Abgehört - neue Musik Auf altmodische Art glücklich

Die Trotzigkeit der Mittfünfziger: Family 5 haben ein neues Album aufgenommen, das Trost spendet. Außerdem: Country-Soul-Kunstfigur Jackie Lynn und eine New Yorker Punkrock-Hommage.

Von und Tex Rubinowitz


Family 5 - "Was zählt"
(Tapete/Indigo, seit 29. Juli)

Ich stelle mir beim Hören der neuen Platte von Family 5 vor, wie es wohl sein muss, das in einem Raum zusammen mit Herbert Grönemeyer und Campino zu tun, wie sie reagieren würden. Beide ja ausgesucht höfliche und joviale Menschen, werden natürlich bewundern, was Peter Hein da singt, was die Musiker da um die Texte herumrumpeln und was letztlich Ekki Maas als Produzent daraus destilliert hat. Sie werden die Hymnenhaftigkeit loben, die melancholische Trotzigkeit der Mittfünfziger, weil sie selbst Mittfünfziger sind (Grönemeyer sieht sogar noch jünger aus, Campino eigentlich auch, würde er sich nicht die Haare färben). Sie werden sich im Sprachsound wohlfühlen, weil es ihre Sprache ist, und die Sprache bekanntlich auch den Inhalt transportiert, wenn nicht sogar formt.

Aber es gibt ein Detail, das sie gar nicht mitkriegen werden, nicht mal Peter Hein selbst. Weil es für sie normal ist. Es ist etwas, was uns alle anderen, die wir nicht aus der Region um Rhein und Ruhr kommen, so warm anfasst - es ist wie Hein das E der letzten Silbe immer wie Ö singt: Liebö. Zeitön. Wortö. Jahrö, Zufriedön. Verlierön, Terminö. Das macht es gleichermaßen distanziert wie liebevoll, und, in der Kombination mit mildem Ska, trostspendend in trostfernen Zeiten.

Tja, Herbert, so denkst du doch auch! Tja, Campino, von Family 5 könntet ihr auch mal was covern auf euren Konzerten - statt immer nur das eine Lied von Bela, Farin und Rod. Deren Sprache, das ist doch nicht eure Sprache, denk mal drüber nach: Berlinerisch ist einfach unappetitlich, und Berliner sind doch auch nur Krapfen, aus denen Marmelade quillt, wenn man auf sie draufdrückt.

Das Tolle an dieser Platte ist, dass sie genau so klingt wie das, womit Superpunk und Tocotronic begannen, als sie sich an Fehlfarben und Family 5 orientiert haben. Die gepresste wie gleichermaßen krähende und dringliche Stimme Heins ist nach ganz vorn gemischt, umhauend bei "Stolpere nicht", Hein schreit diese Durchhalteparole am Ende fast so schneidend wie Schinken-Glenn Danzig. Das gänsehautzeitigende "Mit der Zeit" atmet durch den Chor gar einen vagen Beatles-Geist, oder sagen wir, wenn dieser Schuh etwas zu groß ist, Dexys in der Geno-Phase.

Die Bläser fangen alles immer auf, wenn Hein sich zu sehr aufregt ("der Müll scheppert, ein Mannheimer singt"), das ist alles so wunderbar, man zappelt mit den Beinchen in der Luft vor Glück, dass da altbackene Leute altbackene Musik machen und die Altbackenheit so gut tut, weil alles um uns herum so falsch und aseptisch geworden ist.

Campino kommt dann natürlich auch irgendwann vor, in einem Lied über einen Altpunk, der glaubt, dass man ihm das Leben verbieten will, wenn Fortuna schon wieder verloren hat. Man denkt, dass Hein schon lange nicht mehr so eine Freude daran hatte zu krähen, zu schimpfen und zu jubilieren - und wenn er am Ende Bowies "Helden" singt, dann setzt das dem Ganzen die Pappkrone auf.

Aber es geht noch einer: Auf einem verschlurften Swing jammert Hein wie ein Harald Juhnke imitierender Helge Schneider über Vorhängeschlösser auf Brücken und die Kälte auf dem Balkon, auf dem man zum Rauchen gezwungen ist. Trotzdem: knietief im Glück. (9.0) Tex Rubinowitz

Cheena - "Spend The Night With…"
(Sacred Bones Records/Cargo, seit 5. August)

Punk ist tot, aber die Leiche zuckt noch. Ein paar Freunde aus der Noise- und Hardcore-Szene in Far Rockaway, Queens, haben seit rund zwei Jahren ein lustiges Nebenprojekt, in dem sich die Avantgarde-Musiker mal nicht mit der kathartischen Wirkung von Geräuschen beschäftigen, sondern mit ihrem Faible für den Proto-Punk der Siebzigerjahre. Hierzulande prominentes Mitglied von Cheena, die jetzt ihr erstes Album veröffentlicht haben, ist Margaret Chardiet alias Pharmakon, die sich hier allerdings nicht als schreiende, schabende Seelen-Sparschälerin betätigt, sondern als Gitarristin. Andere Mitspieler stammen aus lokalen Bands wie Crazy Spirit oder Hank Wood & The Hammerheads.

Schon der Name Cheena weist in Richtung Ramones, die vehemente Verwendung einer Slide Guitar holt aber auch den schwülen Psycho-Punk von Gun Club in den Referenzrahmen - und natürlich stehen die New York Dolls und Sonic Youth Pate, man weiß schließlich, was man seiner Heimatstadt schuldet.

Das Ganze ist ein Spaßprojekt und sollte auch als solches wahrgenommen werden. Wer von einer Band wie Cheena erwartet, dass sie Punkrock mit etwas Experimentellem verknüpft oder gar neue Impulse setzt, der hat die Zeichen der Zeit falsch gedeutet. Selbst The Men, ebenfalls beheimatet beim Brooklyner Label Sacred Bones, haben sich inzwischen vom Fuzz verabschiedet - das Genre taugt nicht mehr zur Zeitkritik, nur noch als Hommage.

Und die gelingt in zehn launig dahingeknüppelten Zwei- bis Dreiminütern erstaunlich gut, auch wenn keiner der von Sänger Walker Behr ziegenmeckernd vorgetragenen Ein-Wort-Gassenhauer ("Tarzan", "Stupor", "Car", "Jane", "Fever") wirklich im Gedächtnis bleibt. Ausnahme ist das fünfeinhalb Minuten lange "Electric Snoopy Gang", das sich mit gedrosseltem Tempo und Country-Geschunkel nach dem Stones-Klassiker "Dead Flowers" streckt: Ein paar schöne, welke Rosen auf dem Grab des Rock'n'Rolls. (6.9) Andreas Borcholte

Jackie Lynn - "Jackie Lynn"
(Thrill Jockey, seit 10. Juni)

Kaum zu glauben, aber sogar wir übersehen manchmal gute Musik! Die Rede ist jetzt nicht von Jeff Beck, Billy Talent oder Blink 182, die hier mit voller Absicht ignoriert wurden, denn es geht ja um gute Platten. Sehr gern weise ich also an dieser Stelle auf ein Album hin, das bereits im Juni erschien, an mir leider völlig vorbeiging, auf das ich nun aber durch findige Freunde nachdrücklich hingewiesen wurde.

Jackie Lynn ist der Nom de Plume von Haley Fohr, einer jungen Musikerin aus Chicago, die ihre Musik gewöhnlich unter dem Namen Circuit des Yeux veröffentlicht - charmant-kratziger, zuletzt auch opulenterer Experimental-Folk, über den Fohr zumeist aufreizend leidenschaftslos mit tiefgründelnder Baritonstimme über Horror und Ekstasen privater Dramen singt. Ich hatte im vergangenen Dezember auf dem kleinen, stets sehr gut kuratierten Musikfestival MadeiraDig das Glück, Haley Fohr live zu erleben; die Sängerin verbrachte gleich mehrere Tage auf der Insel, und auch wenn es das blödeste Klischee ist: Dass eine so willentlich unauffällige und introvertierte Person auf der Bühne, allein mit Gitarre und Effektgeräten, eine so absorbierende Stimmgewalt entfacht, das verblüffte und fesselte dann doch sehr. Sämtliche Vergleiche zu Pop-Frauen, die mit tiefer Stimme be- und entgeistern, spare ich mir, denn sonst fällt nur wieder der Name Nico, und der führt in die falsche Richtung.

Beide bisher erschienenen Circuit-des-Yeux-Alben sind zu empfehlen, aber erst mit der Kunstfigur Jackie Lynn, aus deren Perspektive sie hier erzählt, erlangt Fohr eine Klarheit, vielleicht besser: souveräne Abgeklärtheit, von der man bisher noch gar nicht wusste, dass sie fehlte. In einem Interview erzählte sie, dass sie früher, in der Highschool, schwer genervt war von einem Lehrer, der sie ständig dazu aufforderte, doch mal zu lächeln. Sie habe es satt, dass Leute, vor allem Männer, ihr sagen, was sie zu tun habe. Mithilfe der autonomen, aus dem engen Kaff Franklin, Tennessee, stammenden Jackie, die eines Tages in einen Greyhound steigt, um in Chicago Koks zu dealen, schafft Fohr ein Ventil für ihren Selbstbestimmungsdrang: "I'm so sick of these jocks with their little, tiny cocks", spuckt sie verächtlich in eine ihrer Roadtrip-Balladen.

Der Stil, wie könnte es anders sein für eine Pulp-Novelle, ist sanfter, schwelgerischer Country-Soul. Ob des Südstaaten-Settings, der Cowboy-Attribute und der Dichte des Narrativs denkt man an Bobbie Gentry, die erste Feministin des Genres. Das gemeinhin Warme, Sehnende und Analoge dieser Musik kontrastiert allerdings mit nervösen Synthie-Sounds und kühlem Drumcomputer-Klackern. "Alien Love" gerät dabei fast schon zur Wave-Gothic-Hymne, "Franklin, TN" zum Psychobilly-Noir - und "The Great Fight" gar zur Drone-Etüde.

Am Ende dieser nur rund 20 Minuten kurzen Story, in deren Verlauf Jackie in eine Amour fou mit einer Macker-Figur namens Tom Strong gerät und schließlich mit Rachsucht und geladenem Revolver zurück in ihre Heimatstadt fährt, wurde man, mal wieder, von dieser immer stärker werdenden Pop-Erzählerin überwältigt und hingerissen. Gegen Jackie Lynn war und ist Sasha Fierce ein Hausmütterchen. (7.9) Andreas Borcholte

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Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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Malibonus 09.08.2016
1. SPON Musikkritiken....
...immer wieder eine Quelle der Freude und der Erheiterung. Zugegeben: Jackie Lynn klingt wirklich interessant, da werde ich mal intensiver reinhören, aber über Cheena breiten wir doch lieber verschämt den Mantel des Schweigens. Alles wird allerdings getoppt von Family 5 - Helge Schneider für ganz Arme.
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