ESC-Vorentscheid 2018 Alles muss sich ändern, doch es bleibt, wie es ist

Letzter, Letzter, Vorletzter - das deutsche Abschneiden beim Eurovision Song Contest war zuletzt beschämend. Mit einem komplexen Verfahren will die ARD einen stärkeren Teilnehmer finden. Kann das gelingen?

Moderatorenduo Linda Zervakis und Elton
NDR/ Thorsten Jander

Moderatorenduo Linda Zervakis und Elton

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Es ist schon zum Ritual geworden: In der Nacht des Eurovision-Song-Contest-Finales, während auf der Bühne der Sieger im Konfettiregen feiert, betont ARD-Kommentator Peter Urban, dass die deutsche Sängerin alles gegeben hat, eine tolle Leistung, ob nun von Levina oder von Jamie-Lee oder von Ann Sophie. Und Thomas Schreiber, der ARD-Unterhaltungskoordinator, der vorher noch so selbstbewusst geklungen hatte, steht bedröppelt da und sucht nach Erklärungen. Für den vorletzten Platz 2017, den letzten Platz 2016, den letzten Platz 2015.

Schreiber, seit langen Jahren als NDR-Unterhaltungschef der oberste ESC-Beauftragte Deutschlands, hatte sich nach dem Sieg von Lena Meyer-Landrut ein ziemlich breitbeiniges Auftreten angewöhnt, das aber spätestens seit dem Ende der Kooperation mit Stefan Raab bei der Suche des deutschen ESC-Kandidaten nicht mehr durch die Ergebnisse gedeckt war.

ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber
NDR/ Marcus Krüger

ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber

Doch in diesem Jahr soll alles anders werden. Schreiber verkündete einen "radikalen Neuanfang" und stellte ein höchst komplexes Auswahlverfahren vor. Zuerst wurden anhand von Fragebögen im Netz 100 Mitglieder aus Deutschland für ein "Eurovisions-Panel" gefunden, das den Geschmack der internationalen ESC-Zuschauer abbilden solle - Geschmack in einem quasi mathematischen Verfahren nachgebildet durch "Experten für komplexe Datenmodelle".

Parallel dazu hatten "Musik-Experten" aus 4000 möglichen Kandidaten 211 ausgewählt, unter denen das Eurovisions-Panel die ihrer Meinung nach besten 17 bestimmte. Diese 17 wurden zusätzlich noch von einer internationalen ESC-Experten-Jury bewertet, um die besten sechs für den Vorentscheid zu finden.

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ESC-Vorentscheid: Das sind die sechs Kandidaten

Nach der Verkündung der sechs Kandidaten im Dezember wurde dann ein Songwriting-Camp einberufen, bei dem nationale und internationale Textdichter und Komponisten in Berlin versammelt wurden und mit den Interpreten an Songs feilten. Drei von ihnen singen beim Vorentscheid tatsächlich in diesem Camp entstandene Titel.

Flankiert wurde die Auswahl durch eine Charme-Offensive von Thomas Schreiber, der bei mehreren Roadshow-Terminen vor ESC-Fans das aufwendige Verfahren erklärte. Es riecht ein bisschen nach der letzten Chance.

Doch nun, am Donnerstagabend, kommt der erste Moment der Wahrheit: die Fernsehshow "Unser Lied für Lissabon" ("ULfL"), moderiert vom ehemaligen Raab-Sidekick Elton und der "Tagesschau"-Frau Linda Zervakis. Sechs Songs, zum Halbplayback live gesungen.

Die Songs im Vorab-Check:

Xavier Darcy : "Jonah"

Xavier Darcy
MARKUS HEINE/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Xavier Darcy

Der 22-jährige Münchner hat englische und französische Eltern und schon vor seinem ersten Album die Redaktion von NDR-Talkerin Ina Müller überzeugt, wo er 2015 auftrat - und die auch hinter seiner ESC-Vorentscheid-Teilnahme stecken soll. Darcy ist ein Gewinn für die Show mit seinem engagierten Schrummeln auf der akustischen Gitarre, dem gepflegten Langhaar und der rauen Stimme. Sein Song beginnt humorvoll, es scheint ums betrunkene Handynachrichtenschreiben zu gehen, doch leider entwickelt er sich in Richtung arg eintönigen Folk mit großem Herzen - als wolle Xavier als Mumford-Sohn adoptiert werden.

Ivy Quainoo: "House On Fire"

Ivy Quainoo
MARKUS HEINE/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Ivy Quainoo

Ist es tatsächlich schon sechs Jahre her, dass die Berlinerin mit ghanaischen Familienwurzeln die erste Staffel von "The Voice of Germany" gewonnen hat? Damals wirkte Deutschland noch nicht ganz so leergecastet wie heute und ihre Soulstimme überzeugte wirklich. Daran hat sich nichts geändert in den Jahren, in denen ihre Karriere dann doch nicht so wie erhofft durchstartete. Entsprechend hat sie einen Song ausgewählt mit einer Generalpause, in der sie die Stimme so richtig präsentieren kann. Doch der stille Moment ist die größte Stärke der allzu beliebigen Komposition zweier Songwriter, die zusammen "Stronger" von Kelly Clarkson geschrieben haben - deren erfolgreichster, aber sicher nicht bester Song.

Ryk : "You And I"

Ryk
MARKUS HEINE/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Ryk

Rick Jurthe tritt mit einer selbstgeschriebenen Klavierballade an, zu der eine Ballerina über den Flügel kreisen wird. Vielleicht eine kleine Hommage an Ryks derzeitigen musikalischen Hauptjob: Der Hannoveraner schreibt und produziert die Musik für die Tournee "Feuerwerk der Turnkunst". Ein Feuerwerk ist "You and I" ganz sicher nicht, aber Freunden elegischer Stimmen zwischen Radiohead und Anohni wird hier einiges geboten - wenn auch ohne deren radikale Verletzlichkeit und Experimentierlust. Der ehemalige Foxos-Sänger spielt hier die Rolle des chancenlosen, aber würdevollen Außenseiters.

Michael Schulte : "You Let Me Walk Alone"

Michael Schulte
MARKUS HEINE/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Michael Schulte

Der Ed-Sheeran-Schule der größtmöglichen Zurückhaltung in Modedingen bei gleichzeitig kleinstdenkbaren Skrupeln gegenüber Emotionalität, der gehört der norddeutsche Lockenkopf Michael Schulte an. "I was born from one love, two hearts, we were three Kids", zählt er auf, dankte der Mutter und vermisst den Vater. Dazu Streicher und im Bühnenhintergrund Bilder von Söhnen mit ihren Vätern, um die er bei seinen Fans gebeten hatte. Ja, das lappt schon gefährlich in den Kitsch, aber es ist eine sehr stimmige Inszenierung des 27-Jährigen, der mal in einer WG mit Max Giesinger wohnte, aber englischsprachige Songs bevorzugt. Hat Siegchancen, könnte aber für Lissabon zu unspektakulär sein.

Natia Todua : "My Own Way"

Natia Todua
MARKUS HEINE /EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Natia Todua

Die Sängerin mit dem charakteristischen Dreadlock-Haarturm gewann die aktuelle Staffel von "The Voice of Germany", was ihr eine gewisse Fangemeinde garantieren dürfte. Doch vor zwei Jahren ging das mit Mangamädchen Jamie-Lee nicht gut aus. Zumindest würde Natia Todua Stimmen aus Georgien garantieren, ihr Heimatland, das sie als Au-pair Richtung Deutschland verließ. Ihr Song handelt davon, trotz aller Zweifel ("they told me, honey, don't give up your dayjob") am Traum festzuhalten und den eigenen Weg zu gehen. Eine allzu klassische Aussage, die man der 21-Jährigen aber durchaus abnimmt. Originalitätspunkte wird sie aber mit dem Titel nicht einheimsen.

Voxxclub : "I mog Di so"

Voxxclub
MARKUS HEINE/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Voxxclub

Und dann sind da noch diese lederbehosten Garanten für Polarisierung im Publikum. Dabei ist doch "I mog Di so" ein Plädoyer für maximale Toleranz, "ob du auf Madeln oder Buaben stehst, mir egal". Die fünf feschen Mannsbilder lassen es ordentlich stampfen auf Bajuwarisch, kommen allerdings erheblich kalkulierender dabei herüber als vor fünf Jahren die Blasmusikpunks von La Brass Banda. "Lass uns Polka tanzen auf dem Karneval in Rio", heißt es im Refrain, und damit auch wirklich jeder die Message versteht, gibt's auch noch eine Zeile auf Englisch. Sagen wir mal so: Voxxclub würden auffallen in Lissabon, nach dem allzu grauen Auftritt 2017 wüsste diesmal jeder sofort, welches der deutsche Beitrag ist. Doch will man auf diese Weise auffallen?

So wird abgestimmt: Der Sieger wird bestimmt durch drei unabhängige Instanzen, durch die jeweils zwölf, zehn, acht, sieben, sechs oder fünf Punkte verteilt werden: Zum einen das 100-köpfige Panel, zum zweiten die internationale Expertenjury mit ESC-Vergangenheit, und zum dritten die gesammelten TV-Zuschauer-Voten.

"Eurovision Song Contest: Unser Lied für Lissabon", ARD, Donnerstag, 22.2., 20:15 Uhr



insgesamt 26 Beiträge
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wolleb 22.02.2018
1.
Der Musikgeschmack der Deutschen besteht zum größten Teil aus Musikantenstadel und dem Gesülze von Helen Fischer und Konsorten. Da darf man sich nicht wundern, wenn man International nichts gewinnt.
lachina 22.02.2018
2.
Also eindeutig die Bayern. Die anderen Sänger sind dermaßen austauschbar mit ihren Songs, ich bin mir sicher, wenn ich ein wenig rumsurfe, finde ich sie unter der Rubrik " Schonmal gehört." Dabei meine ich gar nicht die Stimmen, die sind schön, besonders die von Nadia.
angst+money 22.02.2018
3.
Das Problem ist doch gerade dieses Strebertum bei gleichzeitiger Vermeidung auch nur des gerinsten Anzeichen eines eigenen Stils - es werden einfach die Erfolgsrezepte der Vorjahre aufgekocht. Damit ist der deutsche Beitrag mal wieder erwartbar so originell, sympathisch und chancenreich wie... äh... die meisten anderen Beiträge anderen auch. Wir bieten immerhin ein konstantes Leistungsniveau ;-)
olli118 22.02.2018
4. Naja....
Das hat ja nur noch ansatzweise mit musikalischer Qualität zu tun. Gibt genug Länder/Blöcke, die sich gegenseitig Punkte zuschieben, egal was für eine Plörre da abgeliefert wird. Es gab in den letzten Jahren Lieder, die weitaus schlechter waren als das, was Deutschland abgeliefert hat. Die allzeit bereiten Klüngelpartner fehlen Deutschland halt....wer glaubt denn, daß da keine "Politik" im Spiel ist....
kael 22.02.2018
5. Klatschmarsch
Die Deutschen mögen immer noch gute Autobauer sein und auch tolle Waffen produzieren. Für international erfolgreiche Musik aber scheinen sie die Biederkeit ihrer Musikgene nicht verleugnen zu können. Da helfen auch keine noch so raffinierten Auswahlverfahren. Klatschmarsch!
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