Fantômas Nino Rota unter der Metallwalze

Berühmte Filmmusik dramatisch durch den Wolf gedreht: Unter der Ägide des ehemaligen Faith-No-More-Frontmanns Mike Patton vermengt das Rock-Quartett Fantômas Nostalgie, Ironie und Heavy Metal zu einem ohrenbetäubenden Sound-Erlebnis.

Von Holger In't Veld


Typisches Männer-in-den- besten-Jahren- Projekt: Fantomas

Typisches Männer-in-den- besten-Jahren- Projekt: Fantomas

Eine einsame Mundharmonika ertönt am Horizont. Sie singt von Leben und Tod, von Olivenhainen, Familie, Ehre und Rache. Es ist ein weltbekanntes Lied: die Titelmelodie aus Coppolas "Der Pate". Eine halbe Minute lang lassen Fantomas Nino Rotas Thema in all seiner sehnsüchtigen Melancholie im Raum stehen. Dann aber bricht ein Sturm los, der Al Pacinos blutige Vendetta am Ende des Films als Kindergeburtstag erscheinen lässt. Ohne Vorwarnung und Beschleunigungsphase brettert eine Heavy-Metal-Walze über das romantische Bild und stellt unmissverständlich klar, worum es hier - neben schwarzem Humor - hauptsächlich geht: Action und Muskeln.

Fantômas, gegründet vor vier Jahren, ist ein typisches Männer-in-den-besten-Jahren-Projekt: ein Zusammenschluss von vier Alternative-Helden, die allesamt die Rockgeschichte der letzten zwanzig Jahre gebrochen und geprägt haben. Mike Patton, Sänger und kreativer Kopf des Projekts, hat mit den operettenhaften Grenzgängern Faith No More dem nachhaltig erfolgreichen Genre Crossover den Boden bereitet und mit seinem Schulfreund Trevor Dunn (unter dem Namen Mr. Bungle) zeitgleich den Geist von Zappa in die Neunziger getragen. Die Melvins, Heimatband des Gitarristen Buzz Osborne, werden als die Initiatoren des Grunge-Sounds verehrt, und Dave Lombardo, der in den Achtzigern für die Metal-Extremisten Slayer den Rhythmus prügelte, gilt noch heute als einer der schnellsten Schlagzeuger der Welt.

"Director's Cut": Die beste Platte, die Faith No More nie gemacht haben

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Statt nun aber die vereinte Zugkraft dieser gut eingeführten Namen einem Entertainment-Multi als Marketing-Instrument zur Verfügung zu stellen, ging man mit Fantômas den entgegengesetzten Weg. Das vor zwei Jahren veröffentlichte Debüt-Album der nach dem französischen Film-Bösewicht benannten Band erschien auf Pattons eigenem Winz-Label Ipecac und beinhaltete Musik, die sich weder nach Metal- noch Pop-Gesichtspunkten konsumieren ließ. Illustriert mit Bildern des maskierten Schurken, verstörte "Amenaza Al Mundo" durch Haken schlagenden Jazzrock mit 250 km/h, kaum ein Stück war länger als eine Minute.

Nach dieser betont provokanten Absage an den Pop-Zirkus haben sich die Kalifornier nun ihrer gemeinsamen Leidenschaft zugewandt - und dabei hörbar entspannt: "The Director's Cut" vereint 16 Filmthemen der Sechziger und Siebziger. Abgesehen von "Der Pate" und "Twin Peaks" stammen sie in erster Linie aus der Grusel-Ecke: "Das Omen", "Der Golem", "Rosemary's Baby" und "Kap der Angst". Mit Henry Mancini ("Experiment In Terror") und John Barry ("Vendetta") kommen dabei auch die Easy-Listening-Könige dieser Zeit ins Spiel.

Fantomas-Debüt: Haken schlagender Jazzrock mit 250 km/h

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In den Händen von Fantômas werden aus den Evergreens nun knallige Actionfilme. Aufgepumpt auf Technicolor und Cinemascope zelebriert das Quartett zarte Streicherpassagen mit der gleichen Hingabe wie digitalen Noise und metallischen Hardcore. Jazz und Lounge sind für sie ebenso wenig ein Problem wie elektronische Programmierkunst und irrsinniger Speed. Im nahezu perfekt inszenierten Wechselbad aus sanften Melodien, bedrohlichem Ambiente und metallischer Hysterie zeigen Fantômas dabei neben technischem Können ein Verständnis für Arrangement und Inszenierung, die hinter den Originalen nicht zurücksteht.

Opulent, pathetisch, verspielt und brutal: "The Director's Cut" ist die beste Platte, die Faith No More nie gemacht haben. Ironie und Heavy Metal, das zerstrittene Paar ist endlich wieder vereint.

Fantômas: "The Director's Cut" (Ipecac/EFA); veröffentlicht am 16. Juli 2001.



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