ESC-Vor-Vorentscheid Zwölf Punkte für den Hosenanzug

Die ARD spielt wieder Stefan Raab: Zum zweiten Mal wurde unter zehn Newcomern ein Zusatzkandidat gesucht für den deutschen Eurovision-Vorentscheid. Es gewann Ann Sophie aus Hamburg.

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Sicherte sich einen Startplatz für den ESC-Vorentscheid: Ann Sophie
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Sicherte sich einen Startplatz für den ESC-Vorentscheid: Ann Sophie


Mit dem Rücken zum Publikum eröffnete Ann Sophie ihren Auftritt - und den Rücken ließ ihr orangefarbener Hosenanzug weitgehend frei. "Ich brauch' was, was knallt", habe sie der Modeverkäuferin ihres Vertrauens gesagt, erzählte sie später.

Die 24-Jährige sicherte sich mit ihrer körperbertonten Performance des Soul-Popsongs "Jump The Gun" bei einem Clubkonzert in Hamburgs "Großer Freiheit 36" den letzten freien Startplatz beim deutschen Vorentscheid für den Eurovision Song Contest (ESC). Sie setzte sich gegen neun Konkurrenten durch, 24,1 Prozent der Anrufer entschieden sich für die Hamburgerin.

Beworben hatte sich Ann Sophie mit dem selbstkomponierten, deutlich jazzigeren "Get Over Yourself", das aber schon 2013 veröffentlicht worden war - zu lange her für die Regularien des Wettbewerbs. Das von Songwriting-Profis komponierte Soul-Pop-Stück "Jump the Gun", das sie erst eine Woche vor der Show ausgewählt hatte, war fröhlicher, eingängiger - und gab ihr dennoch Raum für eine sogenannte "Money Note", den Ton, in den sie all ihre sängerische Kraft hineinlegen konnte.

Vielleicht sang Alisson Bonnefoy ihre Klavierballade noch etwas stärker, doch sie sah zu sehr nach einer Musical-Liebhaberin aus. "Hey You" von der schwedisch-deutschen Band Ason war wohl der hitverdächtigste Song des Abends, doch fielen die Stimmen der Schwestern im Harmoniegesang arg auseinander. Und bestimmt war der vom YouTube-Tanz-Phänomen "Harlem Shake" inspirierte Auftritt von Aden Jaron origineller - doch im Gesamtpaket war der Auftritt von Ann Sophie klar der Professionellste.

Das Clubkonzert zur Wildcard-Vergabe fand in diesem Jahr zum zweiten Mal statt, wieder von Barbara Schöneberger moderiert, aber diesmal nicht am Stadtrand, sondern mitten in St. Pauli. So manchen Teilnehmer schien die Atmosphäre des traditionsreichen Clubs ein wenig zu verunsichern. NDR-Unterhaltungschef Thomas Schreiber warb um Verständnis für die unerfahrenen Talente und freute sich später, dass mit knapp 50.000 Anrufern ein paar tausend Zuschauer mehr als im Vorjahr zum Telefon griffen.

2014 hatte das Publikum Elaiza die Wildcard zugespielt - und das Trio nutzte sie zum Überraschungssieg beim nationalen Finale. Im internationalen Wettbewerb reichte es dann allerdings nur für Platz 18.

Die Konkurrenz für Ann Sophie beim deutschen Vorentscheid ist zwar etwas etablierter als sie, aber nicht allzu furchterregend: Mrs. Greenbird, Laing oder Faun dürften die wohl bekanntesten Namen sein - eine Chance für das Ticket nach Wien ist also da.

Ann Sophie singt übrigens nicht nur, sondern hat auch beim Lee Strasberg Institute in New York Schauspiel studiert. Entsprechend gut war ihr Timing beim Siegerinterview, als sie auf die Frage nach ihren Eurovision-Song-Contest-Lieblingen Lena Meyer-Landrut nannte, aber schnell hinzufügte: "Conchita Wurst finde ich super - stimmlich."



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insgesamt 7 Beiträge
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mains 20.02.2015
1. Naja
Ich bin eigentlich größer ESC-Fan, war gestern Abend aber doch etwas entsetzt. Bei den meisten Auftritten müsste ich den Ton ausschalten; die Gesangsqualität mancher Teilnehmer war einfach grauenhaft. Ich befürchte dass der Deutsche Beitrag wieder untergehen wird, man muss sich nur einmal die Konkurrenz aus der Schweiz anhören.
spon-facebook-1458183583 20.02.2015
2. Jemand vergessenen Herr Bayer
Wer sind Faun und Laing???? Andreas Kümmert macht wohl die viel bessere Musik. Sieht zwar nicht so hübsch aus ist aber um Längen besser.
polargreis 20.02.2015
3.
Wie ein Sammelsurium aus all jenen, die im Schulwettbewerb unter Kategorie “Singen” ausgeschieden sind. Oder bei DSDS schon im Vorcasting scheiterten. Dilettantische Nachwuchsveranstaltung. Was glauben diese Kids eigentlich, wofür Sie sich bewerben? Sie müssen vor 165 Millionen auftreten und ein Land vertreten. Was hat sich der NDR nur dabei gedacht? Die Teilnehmer mussten doch vorab ein Video einreichen und da sind die nicht alle durchgefallen, sondern kamen direkt in’s sogenannte Clubkonzert? Langweilige, manchmal ätzende Songs, Leute mit Stimmen zum “Milch-sauer-werden”, mehr falsche Töne als Mücken im Sommer. Manchmal ein kleiner Lichtblick wenn doch so etwas wie Choreographie oder ein Anflug von Stimmtalent aufblitzte, das war bei weitem zu wenig. Mit Ann-Sophie gewann die einzige rühmliche Ausnahme. Hier ließ sich zumindest eine Gesangsausbildung erahnen und der Vortrag war soweit professionell wenngleich, was dreht sie dem Publikum so lange den Rücken zu? - Der Song selbst ist aber auch wieder kein vom-Hocker-Reißer. Fazit eine einzige (!) richtige Sängerin mit einem einzigen Beitrag,der ein bisschen was taugte. Eine Veranstaltung, bei der man sich vor allem freute, als sie zu Ende war.
bonngoldbaer 20.02.2015
4. Radio
Der Anfang des Artikels bringt das Problem auf den Punkt. Im ESC zählt spätestens seit dem Sieg von Lordi Optik mehr als Musik. Wenn man daraus wieder einen Gesangswettbewerb machen will, hilft nur eins: Die Sendung nur noch im Radio ausstrahlen.
Tahlos 20.02.2015
5. ja Himmel
was haben wir getan, dass der M... schon wieder kommt. Ist echt schon fast ein Jahr rum? Schlimm, schlimm.
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