Fela-Kuti-Biografie: 27 Frauen haben, kiffen - Politik machen

Von Hans Hielscher

Afrikanischer Agit-Prop: Aus Jazz, Funk und Folklore des Yoruba-Volkes schuf der Nigerianer Fela Kuti seinen mitreißenden und klugen "Afrobeat". Nun ist eine Biografie des Musikers auf Deutsch erschienen. Und eine Doppel-CD mit bislang unveröffentlichter Musik folgt im Mai.

Fela-Kuti-Biografie: Highlife und Politik Fotos
Haffmans & Tolkemitt

Als Fela Kuti am 12. August 1997 zu Grabe getragen wurde, säumten über eine Million Menschen die Straßen von Lagos. Viele weinten um den 58-Jährigen, der wie kein anderer die Missstände in Nigeria angeprangert hatte. Kuti attackierte die korrupten Militärs und Zivilpolitiker. Dafür verfolgten ihn die "Beasts of No Nation" (so der Titel eines seiner Hits) und warfen ihn ins Gefängnis. Das Volk aber liebte den Musiker, der seine rebellische Botschaft in Songs zum Tanzen und Mitsingen packte. Afrikanischer Agit-Prop.

Der mutige Kämpfer für die einfachen Leute hatte auch eine andere Seite. Obwohl er selbst aus einer Intellektuellen-Familie kam und am Londoner Trinity College studiert hatte, agitierte Kuti nach seinem Aufstieg zum Star gegen westliche Bildung ("Teacher, Don't Teach Me Nonsense"). Er praktizierte afrikanischen Geisterglauben, propagierte Polygamie und heiratete 27 Frauen. Kuti kiffte demonstrativ, lehnte jede Form von Geburtenkontrolle ab und verlachte Sex mit Kondom als "unnatürlich". Moderne Medikamente seien "Gift". Aids - die Krankheit, an der er sterben sollte - tat er als "Erfindung des weißen Mannes" ab.

Sein krudes Weltbild formulierte Fela Kuti in mehreren Interviews mit dem Brasilianer Carlos Moore. Sie bildeten die Grundlage für eine autorisierte Biografie, die schon 1982 in Paris und London erschien, aber erst jetzt ins deutsche übersetzt wurde. Kuti schildert hier, wie er als unangepasster Junge von seinen Eltern brutal geschlagen wurde. Nach dem Musikstudium in England mit Hauptfach Trompete eiferte er zunächst Miles Davis nach und verehrte Archie Shepp und Ornette Coleman. Seine Mutter, eine international bekannte Frauenrechtlerin, ermunterte den Rückkehrer: "Fang an Musik zu spielen, die dein Volk versteht, nicht Jazz." Fela folgte dem Rat und belebte mit seiner Energie die "Highlife" genannte westafrikanische Tanzmusik. Zum politischen Radikalisten entwickelte er sich auf einer US-Tournee nach Begegnungen mit Mitgliedern der Black Panther und der Lektüre der Autobiografie von Malcolm X.

Pop und Politik bei den Tuareg

In der deutschen Auflage der Kuti-Biografie gibt es neben dem 20 Jahre alten Text auch neue Beiträge vom Autor Moore und dem Kuti-Weggefährten Lindsay Barrett zu lesen. Sie bewerten mit etwas Abstand das Wirken von Fela Kuti, den der brasilianische Weltstar und zeitweilige Kulturminister Gilberto Gil so würdigt: "Er war ein zeitgenössischer afrikanischer Held, dessen Genie seinem Protestschrei in jedem Winkel des Globus' Gehör schaffen sollte."

Fela Kutis Afrobeat-Musik lebt bis heute und wird unter anderem von seinen Söhnen Femi und Seun gespielt. Der Großmeister selbst hat dem Buch zufolge 133 Songs geschrieben und 77 Alben veröffentlicht. Zu denen kommt jetzt "Fela Kuti - Live in Detroit 1986", der Mitschnitt eines Konzerts mit dem Bandleader als Sänger und am Keyboard. Typisch für Fela-Kuti-Auftritte sind seine mit politischen Statements gepfefferten Ansagen. Pop und Politik werden in Afrika mehr als anderswo miteinander verbunden.

Ein aktuelles Beispiel dafür ist das neue Album des Septetts Tamikrest aus Mali. Da singen die zum Tuareg-Volk gehörenden Musiker zwar vorwiegend von Sehnsucht, Liebe und Einsamkeit. In einem Titel aber beklagen sie, dass die Tuareg dazu verdammt seien, als Fremde in verschiedenen Staaten zu leben, weil die einstigen Herren der Sahara kein eigenes Land mehr hätten. Solche Lieder können Vorboten von Ereignissen sein: Am 6. April riefen Tuareg-Rebellen im Norden von Mali auf einer Fläche von 800.000 Quadratkilometern den unabhängigen Staat Azawad aus. Freilich wird der sich kaum halten können; aber Tuareg-Nationalisten werden verkünden, "der Kampf geht weiter".


Carlos Moore: "Fela Kuti - This Bitch of a Life". Die autorisierte Biografie. Deutsch von Andreas Simon dos Santos. Tolkemitt Verlag, Berlin/Zürich; 382 Seiten; 19,95 Euro. Erhältlich bei Zweitausendeins.

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insgesamt 8 Beiträge
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1. Fela Kuti - grandiose Musik
Lisa_can_do 28.04.2012
sehr mutig vom Spiegel, von diesem in Deutschland fast unbekannten Musiker, der woanders ein herausragender Weltstar war/ist, einen Bericht zu bringen. Die Musik von Fela ist schlicht eine Droge, nur besser als der übliche Sch***. Einfach eine Fela-CD reinschieben, zurück lehnen und alsbald ist man im Trance, im Rhythmus, in schönen erotischen, versöhnenden und beruhigenden Gefühlen. Oder neu-deutsch: geil. Und man kann nun über die 27 Frauen viel diskutieren, aber der Mann hat sich wie nur wenige politisch positioniert, so strikt, dass er für Jahre in den Knast wanderte, was in Nigeria die Hölle ist, und trotzdem konnten die Herrscher ihn nicht mundtot machen. Aber der Mann war wohl auch einfach so: er musste singen, er musste spielen, er musste reden - und alles immer mit politischen Inhalten. Und die nicht politischen Inhalte: wie gesagt, einfach zurück lehnen, Bierchen, ein Glas Wein oder eben O-Saft, und eintauchen in diese Rhythmen - nein, nicht wie Drogen - einfach viel besser.
2. Hoppla,
hajoschneider 28.04.2012
Zitat von Lisa_can_dosehr mutig vom Spiegel, von diesem in Deutschland fast unbekannten Musiker, der woanders ein herausragender Weltstar war/ist, einen Bericht zu bringen. Die Musik von Fela ist schlicht eine Droge, nur besser als der übliche Sch***. Einfach eine Fela-CD reinschieben, zurück lehnen und alsbald ist man im Trance, im Rhythmus, in schönen erotischen, versöhnenden und beruhigenden Gefühlen. Oder neu-deutsch: geil. Und man kann nun über die 27 Frauen viel diskutieren, aber der Mann hat sich wie nur wenige politisch positioniert, so strikt, dass er für Jahre in den Knast wanderte, was in Nigeria die Hölle ist, und trotzdem konnten die Herrscher ihn nicht mundtot machen. Aber der Mann war wohl auch einfach so: er musste singen, er musste spielen, er musste reden - und alles immer mit politischen Inhalten. Und die nicht politischen Inhalte: wie gesagt, einfach zurück lehnen, Bierchen, ein Glas Wein oder eben O-Saft, und eintauchen in diese Rhythmen - nein, nicht wie Drogen - einfach viel besser.
wieso unbekannt? In meinem Bekanntenkreis kennen/kannte ihn jeder. Beim Rest stimme ich Ihnen zu.
3. Definition von "erst jetzt"?
Karbonator 28.04.2012
Nach langem Zögern habe ich mich nun für diesen Artikel doch noch angemeldet... denn: ---Zitat--- Sein krudes Weltbild formulierte Fela Kuti in mehreren Interviews mit dem Brasilianer Carlos Moore. Sie bildeten die Grundlage für eine autorisierte Biografie, die schon 1982 in Paris und London erschien, aber erst jetzt ins deutsche übersetzt wurde. ---Zitatende--- "Erst jetzt"? Ist das Buch denn nicht 2011 schon erschienen? Es ist löblich, daß über diesen Mann berichtet wird, aber nun ja... wir haben halt auch schon 2012. ;)
4.
f.paproth 28.04.2012
Es scheint weitgehend unbekant zu sein, dass Fela auch Bilder aus der Yoruba-Mythologie malte. Ich bin selbst Besitzer zweier seiner Gemälde.
5.
Schleswig 28.04.2012
Zitat von sysopHaffmans & TolkemittAfrikanischer Agit-Prop: Aus Jazz, Funk und Folklore des Yoruba-Volkes schuf der Nigerianer Fela Kuti seinen mitreißenden und klugen "Afrobeat". Nun ist eine Biografie des Musikers auf Deutsch erschienen. Und eine Doppel-CD mit bislang unveröffentlichter Musik folgt im Mai. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,829960,00.html
Was um Himmelswillen ist ein "klugen Afrobeat"? Bekommt er bald den Nobelpreis?
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