Eurovisionssiegerin Lena: Die Geschockte, die rockte

Aus Oslo berichtet Daniel Haas

Alle sind geschockt: Lena, Stefan Raab, der Unterhaltungschef der ARD. Vollkommen angemessen: Dass Deutschland den Contest gewonnen hat, ist eine Katastrophe. Eine schöne.

Die größte Klappe des deutschen Unterhaltungsfernsehens steht offen. Und heraus kommt: nichts. Stefan Raab staunt und hält sich an einer Deutschlandfahne fest. Dann schüttelt er den Kopf, sagt: "Ich bin total geschockt." Auch Thomas Schreiber, mächtigster Unterhaltungsmann der ARD: ein Geschockter.

Das Geschocktsein gehört ins Gefühlsrepertoire der Teenager. Und heute, an diesem Samstag in der Telenor-Arena in Oslo, hat sich der Eurovision Song Contest auf beispiellose Weise verjüngt. Der Grand Prix ist nicht mehr die Schlagersause von Folklore-Clowns, die auch die Oma hören mag. Der Grand Prix ist auf einmal pubertär, kess, unberechenbar. Er ist mit einem Wort Pop.

Und dann noch Pop aus Deutschland, auch wenn den Siegersong ein US-amerikanisches Autorenteam verfasst hat. "Ich liebe deutsche Land", singen Raab und sein Schützling deshalb in inszeniertem Radebrecher-Ton. Das deutsche Popbewusstsein muss von Anfang an ein ironisches, zwiespältiges sein. Aber mit Lena hat man eine Künstlerin, die diese Haltung tatsächlich verkörpern kann.

Bei der Pressekonferenz kurz nach der Siegerehrung darf man dieses enorme Verwandlungstalent schon bestaunen. Da sagt Lena "Plötzlich ist alles so groß", als sei sie ein Kind, das dem Weihnachtsmann persönlich gegenübersteht. Und im nächsten Atemzug erfindet sie schnell eine Affäre mit dem norwegischen Eurovisionssänger, und für eine Sekunde ist das ganze Journalistenbataillon wie vom Donner gerührt.

Galionsfigur der Mittelschicht

Ach, nein, war nur ein Scherz. Ich bin's doch, euer Wunderkind aus Hannover. Die, die ihr als Heilsbringerin eines krisengeschüttelten Bürgertums gefeiert habt. Die neue Galionsfigur der Mittelschicht. Das Gegenmodell zu den Menowins, die auf der Bohlen-Galeere ihrer Resteverwertung entgegenrudern.

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Eurovisions-Finale: Showdown der Show-Sternchen
Lena wird wohl kaum Einkaufszentren in Wanne-Eickel einweihen. Sie soll, wenn es nach Raab geht, im kommenden Jahr die Titelverteidigerin beim Eurovision Contest in Deutschland sein. Schon morgen wird das wilde Spekulieren über den Austragungsort losgehen, aber es wäre natürlich ein Signal, würde die kultivierte Abiturientin in der Hartz-IV-Metropole Berlin erneut für Deutschland ins Rennen gehen.

"Ich bin dabei", sagt sie wie aus der Pistole geschossen, sie ist schon ein Profi geworden, nach nur drei Monaten. Raab erklärt denn auch: "Ich bin entsetzt, wie sie den ganzen Stress weggesteckt hat."

Es geht tatsächlich!

Auch das ist ein Schock: wie kurzlebig die Suggestion der Unschuld ist, wie schnell dieser Teenie-Charme imprägniert wurde mit Leistungswille und Ausdauer, den Insignien der Professionalität. Aber dies musste allen klar sein, die Lena heute Abend sahen, wie sie die Journalisten mit Scherzen bediente: dass dieser Teenager sein Geschocktsein womöglich schon selbst als Stilprinzip begreift.

Worüber sind also alle geschockt? Dass es tatsächlich geht: Der versierteste Entertainment-Unternehmer des Landes formt einen Star, ordert einen frischen Song und mischt damit die europäische Fernsehunion auf. Und das Ganze hat auch noch das Gütesiegel der Demokratie, weil wir sie ja mit ausgesucht haben, diese Lena.

Wir dürfen alle ein bisschen geschockt sein.

Die Ergebnisse des Eurovision Song Contests 2010
Rang Land Interpret Titel Punkte
01. Deutschland Lena Meyer-Landrut Satellite 246
02. Türkei maNga We Could Be The Same 170
03. Rumänien Paula Seling & Ovi Playing With Fire 162
04. Dänemark Chanée & N'evergreen In A Moment Like This 149
05. Aserbaidschan Safura Drip Drop 145
06. Belgien Tom Dice Me And My Guitar 143
07. Armenien Eva Rivas Apricot Stone 141
08. Griechenland Giorgos Alkaios & Friends OPA 140
09. Georgien Sofia Nizharadze Shine 136
10. Ukraine Alyosha Sweet People 108
11. Russland Peter Nalitch & Friends Lost And Forgotten 98
12. Frankreich Jessy Matador Allez Olla Olé 98
13. Serbien Milan Stankovic Ovo Je Balkan 82
14. Israel Harel Skaat Milim 71
15. Spanien Daniel Diges Algo Pequeñito (Something Tiny) 68
16. Albanien Juliana Pasha It's All About You 62
17. Bosnien-Herzegowina Vukašin Brajic Thunder And Lightning 51
18. Portugal Filipa Azevedo Há Dias Assim 43
19. Island Hera Björk Je Ne Sais Quoi 41
20. Norwegen Didrik Solli-Tangen My Heart Is Yours 35
21. Zypern Jon Lilygreen & The Islanders Life Looks Better In Spring 27
22. Moldawien Sunstroke Project & Olia Tira Run Away 27
23. Irland Niamh Kavanagh It's For You 25
24. Weissrussland 3+2 Butterflies 18
25. Großbritannien Josh That Sounds Good To Me 10

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Forum - Lena Meyer-Landrut - eine würdige Siegerin?
insgesamt 2813 Beiträge
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    Seite 1    
1. Danke !
Tuennemann 30.05.2010
Deutschland und die Eu sind gerettet ;-)
2. huch^^
Dalachichdochdrüber 30.05.2010
Gratulation :-)
3. verdient
realredsam 30.05.2010
aus wien
4.
Königstiger87 30.05.2010
So wo sind die Leute die meinen sie könnte nicht singen? Ha ihr Versager! Schämt euch.....
5. Landrut gewinnt Grand Prix
br155 30.05.2010
Irre!! Gratulation !!!
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Grand Prix: Wie Lena Europa eroberte

Eurovisions-Gewinner seit 1995
2010
Lena Meyer-Landrut aus Hannover mit "Satellite"
2009
Alexander Rybak aus Norwegen mit "Fairytale"
2008
Dima Bilan aus Russland mit "Believe"
2007
Marija Serifovic aus Serbien mit "Molitva"
2006
Lordi aus Finnland mit "Hard Rock Hallelujah"
2005
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2004
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2003
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2002
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2000
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