Deutsch-Rapper Alligatoah Die schlechteste Transe der Welt

Er ist auf dem Dorf aufgewachsen, jetzt rappt er über Möchtegern-Transvestiten, Drogen oder Stalker - und klettert damit an die Spitze der Charts. Im Interview spricht der Deutsch-Rapper Alligatoah über männliche Triebe, Lust am Landleben und Kerle in Frauenkleidern.

Norman Zoo

SPIEGEL ONLINE: Warum heißt Ihr Album "Triebwerke"?

Alligatoah: "Triebwerke" ist ein Wortspiel. Es geht um das, was Menschen antreibt. Egal, in was du deine Energie steckst, ob in Musik oder Autos, am Ende des Tages geht's meistens darum, eine Frau zu beeindrucken. Das ist die treibende Kraft.

SPIEGEL ONLINE: Was inspiriert Sie zu Ihren Songs?

Alligatoah: Mein Leben, meine Freunde, das Internet. Und sobald ich die Straße betrete, geht es auch sofort los mit der Inspiration.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind ja in einem Dorf bei Bremerhaven aufgewachsen. Wie hat Sie der Umzug in eine Großstadt inspiriert?

Alligatoah: Gerade Berlin ist ja das Ober-Kontrastprogramm zum Dorf. Dank des Umzugs in die Großstadt konnte ich Lieder wie "Was der Bauer nicht kennt" schreiben, weil ich danach das Landleben unter ganz anderen Gesichtspunkten gesehen habe. Ich schreibe aus der Sicht des Städters - aber ohne die Vorurteile, die er gegenüber dem Landleben hat.

SPIEGEL ONLINE: Wie finden Sie denn das Leben auf dem Land?

Alligatoah: Ich bin als Kind zwischen Bauernhöfen herumgetollt und durch den Wald gerannt und das war super. Auch heute noch fühle ich mich mit der Natur verbunden. Man findet mich oft zwischen Blumen, Bäumen und Wiesen. Und wenn ich mal ein Kind haben sollte, möchte ich es auf dem Land großziehen.

Alligatoah - "Willst du"
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SPIEGEL ONLINE: Jetzt singen Sie ja eher Lieder mit Großstadtbezug - mehr oder weniger jedenfalls. In "Fick ihn doch" spricht ein Stalker sein Opfer an und sagt Sätze wie "Du musst schuld sein, sonst will ich zu Sandstaub zerfallen". Wie versetzen Sie sich in so ein Hirn?

Alligatoah: Ich bin immer noch ein Schauspieler und schlüpfe in Rollen hinein, die mit meinem Leben nichts zu tun haben. Und ich mache mir Gedanken darüber und setze mich dann lyrisch mit den Themen auseinander. Genau wie mit anderen Sachen: Liebe, Eifersucht.

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SPIEGEL ONLINE: Können Sie das ausführen?

Alligatoah: Jeder hat mal Eifersucht verspürt. Das ist ein großes Thema, von dem sich kaum einer frei machen kann. Mit Musik kann ich emotionale Sachen vielleicht besser verarbeiten. Ich nehme damit eine Beobachterposition ein, beobachte mich auch selbst. Ich versuche mich also analytisch emotionalen Themen zu nähern, so dass ich im echten Leben vielleicht weniger kaputt mache.

SPIEGEL ONLINE: Andere Themen scheinen Sie ja weniger feinfühlig anzugehen. In "Wunderschöne Frau" heißt es: "Ich bin die Venus der Herzen, mache nur, was Damen machen, ist auch der Adamsapfel groß wie ein Fahrradsattel". Wollen Sie Transgender und Transvestiten damit provozieren?

Alligatoah: Das Lied handelt von Menschen, die Transvestiten aus den falschen Gründen heraus nacheifern - und zwar weil sie Aufmerksamkeit wollen.

SPIEGEL ONLINE: Also sozusagen Möchtegern-Transvestiten? Sind Sie im wahren Leben schon mal ernsthaft welchen begegnet? Ich kenne jedenfalls keine - was vermutlich für die meisten Menschen gilt.

Alligatoah: Nein, ich kenne auch nur richtige. Ein paar haben mich auch angeschrieben und waren einigermaßen empört. Ich konnte meine Intention aber erklären: Ich hoffe, dass jeder Transvestit, der dieses Lied hört, darüber herzhaft lachen kann.

SPIEGEL ONLINE: Dann erklären Sie uns doch bitte Intention und Witz.

Alligatoah: In dem Song bin ich sozusagen die schlechteste Transe Deutschlands, vielleicht sogar der Welt. Kenner werden merken: Das spielt auf das - sehr männliche! - Transvestiten-Duo "Little Britain" an (britische Comedy-Serie - d. Red.). Die zwei tragen Schnurrbart und Rüschenkleider, aus denen gern mal ein männliches Genital hervorlugt.

SPIEGEL ONLINE: Und die Formulierung "Willkommen in Little Germany" bezieht sich demnach also nicht auf den Zustand unseres Landes?

Alligatoah: Richtig. Sie sollte klarmachen, dass "Little Britain" sozusagen meine Originalvorlage ist.

SPIEGEL ONLINE: In Ihren Texten schwingt ja viel Subkontext mit. Nun sagt man, das deutsche Publikum klatscht im Viervierteltakt und will sich unterhalten lassen, ohne nachdenken zu müssen. Wie massenkompatibel ist Ihre Musik? Ist das noch HipHop oder schon Pop?

Alligatoah: Das eine oder andere Lied auf diesem Album klingt schon poppig. Einfache Lieder halt, die im Ohr bleiben.

SPIEGEL ONLINE: "Willst du" hätte ein Sommerhit werden können,…

Alligatoah: …wenn ich nicht über Drogen gesungen hätte. Aber ich möchte Themen behandeln, die mir wichtig sind. Man kann in der Musikindustrie auf andere Art und Weise auch sehr gutes Geld verdienen: Popscheiße für irgendwelche Idioten schreiben zum Beispiel, und schön im Hintergrund bleiben. Aber solange ich meine - in Anführungszeichen - Kunst machen und davon leben kann, ist alles super.

SPIEGEL ONLINE: Warum Kunst in Anführungszeichen?

Alligatoah: Man will dem, was man macht und sonst nicht fassen kann, ja nur irgendeine Überschrift geben. Deswegen: lieber vorsichtig in Anführungszeichen setzen.

SPIEGEL ONLINE: Aber Sie haben keine Angst vor dem Kunstbegriff, oder?

Alligatoah: Doch! Manchmal träume ich nachts davon, wie er mich verfolgt. Dann wache ich schweißgebadet auf, habe Tränen im Gesicht - und reibe mich mit meinem Geld ein, um wieder einschlafen zu können.


Alles zum ADD-Festival 2013:
Am 8. September ist es so weit: SPIEGEL ONLINE und tape.tv veranstalten zum Abschluss der Berlin Music Week das "Auf den Dächern"-Festival, bei dem Popmusik und Panoramablick zueinander finden. Auf zwei Häusern in Berlin, direkt am Ufer der Spree, spielen Top-Acts und Newcomer, nationale und internationale Künstler. Egal, ob live vor Ort oder zu Hause im Stream - jeder kann beim ADD-Festival dabei sein. Wer mehr wissen will, sollte hier vorbeischauen: für mehr Infos, mehr Musik, für Fotos, Videos und Interviews - sowie die eine oder andere Überraschung.

Das Interview führte Kristof Jansen

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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
paul.oberste-frielinghaus 07.09.2013
1. sehr schön!
Die Zeiten des "Gangsta-Raps" scheinen gezählt zu sein. Es gibt inzwischen doch recht viele Beispiele für anspruchsvolle Texte und gebildete Rapper. Gefällt mir!
nochvielmehrsenfdazu 07.09.2013
2. sehr wack!
"Man kann in der Musikindustrie auf andere Art und Weise auch sehr gutes Geld verdienen: Popscheiße für irgendwelche Idioten schreiben zum Beispiel." funktioniert doch ganz gut bei ihm :D
KurtFolkert 07.09.2013
3.
Für 14 Jährige genau richtig.
dahui 07.09.2013
4.
Zitat von KurtFolkertFür 14 Jährige genau richtig.
gott sei dank gibt es die free-jazz und blues hörenden retter des guten geschmacks wie Sie es sind, die anderen Menschen noch sagen können, was sie zu hören haben und was sie eher nicht hören sollten. ich werde auf der stelle aufhören teenie rap von alligatoah zu hören! ist meinem alter einfach nicht mehr angemessen!
spaiche 07.09.2013
5. Gangsta Rap
"Zeiten des Gangsta Rap scheinen vorbei" haha, sowas Blödes. 1. warum kann es das Eine nicht geben, wenn es das Andere gibt. 2. es scheint so seit dem Ende von Aggro Berlin. Das war vor vier Jahren. 3. Rap kommt von der Strasse und erzählt, was es von dort zu erzählen gibt. Ob es gefällt oder nicht.
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