Extrem-Musikerin Pharmakon Die Schönheit der Maden

Die New Yorkerin Pharmakon macht Musik, die körperliche Schmerzen bereitet. Ihr Schleifen, Schaben und Schreien konfrontiert den Hörer mit Abgründen, um ihn an die Schönheit menschlicher Existenz zu erinnern. In Berlin gibt die 22-Jährige jetzt ihr erstes Deutschland-Konzert.

Sacred Bones

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Es gibt noch nicht viel Musik von Pharmakon, aber die, die es gibt, löst Fluchtgefühle aus, Angst und Schmerz. Schon die ersten Sekunden von "Milkweed/ It Hangs Heavy", dem ersten Stück auf ihrem im Juni erschienenen Debüt-Album "Abandon", zwingen einen, sich zu entscheiden: Ohren zuhalten - oder sich in diesen Horror-Soundtrack hineinbegeben.

Ein kehliges, Stimmbänder zerfetzendes Schreien geht in einen simmernden, hochfrequenten Ton über, ein Ursuppen-Brodeln kommt dazu, dann eine verfremdete Stimme, ein nasses, unverständliches Gurgeln, pures Unbehagen, reiner Stress. Man fühlt sich, als wäre man in einen engen Abwasserschacht gefallen, und in der übel riechenden Dunkelheit lauert eine Erinnye mit spitzen Zähnen: "I'm dying", singt sie immer und immer wieder über diesen Lärm.

Warum soll man sich das antun? Ist das überhaupt Musik oder einfach nur Terror? Fragen, die bei der Beschäftigung mit Noise, so heißt das Genre, in dem sich Pharmakon bewegt, immer wieder gestellt werden. Die 22-jährige New Yorkerin, die eigentlich Margaret Chardiet heißt und eine sehr zart wirkende blonde junge Frau ist, hat eine simple Antwort: "Musik wird oft als Entertainment benutzt. Das interessiert mich nicht, im Gegenteil: Ich mache Musik, die daran erinnern soll, was wir als Menschen vergessen und verdrängen wollen", sagt sie beim Interview im Büro ihrer Plattenfirma Sacred Bones in Brooklyn. Gemeint ist, natürlich, die biologische Begrenzung menschlicher Existenz, deren Bewusstmachung lähmt und jegliche Handlung obsolet scheinen lässt - die zutiefst ernüchternde Grundbedingung der Conditio humana.

Chardiet, aufkommender Star der New Yorker Noise-Szene, findet es ganz normal, dass man dem Bewusstsein der Sterblichkeit zu entfliehen versucht, ins Schöne, Seichte, Besänftigende. Sie glaubt aber auch, dass echte Schönheit nur versteht, wer auch deren Kehrseite, die Hässlichkeit, anerkennt und zu schätzen lernt. Allein das Wissen um die eigene Mortalität mache uns erst menschlich. "Und was tun wir im Angesicht dieses Abgrunds? Wir verzweifeln nicht, sondern machen Musik, schreiben Bücher, fertigen Dinge für nachfolgende Generationen an, um nicht vergessen zu werden." Das ewige, melancholische Kreisen des Menschen um seine Vergänglichkeit, so Chardiet, sei die Essenz von Schönheit.

Alles für eine authentische Gefühlsregung

Abseits solcher Meta-Überlegungen dient ihr die qualvolle Musik, mit Effektgeräten und Sequenzern generiert, auch als persönliche Katharsis. Chardiets Texte sind voller religiöser Erlösungsbilder, es geht um gebrochene, gefallene Frauen, die jungfräuliche Taufkleider tragen, während sie von schleimigen Tentakeln in eine Urtiefe gerissen und vergewaltigt werden. Auf dem Cover von "Abandon" ist ihr mit Maden gefüllter Schoß zu sehen. Die verstörenden Bilder von Sexualität und psychologischer Gewalt spiegeln sich in der Brutalität der Musik, die schabt und schleift, dröhnt und zerrt. "Der einzige Grund, warum ich überhaupt normal und freundlich sein kann", sagt die im Interview ausgesprochen freundliche und sanfte Künstlerin, "ist, dass ich diese Musik mache. Sie hält mich bei geistiger Gesundheit." Das entfesselte Chaos, die ungefiltert herausgebrüllte Wut, gebe ihr das Gefühl, menschlich zu sein.

Größte Glücksgefühle löse es in ihr aus, wenn Menschen nach einer ihrer nervenzerrenden Live-Shows zu ihr kämen und davon berichteten, dass "irgendetwas mit ihnen passiert sei", und ihr Fragen stellten. "Vor allem wenn es Leute sind, die vorher noch nie etwas mit Noise zu tun hatten. Es ist dann immer ganz viel Energie und Spannung im Raum, jeder reagiert anders." Um den Effekt zu verstärken, starrt sie ihren Zuhörern gerne direkt in die Augen. Alles, um eine möglichst authentische emotionale Reaktion zu erzeugen.

So war es auch bei ihr selbst, als sie mit 16 beschloss, mit Gleichgesinnten eine Noise-Kommune namens Red Light District im entlegenen Inselstrandort Far Rockaway im Süden von Queens zu gründen. Die Tochter eines New Yorker Punk-Musikers hatte früh begonnen, Gitarre zu spielen und sich im Hardcore-Genre zu versuchen. "Punk erfüllte eine Zeitlang seinen Zweck für mich, aber ich brauchte etwas Anderes, Extremeres." Im inzwischen geschlossenen Plattenladen Hospital Records an der Lower East Side ließ sie sich beraten und tauchte allmählich in Noise-Subgenres wie Power Electronics und Death Industrial ein, fand Trost und Ventil in den radikal-expressionistischen Klangwelten von Bands wie Throbbing Gristle, Swans oder Whitehouse.

Der furchterregende, aber auch sehr faszinierende Noise von Pharmakon, eine der wenigen weiblichen Künstlerinnen in diesem Genre, ist noch weniger Melodien und Songstrukturen verhaftet wie der Sound dieser Pioniere. Musik wird bei ihr zum Exorzismus innerster Dämonen, eine körperliche Grenzerfahrung und psychologischer Erkenntnistrip zugleich. Dass man ihre Texte kaum versteht, sieht sie nicht als Problem: "Es ist nicht so schlimm, wenn du die tatsächlichen Worte nicht hörst, denn meine Absicht, meine Haltung ist trotzdem spürbar. Sonst würden die Leute sich ja auch nicht angesprochen fühlen von meiner Musik."

Einen Eindruck von der Stimm- und Lärmgewalt Pharmakons kann man sich spät in der Nacht von Freitag auf Samstag im Berliner Techno-Club Berghain verschaffen, wo Chardiet ihren ersten und aktuell einzigen Deutschland-Auftritt absolviert. Das Wort Pharmakon ist übrigens dem Griechischen entlehnt. Es kann sowohl Gift bedeuten als auch Heilmittel.

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insgesamt 28 Beiträge
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Seite 1
robeuten 29.11.2013
1.
extrem? Ja, extrem öde - tausendmal interessanter und "extremer" gehört... gähn!!!! P.S.: "noise" als konzeptionelles Kaisergewand, um von eigenem Nichtskönnen abzulenken, ist megaout!!! P.P.S.: kann es sein, daß dem Autor da die Hormone durchgegangen sind? Ernsthaft, wenn ein hässlicher Kerl so erbärmlichen Schrott produzieren würde, hätte es wohl kaum für eine Besprechung bei SPON gereicht, gelle?!?
glen13 29.11.2013
2.
Zitat von sysopSacred BonesDie New Yorkerin Pharmakon macht Musik, die körperliche Schmerzen bereitet. Ihr Schleifen, Schaben und Schreien konfrontiert den Hörer mit Abgründen, um ihn an die Schönheit menschlicher Existenz zu erinnern. In Berlin gibt die 22-Jährige jetzt ihr erstes Deutschland-Konzert. http://www.spiegel.de/kultur/musik/extrem-musikerin-pharmakon-leiden-fuer-die-schoenheit-a-936188.html
Nach Lesen des Artikels hatte ich mir eigentlich schlimmeres vorgestellt, aber nach Hören der 3 Musikschnipsel erscheint diese psychedelische Hardcore Anleihe bestens geeignet als musikalischer Hintergrund für SM - Studios.
master derp 29.11.2013
3. hm
Zitat von robeutenextrem? Ja, extrem öde - tausendmal interessanter und "extremer" gehört... gähn!!!! P.S.: "noise" als konzeptionelles Kaisergewand, um von eigenem Nichtskönnen abzulenken, ist megaout!!! P.P.S.: kann es sein, daß dem Autor da die Hormone durchgegangen sind? Ernsthaft, wenn ein hässlicher Kerl so erbärmlichen Schrott produzieren würde, hätte es wohl kaum für eine Besprechung bei SPON gereicht, gelle?!?
was gäbs da denn für Beispiele, die "extremer" wären?
skeptiker81 29.11.2013
4.
Zitat von master derpwas gäbs da denn für Beispiele, die "extremer" wären?
Takeo Ischi - Mei' Bibihenderl - 1993 - YouTube (http://www.youtube.com/watch?v=IwjTmWC2mjI)
HuHa 29.11.2013
5. Lieber Preßlufthammer B-B-B-B-Bernhard
Zitat von sysopSacred BonesDie New Yorkerin Pharmakon macht Musik, die körperliche Schmerzen bereitet. Ihr Schleifen, Schaben und Schreien konfrontiert den Hörer mit Abgründen, um ihn an die Schönheit menschlicher Existenz zu erinnern. In Berlin gibt die 22-Jährige jetzt ihr erstes Deutschland-Konzert. http://www.spiegel.de/kultur/musik/extrem-musikerin-pharmakon-leiden-fuer-die-schoenheit-a-936188.html
Warum tut man sich so etwas an? Wenn ich unerträglichen Lärm haben will, muß ich nur das Fenster aufmachen; da ist ständig volle Dröhnung mit Preßlufthammer, Flex, Kreissäge und was weiß ich noch. Der eigene Schreikrampf ist da nicht weit, aber der geht unter im allgemeinen Getöse.
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