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Eurovisions-Finale: Nacht der bebenden Toten

Von Daniel Haas und Ulf Lippitz

Wenn Alice Cooper von Orks träumt und Ozzy Osbourne von Klingonen, dann kommt vermutlich das heraus, was gestern in Athen zu bestaunen war: ein Eurovisions-Finale, das ausgerechnet von den finnischen Trashrockern Lordi beflügelt wurde.

Der Eurovision Song Contest hat sein Gesicht verloren, um eine Fratze zu bekommen. Man kann dies bedenklich finden. Oder amüsant. Kulturkritisch lässt sich bilanzieren: Die Ästhetik des Schreckens macht auch vor der Schlagerwelt nicht halt. Jedoch: Was für Mittelerde gut war, kann für ganz Europa nicht so schlecht sein. Der Unterhaltungswert des Orks ist unbestritten. Und dass Monster zum Sympathieträger taugen, wissen alle Enterprise-Fans. Was wäre die Popkultur ohne den Klingonen Worf.

Lordi, diese kosmetisch aufgemotzten Knallchargen des Heavy Metal, waren also nur auf den ersten Blick skurrile Außenseiter. Ästhetisch bezogen sie sich auf die lange Tradition des Trash im Pop, auf die Ausstellung des Künstlich-Hässlichen, wie sie musikalisch von Kiss über Alice Cooper bis Ozzy Osbourne praktiziert wurde und in den wüsten Szenarien der Schockrocker Gwar und Slipknot immer wieder Gestalt annimmt. Geisterbahn-Ambiente, Kirmes-Grusel, Zombie-Look: Lordi taten alles, um nicht geliebt zu werden - und waren am Ende die großen Gewinner.

Schade um die Ballade

Mit 292 Punkten ehrte das europäische Publikum den hohen Unterhaltungsfaktor der Band - und setzte ein Zeichen gegen Balladen-Seligkeit (wie übrigens immer öfter in den letzten Jahren). Die große Grand-Prix-Ode hat bei den Zuschauern ausgedient, sie votierten auffallend für zeitgemäße Tanz-Nummern, jetzt müssen das nur noch Schmalz-Veteranen wie Ralph Siegel begreifen.

Russland kam mit fast 50 Punkten Abstand auf den zweiten Rang, gefolgt von Bosnien-Herzegowina, Rumänien und Schweden. Deutschland blieb Platz 15 - und ein großer Trost: Siegels Schweizer schnitten noch schlechter ab. Sie standen am Ende auf dem 17. Listenplatz. Im internationalen Vergleich werden beide Titel untergehen - so wie die drolligen Delfin-Tänzer in den künstlichen Wogen, die den Song Contest eröffneten. Dazu schwebten die Moderatoren Maria Menounos und Sakis Rouvas an zwei Drahtseilen auf die Bühne - zu Beginn sah die 51. Auflage des Athener Wettbewerbs wie eine Probe des Bielefelder Kinderballetts aus.

Ein Eindruck, den die folgenden Auftritte nur verstärkten. Die Schweiz schickte das international zusammen gewürfelte Sextett six4one ins Rennen, Grand-Prix-Egomane Ralph Siegel schrieb ihnen mit "If we all give a little" einen schlimmen Heuler auf den Leib -am Ende wirkte die Band wie eine Karaoke-Truppe auf einem havarierten Kreuzfahrtschiff. Schiffbruch erlitten auch Moldawien mit ihrem blutleeren Strand-Reggae und Lettland dessen A-Cappella-Pop lordische Verstümmelungswünsche mobilisierte.

"Bloody Mary"? Na, dann Prost!

Tapfer kommentierte Peter Urban vom NDR, der Wettbewerb sei selten vielfältig gewesen. Wenn Vielfalt neuerdings als Pseudonym für Peinlichkeit durchgeht, sei Urban Recht gegeben. Oder hatte er bei der spanischen Mädchenband Las Ketchup einfach weggeschaut? Die Gruppe hatte bereits 2002 mit dem "Ketchup Song" abseitigen Geschmack bewiesen, dieses Jahr besangen sie eine "Bloody Mary".

Und dann die Deutschen: Als Texas Lightning mit "No, no, never" ins Rennen ging, wehte ein Hauch von Professionalität durch den Saal. Sängerin Jane Comerford versuchte nicht verzweifelt, erotische Phantasien aus "9 1/2 Wochen" zu bedienen, kein Musiker griff dramatisch in die Luft, als würde er am Rand einer Klippe hängen - und Olli Dietrich tat das, was er am besten kann: trommeln und dabei missmutig aussehen.

Doch deutscher Country, mit seinem eingebauten Augenzwinkern, war womöglich zu dezent für die Popsause, über der Lordis Streitaxt hing wie ein ästhetisches Damoklesschwert.

Dezent versus renitent

Russlands Teenie-Schwarm Dima Bilan mit ihrer energischen R&B-Nummer passte da schon besser ins Programm, Rumäniens Botschafter Mihai Traistariu holte aufgedrehten Italo-Pop aus der Mottenkiste - und sang dementsprechend auf Englisch und Italienisch. Für Litauen trat ein Männerchor mit einer Mischung aus Van Halen, grober Selbstüberschätzung und rudimentären Englischkenntnissen an. Die sechs Herren sangen in der Manier einer Fankurve, drei Minuten lang: "We are the winners of Eurovision". Gerade die Osteuropäer reflektierten so die politische Öffnung ihrer Staaten. Belustigten sie vor einigen Jahren noch mit freizügigen bis bekloppten Folk-Pop-Einlagen, erstritten sie in Athen Respekt mit internationalen Standards.

Die Gastgeber selbst hofften auf eine Wiederholung des Triumphs vom Vorjahr. Superstar Anna Vissi schmierte jedoch ab. Ihr Kleid mag 170.000 Euro bei Gaultier gekostet, die Nebelwand das wahre Alter verschleiert haben ("49 Jahre - seit ein paar Jahren", so Peter Urban), die hoch dosierte Dramatik erstickte dennoch jede Spur von Sympathie. Vissi warf die Lockenpracht zurück, fiel auf die Knie, reckte die Hand gen Himmel, es fehlte nur noch, dass sie anfing zu fliegen.

Ein abgehobener Look jedoch sieht anders aus, fülliges Haar ersetzt noch keine Monstermähne. Wer sich heute aufschwingen will zum Gipfel der gesamteuropäischen Schlagerwelt, braucht Flügel. Guten Flug, Monstermann.

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