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ESC-Soundcheck: In der Partyschlagerhölle

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Eurovision 2014: Das erste Halbfinale Fotos
Jonatan Gretarsson/ RUV

Ex-Punks, Muttersöhnchen, Schlitzkleid-Sängerinnen und natürlich Ralph Siegel: Das ist der Eurovision Song Contest in Kopenhagen. Schon im ersten Halbfinale gibt's Überraschungen. Manche können singen.

Am Dienstag wird es schon ernst für 16 Länder beim Eurovision Song Contest: Bei den beiden Halbfinalrunden (Dienstag und Donnerstag) qualifizieren sich jeweils zehn Teilnehmer für die große Show, die am Samstagabend folgt. Hier ein Blick auf die Kandidaten des ersten Halbfinales - wer hat die besten Chancen auf das Finale?

Startnummer 1: Armenien - Aram MP3: "Not Alone"

Aram Sargsyan hat seinen Namenszusatz MP3 bekommen, weil er aktuelle Hits singen kann - auf Kommando, fix wie ein Download. Das macht er zum Beispiel in "Vitamin Club", einer Stand-up-Comedyshow im armenischen Fernsehen, bei der er zum Ensemble gehört.

Seinem Comedy-Background zum Trotz singt Aram MP3 in Kopenhagen eine Ballade: "Not Alone" fängt konzentriert an, mit Gesang zu spärlichen Klaviertönen. Nach gut einer Minute wird's dramatisch und modern, mit Streichern und Dubstep-Beats. Im Text geht's zwar universell um Trost, aber mancher versteht ihn als Botschaft an die über die halbe Welt verstreuten Armenier: Ihr seid nicht allein. Zwei von ihnen freuen sich jedenfalls: Der BVB-Fußballer Henrich Mchitarjan und der Boxer Arthur Abraham unterstützen Aram MP3. Bei den englischen Buchmachern ist "Not Alone" sogar der Top-Favorit. Die Finalqualifikation sollte sicher sein, doch für einen Siegkandidaten ist es vielleicht doch zu getragen - Europa möchte doch feiern!

Sympathiepunkte: 6/10

Qualifikationschance: 10/10

Siegchance: 6/10

Startnummer 2: Lettland - Aarzemnieki: "Cake to Bake"

Jöran Steinhauer hat in seiner Wahlheimat schon Geschichte geschrieben - oder zumindest Geschichtsträchtiges besungen: Mit "Paldies Latinam" dankte er der lettischen Währung Lat und verabschiedete sie; 2014 wurde der Euro in Lettland eingeführt. Seither ist Steinhauer unter den rund zwei Millionen Letten bestens bekannt. Ob das nicht ein eigenartiges Gefühl sei, fragte ihn ein Radioreporter. "Och nö", kam die Antwort, als Pfarrerssohn sei er daran gewöhnt, auf der Straße erkannt zu werden - so wie als Kind in Bochum. Ins Baltikum kam er im Schüleraustausch und blieb der Liebe wegen - das ursprüngliche Interesse am Land hatte der ESC-Auftritt der lettischen Band Brainstorm im Jahr 2000 geweckt.

Beim Eurovision Song Contest tritt der deutsche Lette mit der Band Aarzemnieki auf, was so viel heißt wie "Ausländer". Der Song ist schrummeliger Akustikgitarren-Folk, eingängig bis dämlich. Es geht ums Kuchenbacken, als Metapher. Anders als die russischen Omis 2012 bringen Jöran Steinhauer und Co. keinen Ofen mit auf die Bühne, sondern bloß gute Laune. Davon, wie ansteckend die ist, wird abhängen, ob ihrem zuckersüßen Ohrwurm eine Überraschung gelingen kann.

Sympathiepunkte: 8/10

Qualifikationschance: 8/10

Siegchance: 5/10

Startnummer 3: Estland - Tanja: "Amazing"

Der große russischstämmige Bevölkerungsanteil ist in den baltischen Staaten ein Politikum, auch im Unterhaltungssektor. Tatjana Mihhailova ist im russischen Kaliningrad zur Welt gekommen, aber sie hat es dennoch geschafft, in Estland ein Popstar zu werden. Sie war Teil des Nightlight Duos (und scheiterte 2002 nur knapp in der ESC-Vorentscheidung), sie sang in Musicals und tritt seit 2012 solo unter dem Namen Tanja auf.

Für "Amazing" hat sie sich mit ihrem Co-Autor und Produzenten Timo Vendt (alias Timulition) am Erfolgsrezept des Siegertitels von 2012, "Euphoria", orientiert: Ein ohne Umwege zur Klimax kommender Euro-Dance-Titel, zu dem die Sängerin einen akrobatischen Paartanz vollführt. Respekt, dass ihr dabei die Puste zum Singen nicht ausgeht, doch geht ihr leider die geheimnisvolle Aura der schwedischen Siegerin Loreen ab. "Amazing" ist also in etwa so wie der deutsche Beitrag "Glorious" von Cascada aus dem vergangenen Jahr.

Sympathiepunkte: 4/10

Qualifikationschance: 5/10

Siegchance: 2/10

Startnummer 4: Schweden - Sanna Nielsen: "Undo"

Wohl kein anderes Land geht den Eurovisions-Wettbewerb so generalstabsmäßig an wie Schweden, das über Wochen in Melodifestivalen-Runden den Teilnehmer fürs Finale aussucht. Entsprechend ist Schweden das gelobte Land der Hardcore-Fans, und wenn sich auch noch eine Sängerin qualifiziert, die es zuvor schon sechsmal vergeblich versuchte, ist das Entzücken umso größer. Sanna Nielsen kam schon als Elfjährige in die Charts mit dem schwedischen Schlager "Till en fågel"; besonders beliebt sind die Weihnachtsalben der 29-Jährigen.

Die langersehnte Teilnahme am internationalen Song Contest brachte ihr eine Power-Ballade ein, die Céline Dion zur Ehre gereichen würde. Man merkt, hier sind ESC-Kenner am Werk: Mitgeschrieben hat "Undo" Fredrik Kempe, der von 2008 bis 2011 dreimal zum Kompositionsteam der schwedischen Beiträge zählte (und im vierten Jahr für Norwegen dabei war). Unterstützt wurde er von David Kreuger, der sein Handwerk im legendären Cheiron Studio lernte, für Britney Spears und Westlife arbeitete und an sechs britischen Nummer-eins-Hits beteiligt war. Viele ESC-Fanatiker sind sich sicher: Wer siegen will, muss an Schweden vorbei. Aber das denken sie ja jedes Jahr.

Sympathiepunkte: 6/10

Qualifikationschance: 10/10

Siegchance: 6/10

Startnummer 5: Island - Pollapönk: "No Prejudice"

Die in Trainingsanzügen in den Farben der Regenbogenfahne gekleideten Männer mittleren Alters sind Ex-Punks, die als Vorschullehrer arbeiten; in Island bekleiden ja bis hin zum Bürgermeister der Hauptstadt so ziemlich alle wichtigen Posten Ex-Punks. Diese Typen hier sind auf der Insel bekannt für ihre Songs für Fünfjährige und deren Eltern. Zwei waren früher bei der Band Botnledja, die Blur zum "Woohoo" bei "Song 2" inspiriert haben sollen. Die beiden anderen kommen von der Band Dr. Spock, deren Frontmann der aktive Parlamentarier Ottarr Proppe ist, der beim ESC im Background singt.

Politisch ist auch die Botschaft des Wettbewerbstitels, wobei "No Prejudice" ja in etwa so kontrovers wie "Ein bisschen Frieden" ist. Damit diese Absage an Vorurteile nicht nur in Island, sondern in Europa verstanden wird, haben Pollapönk den Text übersetzen lassen - von keinem Geringeren als dem US-Songwriter und "Abgehört"-Liebling John Grant. Der brachte immerhin das schöne Wort "trigonometry" unter. Ansonsten kommt der Song eher rumpelig daher und seine Melodie entwickelt ihren Charme frühestens beim zweiten Hören. Nur: Wird ihm das vergönnt sein?

Sympathiepunkte: 7/10

Qualifikationschance: 5/10

Siegchance: 1/10

Startnummer 6: Albanien - Hersi: "One Night's Anger"

Albanien schickt - wie Schweden - eine Veteranin zum Song Contest: Herciana Matmuja hat es im fünften Anlauf endlich geschafft, beim Festivali i Këngës zu siegen, dem traditionsreichen skipetarischen Sangeswettbewerb, dessen Gewinner sich für den ESC qualifiziert. Hersi, wie sie kurz genannt wird, ist erst 24 Jahre alt, nahm aber schon als Kind an Talentshows teil und ist, ihrer klassischen Gesangsausbildung zum Trotz, Fan von Lady Gaga. In Kopenhagen ist sie das Gesicht eines Teams, das zwei Routiniers des albanischen Musikgeschäfts komplettieren, Textdichter Jorgo Papingji ist schon 71 Jahre alt.

Der Text gab im Vorfeld des Wettbewerbs schon Anlass für Kontroversen. Denn bei der Vorausscheidung sang Hersi ihr Lied in albanischer Sprache, fürs Finale hingegen wechselt sie ins Englische. Das verärgert die Landessprachen-Nostalgiker unter den ESC-Fans. Auch andere Beobachter finden, dass ihre etwas refrainarme Powerballade in der offenkundig nicht so vertrauten Sprache viel von ihrem Charme verliert. Dass das ungewöhnliche Rockgitarren-Orchester-Intro weggekürzt wurde, hilft auch nicht gerade. Viel Stimme, wenig Song.

Sympathiepunkte: 3/10

Qualifikationschance: 3/10

Siegchance: 0/10

Startnummer 7: Russland - Tolmachevy Twins: "Shine"

Dafür, dass die Russen bei ihren ESC-Missionen meistens wenig dem Zufall überlassen, wurde der Beitrag mit heißer Nadel gestrickt. Erst im März wurde man sich mit Interpreten und Produzenten einig. Trotzdem (oder gerade deshalb) ist es eine professionell wirkende Kooperation erfahrener ESC-Kräfte, angeführt von Filipp Kirkorow. Der in Bulgarien geborene Russe vertrat sein Land 1995 im Wettbewerb (17. Platz), inszenierte in jüngerer Zeit die Beiträge von Weißrussland 2007 (6.) und der Ukraine 2008 (4.). Letzterer Beitrag brachte ihm eine ukrainische Staatsmedaille ein, woran Kirkorow momentan gern erinnert.

Denn in Russland sorgt man sich, von den Eurovisions-Votern für das politische Handeln Putins abgestraft zu werden. Kirkorow sieht das als sportliche Herausforderung und hat eine internationale Truppe um sich versammelt: Der Song "Shine" wurde von einem Griechen mitkomponiert und von einem Maltesen und zwei Briten getextet. Im Hintergrund singen drei Schwedinnen und ein Portugiese. Herausgekommen ist banaler, melodischer Pop mit Sixties-Touch und dem schönen Harmoniegesang der Tolmatchevy-Twins. Die Zwillinge gewannen 2006 als Neunjährige den Junior-ESC und werden seither als zukünftige Kandidatinnen bei den Erwachsenen gehandelt. Eigentlich sollte also nichts mehr schiefgehen, wäre da nicht die Politik.

Sympathiepunkte: 2/10

Qualifikationschance: 8/10

Siegchance: 3/10

Startnummer 8: Aserbaidschan - Dilara Kazimova: "Start a Fire"

Seit 2008 beim Eurovision Song Contest dabei, ist Aserbaidschan noch nie im Halbfinale ausgeschieden, im Finale reichte es für das ölreiche Land regelmäßig zu guten Platzierungen - und 2011 sogar zum Sieg. Einen der Komponisten des damaligen Titels "Running Scared", Stefan Örn, hat man diesmal wieder beauftragt; zusammen mit zwei schwedischen Landsleuten hat er eine nicht unkomplexe Ballade für große Gefühle erdacht, allerdings ohne großen Refrain. Aber dass ihr Titel ein Wort mit dem aserbaidschanischen Tourismus-Slogan "Land of Fire" gemeinsam hat, wird ihr nicht geschadet haben.

Man ist schnell dabei, mit Zynismus auf die durchkalkulierten Beiträge Aserbaidschans zu blicken - und dass wieder ordentlich Bühnenzinnober (die Rede ist von einem Trapezkünstler) von der Musik ablenken soll, macht's nicht besser. Aber man kann nicht leugnen, dass das Land immer wieder sehr talentierte Sänger an den Start bringt. Diesmal: Dilara Kazimova, die eine interessante Balladenstimme hat, etwas brüchig und rauh, mit an Rihanna erinnernden kleinen Kieksern. Stimmen aus der Ukraine sollten ihr sicher sein: Dort ist Dilara Kandidatin in der aktuellen "The Voice"-Staffel.

Sympathiepunkte: 4/10

Qualifikationschance: 9/10

Siegchance: 6/10

Startnummer 9: Ukraine - Mariya Yaremchuk: "Tick Tock"

Auch Mariya Yaremchuk wurde dank der ukrainischen Ausgabe von "The Voice" bekannt - sie kam ins Finale der zweiten Staffel, wurde dort Vierte. Einen Namen hatte sie da allerdings schon: Ihr Vater, Nazar Yaremchuk, war in den Siebzigern und Achtzigern einer der berühmtesten ukrainischen Sänger in der UdSSR. In jüngerer Zeit hat Mariya an zahlreichen Sangeswettbewerben teilgenommen und nun im zweiten Versuch die ukrainische Vorentscheidung gewonnen - mit gewagtem Schlitzkleid, Hebefiguren und einem Song, der mit der Zeile "We belong to each other, like a sister to a brother" begann.

Inzwischen hat sie den ursprünglich von ihr selbst geschriebenen Song "Tick Tock" ziemlich verändert, nicht zuletzt wegen der politischen Ereignisse im Lande. Die andere Hälfte des Komponistenteams von Aserbaidschan 2011, die Schwedin Sandra Bjurman, hat dabei geholfen, ein modernes Stück Popmusik zu erschaffen, bei dem es im Text um Verlässlichkeit geht: "My heart is like a clock, I'm steady like a rock". Was Aussagen zur politischen Lage betrifft, so hat sich Yaremchuk bisher nicht aufs Glatteis ziehen lassen, jedenfalls nicht weiter als bis zu dem Satz, sie sei stolz, Ukrainerin zu sein.

Sympathiepunkte: 6/10

Qualifikationschance: 10/10

Siegchance: 7/10

Startnummer 10: Belgien - Axel Hirsoux: "Mother"

Axel Hirsoux hat schon jetzt etwas Besonderes geschafft: Im turnusgemäßen Wechsel wurde der belgische ESC-Beitrag 2014 von den Flamen ausgewählt - und die haben mit riesigem Vorsprung einen Sänger aus dem wallonischen Landesteil ausgewählt. Der gewichtige Mann aus der Region um Charleroi hat sich bei mehreren Castingshows versucht mit seiner eindrucksvollen Tenorstimme, bei "The Voice" zum Beispiel überstand er die Blind Audition souverän, aber danach war bald Schluss.

Einen seiner schönsten ESC-Erfolge jüngeren Datums hatte Belgien 2010 mit dem zurückhaltenden "Me and My Guitar" (Platz sechs). Der Engländer Ashley Hicklin war einer der Co-Autoren und hat nun diese Ode an die Mutter komponiert, im Team mit Rafael Artesero, dessen Beiträge für Andorra und Spanien allerdings verheerend abschnitten. "Mother" hält nichts von Zurückhaltung: Hirsoux wirft sich voller Inbrunst hinein in die Sentimentalität, ohne Rücksicht auf Coolness. Soll man ihn doch ein Muttersöhnchen nennen, egal! Und übrigens, am Tag nach dem Finale ist: Muttertag.

Sympathiepunkte: 4/10

Qualifikationschance: 6/10

Siegchance: 3/10

Startnummer 11: Moldau- Cristina Scarlat: "Wild Soul"

Lidia Scarlat ist eine sehr attraktive 23-jährige Sängerin, die in London studiert hat und im moldauischen Fernsehen moderiert. Ein echtes Multitalent, das Europa gerne kennenlernen würde! Doch es gibt Sachen, bei denen muss die Tante ran, findet Lidia, und so hat sie als brave Nichte den Text geschrieben für "Wild Soul", gesungen wird's von Cristina Scarlat, 33-jährige Mutter zweier wohlgeratener Kinder, die Erfahrungen bei so ziemlich allen Gesangswettbewerben auf dem Gebiet der einstigen Sowjetunion und Rumäniens gesammelt hat.

Freunde der osteuropäischen Schreiballade kommen bei "Wild Soul" voll auf ihre Kosten. Als Bonus gibt's sinnfreies Dubstep-Geklöppel und überbetonte existentialistische Songzeilen ("Am I human?"). Es wird ein Fest der unerklärlichen Emotionen, auf den Punkt gebracht durch den Refrain: "Mercy? I have no feelings of mercy".

Sympathiepunkte: 4/10

Qualifikationschance: 4/10

Siegchance: 0/10

Startnummer 12: San Marino - Valentina Monetta: "Maybe (Forse)"

San Marino hat laut Wikipedia 32.471 Einwohner; in etwa so viel wie Itzehoe, Gevelsberg oder Viernheim. Nicht sehr viel für einen Staat also, und doch: mehr als nur einer. Dennoch: Zum dritten Male hintereinander schickt die Apenninenrepublik dieselbe Sängerin an den Start. Und das, obwohl Valentina Monetta bei beiden Versuchen im Halbfinale gescheitert war. Doch so knapp wie im Vorjahr war es noch nie für San Marino, deshalb sind neben der 39-jährigen Sängerin mit ihrer Vorliebe für Jazz auch wieder der Texter Mauro Balestri dabei, sowie - natürlich! - Ralph Siegel, der zum 22. Mal eine Komposition in der internationalen Endrunde dabei hat.

Die klingt eher unjazzig, wie eh und je. Ein bisschen nostalgisches Flair hat man allerdings eingebaut in die Ballade, was gut passt zur klassisch schönen Stimme von Valentina. Und zum Glück muss sie sich nicht wieder, wie vor zwei Jahren beim Facebook-Desaster, in Zeitgeistranschmeiße versuchen. Leider fehlt dem Song die große zündende Melodie, und so wird man sich, angesichts der Balladenkonkurrenz, wohl nach drei Minuten Dahinplätschern von Valentina verabschieden müssen. Ein viertes Mal auf die ESC-Bühne will sie Interviews zufolge übrigens nicht zurückkehren.

Sympathiepunkte: 6/10

Qualifikationschance: 2/10

Siegchance: 0/10

Startnummer 13: Portugal - Suzy: "Quero se tua"

Susana Guerra hatte sich schon aus der Branche verabschiedet. Zwei Jahre lebte die 1980 geborene Portugiesin in Dubai und arbeitete als Flugbegleiterin für Emirates. Dann erinnerte sich Américo Monteiro an sie, der Sänger, den Portugal spätestens seit seinem Party-Hit "Pimba Pimba" von 1995 nur als Emanuel kennt. Er hatte einen Song für das Comeback Portugals zum Eurovision Song Contest (nach einem Jahr Pause), und er wusste: Suzy muss ihn singen, jene Suzy, die schon als Teenie in der Kinderband Onda Choc sang; 1999 einen Weihnachtshit hatte, aber nie die ganz große Solokarriere.

"Quero se tua", zu Deutsch "Ich will die Deine sein", ist nicht der alleranspruchsvollste Titel der Grand-Prix-Geschichte und verlässt sich sehr auf die internationale Verständlichkeit des "Oh-Ohoho-Oh". Doch in dem balladensatten ersten Halbfinale könnte Portugal Chancen aufs Weiterkommen haben. Die von Partyschlagerkönig Emanuel mit tropischen Rhythmen versehene Up-Tempo-Nummer widersetzt sich konsequent allen ja auch im ESC oft bedienten Fado-Klischees. Die Inszenierung mit halbnackten Trommlern rund um die löwenmähnige Sängerin schießt allerdings ein wenig übers Ziel hinaus.

Sympathiepunkte: 4/10

Qualifikationschance: 5/10

Siegchance: 0/10

Startnummer 14: Niederlande - The Common Linnets: "Calm After the Storm"

Nachdem Anouk 2013 für ihr subtiles "Birds" mit einem sehr ordentlichen neunten Platz belohnt wurde, schicken die Niederlande erneut einen ihrer größeren Stars nach Kopenhagen, nein, sogar zwei. Ilse De Lange ist seit 1998 regelmäßig in den Charts mit ihrem Country-beeinflussten Pop-Rock, sechs ihrer sieben Studioalben erhielten Platin. Das Projekt The Common Linnets hat De Lange eigentlich vor allem gestartet mit Blick auf ein Festival im Fußballstadion von Enschede, das sie im Sommer ausrichten will. Ihr Partner, Waylon, ist in Holland seit einem "Supertalent"-TV-Auftritt bekannt, wo er James Browns "It's A Man's World" sang - doch Waylons größte Liebe gilt, wie der Künstlername andeutet, dem Country.

Beide kommen aus dem Osten der Niederlande, wo in der Heide eine Finkenart namens Bluthänfling zwitschert - deren englischer Name ergab den Bandnamen. Waylon hat in einem Interview unvorsichtigerweise gesagt, das Common-Linnets-Album sei ihm wichtiger als der ESC-Song, was mit dafür sorgte, dass die Begeisterung über "Calm After the Storm" im Lande (Platz eins in den Charts) schnell abebbte. Im Wettbewerb könnte der Titel dennoch funktionieren: Sehr konzentriert, sehr professionell (und vielleicht ein bisschen zu sehr entspannend) klingt der Song des Duos, die Slide-Gitarre quietscht sehnsüchtig um die harmonischen Stimmen herum und man wünschte sich ein Hauch mehr Drama. Doch wer weiß? Wer so aus dem Schema fällt, fällt vielleicht auf.

Sympathiepunkte: 7/10

Qualifikationschance: 6/10

Siegchance: 1/10

Startnummer 15: Montenegro - Sergej Cetkovic: "Moj Svijet"

Dieser Beitrag füllt eine echte Marktlücke in der Auswahl - doch ist fraglich, ob ein Markt dafür da ist. "Moj Svijet", zu Deutsch: "Meine Welt", ist die einzige klassische Balkanballade des Wettbewerbs, mit Flötenthema und viel Weltschmerz. Der Song klingt wie eine Fortsetzung von "Lane Moje", mit dem Zeljko Joksimovic 2004 Zweiter wurde für den damals noch gemeinsamen Staat Serbien und Montenegro. Doch 2014, und das ist der große Haken, ist Serbien nicht dabei, auch Kroatien und Bosnien-Herzegowina pausieren.

So muss Sergej Cvetkovic auf zweierlei hoffen: Dass erstens Resteuropa über die Jahre auf Balkanballaden konditioniert wurde. Und dass zweitens die über Europa verteilten Exil-Jugoslawen SMS für ihn versenden. Immerhin ist der hochgewachsene Cvetkovic in der ganzen Region bekannt - und noch bekannter ist seine Textautorin Emina Jahovic, die Ehefrau des türkischen Superstars Mustafa Sandal. Aber, ach: Auch die Türkei pausiert 2014!

Sympathiepunkte: 5/10

Qualifikationschance: 6/10

Siegchance: 3/10

Startnummer 16: Ungarn - András Kallay-Saunders: "Running"

Obwohl erst seit 1994 dabei, zählt Ungarn zu den ambitionierteren Ländern beim ESC. 2013 schaffte es das Land unter die ersten Zehn mit dem fluffigen Indie-Elektro-Liedchen "Kedvesem" von ByeAlex. 2014 hofft man auf mehr: Der Sänger András Kallay-Saunders zählt zum erweiterten Favoritenkreis. Kallay-Saunders ist der Sohn eines ungarischen Models aus adligem Geblüt, Katalin Kallay, die in den Siebzigern in der "Vogue" zu sehen war, und eines US-Soul-Musikers, Fernando Saunders, der für Jan Hammer, Lou Reed und Marianne Faithfull Bass spielte und auf Soloalben auch singt. Der Sohn ist gutaussehend, hat bei einem schwedischen Label Soul-Songs veröffentlicht und ist in Ungarn aus TV-Shows bekannt.

Allerdings hat die Nominierung eines Sängers, "der nicht mal richtig Ungarisch spricht" (Facebook-Kommentare) in dem überwiegend nationalistisch wählenden Land Kritik ausgelöst. Dabei ist "Running" ein musikalisch starker Beitrag: Der Titel beginnt als Klavierballade, steigert sich in einen von Drum'n'Bass-Beats getriebenen Refrain, wird dramatisch und bleibt doch stets souverän gesungen. Wenn da nicht die Tatsache wäre, dass der Songtext von häuslicher Gewalt und misshandelten Kindern handelt. Darüber kann man natürlich Lieder schreiben, aber muss das in diesem dem Light Entertainment verpflichteten Wettbewerb sein? Nun will ja niemand Kallay-Saunders sein Engagement absprechen, aber die selbstgewisse Pose eines Sängers, der um sein Talent weiß, passt nicht so gut dazu. Ein spannender Fall!

Sympathiepunkte: 5/10

Qualifikationschance: 10/10

Siegchance: 6/10

Einen ersten Blick auf die Teilnehmer des zweiten Halbfinales können Sie in dieser Fotostrecke werfen.

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Eurovision 2014: Alle Teilnehmer des zweiten Halbfinales

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1. Wow besser geht's nicht
andreasbln 05.05.2014
Danke, endlich mal ein Beitrag über den ESC, der einfach sachlich korrekt und inhaltlich mit der richtigen Mischung aus Süffisanz und treffsicherer Einschätzung kombiniert wird. Wir sind überall, auch beim Spiegel, wie schön ;-)
2. Hier waren wohl
haferschorsch 05.05.2014
Wirklich Fans in der SPON Redaktion am Werk? Oder wurde gut gezahlt?:-) Selten einen derart ausführlichen Artikel inklusive Multimediastuff im Spiegel gesehen. Arm nur, dass es um dieses Event geht. Meist drittklassige "Künstler", die ein durchgestyltes Lied präsentieren.... Zum abgewöhnen! Jaja... Musik ist in erster Linie etwas subjektives... Trotzdem ist diese Freakshow qualitativ das Letzte!
3. Kanns kaum erwarten, ...
Taiga_Wutz 05.05.2014
...wieder ordentlich abzulästern. Aus deutscher Sicht reicht es ja schon, sich nicht für irgend eine Siegel-Kompi schämen zu müssen. Elaiza sind wenigstens zeitgemäß und eigenständig. Viel Glück!
4. Wer braucht denn ESC
Dieter62 05.05.2014
wenn es Dieter Bohlen gibt? Das ganze nationalistische Getue beim ESC ist Schwachsinn, es reicht schon, wenn das ganze Hymnengedudel in Kürze in Brasilien wieder losgeht. Von mir aus könnte der Bohlen gerne übernehmen, im Sinne von Europa sucht den Superstar, kann auch eine Gruppe sein.
5.
dosmundos 05.05.2014
Der Armenier ist definitv der Joker, da kann alles rauskommen. Der russische Beitrag bleibt am ehesten im Ohr hängen, und die Mädels sind ja auch wirklich was fürs Auge. Allerdings ist der Refrain nicht klar genug als Höhepunkt definiert, damit das Ganze zum dauerhaften Ohrwurm wird. Beim portugiesischen Beitrag wartet man eigentlich die ganze Zeit nur darauf, dass Pitbull auftaucht und noch einen kurzen Kommentar dazu abgibt. Alternativ könnte man die Trommelgeister vielleicht auch durch ein paar lecker Zumba-Mädels ersetzen können. Den Rest habe ich irgendwie schon wieder vergessen. Wahrscheinlich einigen sich dann alle wieder auf Schweden - neutral, können englisch, sauber produziert. Und nicht zuletzt natürlich den deutschen Beitrag. Gibt's den auch in einer Reggae-Version? Würde sicher auch der Frontfrau helfen, etwas relaxter zu singen. Und verständlicher...
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