SPIEGEL ONLINE: Popstar sind Sie ja schon. Aber offensichtlich kann man ja heute Popstar sein und trotzdem prekär leben...
Hein: Subprekär! Ich kriege nicht einmal ein Praktikum, da bin ich viel zu alt für. Ich kann ja schon alles. Ich mache jetzt so Jobs. Tagelöhnerei, könnte man sagen.
Hein: In den frühen Neunzigern vielleicht, als das mit den NDW-Parties anfing. Wenn wir gewollt hätten, hätten wir wahrscheinlich mit 20-Minuten-Auftritten 10.000 Euro verdienen können. Aber wir haben eben auch damals lieber anderthalb Stunden für 100 Euro gespielt - die neuen Stücke.
SPIEGEL ONLINE: Aber war das Versprechen von Popmusik nicht: Nie arbeiten müssen, auf dem Treppchen stehen?
SPIEGEL ONLINE: FM Einheit von den Einstürzenden Neubauten oder Schorsch Kamerun von den Goldenen Zitronen - so mancher Ex-Punk verdient sein Geld heute mit Hochkultur, im Theater zum Beispiel. Ginge das für Sie nicht auch - gerade in der Theaterstadt Wien?
Hein: Man hat mich gelegentlich gefragt. Aber wahrscheinlich bin ich zu sehr stumpfer Banause und faule Sau, als dass ich das auf die Reihe kriegen würde. Und letztlich will man doch nichts damit zu tun haben, gibt sich keine Mühe und dann kommt eben auch nichts dabei raus. Irgendwo denke ich auch: Die schlimmsten Kritiker der Elche sind eben auch immer noch welche. Und nicht nur früher.
SPIEGEL ONLINE: Sprich: Als Punk will man nicht im Theater landen.
Hein: Genau. Eigentlich will man das gar nicht. Man will doch keine Goethe-Institut-Rente.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie eigentlich ein Notizheft dabei, um Songtexte zu schreiben?
Hein: Nein. Wenn es sich ergibt, sollte ein Bierdeckel in der Nähe sein. Und bitte nicht diese neumodischen, die auf beiden Seiten bedruckt sind. Ich schreibe meine Texte immer erst dann, wenn Aufnahmen zu einer Platte anstehen. Deshalb sind die Platten auch so frisch.
SPIEGEL ONLINE: Die anderen Bandmitglieder kommen mit Musik und Sie mit einem Stapel Texten ins Studio?
Hein: Ich komme mit gar nichts, das entsteht währenddessen. Die anderen kommen mit Texten. Aber die schmettere ich dann ab, oder schlachte sie aus.
SPIEGEL ONLINE: Von wem kommt denn die tolle Zeile "Ihr habt die Uhr, wir haben die Zeit"?
Hein: Das stand in einem Text, den mir unser Keyboarder Frank Fenstermacher unterjubeln wollte. Ich wusste gleich: Das ist geklaut. Er behauptet, das sei von den Taliban.
SPIEGEL ONLINE: "Ihr habt die Uhr, wir haben die Zeit" oder auch "Wir haben Angst, aber leider Zeit dafür" - auf dem neuen Album gibt es in jedem zweiten Song so ein politisches "Wir". Wer ist dieses "Wir"?
Hein: Das sind einfach wir, die wir die Stücke machen. Und die, die sich die anhören. Und "die" sind dann immer die, die nicht da sind. Die man nicht kennt. Die anderen. Weil die, die da sind, können ja nichts dafür.
SPIEGEL ONLINE: Das heißt, die anderen sind nicht unbedingt nach guter alter Punk-Attitüde die Mächtigen, Spießer oder Angepassten?
Hein: Nicht unbedingt. Ich sehe das eher so: Wir sind anders, aber genau so. Die meisten Beschimpfungen kann man ja auch als Selbsterkenntnis sehen. Die eigene Nase, an die man sich fasst, ist immer mit im Spiel.
Das Interview führte Christoph Twickel
Fehlfarben "Glücksmaschinen" (Tapete/ Indigo), bereits erschienen.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Musik | RSS |
| alles zum Thema Popmusik | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH