Von Benjamin Bidder
Ein verwitterter Traktorreifen umgibt den Brunnen, an dem Galina Konjewa am Morgen Wasser für ihre Ziegen holt. Galina hat den Schaft ihrer Gummistiefel abgeschnitten, damit sie mit geschwollenen Beinen besser hineinschlüpfen kann. "Galoschen" nennen sie die Latschen in Buranowo, einem 600-Seelen-Ort, zwei Flugstunden östlich von Moskau, so als trügen sie darunter feine Lederstiefel, die vor Schnee und Schlamm geschützt werden müssen.
Die Gummischuhe sind meist schwarz oder grün, Galina aber trägt sie regenbogenbunt, farbenfroh, wie die Trachten, in denen sie mit den Buranowski Babuschki - den Omas von Buranowo - auftritt. Die sechsköpfige Folklore-Band hat dank YouTube eine große Fangemeinde in Russland und die nationale Vorauswahl für den Eurovision Song Contest (ESC) gewonnen. Galina ist 73 und damit 54 Jahre älter als Lena Meyer-Landrut war, als sie 2010 den Musikwettbewerb gewann. Die Babuschka, die in ihrer Freizeit Tomatenpflanzen auf der Fensterbank züchtet, könnte mit ihren Mitstreiterinnen am 26. Mai in die Fußstapfen des Teenie-Stars treten.
Galina stapft durch den Schlamm zur Probe im "Haus der Kultur", einer Backsteinbaracke mit Plumpsklo. Ende Mai tauscht sie die winzige Provinzbühne gegen die Millionen-teure Baku Crystal Hall. Die Omas gelten dann sogar als Geheimfavorit.
Gegen das Aussterben ihrer Sprache und Kultur singen die Omas an. Angesichts des überschaubaren Interesses an udmurtischer Volksmusik müsste ihr Ansinnen als aussichtslos gelten, hätten sich die Omas nicht beizeiten aufgemacht, um in die Massenkultur vorzustoßen. Statt alter Weisen stimmen sie inzwischen Rock an.
Galina leitet die Probe der Oma-Band. Unter den Schritten knarzen die Bohlen von Buranowos Kulturhaus. Man kann nicht sagen, dass sie zu den Takten tanzen. Sie wiegen sich wie Fichten im Taiga-Wind. Sie singen "Let It Be" von den Beatles und "Hotel California" von den Eagles. Natürlich mit udmurtischem Text.
"Uns reichen etwas Birkensaft und Kräuter"
Ihr Auftritt in Baku sorgt in der Heimat nicht nur für Freude. Es gibt Streit, weil die Omas in Aserbaidschan auf Englisch "Come on and Dance, Boom Boom" singen werden.
Sie sollten lieber "Come on eschjos, Hasch Hasch" singen, findet der udmurtische Sprachwissenschaftler Pawel Posdejew. Vor zwölf Jahren hat er die Omas entdeckt, nun fürchtet er, dass "die Musikindustrie ihnen ihre Regeln diktiert und die Seele raubt".
So wird Baku zum Schauplatz einer Kraftprobe zwischen Tradition und Kommerz. Beim Song Contest reüssieren seit Jahren Popsongs aus der Retorte und Interpreten, von denen kaum noch jemand zu sagen vermag, ob sie aus dem Kaukasus stammen oder aus Kopenhagen.
Galina blickt wehmütig zu dem kleinen Hügel hinüber, auf dem sich einst Buranowos Dorfkirche erhob. Die Eltern schoben sie durch das Fenster des Gotteshauses, um sie 1939 heimlich taufen zu lassen. Einige Jahre später ließen die Sowjets die Kirche sprengen. Die Rentnerinnen-Band sammelt nun Geld für den Wiederaufbau.
Wer es aber in Buranowo bis zur Oma gebracht hat, ist zäh. Galinas Mann hat sie einst im Suff mit einer Axt durch das Dorf gejagt. Der Gatte einer Mitsängerin brach betrunken durch das Eis eines nahen Sees uns starb. Walentina, 75, hat einen Sohn im Tschetschenien-Krieg verloren und einen Arm im Sägewerk. Es ist nicht ausgemacht, dass die Musikindustrie im Ringen mit Buranowo die Oberhand behält.
Im Kulturhaus bimmelt das Telefon, Pressesprecherin Swetlana muss Gerücht eines Boulevardblatts zerstreuen, die betagte Truppe reise samt mobilem Lazarett nach Baku. "Uns reichen etwas Birkensaft und Kräuter", sagt Galina.
Sie legt den schweren Silberschmuck um den Hals, den ihre Vorfahren aus Münzen gefertigt haben. 1818 geprägte Rubel mit Zarenkopf glänzen da, und französische Francs, die russische Soldaten von einem Beutezug gegen Napoleon aus Europa mitbrachten.
Ein Designer hat angeboten, für die Show in Baku neue Roben aus edler Kaschmirwolle zu schneidern, fing sich aber eine Absage ein. "Wir sind Omas, keine Barbie-Püppchen", sagt Galina.
Am Abend gewährt sie "Russia Today" ein Interview. Der TV-Kanal sendet auf Englisch und ist die Antwort des Kreml auf CNN. Die Reporterin trägt Minirock und ein Tattoo am Nacken. Als das Gespräch zu Ende ist, neigt sie den Kopf ganz nah zu Galina. "Was ist Ihr Geheimnis?", will sie wissen.
"Die Erde, auf der wir stehen", sagt Galina. "Sie gibt uns Kraft."
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