Adele-Entdecker Richard Russell Pop-Verstand in XL

Der Produzent Richard Russell schuf mit XL Recordings eine Plattenfirma, die Künstlern maximale Freiheit gibt. Jetzt hat er als Everything Is Recorded ein eigenes Album aufgenommen.

XL Recordings

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Richard Russell sitzt im Berliner Soho House und tippt Notizen in sein iPhone, aus dessen Mini-Lautsprecher leise Musik dringt. "Das klingt interessant! Wie heißt die Künstlerin? Pan?" Pan Daijing, die aus China stammende Elektronik-Avantgarde-Musikerin, die mit ihrem Debüt "Lack" eines der besten Alben des vergangenen Jahres veröffentlicht hat.

Russell, 46, ist Gründer und kreativer Impulsgeber der britischen Plattenfirma XL Recordings und erkundigt sich im Anschluss ans Interview nach neuer Musik aus Germany, die er sich anhören sollte. Auf der beständigen Suche nach aufregenden Sounds und Künstlern hat XL seit den späten Neunzigern einige der wegweisendsten Acts entdeckt und hervorgebracht: Futuristische R&B-Künstler wie FKA Twigs, King Krule und Sampha ebenso wie zuvor Prodigy, The White Stripes, Vampire Weekend und The xx - sie alle starteten bei Russells Label ihre Karrieren.

XL gilt als eine der ersten Adressen für Musiker, die möglichst keine künstlerischen Kompromisse eingehen wollen. Russells größter Coup war 2006 die Entdeckung einer 18-jährigen Sängerin im West-Londoner Mini-Club Cherry Jam, die ihn sofort überzeugte. Wenig später unterschrieb Adele Adkins einen Vertrag bei XL und wurde alsbald zu einem der weltweit erfolgreichsten Popstars.

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Richard Russell: Enfach mal alles aufgenommen

Adeles Millionenumsätze sicherten nicht nur der kleinen Indie-Plattenfirma dauerhaft ein komfortables finanzielles Überleben in Zeiten rückläufiger Tonträger-Umsätze, sie gaben auch Russells Philosophie Recht: Wer bei XL veröffentlicht, darf seine Kunst so gestalten, wie er oder sie möchte - egal wie lange es dauert. Die Geduld und Rücksicht, die im entspannten Arbeitsumfeld von XL herrscht, ist ein Gegenentwurf zur klassischen Majorlabel-Politik des Drückens, Drängelns und Einmischens. Bei XL, so Russells Philosophie, ist kommerzieller Erfolg der künstlerischen Freiheit untergeordnet. "Wenn etwas großartig ist, wird es sich auch verkaufen", sagt er.

Viel Zeit ließ sich der ehemalige Rave-DJ, der 1992 als Kicks Like A Mule mit dem Track "The Bouncer" einen Club-Hit hatte, auch mit seinem eigenen Album. Sein Debüt nach rund 25 Jahren im Musikgeschäft heißt "Everything Is Recorded" und darf schon jetzt als eine der schönsten Pop-Veröffentlichungen des Jahres gelten. Auslöser, endlich mit der Arbeit daran zu beginnen, war eine seltene, lebensbedrohliche Immunsystemerkrankung namens Guillain-Barré-Syndrom, die Russell 2013 für Wochen mit Lähmungen und starken Schmerzen an ein Krankenhausbett fesselte. "Danach", sagt er, "gab es keine Ausrede mehr. Offenbar hat es vorher, ohne dass es mir bewusst war, etwas gegeben, das mich abgehalten hat, ein Album zu machen, vielleicht Angst oder eine Art selbst auferlegte Zurückhaltung."

Seinen künstlerischen Prozess vergleicht Russell mit Synapsen-Schnappschüssen, "Fotografien, die man im Geiste macht. Leute sagen von Nahtoderfahrungen ja immer, dass das ganze Leben an einem vorbeizieht, das ist so eine Phrase. Aber es passiert wirklich". Verlustängste, Einsamkeit, Schmerzen, der Trost von Freunden und Familie, das sind auch die Themen in der sanften, brüchigen Musik auf "Everything Is Recorded", doch die Platte ist kein Egotrip: "Ich habe mich nie als Künstler betrachtet, das hätte mich nur gehemmt, ich sehe mich eher als Gastgeber. Aber natürlich folgt man auch als Produzent einem künstlerischen Anspruch, und einige der Themen, mit denen ich mich in den letzten Jahren auf den Alben von Anderen beschäftigt hatte, wollte ich jetzt tiefergehender erkunden."

Dabei folgt er dem modernen kollaborativen Ansatz, dem jüngst auch die Gorillaz oder Kendrick Lamar auf seinem "Black Panther"-Album folgten: Beats, Samples und Arrangements stammen aus Russells Hand. Vocals und Features von jungen Künstlern, darunter XL-Alumni wie Wiki, aber auch Avant-Pop-Legende Green Gartside, Jazz-Innovator Kamasi Washington oder Peter Gabriel. "Jeder braucht Menschen um sich herum, um etwas zu erreichen, das ist einfach die Realität, wenn es um Kreativität geht".

Die Schönheit des Wesentlichen

Deshalb ist Russell auch längst nicht mehr Alleinherrscher bei XL Recordings. Das Tagesgeschäft, auch die Akquise neuer Künstler, führen jüngere Kräfte wie die für Hip-Hop zuständige Talentsucherin Caroline Simionescu-Marin. Russell residiert ein paar Minuten Fußweg vom XL-Büro in Notting Hill entfernt in seinem Studio The Copper House, wo er für Künstler und Kollegen kocht und mit ihnen an ihrer Musik tüftelt.

Russell ist ein Instinktmensch, der keine Musik schreibt, sondern sich von Samples inspirieren lässt, die ihn zu Stimmungen und Ideen leiten: Schnappschüsse halt, eine Idee. Auf diese intuitive Weise produzierte er in der Vergangenheit die jeweils letzten, klug modernisierten Alben der verstorbenen Soul-Legenden Gil Scott-Heron und Bobby Womack, das Soloalbum seines engen Freundes Damon Albarn sowie das erfolgreiche afrokubanische Schwesternduo Ibeyi.

"Everything Is Recorded" wirkt ein wenig so, als hätte er, der Zäsur in seinem Privatleben folgend, einen Vermächtnis-Sampler mit der definierenden Stilistik seines Labels entworfen, einen beseelten, aber immer behutsamen, kostbar und zerbrechlich wirkenden Pop und R&B, der ethnische wie nationale Grenzen und Zuschreibungen transzendiert. Richard Russell, obgleich in der Öffentlichkeit weithin unbekannt, ist ein moderner Phil Spector, oder vielleicht das für den aktuellen Pop, was Rick Rubin in den frühen Neunzigern mit American Recordings für die Rockmusik war - ein Purist mit einem sicheren Gespür für die erhabene Schönheit des Wesentlichen.

"Everything's recorded, nothing is distorted, you're beautiful as you are", singt Sampha im hymnischen Titelstück für seinen Entdecker und Mentor Russell, der sich bei seinem bisher persönlichsten Projekt ausnahmsweise selbst einmal die größte Freiheit gegönnt hat.


"Everything Is Recorded" ist am 16. Februar bei XL/Beggars erschienen



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