Fado-Sängerin Mariza Mit Schmerz die Seele heilen

Niemand interpretiert den süßen Weltschmerz Portugals so perfekt wie Mariza. Die 34-jährige Sängerin hat den schwermütigen Fado-Sound ihrer Heimat in die ganze Welt exportiert. Mit ihrem neuen Album verstört und bezaubert sie Traditionalisten gleichermaßen.

Von Knut Henkel


Zu Poemas, Gedichten, hat Mariza ein besonders Verhältnis. Kaum ein Tag, an dem Portugals Fado-Ikone nicht eines liest, rezitiert oder interpretiert. "In meinem Haus stapeln sich die Gedichtbände, denn die Basis eines guten Fado ist ein gutes Gedicht", sagt die Sängerin mit einem koketten Lächeln. Hunderte von Gedichten hat die 34-Jährige mit den platinblonden kurzen Haaren allein in den letzten Monaten gelesen, um sich für ihre neues Album "Terra" inspirieren zu lassen.

Parallel dazu hat sie die bekannten und weniger bekannten Fado-Tavernen ihrer Heimatstadt aufgesucht. Dort lädt die grazile Frau, die in Mosambik geboren wurde, aber in Lissabon aufwuchs, "ihre Akkus auf". Mouraria heißt das Stadtviertel, in dem ihre Eltern eine Taverne betrieben und wo sich Mariza schon als Dreikäsehoch hinter dem Tresen nützlich machte. Dort lief nichts außer Fado. Tagein und tagaus bekam das kleine Mädchen das betörende Lamento des portugiesischen Blues zu hören, vom Band, von der Platte und noch öfter live.

Mit jeder Pore hat sie die süße Melancholie aufgesogen, die den Fado bestimmt, und auch heute noch taucht sie als Gast bei den Shows der älteren Fadista, der Fadosänger, auf. "Lauschen, um zu lernen" heißt dann die Devise, auch wenn die Lektion oft auch für sie auf der Bühne endet. Mariza schätzt das fachkundige Publikum in Portugals Hauptstadt, denn es ist "der Gradmesser für meine Arbeit". Folgerichtig hat sie in den Stadtvierteln ihrer Kindheit auch jedes ihrer vier Alben vorgestellt, so auch das neue.

Flamenco-Gitarrist als Fado-Produzent

Bevor es allerdings zu den Aufnahmen ins Studio ging, schleppte die Künstlerin erst einmal ihren designierten Produzenten Javier Limón durch die Fado-Häuser links und rechts des Tejo, des Stadtflusses von Lissabon. Auf Herz und Nieren wollte sie ihn prüfen, denn Limón arbeitete nicht nur mit den Fugees und Alicia Keys, sondern auch mit den Flamenco-Stars Diego el Cigala und Paco de Lucía.

"Den Ausschlag für Limón als Produzent meines Albums lieferte erst unsere Reise in sein Studio nach Madrid", erinnert sich Mariza lachend. "Er bat mich mit dem Auto zu fahren, und nicht zu fliegen. Als ich seinen Bus sah, wusste ich auch weshalb. Er war vollgestopft mit portugiesischen Instrumenten, und man hat uns sicherlich für fahrende Zigeuner gehalten als wir Lissabon verließen". Da wusste sie, dass Javier Limón es ernst meinte mir ihr und dem Fado.

Folgerichtig kamen auf "Terra" mit Ausnahme der peruanischen Fischkiste, dem cajón, auch ausschließlich typisch portugiesische Instrumente zum Einsatz. Musikalisch blieben Mariza und Javier Limón allerdings nicht auf dem alten Kontinent, sondern ließen der "Lusofonia" freien Lauf. "Die Lusofonia ist die kulturelle Triangel zwischen Portugal, Brasilien und Afrika, und in diesem Dreieck liegen auch meine Wurzeln", erklärt die Sängerin.

Auf deren Suche hat sich Mariza, die 2001 mit "Fado Em Mim" ihr Debüt vorlegte und seitdem den süßen Weltschmerz des Fado weltweit in die Konzerthäuser trägt, früh begeben. Schon mit zarten 17 Jahren tauchte sie im Club des kapverdischen Sängers Tito Paris auf und schwelgte mit ihm in der dramatischen Melancholie der Morna, dem kapverdischen Pendant zum Fado.

Das Spektrum Marizas reicht noch deutlich weiter, dafür sorgte nicht zuletzt ihre Mutter, die sie von klein auf mit dem Sound Afrikas bekannt machte. Der Alltag war jedoch stets vom Fado bestimmt, so dass Mariza schon mit fünf Jahren begann, die ersten melancholischen Strophen zu singen. Ihr Vater war davon derart begeistert, dass er Cartoons zeichnete, damit die kleine Tochter sich die Texte merken konnte.

"Sie werden mich umbringen"

Letztlich ist Mariza also selbst ein Produkt der Lusofonia, die auf "Terra" deutlicher als früher Pate steht. Dafür sorgt nicht nur das atemberaubende Duett mit Tito Paris ("Beijo de Saudade"), sondern auch die Präsenz gleich mehrerer virtuoser Kubaner. Neben Iván Melón Lewis und Horácio "El Negro" Hernández an Klavier und den Percussions hat Mariza auch den Jazzpianisten Chucho Valdés für einen Besuch im Madrider Studio begeistern können.

Ohnehin haben Mariza und Limón dem Fado etwas Kolorit verliehen. So glänzt "Rosa Branca" mit mexikanischen Zutaten und beim Intro für "Beijo de Saudade" steht der kubanische Son Pate. Hier und da klingt auch etwas Bolero an. Produzent Javier Limón drückte dem Ganzen seinen Stempel auf: Mit "Pequenas verdades" hat er Mariza und der afrospanischen Sängerin Concha Buika einen schwermütigen Flamenco geschrieben. Als Mariza dann das fertige Album erstmals hörte, schoss ihr spontan die Angst vor ihren traditionsbewussten Fado-Fans durch den Kopf: "Sie werden mich umbringen".

Doch wieder einmal verneigten sich selbst die Fado-Traditionalisten vor dem betörenden Lamento einer Sängerin, die den süßen Weltschmerz ganzer Generationen zum Beben bringt. In Portugal ist "Terra" ein ebenso großer Erfolg wie ihre letzten Alben. Für Mariza ist "das Singen eines Fado eine Reinigung der Seele" und wie viele anderer Fado-Interpreten steht sie am Ende mit einem befreiten Lächeln auf der Bühne. Dann feiern die Portugiesen ihre stimmgewaltige Trösterin.


Mariza: "Terra" ist bei EMI erschienen



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