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Festival-Initiator Rosenman: "Nach Woodstock ging es ums bloße Überleben"

40 Jahre Woodstock: Der Mythos lebt und wird gefeiert. Doch das Fanal der Hippie-Bewegung begann als nüchternes Geschäft - und endete im finanziellen Fiasko. SPIEGEL ONLINE sprach mit Festival-Mitorganisator Joel Rosenman über Wahrheit und Verklärung.

SPIEGEL ONLINE: Als Gymnasiast organisierte ich vor etwa 25 Jahren ein Woodstock-Revival-Festival an unserer Schule. Wir hingen Woodstock-Plakate auf, zogen Hippie-Klamotten an und ließen ein paar lokale Bands auftreten, die lange Haare hatten.

Rosenman: Wunderbar!

SPIEGEL ONLINE: Nun sind Sie einer der vier Organisatoren des echten Woodstock Festivals, das vor 40 Jahren bei White Lake stattgefunden hatte und besitzen die Rechte am Woodstock-Logo wie auch am Ortsnamen Woodstock selbst. Theoretisch hätten Sie mich damals verklagen können!

Rosenman: Das stimmt. Ich schlage daher vor, dass Sie mir heute noch einen Scheck im Wert von, sagen wir, sechs Dollar schicken. Dann sehe ich von einer Klage ab.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt nach einem fairen Deal.

Rosenman: Moment, wir haben die Zinsen vergessen! Wie viele Jahre, haben Sie gesagt, sind seit diesem Schulfest vergangen?

SPIEGEL ONLINE: …Ich glaube, ich muss zuerst mit meinem Anwalt sprechen! Aber im Ernst: Wie kann man den Namen einer Ortschaft rechtlich schützen?

Rosenman: Darüber müssen Sie tatsächlich mit einem Rechtsexperten philosophieren. Ich kann Ihnen nur sagen, weshalb wir das tun mussten. Ein Beispiel: Wenn das Wort Woodstock von anderen Organisationen im Zusammenhang mit einem sogenannten "Live Entertainment Event" verwendet und damit vorgetäuscht wird, der Anlass hätte etwas mit unserem Festival zu tun, dann können wir einschreiten. Wir schützen damit nicht nur unsere Idee vor der Kommerzialisierung, sondern auch die Konsumenten.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch "Making Woodstock" beschreiben Sie, wie ein Reporter während des Festivals von Ihnen das "Woodstock-Phänomen" erklärt haben wollte.

Rosenman: Stimmt. Ich hatte keine Ahnung, was er damit meinte.

SPIEGEL ONLINE: Wissen Sie es heute, 40 Jahre später?

Rosenman: Es dauerte tatsächlich eine Weile, bis ich begriff, dass unser Konzert historische Ausmaße erreichte und in die Geschichtsbücher eingehen würde. Während des Festivals hatte ich keine Zeit, mir darüber Gedanken zu machen, und unmittelbar danach waren wir jahrelang damit beschäftigt, die unzähligen Probleme zu lösen, welche das Festival verursacht hatte.

SPIEGEL ONLINE: Sie und Ihr Partner John Roberts hatten sich mit 1,5 Millionen Dollar verschuldet. Das Festival war ein finanzielles Fiasko.

Rosenman: Ja, und es dauerte elf lange Jahre, bis wir finanziell wieder über Wasser waren. Zudem wurden wir von Klagen überschüttet: Von Bauern, deren Land und Eigentum beschädigt worden war, Menschen, die für ihr Ticket bezahlt und es wegen des Verkehrschaos' nicht bis aufs Gelände geschafft hatten, von unseren Geschäftspartnern Michael Lang und Artie Kornfeld... in den ersten Jahren nach Woodstock ging es in erster Linie darum, zu überleben.

SPIEGEL ONLINE: Sie demontieren in Ihrem Buch auch lustvoll den Mythos Woodstock und beschreiben - wenn auch sehr humorvoll - dass es hinter den Kulissen nicht nur um Love and Peace ging, sondern auch um Intrigen, Geld und Machtkämpfe. Wird Woodstock im Nachhinein zu sehr verklärt?

Rosenman: Das kommt auf die Perspektive an. Hirnforscher haben ja längst herausgefunden, dass Erinnerungen lediglich ein Zusammenfügen subjektiver Eindrücke sind, die sich über die Jahre verändern. Deshalb unterscheidet sich die Erinnerung ja auch immer von dem, was wirklich geschah.

SPIEGEL ONLINE: Und welche Ihrer Erinnerungen an Woodstock überwiegen? Die Positiven oder die Negativen?

Rosenman: Eindeutig die Positiven. Vielleicht kennen Sie das: Sie schmeißen eine Party in Ihrer Wohnung, aber es kommen viel zu viele Leute. Es gibt zu wenig Bier, zu wenig Essen, zu wenig Platz - Sie haben alle Hände damit zu tun, dafür zu sorgen, dass die Party nicht in einen Alptraum ausartet und gleichzeitig sehen Sie, dass die Leute eine großartige Zeit haben. Das generiert ein Gefühl von Glück und Überforderung.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie während des Festivals überhaupt Zeit, ab und zu den Bands zuzuhören?

Rosenman: Nein. Wir waren durchgehend damit beschäftigt, Telefonanrufe entgegenzunehmen, das Schlimmste zu verhindern, Helikopterflüge für die Musiker oder die medizinische Versorgung zu organisieren, den nicht abreißenden Strom von Besuchern zu stoppen, wütende Bauern zu beruhigen, logistische Entscheidungen zu treffen, Geld für sture Manager aufzutreiben, die drohten, ihre Bands zurückzupfeifen. Ein einziges Krisenmanagement.

SPIEGEL ONLINE: Einige Bands wollten ihren Auftritt kurzfristig absagen, richtig?

Rosenman: Ja, ich erinnere mich noch genau an den Samstagabend kurz vor Mitternacht. Wir mussten einen unserer Bankvertreter per Helikopter mit einer Tüte voller Bargeld einfliegen, da sich die Manager von Grateful Dead und The Who plötzlich weigerten, wie abgemacht Schecks anzunehmen. Ich kämpfte mich also mit einem Rucksack voller Cash zur Bühne vor, während gleichzeitig Janis Joplin spielte. Es hatte aufgehört zu regnen, das Publikum war glücklich, und langsam bekam ich das Gefühl, dass vielleicht doch noch alles glimpflich enden könnte. Doch das waren rare Momente.

SPIEGEL ONLINE: Sie erhielten für das Konzert eine Bewilligung für 50.000 Besucher. Es kamen einige mehr...

Rosenman: Insgeheim hofften wir auf 150.000 bis 200.000 Menschen. Darauf wären wir vorbereitet gewesen. Doch dann kam fast eine halbe Million... und unsere Infrastruktur begann zu kollabieren. Spätestens am Samstagmorgen funktionierte alles nur noch bedingt. Leute konnten das Gelände weder verlassen noch betreten, vor den Toiletten musste man stundenlang warten, die Verpflegung wurde knapp. Die katastrophalen Zustände, die Menschenmassen, die verschiedensten Drogen und der strömende Regen lieferten jedes erdenkliche Szenario für ein Chaos oder massive Unruhen. Es sprach alles dafür, dass die Situation im Publikum jeden Moment eskalieren würde.

SPIEGEL ONLINE: Was nicht passierte. Wie erklären Sie sich das?

Rosenman: Die Besucher übernahmen instinktiv die soziale Kontrolle über das Festival. Es brauchte dazu keine Autorität, die für Ruhe und Ordnung sorgte. Man half sich gegenseitig während wir versuchten, die Massen bei Laune zu halten, indem wir die Bands anwiesen, durchgehend zu spielen. Zumindest über den Zeitraum von vier Tagen lebten 400.000 Menschen ein utopisches Gesellschaftsmodell von Toleranz und Nächstenliebe, während die amerikanische Gesellschaft drauf und dran war, in sich zusammenzufallen. Ich behaupte, dass unsere Generation an diesem Wochenende bewies, dass wir in der Lage waren, Verantwortung für diesen Planeten zu übernehmen. Es war eine Botschaft an die Welt.

SPIEGEL ONLINE: Dabei war die Botschaft so ja nie geplant: Sie und Ihr Geschäftspartner John Roberts waren lediglich auf der Suche nach einer guten Geldanlage.

Rosenman: John und ich waren dabei, ein Aufnahmestudio in Manhattan zu bauen. Ein riesiges Projekt. Unsere zukünftigen Festival-Partner Michael Lang und Artie Kornfeld kannten wir damals noch nicht, doch sie hatten den selben Anwalt wie wir und suchten Geld, um ein eigenes Studio in Woodstock zu realisieren. Sie glaubten, dass das eine gute Idee war, weil damals einige berühmte Musiker wie Bob Dylan in Woodstock lebten. Mike und Artie wussten, dass John Geld geerbt hatte, und so wollten sie uns für ihr Projekt begeistern. Da wir nicht an einem zweiten Studio interessiert waren, schlugen wir vor, stattdessen ein Konzert in der Nähe von Woodstock zu organisieren. Mit dem Geld hätten die beiden einen Teil der Studiokosten bezahlen können, und für uns wäre auch etwas herausgesprungen. Zumindest glaubten wir das.

SPIEGEL ONLINE: Der Mythos Woodstock entstand also aus einer Business-Idee!

Rosenman: Nun ja, zumindest aus der Idee, ein kleines Konzert zu veranstalten. Ich bin der letzte, der behauptet, ich wäre dazu berufen worden, mit dem Woodstock-Festival die Welt zu verändern.

SPIEGEL ONLINE: Wenn man Sie und John Roberts auf Fotos von 1969 sieht, tragen Sie stets Anzug und Krawatte. Waren Sie keine Hippies?

Rosenman: Ich glaube, niemand in unserer Gruppe war ein echter Hippie, außer Artie Kornfeld. John und ich stammen aus konservativen Familien, doch wir waren beide sehr offen gegenüber der Subkultur, interessiert an neuer Musik, Literatur, an Politik und neuen Lebensformen. Michael Lang hatte zwar lange Haare, trug verwaschene Jeans, Indianergürtel und Cowboystiefel, aber er war der zäheste und talentierteste Businesstyp von uns vieren.

SPIEGEL ONLINE: Kürzlich kam eine gemasterte Version des berühmten Woodstock-Spielfilms als DVD auf den Markt. Haben Sie ihn sich noch einmal angesehen?

Rosenman: Natürlich. Der Film ist ein Meisterwerk und Regisseur Michael Wadleigh ein Genie. Er hatte es geschafft, die Essenz von Woodstock einzufangen und 400 Stunden Material dramaturgisch unglaublich geschickt auf 120 Minuten zusammenzuschneiden. Jedes Mal, wenn ich den Film sehe, entdecke ich neue Details, die mir vorher nicht aufgefallen waren.

SPIEGEL ONLINE: Was geht in Ihnen vor, wenn Sie den Film heute sehen?

Rosenman: Ich wundere mich, weshalb ich und John Roberts nie zu sehen sind und sich Michael Lang und Artie Kornfeld vor der Kamera in Pose werfen, als wären Sie die alleinigen Macher des Festivals. Während John und ich im Hintergrund beinahe durchdrehten, schafften es die beiden, eine phantastische Zeit zu haben. Wir machten wohl etwas falsch…

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie noch immer enttäuscht über diese Partnerschaft, die unmittelbar nach dem Festival in einen verbitterten Anwaltskrieg ausartete?

Rosenman: Nun, damit werde ich wohl nie vollkommen ins Reine kommen. Doch die positiven Erfahrungen überwiegen wie gesagt eindeutig.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben mit Lang dann immerhin wieder die Festivals von 1994 und 1999 organisiert. Woodstock treibt Sie beide offenbar immer wieder zusammen.

Rosenman: Die Wiederannäherung zwischen Michael Lang und mir erforderte Diplomatie im großen Stil. Schließlich war es ein Abwägen von gemeinsamen Interessen, das uns bewog, wieder zusammenzuarbeiten. Wir alle verändern uns mit den Jahren. Und die Differenzen, welche heute zwischen uns liegen, beschränken sich auf ein tolerierbares Minimum.

SPIEGEL ONLINE: Und doch haben Sie es nicht geschafft, für dieses Jahr das angekündigte Jubiläums-Festival auf die Beine zu stellen.

Rosenman: Das hat damit zu tun, dass es heute sehr schwierig ist, ein Festival in so großen Dimensionen zu veranstalten, ohne dabei auf gewichtige Sponsoren angewiesen zu sein. Und Sponsoring entspräche nicht dem Geist von Woodstock.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist Woodstock für Ihre Generation noch heute so wichtig?

Rosenman: Woodstock war ein Schock für ganz Amerika, und zwar zu einer Zeit, als wir einen Krieg gegen Vietnam führten und viele junge Männer in permanenter Angst lebten, eingezogen zu werden. Im Jahr zuvor wurden Robert Kennedy und Martin Luther King ermordet, die Stimmung war unheilvoll, es gab bereits Proteste und gewalttätige Ausschreitungen. Und plötzlich waren da Hunderttausende von jungen Menschen versammelt, deren Lebensgefühl und Sichtweise auf das, was in Amerika geschah, bis dahin von den Medien wie von der älteren Generation diskreditiert, ins Lächerliche gezogen, isoliert wurde. Wenn man in Woodstock auf der Bühne stand und über dieses endlose Feld junger Gleichgesinnter blickte, hatte man das Gefühl, die Welt vor sich versammelt zu haben. Unsere Welt, nicht die Welt unserer Eltern.

Das Interview führte Frank Heer


Joel Rosenman u.a.: "Making Woodstock", Orange Press, 283 Seiten, 20 Euro

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insgesamt 4 Beiträge
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1. **21**, nicht "42" ;-)
Beutz 15.08.2009
Das einzige was mir zu Woodstock einfällt ist die Musik. Und das ich damals volljährig wurde ;-)) Liebe Grüße.
2. ...ein Mann mit Prinzipien...
rofesch 15.08.2009
Es gefällt mir, dass Joel Rosenman der Versuchung widerstehen konnte, ein "WOODSTOCK Jubiläums Festival" zu veranstalten. Cool!
3. Gegenmeinung
Zephira 15.08.2009
Alan Posener (http://nachrichten.aol.de/woodstock-groesster-medienschwindel-aller-zeiten/artikel/2009081505481893650053) geht mit Woodstock noch ungnädiger ins Gericht: 'In drei Tagen verwandelten die Konzertbesucher das Farmgebiet rund um Bethel in eine Hölle aus Schlamm, Abfall und Exkrementen. Am Ende musste die US Army Notverpflegung und Notärzte einfliegen, und so wurde das aus Vietnam bekannte und verhasste Rotorenknattern der Armeehubschrauber gerade in dem Augenblick zum Symbol des rettenden Staatseingriffs, als Jimi Hendrix mit seiner Verfremdung des „Star Spangled Banner“ dem Musikfest den Anschein einer Protestkundgebung gegen Amerikas Verbrechen gab.' Natürlich ist er alles andere als eine neutrale Quelle (Stichwort "Achse des Guten"), aber sofern es stimmen sollte, ist das ein interessantes Detail, das mir vorher nicht bekannt war.
4. Just imagine...!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
denkmal! 16.08.2009
Stell Dir vor: Eine Welt ohne Woodstock, ohne Hippies? Ein schüchternes, spiessiges Volk mit Hut und Handy in schwarzen Klamotten. Und MIT Woodstock? Ein cooles Volk mit Handy und schwarzen Klamotten. Aber tief drin ist JEDER ein Hippie, JEDER war in Woodstock! Es war der erste Kübel bunter Farbe, der über die ganze Welt ausgegossen wurde: Woodstock sei Dank! www.einbaum.net
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