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13. Mai 2018, 03:58 Uhr

So war das ESC-Finale

Dieses Boot ist niemals voll

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Mit Feminismus sang sich Israel zum Sieg. Dann waren beim ESC 2018 noch: Moldauer, die aus Schrankwänden auftauchen, streberhafte Popjünglinge - und ein deutscher Teilnehmer, der überraschte.

Israel hat also den ESC gewonnen. War das gerecht?

Völlig. Bereits im Vorfeld war die auf ESC-taugliche Exzentrik (= Bunter Wirrsinn? Immer! Wahrlich Verstörendes? Och nö!) getrimmte Popnummer von Netta als Favorit gehandelt worden. "I'm not your toy / you stupid boy" singt die 25-Jährige darin - passt aktuell gut zur #MeToo-Debatte, hat aber eben auch immer Geltung. Die Show stimmte ebenfalls: Auf der Bühne begleitet wurde Netta - selbst im Kimono, dessen Rottöne sich aufs Beste bissen, mit lila Lidschatten und Prinzessin-Leia-Gedächtnishaarschnecken - von drei ententanzenden Athletinnen. Eine runde Sache.

Und wie schlug sich Deutschland?

Auch wenn sich diese Witze schon etwas alt anfühlen: Besser als der HSV. Sogar viel besser, Deutschland ließ 22 Länder hinter sich. Der 4. Platz kam überraschend - aber nicht unverdient: Michael Schulte machte seine Sache nicht nur als Ed Sheeran-Look- und Sound-alike ziemlich gut: Die Klavierpopnummer "You Let Me Walk Alone" über seinen verstorbenen Vater brachte der 28-Jährige nicht nur stimmlich 1A rüber, sondern auch mit angemessen großen Gesten - die aber gottseidank nie so bombastisch waren, dass sie in den Kitsch kippten. "Sie können sich gar nicht vorstellen, wie gut es mir geht", so der ewige ESC-Moderator Peter Urban während der Punktevergabe. "Nach den letzten Jahren." (Wir erinnern uns: Letzte Plätze für Ann Sophie 2015 und Jamie-Lee 2016, einen vorletzten für Levina 2017). Recht hatte Urban.

Und der ESC sonst so? Same solider Popquatsch as every year?

"All Aboard" war der ESC-Slogan in diesem Jahr: Holzhammermäßig marschierten zu Beginn deshalb schöne Menschen in Matrosenkluft auf die Bühne, um die Teilnehmer vorzustellen. Und ja, jeder wurde auch irgendwie mitgenommen in dieses Boot: stampfende Wikinger mit Santiano-Touch (Rasmussen aus Dänemark), auf viel zu viel pappige Romantik gebürstete Liebesduette (Alfred & Amaia aus Spanien), aber eben auch engagiert schreiende Hardcore-Musiker (AWS aus Ungarn) oder Turtleneck-Existenzialisten, die eine fluffige Elektro-Ode über Bootsflüchtlinge darbieten (Madame Monsieur aus Frankreich). Alle waren, wie sie waren. Und alle waren dabei halt irgendwie okay.

Klingt aber auch ein bisschen langweilig.

Klar. Vor allem die Dichte an einem bestimmten Typus Streber-Popjüngling - jung, hip, im Sinne einer Daily Soap schön, ungebrochen begeistert von sich selbst - nervte nach einer Weile wegen permanenter Glattgebügeltheit, so etwa der tschechische Teilnehmer Mikolas Josef. Sein Song "Lie To Me" erinnerte an Dagewesenes, konkret an Justin Timberlake. Gleichzeitig sah er mit Hipsterbrille und blondem Schniegelhaar auch noch aus, als hätten Matt Damon und Karl-Theodor zu Guttenberg gemeinsam ein auf unangenehme Weise privilegiertes Kind gezeugt.

Äh, okay. Sonst noch Auffälligkeiten?

Die besonders hohe Dichte an auffälligen Requisiten. Hier eine Auswahl: Für Estland trat Elina Nechayeva mit einer Opernarie an und einem Kleid, auf das bläuliche Adern und allerlei weiterer Firlefanz projiziert wurden - eventuell wäre eine Warnung für Epileptiker angemessen gewesen. Die Moldauer DoReDoS nutzen eine Art Schrankwand mit Türen, um eine unübersichtliche, aber unterhaltsame Dreiecksgeschichte auf die Bühne zu bringen - neben den vielen Digitaleffekten war ihr Verschwinde- und Auftauchspiel auf angenehme Weise analog. Manche Finalisten schleppten eventuell auch einfach extra Plunder auf die Bühne, um von der eigenen Leistung abzulenken. Der ukrainische Sänger Mélovin etwa trug nicht nur eine einzelne irritierend blaue Kontaktlinse, sondern entstieg auch nosferatuhaft einem XXXL-Flügel und ließ Treppenstufen abbrennen. Was er dabei sang? Keine Ahnung.

Und wurde es auch richtig spannend?

Mitten im Song riss ein Mann der britischen Kandidatin SuRie bei ihrer eher mittelmäßigen Popnummer "Storm" das Mikro aus der Hand - aber was genau er wollte und sagte, ist noch immer unklar. Interessant war ansonsten vor allem die Diskrepanz zwischen den von den Jurys und den vom Publikum vergebenen Punkten. Die Anrufer warfen noch ziemlich viel um, was man in einer Doktorarbeit vermutlich als interessantes Beispiel für Direktdemokratie im popkulturellen Raum heranziehen könnte: So wurde etwa César Sampson aus Österreich (auch so eine Streberjüngling-Variation; für eine menschelnde Google-Werbung könnte er den Soundtrack einsingen und gleichzeitig auch dafür modeln) vom ersten noch auf den dritten Platz verwiesen.

Unsere Wünsche für das kommende Jahr?

Vielleicht ein bisschen mehr Willen zu agiler Unprofessionalität und Wagnis? Die wirklich wahren Trashzeiten scheinen ziemlich vorbei; sowas wie Guildo Horn kommt dem ESC nicht mehr unter. Auch Siegerin Netta war ja bei aller Sympathie ein fast schon zu durchkalkuliertes Diversity-Abziehbild. Andererseits war einer der schönsten Auftritte eben auch ein hochprofessioneller: In der Abstimmungspause sang Vorjahressieger Salvador Sobral mit Caetano Veloso - einem Giganten der brasilianischen Tropicália-Szene. Zart. Emotional. Genial. Konnte man halt nur nicht für abstimmen.

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