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Fela-Kuti-Wiederveröffentlichungen: Dieser Mann ließ sich seine Musik nicht stehlen

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Fela Kuti: König des Afrobeat! Fotos
Bernard Matussière

Der Nigerianer Fela Kuti erfand Anfang der Siebzigerjahre den Afrobeat: eine elektrisierende Musik, die Miles Davis, James Brown, Brian Eno und Damon Albarn beeindruckte. Jetzt wurden sechs seiner besten Alben frisch aufgelegt.

Zu Beginn der Siebzigerjahre reiste Paul McCartney nach Nigeria, um Fela Kuti zu treffen. Damals betrieb Kuti, der König des Afrobeat, in Lagos einen Club namens "The Shrine", wo er mit seinen Bands wie Egypt 80 regelmäßig auf der Bühne stand.

In Afrika galt Kuti damals längst als Legende und Menschen, die sich etwas mehr für Musik interessierten, hatten auch in anderen Regionen der Welt von diesem ungewöhnlichen Künstler gehört, dessen Musik alle Genres sprengte. Das begann schon mit der Länge seiner Songs, die oft um die 30, manchmal bis zu 60 Minuten lang waren - und in denen Jazz, Funk, Soul, Rock und afrikanische Klänge zu einem elektrisierenden neuen Sound namens Afrobeat verschmolzen.

Paul McCartney jedenfalls wollte den Mann, der dafür verantwortlich war, bei den Aufnahmen für sein nächstes Album "Band on the Run" an Bord haben. So besuchten McCartney und einige Begleiter ein Fela-Kuti-Konzert, das sie beeindruckte, aber wegen der aufgeladenen Stimmung auch durchaus einschüchterte, wie sich der Ex-Beatle später erinnerte.

Kuti erfuhr erst am Tag danach, welch prominenten Zuhörer er gehabt hatte, aber statt geschmeichelt zu sein, zeterte er: "Der weiße Mann ist wohl gekommen, um unsere Musik zu stehlen". Womit sich nicht nur eine eventuelle Zusammenarbeit mit McCartney erledigt hatte, sondern auch die Chance für Kuti, ein großes Publikum jenseits von Afrika zu erreichen.

Unter Kollegen galt Fela Kuti schon damals als Titan: Miles Davis verehrte ihn und nannte seine Musik "lebensverändernd", James Brown besuchte viele seiner Konzerte, um die Technik seiner Band zu studieren, Paul Simon nannte ihn als Inspiration für seine Afropop-Songs, und Brian Eno sagte mal, dass er wohl von keinem anderen Musiker so viele Alben besitzt wie von Fela Kuti.

Lust an der Konfrontation

Fela Kuti wurde 1938 im nigerianischen Abeokuta geboren. Seine wohlhabenden Eltern schickten ihn mit 20 nach London, wo er eigentlich Medizin studieren sollte, sich dann aber für eine musikalische Ausbildung am Trinity College of Music entschied. Nachdem er sich dort ausgiebig in Kompositionstechniken vertieft hatte, kehrte Kuti zurück nach Nigeria und entwickelte mit diversen Bands einen eigenen Sound.

Wirklich eindrucksvoll gelang ihm das mit seiner Band Afrika '70. Kuti, der Händel, Schubert und Bach zu seinen bevorzugten Komponisten zählte, nannte seine Musik auch "African-Classical-Music". Die wiederholten Angebote westlicher Plattenfirmen, doch mal einen Satz von schmissigen Drei-Minuten-Songs zu liefern, lehnte Kuti stets so amüsiert wie skeptisch ab.

Kuti war eben auch für seine Lust an der Konfrontation berühmt. Seine Kompositionen reicherte er oft mit politischen Statements an. Immer wieder forderte er dabei die Regierenden Nigerias mit provokanten Texten heraus. Dass ihm das immer wieder Ärger bis hin zu Gefängnisaufenthalten einbrachte, schüchterte Kuti nicht ein, im Gegenteil: Es schien ihn nur noch mehr anzustacheln, weitere Provokationen nachzulegen.

Auf die Spitze trieb es Kuti dann wohl mit der Gründung einer eigenen, sogenannten Kalakuta-Republik, in der er mit vielen seiner Musiker und Freunden lebte und erklärte, dass er die Gesetze Nigerias nicht mehr akzeptiere. Im Februar 1977 stürmten dann mehr als tausend Soldaten das Anwesen, legten Feuer und malträtierten die Bewohner aufs Schlimmste. Kuti berichtete später, dass er dem Tod nur knapp entging, nachdem ein Offizier den Soldaten befahl, von ihm abzulassen. Seine 78-jährige Mutter wurde dagegen aus dem ersten Stock eines Hauses aus dem Fenster geworfen und erlag später ihren Verletzungen.

All das bremste Kuti nicht, es gab ihm nur Stoff für weitere Songs. Die mehr als 40 Alben, die er einspielte, waren jenseits von Afrika lange kaum zu haben. Seit einigen Jahren aber wird sein umfangreicher Katalog in Auszügen restauriert. Jetzt wurde ein Schwung von sechs seiner wichtigsten Alben klanglich aufpoliert wieder auf Vinyl aufgelegt. Die Platten, die ursprünglich zwischen 1972 ("Roforofo Fight") und 1989 ("Beasts of no Nation") erschienen waren, wurden mit beigelegten Linernotes sowie Downloadcodes ausgestattet.

Erst Aids ließ den Musiker Fela Kuti verstummen. Er starb 1997 mit 58 Jahren. Als sich die Nachricht von seinem Tod verbreitete, kam in Lagos kurzzeitig der Verkehr zum Erliegen. Zu Fela Kutis Beerdigung kamen mehr als eine Million Menschen. So oder ähnlich dürfte er selbst es auch erwartet haben.

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insgesamt 2 Beiträge
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1. Wer sich da schon was totgehört hat...
Anindo 27.11.2015
...dem sei Felis jüngster Sohn Seun Kuti empfohlen, der den Sound vom Vater noch was näher ist als Femi Kuti und auch mehr Gas gibt. Sind aber alle klasse.
2. Kuti
doggiedog 27.11.2015
- um genau zu sein, Anikulapo Fela Kuti,war ein verrückter Hund. Habe ihn in der Zeit, in der ich in Lagos gelebt habe (1981 - 1985) kennengelernt. Immer in Begleitung mehrer Frauen, immer bekifft, immer voller Ideen. Ganz so ein Idealo, wie im Artikel beschrieben, war er nicht, aber ein begnadeter Musiker, der nicht nur Nigeria, sondern Afrika verändert hat.
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