Eurovision Song Contest 2017 EBU drängt Ukraine zu Ausnahme für russische Sängerin

"Tatsächlich wütend": In einem Brief an den ukrainischen Premierminister hat die Chefin der Europäischen Rundfunkunion den Bann der russischen ESC-Kandidatin kritisiert. Der Ukraine drohe ein zukünftiger Ausschluss.

Russlands ESC-Kandidatin Julia Samoilowa
imago/ ITAR-TASS

Russlands ESC-Kandidatin Julia Samoilowa


Am Freitagvormittag war die Aufregung groß auf den zahlreichen Fanseiten und Social-Media-Accounts, die sich dem Eurovision Song Contest verschrieben haben: Schließlich war die "Auslosung" der beiden Halbfinals bekannt gegeben worden. (Streng genommen werden die Plätze von den Show-Produzenten verteilt.) Mit der richtigen oder falschen Platzierung steigen oder fallen schließlich erfahrungsgemäß die Chancen eines Landes, ins Finale einziehen zu können.

Russland steht in der Startreihenfolge am dritten Platz des zweiten Halbfinals, zwischen Österreich und Mazedonien, als sei nie etwas gewesen. Dabei ist es weiterhin völlig offen, ob die vom russischen TV-Sender Channel One Russia bestimmte Kandidatin Julia Samoilowa tatsächlich am 11. Mai in Kiew singen dürfen wird.

Der ukrainische Geheimdienst SBU hatte der russischen Sängerin die Einreise in die Ukraine verboten, weil sie im Juni 2015 auf der von Russland im März 2014 annektierten Halbinsel Krim aufgetreten war. Reisen auf die Krim über Russland sind seit der Annexion aber von ukrainischer Seite verboten und werden mit einer Einreisesperre geahndet.

Einen Kompromissvorschlag der den Eurovision Song Contest ausrichtenden Europäischen Rundfunkunion (EBU), wonach der Auftritt von Samoilowa per Satellit auf eine Videoleinwand in der Halle von Kiew übertragen werden sollte, hatten sowohl die ukrainische als auch die russische Seite abgelehnt.

Nun platzte der EBU offenbar der Kragen. Das zeigt ein Brief, den die Generaldirektorin der Senderunion, Ingrid Deltenre, an den ukrainischen Premierminister Wolodimir Groisman schrieb. Er wurde zunächst von der Internetseite "Kiev Vlast" veröffentlicht und später von mehreren ESC-Informationsseiten weiterverbreitet. Die Authentizität des Briefs bestätigte die EBU-Pressestelle auf Anfrage.

In dem Brief forderte Ingrid Deltenre den ukrainischen Regierungschef auf, die Einreise von Julia Samoilowa im Mai zu ermöglichen. Andernfalls werde der "internationale Ruf der Ukraine als moderne, demokratische europäische Nation" negativ beeinflusst. Andere europäische Sendeanstalten würden der EBU-Generaldirektorin zufolge bereits erwägen, der Show in Kiew fernzubleiben.

EBU-Generaldirektorin Ingrid Deltenre
picture alliance / Robert Newald

EBU-Generaldirektorin Ingrid Deltenre

Zwar respektiere die EBU die ukrainischen Gesetze, heißt es in dem Schreiben, aber man habe keine Informationen darüber, dass die russische Sängerin die Sicherheit der Ukraine bedrohe. Die Sender-Union bemühe sich darum, den Eurovision Song Contest unpolitisch zu halten. Doch man sei "zunehmend frustriert und tatsächlich wütend", dass die diesjährige Austragung "als Werkzeug in der andauernden Konfrontation zwischen Russland und der Ukraine" benutzt werde.

Werde keine Lösung in der Sache gefunden, "gefährdet das unzweifelhaft die zukünftige Teilnahme der Ukraine am Eurovision Song Contest", so Deltenre.

Ministerpräsident Groisman leitete den Brief an mehrere Minister, Fernsehverantwortliche und den Kiewer Bürgermeister Vitali Klitschko weiter, um bis zum 31. März eine gemeinsam beschlossene Antwort auf den EBU-Brief zu erarbeiten.

Premierminister Wolodimir Groisman
REUTERS

Premierminister Wolodimir Groisman

Der Eurovision Song Contest 2017 findet in Kiew statt, nachdem die Sängerin Jamala 2016 für die Ukraine in der Wertung aus Jury- und Publikumsabstimmung den Sieg geholt hatte - mit "1944", einem Song, der die Vertreibung der Krimtataren von der Halbinsel beklagt. Hätten nur die Zuschauervoten gezählt, wäre der Sieg an den russischen Vertreter gegangen.

Mehrere ESC-Beobachter mutmaßten nach der Benennung von Samoilowa als Teilnehmerin 2017, dass Russland mit der wegen einer Muskelerkrankung auf den Rollstuhl angewiesenen Sängerin die ukrainischen Gastgeber bewusst in ein moralisches Dilemma hätte stürzen wollen.

feb



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Putin-Troll 31.03.2017
1. Keine Extrawürste
Über die Sinnhaftigekeit der ukrainischen Gesetze kann man trefflich streiten (erinenrt an die Hallstein-Doktrin), jedoch darf es nicht sein, dass Prominente sich einfach darüber hinwegsetzen können, ohne Kosequenzen befürchten zu müssen. Dass die EBU hier auf Rechtsbeugung drängt, liegt wohl auch weniger an der Sorge um den Ruf der Ukraine, sondern weil sie selbst nicht in die russisch-ukrainische Schlammschlacht gezogen werden will. Jetzt rächt es sich eben, dass 2016 ein klar regelwidriger ESC-Beitrag aus der Ukraine zugelassen wurde...
Aqualungs Breath 31.03.2017
2. Sieg für Russland
Da haben wirs. Dem Tenor des Artikels nach und nach dem Inhalt des Briefs der EBU ist also die Ukraine und nur sie schuld an der Eskalation der Situation. Sollen sie doch den Wettbewerb gleich in die Sowjet.. ähem nach Russland geben und gut ist. Schade langsam vergeht einem die Lust darauf.
whizzzler 31.03.2017
3. Oh man
da soll einfach nur gesungen werden, was ist daran jetzt so schwer ? Furchtbar
desertking 31.03.2017
4. Klägliches Gewinsel
Und die EBU ist wütend? Na, sowas. Die Ukraine darf aber nicht wütend sein, wenn sie angegriffen wird, scheinbar. Ziemlich eklig, wie sich die EBU hier einmal mehr in den Dienst der russischen Propaganda stellt und sich auch nicht entblödet mit Ausschluss zu drohen. Warum droht man den Russen nicht, die keine andere Sängerin schicken wollen? Außerdem: Der russische Delegationsleiter hat nicht am Delegationsleiter treffen teilgenommen, was eine grobe Verletzung der EBU-Richtlinien darstellt. Warum steht davon im Artikel nichts, dafür aber die ewige russische Opferleier von den bösen Jurys? Warum steht nicht im Text, dass die Russen keine Hotels reserviert haben, für die Zeit des ESC, während alle anderen Länder dies längst getan haben und zwar bevor die ukrainische Entscheidung anstand? Man will doch offensichtlich gar nicht zum ESC fahren. Nichts deutet daraufhin. Schade, dass SPON das nicht schafft abzudecken, aber genug Platz hat, darauf hinzuweisen, dass im letzten Jahr die russische Zirkusshow gewonnen hätte, wenn nur der TED gezählt hätte (UNd alle russischen Minderheiten schön für den Kreml zum Telefon gegriffen hätten, aber das nur nebenbei).
UlrichLamprecht 31.03.2017
5. Es sollte doch klar sein
Ob im Rollstuhl oder nicht, ein Veranstalter eines internationalen Wettbewerbs kann das einmmal machen, danach gehört er ausgeschlossen aus dem Reigen. Wenn jemand eine Olympiade ausrichtet, kann er einmal Teilnehmer ausschließen, danach ist Schluss. Ich erwarte schon, dass kein Land außer der Ukraine an diesem Wettbewerb teilnimmt, sollte es dabei bleiben.
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