankesrede eine Kampagne gegen Musik mit allzu viel "Feuerwerk" gestartet hatte. In einem Zeitungsinterview zum Song Contest 2018 berichtete er, wie er Nettas "schreckliches Lied" bei YouTube gehört habe. Souverän konterte diese, sie habe nur Liebe für Salvador und die Musik aller Stile übrig. Und am Ende des Finalabends übergab Sobral Netta die Trophäe.

Noch einen weiteren Punkt sprach sie in der Nacht von Lissabon als frischgekürte Siegerin an: Sie liebe ihr Land, und nächstes Mal gehe es nach Jerusalem. Eine Aussage, die Israels Regierungschef Benjamin Netanyahu bei Twitter direkt bestätigte: "Netta, du bist ein echter Schatz", schrieb er: "Du hast dem Staat Israel viel Ehre eingebracht! Nächstes Jahr in Jerusalem!" Eine Wahl, die Konfliktpotentzial für 2019 birgt.

Die Ergebnisse des ESC 2018 im Überblick

1. ISRAEL - Netta ("Toy"): 529 Punkte
2. ZYPERN - Eleni Foureira ("Fuego"): 436 Punkte
3. ÖSTERREICH - Cesár Sampson ("Nobody but you"): 342 Punkte
4. DEUTSCHLAND - Michael Schulte ("You let me walk alone"): 340 Punkte
5. ITALIEN - Ermal Meta & Fabrizio Moro ("Non mi avete fatto niente"): 308 Punkte
6. TSCHECHISCHE REPUBLIK - Mikolas Josef ("Lie to me"): 281 Punkte
7. SCHWEDEN - Benjamin Ingrosso ("Dance you off"): 274 Punkte
8. ESTLAND - Elina Nechayeva ("La forza"): 245 Punkte
9. DÄNEMARK - Rasmussen ("Higher ground"): 226 Punkte
10. MOLDAU - DoReDoS ("My lucky day"): 209 Punkte
11. ALBANIEN - Eugent Bushpepa ("Mall"): 184 Punkte
12. LITAUEN - Ieva Zasimauskaite ("When we're old"): 181 Punkte
13. FRANKREICH - Madame Monsieur ("Mercy"): 173 Punkte
14. BULGARIEN - Equinox ("Bones"): 166 Punkte
15. NORWEGEN - Alexander Rybak ("That's how you write a song"): 144 Punkte
16. IRLAND - Ryan O'Shaughnessy ("Together"): 136 Punkte
17. UKRAINE - Mélovin ("Under the ladder"): 130 Punkte
18. NIEDERLANDE - Waylon ("Outlaw in 'em"): 121 Punkte
19. SERBIEN - Sanja Ilic & Balkanika ("Nova deca"): 113 Punkte
20. AUSTRALIEN - Jessica Mauboy ("We got love"): 99 Punkte
21. UNGARN - AWS ("Viszlát nyár"): 93 Punkte
22. SLOWENIEN - Lea Sirk ("Hvala, ne"): 64 Punkte
23. SPANIEN - Alfred & Amaia ("Tu canción"): 61 Punkte
24. GROßBRITANNIEN - SuRie ("Storm"): 48 Punkte
25. FINNLAND - Saara Aalto ("Monsters"): 46 Punkte
26. PORTUGAL - Cláudia Pascoal ("O jardim"): 39 Punkte

Mit dpa-Material

insgesamt 38 Beiträge
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mwroer 13.05.2018
1.
Geht enorm in's Ohr? Ehrlich gesagt ich hab das Lied schon wieder vergessen. Wirklich hängen geblieben sind die Italiener, der deutsche Beitrag und - okay das ist wenig überraschend, unser eigener Beitrag von Waylon. Nicht dass es nun qualitativ überragend war aber es läuft hier oft im Radio :) Alles in allem war der ESC okay und ich schaue ihn jedes Jahr, einfach um zu gucken was so in den anderen Ländern populär ist. Morgens lese ich dann wer gewonnen hat :)
Malto Cortese 13.05.2018
2.
Lässt sich eigentlich ein Zeitpunkt ausmachen, ab dem der ESC zur Freak-Show mutiert ist, oder war das ein schleichender Prozess? Waren wir es? Denn schließlich haben Signale aus Deutschland langfristig viral wirkenden Charakter. War es am Ende Gildo?
alabama110 13.05.2018
3. Danke....
.....für dieses europäische Festival. Jedes Jahr wieder gerne. Und Glückwünsche an Netta "You laugh at me for being different. I laugh at you for being the same" ;P
oceang 13.05.2018
4. Vielfalt sieht anders aus
Also wenn das als Vielfalt gefeiert wird...naja. Konformer zum (aktuellen) Mainstream gehts eigentlich nicht. Nun lässt sich das heute leicht sagen. Ich schwöre aber, dass ich schon beim Halbfinale vorhergesagt habe, dass dieser Song gewinnen wird, eben weil er geschickt und bewusst auf den #MeeToo Mainstreamzug zugeschnitten ist. Wenn es wirklich um Vielfalt geht, hätte Russland weiter kommen müssen. Deren Song war übrigens auch besser. Das ist kein Zufall. Im ESC gewinnen eh meist Songs bzw. Darbietungen die am besten zum gerade aktuellen Trend abgestimmt und geplant sind bzw. ihn aufnehmen. Musik ist egal dabei. Diesmal traten in Konkurrenz zueinander folgende Themen an - MeeToo (Isreal) - Vielfalt(Russland) - Gay/Lesbian (Irland) - Krieg/Frieden (Italien) - Flüchtlingsituation (Frankreich) - Konsum (Slowenien) Durch die #MeToo Dauerpräsens in den Medien, waren die Zuhörer diesmal halt bei diese Themen am meisten im Kopf durchgespült und noch frisch auf Linie. Kritischer vom Thema her, war imho Slovenien..auch vom Grundsound her war das interessanter. (Hvala Ne Ne) Bleibt noch ein kleiner Bonmot: Es ist imho nur eine Frage der Zeit, dass jemand ein Gegenvideo macht und dabei im Refrain Boy und Toy vertauscht. ;-) Strophe kann sogar bleiben. Macht trotzdem Sinn, dreht sich nur in der Bedeutung um 180 Grad. Ob Netta das vorher bewusst war?
ColynCF 13.05.2018
5.
Wenn man Netta sieht, fällt einem als erstes gleich mal Beth Ditto von Gossip ein. In den so gelobten Nach-68ern, den Siebziger / Achtzigern hätte man mit so einer Figur in der Tat keinerlei Chancen auf einer Bühne gehabt. Der/die erste, die das verändert hat war Divine (leider früh verstorben). Ich finde aber, dass man die Musik an sich trotzdem schrecklich finden darf, ohne gleich in eine reaktionäre Ecke gestellt zu werden. Die Musik-Ästhetik ist nun mal Geschmacksache und den sollte man nicht politisieren. Ich finde das Lied allerdings nicht schlecht, klingt ja auch ein bißchen nach Gossip. Die mochte ich auch immer.
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