Pop-Exzentriker Falco Schall und Größenwahn

Vor bald zwei Jahrzehnten starb Falco. Wie lebendig sein Erbe ist, belegen junge Wiener Bands wie Wanda und Bilderbuch. Passend dazu wurden nun fünf Falco-Alben neu aufgelegt.


Falco wollte nicht vorzeitig abtreten. Auf die Frage, ob er sich vorstellen könne, mit 50 noch auf der Bühne zu stehen, antwortete er mal, dass er ja noch alles vor sich habe: "Auch Popstars werden älter. Die Frage ist nur - wie?"

Da war Falco 33. Weniger als zehn Jahre später war er tot. Mit Unmengen von Koks und Alkohol im Blut rauschte Falco in der Dominikanischen Republik mit seinem Geländewagen in einen Bus. Seinen 50. Geburtstag erlebte er nicht mehr.

In diesem Jahrtausend ist der Österreicher trotzdem so präsent wie lange nicht mehr. Was auch daran liegt, dass seit Falcos Lebzeiten nicht mehr so viel Wind um Pop aus Österreich gemacht wurde wie in den vergangenen Monaten.

Junge, wilde Österreicher wie Bilderbuch und Wanda sorgen derzeit in Feuilletons und Clubs für maximale Euphorie. Es passt, dass beide Bands den Künstler, mit dem sie von Journalisten zuverlässig verglichen werden, auch gern mal zitieren.

Maurice Ernst, Frontmann von Bilderbuch, sagt: "Wie Falco wollen wir jetzt auch einmal ein bisserl auf den Tisch hauen." Und Marco Michael Wanda, Sänger von Wanda: "Falco schläft mit uns."

Zwischen Größenwahn und Depressionen

Seine Karriere beschrieb Falco mal als eine kurvenreiche Achterbahnfahrt, an deren Ende nur Rauch und Staub war. Was die Sache ganz gut trifft. Der in Wien als Johann Hölzel geborene Künstler brach eine Lehre zum Bürokaufmann ab, versumpfte einige Zeit als Jazzbassist in Berlin und landete, zurück in Wien, bei der fröhlichen Chaotenband Drahdiwaberl.

Anfangs spielte er da nur eine Nebenrolle, machte aber bald mit dem selbstverfassten Song "Ganz Wien" auf sich aufmerksam. Das Lied über die dauerberauschte Wiener Szene griff erstmals eines von Falcos Lieblingsthemen auf und verschaffte dem zur Exzentrik neigenden Künstler einen Vertrag über drei Soloalben.

Gleich das erste Werk, "Einzelhaft", beförderte ihn dank der Single "Der Kommissar" weltweit in die Charts. Es war dann sein schlicht "3" betiteltes drittes Album, mit dem Falco seinen Weltruhm ausbaute. Bis heute ist die darauf enthaltene Single "Rock Me Amadeus" das erste und bislang einzige deutschsprachige Lied, das es bis auf die Poleposition der US-Billboard-Charts schaffte.

Falco setzte dieser Triumph mindestens so zu, wie er ihn euphorisierte. In den Folgejahren schlingerte er zwischen Größenwahn und Depressionen. Platten mit Brigitte Nielsen machten die Sache nicht besser.

Ein Augenzwinkern, das Deutschen so schwer fällt

Natürlich landete er noch einige Hits, trotzdem war die Luft in den letzten Jahren raus. Auch privat und finanziell musste Falco Tiefschläge einstecken. Er galt, als er starb, als gebrochener Mensch.

Das ist alles lange her. Es passt,

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Falco: Rock Me Kommissar
dass nun - zur Renaissance des gehobenen Wiener-Pop - fünf Falco-Alben in einem Set neu aufgelegt wurden, darunter seine ersten drei Studio-Alben, die seine besten sind: "Einzelhaft", sein Debüt mit dem Monsterhit "Der Kommissar", das mit seinen unterkühlten Elektrobeats verblüffend zeitgemäß klingt; oder auch "Junge Roemer", eine lässige "Funky-Wien" Platte, die vermutlich sein künstlerisch größter Wurf war, aber kommerziell weit unter den Erwartungen blieb.

Um so mehr räumte Falco dann mit "3" ab, dank massiver Hits wie "Rock Me Amadeus", "Vienna Calling" und dem damals kontrovers aufgenommenem Mädchenmord-Song "Jeanny". Dazu gepackt wurden in das CD-Set die posthum nachgereichten Werke "Symphonic" und "Donauinsel Live"; zwei Platten, über deren Existenzberechtigung Puristen heftig gestritten haben, weil sie nachträglich bearbeitete Musik enthalten, die aber für weniger strenge Fans gut anzuhören ist.

Letztlich erinnert dieses Set insbesondere daran, dass es Falco war, der diesen herrlich unverschämten Mix aus Eleganz und Größenwahn in die deutschsprachige Popmusik einführte. Falco verkörperte die augenzwinkernde Leichtigkeit, die man "Schmäh" nennen kann - die Deutschen so schwer fällt und die bis heute erfrischend ist.

Es ist nur angemessen, das in einem von Falcos bevorzugten Wiener Restaurants bis heute ein Tisch dauerhaft auf seinen Namen reserviert ist. Wirklich weg ist er noch lange nicht.

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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
Matzescd 18.09.2015
1. Zitat einer Bildunterschrift
"Falco erlebt gerade eine Renaissance" Eher nicht... Seine Musik evtl.?!
angst+money 18.09.2015
2.
Der Mann hatte ja seine starken und schwachen Seiten. Jeweils bestens repräsentiert von Bilderbuch und den wirklich grässlichen Wanda (Kommentare beim Konzert: "Hmmm, wohl eher Rainhard Fendrich. Oder Spider Muphy Gang").
nehaenic 18.09.2015
3. it is known
Falco lebt. Mit dem letzten Geld Todesschein in der DomRep gekauft - und die Einahmen sprudelten wieder. "out of the dark"...
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