ESC-Siegerin Jamala Die Ukraine und ihr trauriges Lied von der Krim

Andere ESC-Lieder waren größere Ohrwürmer - doch Europa fühlte mit Jamala: Die Ukrainerin besang ihre Urgroßmutter, die Stalin von der Krim deportiert hatte. Es ist auch ein politischer Sieg.

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Am Ende lief es dann doch auf das Duell hinaus, das sich über die ganze Eurovision-Woche in Stockholm aufgebaut hatte: Russland gegen die Ukraine. Nach den Jury-Wertungen hatte noch der dritte Weg in Führung gelegen, der australische Titel von Dami Im. Doch durch den neuen Abstimmungsmodus beim Song Contest fehlten noch die Publikumsstimmen. (Lesen Sie hier die Erklärung zum neuen Voting-System.)

Sie brachten der Ukraine den entscheidenden Schwung, den Sprung vorbei an Australien. Nur Russlands Sergey Lazarev hatte noch besser bei den Fernsehzuschauern abgeschnitten - aber sein mit viel Animationsaufwand aufgepeppter Simpel-Popsong "You Are the Only One" war nach den Jurystimmen schon zu weit abgeschlagen, um den Eurovision Song Contest 2016 zu gewinnen. Zweite bei den Jurys, Zweite beim Publikum: Das ergab den Gesamtsieg für die Ukraine.

Nun also ist Jamala die zweite ukrainische ESC-Siegerin, nach Ruslana 2004. Die siegreichen Auftritte könnten kaum unterschiedlicher sein: Ruslanas "Wild Dances" war ein unbändiges Getrommel, die Sängerin trug einen Lederschurz, die Tänzer wirbelten um sie herum. In diesem Jahr war die ganze Inszenierung konzentriert auf Jamala im blauen Kleid, der Song eine Ballade, die Message im Mittelpunkt.

Ein Lied über Vertreibung

Und die Botschaft des Liedes "1944" wurde diskutiert von dem Moment an, als Jamala im Februar den ukrainischen Vorentscheid gewonnen hatte. Denn die Jahreszahl im Songtitel steht für das Jahr, in dem Jamalas Urgroßmutter als Angehörige der tatarischen Bevölkerungsgruppe deportiert wurde - auf Stalins Befehl. Bei dem Transport nach Zentralasien starb eines ihrer fünf Kinder.

Immer wieder betonte Jamala seither, der Song handele vom persönlichen Schicksal ihrer Familie; Susana Jamaladinova kam 1983 in Kirgisien zur Welt, ihre Angehörigen kehrten erst nach dem Ende der Sowjetunion auf die Krim zurück, wo auch Jamala ihre musikalische Ausbildung begann, die sie dann in Kiew fortsetzte.

Vielleicht steckte hinter dieser Betonung der Familiengeschichte aber auch ein strategischer Gedanke: Natürlich denkt man bei Jamalas Lied heute sofort an die russische Annexion der Krim 2014. Dort gab es erneut Vertreibungen, auch unter den Krimtataren. Aber politische Aussagen in Texten und Songtiteln sind nach ESC-Regeln untersagt. Die Europäische Rundfunkunion verkündete denn auch auf Nachfrage, man habe "1944" geprüft, es entspreche den Regeln.

Im Video: Jamala gewinnt, Jamie-Lee nicht

In den Tagen vor dem Finale hingegen betonte Jamala, dass sie seit 2014 nicht mehr auf die Krim zu ihrer Familie zurückgekehrt sei; natürlich handele das Lied auch davon, sagte sie dem "Guardian". Zugleich kündigte der Generaldirektor des ukrainischen Fernsehens an, bei einem eventuellen Sieg Russlands werde die Ukraine wohl wieder auf die Teilnahme verzichten - so wie 2015.

Wie kann der ESC unpolitisch sein?

Ja, die Entscheidung für Jamala ist eine politische. Aber es ist auch eine Entscheidung für ein Lied - das die ausgebildete Opernsängerin Jamala mit viel Inbrunst vortrug. Es dürfte viele verschiedene Bevölkerungsgruppen angesprochen haben, mit seiner Mixtur aus elektronischen Beats mit leichtem Neunziger-Retro-Touch, aber auch traditionellen musikalischen Elementen. Sie selbst nennt die in Aserbaidschan verbreitete Vokaltechnik Mugham und das armenische Holzblasinstrument Duduk.

Bei der Sieger-Pressekonferenz in der Nacht in Stockholm zeigte sich Jamala glücklich darüber, dass "wer die Wahrheit ausspreche, die Menschen berühre". Sie sagte, der Soundtrack zum Holocaust-Film "Schindlers Liste" bedeute ihr viel und sie hoffe, dass ihr Lied eine ähnliche Power habe.

Bis zum 62. Eurovision Song Contest, der vermutlich in Kiew stattfinden wird, werden nun heiße Diskussionen darüber entbrennen, wie politisch der europäische Gesangswettbewerb sein sollte. Doch in so aufgeheizten Zeiten in Europa kann der ESC unmöglich unpolitisch sein.

Und eine versöhnliche Botschaft steckt ja trotzdem in den detaillierten Abstimmungsergebnissen des Wettbewerbs von Stockholm: Die ukrainischen TV-Zuschauer gaben dem russischen Beitrag die Höchstpunktzahl, zwölf Punkte. Und auch das russische Fernsehpublikum belohnte, anders als die Jury, den Song der Ukraine - mit zehn Punkten.

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dalethewhale 15.05.2016
1. Alles gut
so bekommt man das was mann verdient.
nldkhw 15.05.2016
2. Schade,.....
dass ein kultureller, freier und rein musikalischer Wettbewerb für politische Statements ausgenutzt wird. Wenn sie über Stalin singen will, bitte sehr. Die unterschwellige Message: Russen sind böse! dann noch durch ein ungerechtfertigtes Votum der Profijury über die Stimmen der Bevölkerung (die hatten nämlich den russischen Song favoritisiert) zu transportieren spricht mal wieder für die allgemeine Vorgehensweise des Propagandainstruments öffentlicher Rundfunk. Hier, wie auch in ganz Europa. Schade. Aber das bestätigt mal wieder meine Meinung, dass ein Umbruch her muss. Egal wie! So geht es einfach nicht mehr weiter.
MatthiasSchweiz 15.05.2016
3.
1. War bei den Zuschauern Russland der Sieger. Wer gibt noch was auf die Jurys, die in der Vergangenheit fast immer politisch motiviert abgestimmt haben? 2. Soll der Autor doch mal erklären, warum es eine Annexion der Krim gewesen ist und keine Sezession. Kann er das? 3. Wenn wir schon politisch und bei der Ukraine sind, kann der Autor doch mal schreiben, was er vom vom Westen (ganz vorne dabei Deutschland) tatkräftig unterstützten Putsch in Kiew hält. Aber nein, das lief ja alles ganz demokratisch ab, ohne zwielichtige korrupte Opposition, ohne Nazikämpfer, usw... Damit fing die Ukrainekrise an. Vielkeicjt treten ja beim nächsten ESC Ostukrainer auf, die etwas über Bandera singen?
maxbee 15.05.2016
4.
Na ja, solange der eigentlich verbotene politische Inhalt eines Songs sich gegen Russland richtet kann man doch nicht so kleinlich sein, oder?
ThomasGB 15.05.2016
5. Sorry, ...
Ich kenne ein paar Ukrainerinnen. Und die sagen alle: "Wir sind Russen!". Außerdem gehörte die Krim unter Stalin ohnehin noch zu Rußland. Und meine Urgroßmutter - die hätten wir am liebsten ermordet, wenn sie nicht mit ca 100 Jahren einem Oberschenkelhalsbruch erlegen wäre. Eines ist jedenfalls klar: Das ESC hat mit Kultur nichts mehr zu tun. Dort wird auch kein ernstzunehmender Künstler mehr auftreten. Das ist eine Kasperveranstaltung die sich zwischen peinlich und "false flag destination für Islamisten" bewegt.
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