Fantastic Voyages: Emanzipation vom Schnöden

Von Holger In't Veld

Wissenschaft und Pop, Promotion und Kunst: Über sieben Folgen versucht sich Christoph Drehers neue Dokumentationsreihe an einer "Kosmologie des Musikvideos".

Darf über seine Erfahrungen mit Musikvideos parlieren: Musiker Nick Cave
ZDF

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Ein fünffaches Grinsen, ein gemeinsamer Ausfallschritt und ... Schnitt. In den sieben Stunden zum Thema Musikvideo, ausgestrahlt ab 30. Dezember in wöchentlichen Stundenhappen auf dem öffentlich-rechtlichen Kultursender 3Sat, sind die Backstreet Boys nur wenige Sekunden zu sehen. Und auch dieses winzige Fenster bekamen der Zahnspangen-Jugend liebste Vortänzer nur als Stellvertreter für alle Britneys und Spice Girls oder Boys, die nicht nur die Radioprogramme dominieren, sondern auch den bunten Alltag der Musiksender mit schnellen Schnitten und guter Laune füllen. Die diesbezüglich getroffene Aussage ist deutlich: "Wir müssen draußen bleiben." Hier geht es um Kunst und Kultur mit Bedeutung. Zu zeigen, dass es solches innerhalb des als Promotion-Tool gebrandmarkten Genres Musikvideo überhaupt gibt, ist Regisseur Christoph Drehers Ansatz.

Dabei will sich der Mann, der das deutsche Fernsehen seit zehn Jahren im Alleingang mit intelligenten Dokumentationen zur populären Musik ("Lost in Music", "Pop Odyssee") versorgt, auf keinen Fall in ein bildungsbürgerliches Dünkel zwängen lassen. Dass "Fantastic Voyages", untertitelt als "Kosmologie des Musikvideos" schon auf Grund der ausgewählten Beispiele eine Unterteilung in Gut und Schlecht trifft, ist wesentlich als Reaktion auf das verfügbare Angebot begründet.

Drehte anspruchsvolle Filme für Radiohead, Massive Attack und U.N.C.L.E.: Clip-Regisseur Jonathan Glazer
ZDF

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Die frühen innovativen Umsetzungen von David Bowie, Peter Gabriel und Kraftwerk und die aktuellen visuellen Erweiterungen von Air, Daft Punk oder Radiohead sind zwar auf MTV und Viva auch zu sehen, doch erreichen sie "nur eine sehr enge Zielgruppe, die zudem über einige Ausdauer verfügen muss. Für eine große Gruppe von Leuten, die potentiell an neuen filmischen Formen interessiert wären, ist das keine Option. Von daher werden die davon nie etwas erfahren". Nach Drehers Ansicht hat die hier getroffene Auswahl zudem mit filmischer Qualität nichts zu tun. "Wenn MTV die besten 100 Clips aller Zeiten zeigt, dann geht es nicht um die Videos, sondern um den Erfolg der Musikstücke. Ein Chris Cunningham ist da überhaupt nicht drin."

Dafür bekommt gerade dieses Enfant Terrible der jungen Video-Szene, der mit seinen Arbeiten für Aphex Twin und Björk das Genre revolutionierte, von Dreher eine halbe Stunde, wo seine verstörenden Bildergeschichten von Slavoj Zizek und Heike-Melba Fendel psychoanalytisch bzw. filmwissenschaftlich kommentiert werden. Titel der Folge: "Albträume". Auch für die anderen Sendungen hat Dreher mit Diedrich Diederichsen, Kodwo Eshun, Kaja Silverman, Gertrud Koch, Siegfried Zielinski, Edward George und Chris Darke ein repräsentatives Who's who aus Kunst und Wissenschaft zusammengetrommelt. Unter den thematischen Überbegriffen "Body Rock", "Short Stories", "Space Is The Place", "Befreite Bilder" und "Wunderbare Welten" dürfen die Theorie-Stars zeigen, dass sie durchaus in der Lage sind, ihre spezifischen Diskurse zu zweiminütigen Statements zu verknappen und auf dieses Material anzuwenden.

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Mit Musik hat das allerdings wenig zu tun. Hier geht es darum, Videoclip als Film zu betrachten und damit aus seiner nachgeordneten Position zu befreien - was der MTV-Mainstream zwar nicht hergibt, doch spätestens der szenische Eingriff in die Musik und die Erweiterung zum Kurzfilm markiert den Bruch zum Primärmedium. Auch hier sind Cunningham und Jonathan Glazer die Namen. "Das", so Dreher, "ist die State of the Art des modernen Kurzfilms, also dachte ich, macht man da mal 'ne ordentliche editorische Arbeit." Sechs Video-Pakete zwischen Abstraktion und Narration, Science-Fiction und Körperinszenierung hat er thematisch zusammengestellt und - mit Skript - den jeweilig für geeignet erkannten Wissenschaftlern übergeben. Das Ergebnis ist eine Insel im deutschen Fernsehen, ein seltener, höchst empfehlenswerter Tanz auf dem schmalen Grat zwischen Hoch- und Pop-Kultur, Festival-Elite und Dauerguckern, Feuilleton und Feeling.

"Fantastic Voyages: Eine Kosmologie des Musikvideos." Erste Folge am 30. Dezember 2000 um 22.25 Uhr. Ab 8. Januar 2001 jeden Montag um 23.00 Uhr auf 3sat.

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