"Fehlfarben"-Sänger Hein "Ich will keine Goethe-Institut-Rente!"

Es geht tatsächlich voran! Für ihr neues Album "Glücksmaschinen" werden die Punkveteranen Fehlfarben gefeiert wie zu ihren besten Zeiten. Sänger und Texter Peter Hein spricht im SPIEGEL-ONLINE-Interview über Punktouristen, das Pop-Prekariat und die fünfte Jahreszeit.


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Punkhelden "Fehlfarben": Sind so deutsche Affen
SPIEGEL ONLINE: Das neue Fehlfarben-Album "Glücksmaschinen" erscheint pünktlich zur fünften Jahreszeit. Gehen Sie zum Karneval?

Peter Hein: Meistens nicht, nein. Aber wenn man unverhofft reingerät, hat das manchmal was.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben mal gesagt, nichts habe den Punk so gekillt wie die "Humorlosigkeit seiner Protagonisten - außerhalb Düsseldorfs natürlich". War Punk in der Karnevalshochburg Düsseldorf heiterer als anderswo?

Hein: Auf jeden Fall. Natürlich gab es auch in Berlin oder Hamburg ein paar Leute, die eine uneingestandene Sehnsucht nach dem rheinischen Karneval hatten, die sie zu Hause nicht ausleben durften. Und auch in Düsseldorf haben sich irgendwann die Humorfreien breitgemacht; die Schäferhund-Fraktion, die alles schneller, lauter und stacheliger haben musste. Da wurde es dann so stumpf wie überall.

SPIEGEL ONLINE: War diese Abstumpfung der Grund, nicht mehr mitzumachen? Sie sind ja 1981 aus der Band ausgestiegen, als die Fehlfarben wirklich populär wurden.

Hein: Wir haben ja nicht mitgemacht. Wir haben gemacht. Für uns war Punk, nicht Punk zu sein. Die Lederjacken-Kluft war für uns nach einem halben Jahr vorbei, danach haben wir Anzüge, Jacketts und andere Sachen getragen. Wenn sich etwas durchsetzte, wollten wir gleich was anderes machen. Für mich war Schluss, als plötzlich die Leute wegen der Punkszene oder der "Neuen Wilden" kamen, also dieser Verbindung von Ratinger Hof und Kunstakademie, die es damals in Düsseldorf gab. Als die Punktouristen kamen, war die interessante Zeit vorbei.

SPIEGEL ONLINE: Für die spannenden Sachen muss man unter sich bleiben?

Hein: Das funktioniert wohl so. Natürlich haben wir die Klappe aufgerissen: "Ist alles scheiße, muss alles Punkrock werden!" Aber wenn wirklich alles Punkrock geworden wäre, wäre das furchtbar gewesen. Das wollte niemand wirklich, man tut immer nur so.

SPIEGEL ONLINE: Seit dem Erfolg von Jürgen Teipels Punk-Geschichtsbuch "Verschwende deine Jugend" hat auch Düsseldorf erkannt, dass DAF, Fehlfarben oder Kraftwerk zum kulturellen Erbe gehören. Bei einer großen Ausstellung in der Kunsthalle vor ein paar Jahren hat sogar der Oberbürgermeister gesprochen.

Hein: Ich finde das durchaus gerechtfertigt, wenn man Sachen bewahrt, die mal gemacht worden sind. Uns war damals nicht bewusst, dass es was Historisches sein könnte. Die kopierten Flyer und Fanzines landeten im Papierkorb. Dass die dann doch jemand aufgehoben hat, tja - das sind eben die Briefmarkensammler dieser Welt.

SPIEGEL ONLINE: Auf dem neuen Album halten sich die Fehlfarben an alte Punk-Tugenden: Straighte zweieinhalb Minuten-Songs in klassischer Besetzung. Außerdem ist das neue Album bloß 34 Minuten lang - so wie früher die LPs.

Hein: Diese siebzig-Minuten-CDs gehen mir sowieso auf den Sack. Man muss nicht immer alles ausreizen, was ein Medium hergibt. Sonst musst du bald für eine Blu-Ray-Disc sieben Stunden lang spielen, wie ein afrikanisches Orchester.

SPIEGEL ONLINE: Die jüngeren Leute kaufen ohnehin keine Alben mehr, sondern eher einzelne MP3-Files. Alben kauft doch nur noch das ältere Publikum.

Hein: Die sollen das auch kaufen. Die sterben ja erst weg, wenn wir auch wegsterben. Da sollen die vorher noch mal schön Geld ausgeben.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie von Ihrer Musik leben?

Hein: Leben konnten wir davon nie. Auch von unserem ersten Album "Monarchie und Alltag" nicht. Davon kannst du vielleicht mal in den Urlaub fahren, mehr nicht. Wir sind ja so deutsche Affen, die keine Sau auf der Welt sonst braucht. Leute wie Paul Weller - die verkaufen vielleicht in Deutschland auch nicht mehr als wir, aber die haben einen Weltmarkt. Wir haben nur das Scheiß-Deutschland mit Schweiz und Österreich noch dabei.

SPIEGEL ONLINE: Der Legende nach haben Sie Anfang der Achtziger bewusst das Angestelltenleben dem Popstartum vorgezogen.

Hein: Ich war immer angestellt. Vor den Fehlfarben, während der Fehlfarben und danach auch.

SPIEGEL ONLINE: Und zwar in "undurchsichtiger Position im Lager von Rank Xerox" wie Jürgen Teipel in "Verschwende deine Jugend" schreibt. Mittlerweile arbeiten Sie dort aber nicht mehr...

Hein: Das war nicht mein Entschluss, sondern der wirtschaftlichen Situation der Firma geschuldet. Kostendruck, Stellenabbau, Abfindung und Tschüss. Hartz IV wollte ich nicht, also bin ich aus Deutschland weggegangen, nach Wien. Ich habe nicht gesagt: Ich geh jetzt nicht mehr arbeiten, weil ich doch noch Popstar werde, auf die alten Tage.

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qim 15.02.2010
1. Peter Hein ertrage ich nur auf eine Art...
... auf der Bühne. Ich mag die Fehlfarben wirklich sehr gerne. Aber in Interviews zeigt Hein eigentlich immer nur eins: Er ist eine gescheiterte Persönlichkeit, hat sein Leben nicht im Griff und macht die Welt (vorzugsweise Deutschland) dafür verantwortlich. Ein richtiger Künstler eben... Kann es sein, dass das 4. Bild der Galerie bei Bochum Total 2006 aufgenommen wurde? Ich erinnere mich an das schreckliche Hemd und die Jacke dürfte kaputt sein, weil er sich beim "Tanzen" heftig auf die Fresse gelegt hat.
fish53 15.02.2010
2. Die Unverbogenen
Gescheiterte Persönlichkeit? Leben nicht im Griff? Solche Leute gibt's hier heute zuhauf, auch wenn sie keine Punks sind oder waren. Ich schätze P.H. edenfalls als begnadeten Texter, die Fehlfarben als Kapelle nenne ich meine deutschsprachigen Favoriten. Meine Meinung zu den Glücksmaschinen: Mal wieder ein großer Wurf, könnte später auch mal als "Überalbum" wie die Kultplatte "Monarchie und Alltag" gelten. Mich persönlich spricht der Synthie-Anteil nicht an (nix für ungut Pyrolator!), ich vermisse vielmehr dieses schöne warme Saxofon, wie es auf der ersten Live-Scheibe zu hören war - aber das ist Geschmackssache. Warum ist eigentlich Thomas Schwebel nicht mehr dabei? Der Mann gehört doch zum Inventar! Nun noch eine kleine Anekdote zu "Ihr habt die Uhr, wir haben die Zeit": Ein Kollege, gelinde gesagt leicht rechts eingestellt, doziert bei mir über Islamismus und sagt: "Die (Muslime) wissen genau: Ihr habt..." Das war vor einer Woche, und der Mann hat in seinem Leben von Fehlfarben nicht gehört, geschweige von den "Glücksmaschinen". Also dürfte der gute Frank Fenstermacher ziemlich richtig liegen... Ich freue mich auf das Konzert in Hamburg!
suum.cuique 15.02.2010
3. Den gibts noch?
Kann mich noch an die LP mit dem Mietshaus auf dem Cover erinnern, wann war das, 1980? Atatuerk der neue Herr....
Kretin, 15.02.2010
4. Monarchie und Alltag
Zitat von suum.cuiqueKann mich noch an die LP mit dem Mietshaus auf dem Cover erinnern, wann war das, 1980? Atatuerk der neue Herr....
"Monarchie und Alltag", habe ich noch als Vinyl und seit einiger Zeit auch als Original-CD-Veröffentlichung, m.E. eine der besten (wenn nicht die beste) deutsche(n) Platte(n) aller Zeiten. Das von Ihnen abgesprochene Stück "Militürk" ist übrigens eine Coverversion, ursprünglich von DAF (Deutsch-Amerikanische Freundschaft). Werde mir, nachdem ich von jetzt ihrer Existenz gehört habe, die neue Platte umgehend besorgen. Das dürfte sich lohnen, selbst wenn sie nur 1/3 so gut wir "M.&A." sein sollte.
rebound68 15.02.2010
5. Oh ja
Zitat von Kretin"Monarchie und Alltag", habe ich noch als Vinyl und seit einiger Zeit auch als Original-CD-Veröffentlichung, m.E. eine der besten (wenn nicht die beste) deutsche(n) Platte(n) aller Zeiten. Das von Ihnen abgesprochene Stück "Militürk" ist übrigens eine Coverversion, ursprünglich von DAF (Deutsch-Amerikanische Freundschaft). Werde mir, nachdem ich von jetzt ihrer Existenz gehört habe, die neue Platte umgehend besorgen. Das dürfte sich lohnen, selbst wenn sie nur 1/3 so gut wir "M.&A." sein sollte.
Da sagen Sie was, auch wenn es DIE beste CD nicht geben kann (hängt ja immer von der iegenen Tagesform ab) Aber M&A hab ich mir dann auch nochmal als CD gekauft, nur der Nostalgie wegen. "Keine Atempause ....", diese Hymne aller abgebrochenen Geschichtsstudenten (meistens die ohne großes Latinum) jagt mir immer noch sSchauer über den Rücken.
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