Folk-Sänger Father John Misty Hahaha... Hilflosigkeit!

Schlaumeierei vom sicheren Hügel: Auf seinem Album "Pure Comedy" kommentiert der US-Folkbarde Father John Misty wortreich und wuchtig das menschliche Treiben in den Untergang. Macht ihn das zum Popstar der Stunde?

Father John Misty
Ben Rayner

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Wenn die Länge des Bartes in den vergangenen Jahren zum Indiz dafür wurde, wie sehr sich weiße, heterosexuelle Rockmusik in eine Zone der Larmoyanz und narzisstischen Nabelschau verkapselt hat, dann ist es ein gutes Zeichen, dass sich Father John Misty seinen Vollbart abrasiert hat.

Am vergangenen Freitag veröffentlichte der US-amerikanische Sänger und Musiker sein neues Album "Pure Comedy". Es ist eine 75 Minuten lange, wortreiche, zuweilen witzige, manchmal berührende Schlaumeierei darüber, wie wir alle uns zu Tode amüsieren. Oder neoliberal zugrunde wirtschaften. Oder im Internet bis zur Besinnungslosigkeit über Politik, Religion oder Nichtigkeiten echauffieren, während globale Konzerne sich die Hände reiben.

Von der Presse wird er für diese apocalypse humaine bestaunt und vorsichtig gefeiert: Ist dieser Josh Tillman, der sich wie ein zwielichtiger Wanderprediger und Schlangenölhändler aus dem 19. Jahrhundert nennt, vielleicht die Auferstehung des weißen Rocks zu Relevanz und Wichtigkeit? Im Jahr eins nach David Bowie und Leonard Cohen wird das Fehlen großer Rock-Persönlichkeiten umso schmerzhafter bewusst. Wer noch da ist, pflegt sein eigenes Denkmal (Dylan, Springsteen, Iggy Pop). Wer neu dazukam, neigt zu Kauzigkeit und Einsiedelei (Bon Iver, Bill Calahan, Will Oldham, Nick Cave) oder rockt, dröhnt und entertaint ziellos vor sich hin.

Funny, der Typ, aber auch deep

Josh Tillman hat schon rein äußerlich alle Attribute, ein Rockstar zu sein. Mit schulterlanger Mähne und Bart (aktuell nur noch ein Schnauzer) sieht er so nachdenklich wild aus wie Viggo Mortensen in der Aragorn-Phase, also auf dem Zenit seiner Popularität. Passend zu Cowboyboots und schwarzem Gehrock fährt er mit einem alten Leichenwagen-Straßenkreuzer durch L.A.. Zum Broterwerb schrieb er Songs mit Lady Gaga ("Come to Mama", "Sinner's Prayer" vom aktuellen Album) und Beyoncé ("Hold up" von "Lemonade", als einer von 13 Songwritern). Zuvor trommelte er vier Jahre für die prototypisch in sich gekehrten Neo-Folker Fleet Foxes, bevor er seine stotternde Solokarriere als J. Tillman der Kunstfigur Father John Misty opferte. Für sein letztes Album "I Love You, Honeybear", auf dem er das Thema moderne Maskulinität bis zum letzten Spermafleck auf dem Bettlaken auslotete, bekam er 2015 viel Lob.

Tillman, 1981 in Maryland in eine fundamental-christliche Kindheit geboren, die ihn bis heute traumatisiert (er verabreicht sich kleine LSD-Dosen gegen Angstzustände), ist schon fast die klassische L.A.-Persönlichkeit: Ein gutaussehender, vielfach talentierter Spinner. Ein Flim Flam Man, der sich und seine Zuhörer beim Denken und Reden selbst überholt und dir seine zusammengelesenen Philosophie- und Soziologie-Bits am Ende als profunde Wahrheit andreht. Funny, der Typ, aber auch deep. Es könnte also wirklich was werden mit ihm.

Allerdings wäre dafür ein Hit hilfreich. Und den sucht man auf "Pure Comedy" trotz aller sorgsam inszenierten Softrockness, diesem plüschig-analogen Siebziger-Sound auf Akustikgitarre und Piano mit Chören und Streicherexzessen, leider vergeblich, worüber sich Tillman natürlich gleich selbst lustig macht. In "Leaving L.A.", dem 13 Minuten langen Kernstück des Albums, sprechsingt er gegen Ende: "Some 10-verse chorus-less diatribe/ Plays as they all jump ship, 'I used to like this guy/ This new shit really kinda makes me wanna die'". Das dürfte er in Erwartung der Nörgeleien und Missmutigkeiten formuliert haben, die ein derart langer, selbstreferentieller Monolog ohne Hook oder Refrain über die Oberflächlichkeiten und den drohenden Untergang von Los Angeles auslöst. Die "New York Times" nannte den Song sarkastisch "das 'Stairway to Heaven' für die ewige Selbstbeschäftigung der Generation X".

Kalkuliertes Zucken in den Erregungsmedien

So wie Tillman in "Leaving L.A." der Sintflut oder dem großen Erdbeben aus sicherer Erhöhung zusieht und dabei halb amüsiert, halb betroffen den Kopf schüttelt ("I was living on the hill / and when the big one hit I'd have a seat"), so ist seine Perspektive grundsätzlich eine losgelöste, göttliche. Scheinbar allwissend blickt er auf das Treiben der Erdlinge "on this bright blue marble orbited by trash". Er beobachtet, wie sie sich in ihrer galaktischen Nichtigkeit grandios überschätzen ("Ballad Of The Dying Man") und mit dem letzten Atemzug noch einmal den Newsfeed und die Statusmeldung überprüfen.

Father John Misty (2016, noch mit Vollbart)
DPA

Father John Misty (2016, noch mit Vollbart)

In "Two Wildly Different Perspectives" spottet er über Liberale wie Konservative gleichermaßen, die sich in den USA so unversöhnlich wie kaum jemals zuvor gegenüberstehen. Im schön lakonischen Narrativ von "Things It Would Have Been Helpful To Know Before The Revolution" entwirft er eine post-apokalyptische Zurück-zur-Natur-Utopie der Jäger und Sammler, die dann doch wieder von der Zivilisation erschlagen wird, als "Visionäre" die ersten Convenience-Produkte erfinden.

"The Memo" und "Total Entertainment Forever" schließlich entlarven bissig die Entertainment- und Musikindustrie, die vorgibt, den Konsumenten mit jeglicher Wunscherfüllung glücklich zu machen, ihn aber letztlich in die freiwillige Sklaverei verführt. Die Songzeile "Bedding Taylor Swift/ Every Night Inside The Oculus Rift" über die lüsternen Verheißungen der VR-Technologie sorgte bereits für ein wohlkalkuliertes Zucken in den Erregungsmedien.

Tillmans Themenspektrum ist so all over the place wie das Wimmelbild auf dem Cover von "Pure Comedy" von "New Yorker"-Cartoonist Ed Steed: Seine Analyse der zahlreichen ökonomischen und medialen Verblendungszusammenhänge zu einer degenerativen conditio humana zieht kluge Referenzfäden von Balzac über Neil Postman bis zu David Foster Wallace und "The Walking Dead" - und endet doch im Banalen: im tröstlichen Nukleus der Zweisamkeit ("Smoochie") oder in der resignativen Conclusio des Schlussstücks "In Twenty Years Or So". Wiewohl das grausame Ende naht ("This human experiment will reach its violent end"), wird schon alles in Ordnung sein, solange ein Drink auf dem Tisch steht und die Band den selig machenden Talking-Heads-Klassiker "This Must Be The Place" spielt. "There's nothing to fear", singt Tillman zuletzt. Wer's glaubt, schaltet am besten gleich weiter zu seiner wöchentlichen Spotify-Playlist, die ihn mit immergleichem Lull in der Filterblase gefangen hält.

Father John Misty: Pure Comedy

Allbeschützende Narrenkappe

Insofern ist auch "Pure Comedy" kein aufklärerisches Werk, sondern vorrangig eine zu Opulenz und Bedeutungs-Suggestion aufgeblasene Selbstbeschwichtigungsübung, ein sympathisch größenwahnsinniges, letztlich aber hysterisches "Hahaha" im Nebel der allgemeinen Hilflosigkeit. Dringlichkeit und Gravitas, die der selbsternannte Prediger hier mit getragenem Piano-Pathos postuliert, lösen sich zunehmend auf, je mehr sich Tillman im Spiegelkabinett seiner eigenen Endzeitepik verliert und sich immer wieder vorsorglich die allbeschützende Narrenkappe aufsetzt: "Oh great, that's just what we all need/ Another white guy in 2017/ Who takes himself so goddamn seriously."

Am liebsten sei es ihm, formuliert er in einem politisch-esoterischen Essay zum Album, wenn die Menschheit durch einen vedischen Zyklus zurück auf Null rotieren würde: "Was, wenn Fortschritt nur bedeuten würde, buchstäblich von einem Tag zum nächsten fortzuschreiten, ohne gewaltsam von einem neun Fuß großen, 500 Pfund schweren Grizzly zerstückelt zu werden?"

In dieser ersehnten Ursprünglichkeit gäbe es für einen postironischen Meta-Barden wie Josh Tillman mit reichlich Potential, schwer zu nerven, kaum Platz. Wahrscheinlich wäre er wie der gallische Barde Troubadix, der sich immer wenn's brenzlig oder ausgelassen wird, gefesselt und geknebelt auf dem nächsten Baum wiederfindet. Da hätte er dann das, was er sich auf "Pure Comedy" mit rührender Naivität erträumt: Alle wären sich ausnahmsweise einig. Und er hätte Zeit, seinen Bart wieder wachsen zu lassen.

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insgesamt 2 Beiträge
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freddykrüger, 13.04.2017
1. naja
dann bin ich wohl der einzige hier im Forum und werd es anscheinend auch bleiben. Egal. Entgegen meinen musikalischen Vorlieben ist es ein wunderbares Album. Entspannt zurücklehnen und genießen. Manchmal etwas zu bombastisch und einen Hauch zu dick aufgetragene Chöre (Stück Nr.4 & 5) aber es gefällt trotzdem. Sehr schön anzuhörende Stimme vom Father. Meine Nachbarn sind irritiert wegen der Töne die da aus meiner Wohnung erschallen. Aber ich kann sie beruhigen, gleich wird ja wieder Lemmy aufgelegt.
toninotorino 01.06.2018
2.
freddy? Hast Du dich abgemeldet? - Hm... Ich kenne Fatha John Misty zu wenig. Ich weiß nur eines: Von allen Singer/Songwritern, die mir in den letzten Jahren neu zu Gehör gekommen sind, gefällt mir ein gewisser Jeff Black am besten.
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