Festival Pop-Kultur in Berlin Es waren die Frauen, die droschen

Die drei Nächte des Festivals Pop-Kultur in Berlin überraschten mit dunkler Rockmusik und einem Comeback der schlechten Laune. Lächelnde Gewinnerinnen: die Frauen.

Fatime Kosumi von der Band Andrra
Votos - Roland Owsnitzki

Fatime Kosumi von der Band Andrra

Von Tobi Müller


Wer kein Seniorenradio hört, hält Rockmusik für ein Relikt. War ja auch schön, die Mischung aus schneller Triebabfuhr in drei Minuten, bierseligem Unsinn und braver Rebellion im Fernsehen. Rock ist ein traditionelles Handwerk, das viel über ein Jahrhundert erzählt: das letzte nämlich.

Rock ist das deutsche Stadttheater in Populär, Bewerber auf das Weltkulturerbe - wichtig, klar, aber leider viel zu wichtig in der Selbstwahrnehmung. Mit einer verständnisvollen, aber auch etwas desinteressierten Haltung Rock gegenüber ist man prima durch die Musikproduktion der letzten Jahre gekommen. Interessant war stets anderes.

Und jetzt dies: In den drei Nächten des Festivals Pop-Kultur in Berlin rauchten die tiefer gelegten Gitarren, die glühenden Röhrenverstärker fingen an zu riechen, und die Musikerkörper schütteten ausgiebig Testosteron in die Menge - das Hormon der Männer, wie man landläufig sagt. Doch der Befund hat einen Dreh: Es waren vor allem die Frauen, die droschen.

Anna von Hausswolff
Votos - Roland Owsnitzki

Anna von Hausswolff

Der Höhepunkt des Festivals folgte am Donnerstag: Anna von Hausswolff aus Schweden verwandelte das Kesselhaus der Kulturbrauerei in eine Kathedrale voll dunkler Gedanken und schweren Gemüts. Irre, wie die zierliche Blonde den Metallhammer gerade nicht mit energischer Rockergeste niederfahren ließ, sondern in gebieterischer Zeitlupe. Zart, souverän, mächtig, auch weil musikalisch jederzeit kontrolliert.

Ob sie Orgel spielte oder Gitarre, die Männer in der Band brannten jede Bank ab, wenn es sein musste, während die Chefin ihren supersicheren Sopran auf einmal in einen unheimlichen Alt runtergleiten ließ. Am Schluss wandelte sie gleich einer Seherin durch das Publikum und sang ihre unveröffentlichte Ballade "The Mirror": Ich gehe nicht, so lange Ihr nicht geht. Berlin hatte Pipi in den Augen.

Gitarrenonanie ist wirklich verschwunden

Auch Chelsea Wolfe aus Kalifornien dröhnte mit Gitarren am ersten Festivalabend durch das Kesselhaus, aber ohne den Lärm auch in der Horizontalen unter Hochspannung setzen zu können. Und der afrobritische Ghostpoet aus London, dessen tiefer, melodischer Sprechvortrag vor ein paar Jahren mit innerstädtischen Tanzstilen kollidierte, trat mit einer gewaschenen und teilweise auch geföhnten Rockband auf. Hatte Wumms, mit Schmackes, nicht frei von Muckertum, wenn das heißt: Musiker, die sich selbst vielleicht am meisten genießen.

Wenn ein Festival kompetent kuratiert ist, schiebt es nicht nur der Pop-Musik den Fiebermesser in den Hintern, sondern auch ihrer Zeit. Die Rückkehr des Rock ist nur die Hälfte der Diagnose. Denn die Schweinepriesterhaftigkeit der Gitarrenonanie ist ja wirklich verschwunden, wo Rock wieder aussagekräftig werden will.

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Festival Pop-Kultur: Die neue Berliner Mauer

Gemeinsam ist dem Neorock Langsamkeit, unfröhliche Laune, viel Hall auf den Gitarren und ein düsteres Geschichtsbild. Diese Musik weht aus den Trümmern der Zukunft zu uns herüber. Sie ruft Gegenwartsängste ab und überwindet sie in einer dunklen Feier. Es ist die Rückkehr von Rock als Ritual, nicht frei von Kitsch.

Auch die Berliner Post-Rock-Band Hope gehört hier dazu, die sich in einem Theaterraum verteilt hat und das Publikum dazwischen wandeln ließ. Rock als Übung in Achtsamkeit, wer hätte das gedacht. Während die bewährte Stuttgarter Band Die Nerven oder auch die Newcomer aus Essen, International Music, doch noch so etwas wie funktionale Rockmusik ablieferten. In einem Festival, das so viele Entwürfe zeigt, wirkten sie trotz Jugend vorzeitig gealtert, wenn auch in sehr rüstiger Verfassung.

Auch wenn die staatlichen Gelder in der allzeit bereiten Festivalrhetorik über Diversität, Geschlechtergleicheit und Dialog die Musik überfrachten, hat das Festival auch ein Pfund, das es einzusetzen weiß. Es ist die Einsicht, dass man ein tolles Programm machen kann, in dem Frauen mehr als die Hälfte aller Positionen bespielen, dass es ein Publikum dafür gibt und dass man künstlerisch damit nichts zu befürchten hat. Im Gegenteil.

Cherrys Schnitzer stören wenig

Die Rockdiagnose erscheint dann plausibel, wenn man die etwas größeren Bands im Blick hat. Erstmals entstand so auch der Eindruck, dass es doch so etwas wie ein Hauptprogramm gibt und dann noch ganz viel anderes, das den Festivalmacherinnen Katja Lucker, Christian Morin und Martin Hossbach vermutlich mehr am Herzen liegt.

Eine Headlinerin und eine Entdeckung aus Berlin öffnen die Rockdiagnose zum Schluss wieder. Wie jede außergewöhnliche Kunst entziehen sie sich den Zumutungen von Zeit und Markt. Die Rede ist von Neneh Cherry und von Andrra.

Neneh Cherry
Votos - Roland Owsnitzki

Neneh Cherry

Neneh Cherry stellte mit neuer Band ihr Album "Broken Politics" vor, das weiche, akustische Sounds benutzt und persönliche Erfahrungen der Ratlosigkeit in gedrosselten Tempi wiedergibt. Die Band war noch nicht ganz eingespielt, Cherry selbst unterliefen Schnitzer. Doch das störte wenig, weil Pop-Musik von ihrem Format aus Gesten und Grooves besteht, die weder von Sprache noch von Perfektion handeln.

Und am letzten Abend erinnerten die gebürtige Bayerin Fatime Kosumi mit kosovarischem Hintergrund und ihre Band Andrra, wieviel mit einem eigensinnigen Entwurf schon gewonnen ist. Zu Beginn erzählte eine Stimme vom Band auf Englisch, wie eine Zwangsheirat geregelt wird. Und dann folgen eindringliche, pathosgeladene Gesänge aus dem südlichen Balkan, die auf harte Elektronik und komplexe, aber groovebetonte Rhythmik trafen (Mäcki Hamann am Synthesizer, Jörg Wähner am Schlagzeug - ein Trio als Glücksfall!).

Auch in diesen weiten Klang- und Hallräumen spürte man die Sehnsucht nach Erlösung. So lange die Musik sie spielerisch erfüllt, brauchen wir sie nicht in der Politik zu suchen.



insgesamt 7 Beiträge
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.patou 18.08.2018
1.
Der neue Rock "als Übung in Achtsamkeit"? Mir wird gerade etwas übel ...
ambulans 18.08.2018
2. schön,
dass es dem tobi gefallen hat; mädels, die musik machen, das hat/hatte schon immer was. allerdings: "trümmer der zukunft" - nun, das klingt für mich allzu viel nach "direkt aus dem seminar, wenn mans noch nicht vollständig verstanden hat, aber bereits ... fühlt". lieber autor, neneh cherry kennen manche hier schon etwas länger, etwa seit rip, rig & panic (und vergessen/übersehen haben wir sie auch nicht). großartige musikerin übrigens ... dr. ambulans (alle kassen)
zeisig 18.08.2018
3. Ist das jetzt Trend?
Scheint alles in allem eine ziemlich einseitige Angelegenheit gewesen zu sein auf diesem Festival. Von der Musikrichtung her, meine ich. Aber gut, wenn man das vorher weiß, dann ist ja gut. Dann brauche ich da ja nicht hinzugehen.
freddykruger 18.08.2018
4. @ambulans
Au man Doc, du kennst Rip Rig and Panic. Du überrascht mich immer wieder. Waren ca. mitte der 80er eine super Band. Zum Festival kann ich nur sagen, schade. Wäre gern dabeigewesen bei dem Line up. Kein oder kaum Elektroschrott und Pop. freddykruger Elm st.
ambulans 18.08.2018
5. hi freddy,
Zitat von freddykrugerAu man Doc, du kennst Rip Rig and Panic. Du überrascht mich immer wieder. Waren ca. mitte der 80er eine super Band. Zum Festival kann ich nur sagen, schade. Wäre gern dabeigewesen bei dem Line up. Kein oder kaum Elektroschrott und Pop. freddykruger Elm st.
habe nun, ach ... war einfach ne geile zeit, damals, und von der insel gabs eigentlich im wochentakt reichlich interessantes. rip rig & panic waren ja ein split von der pop group (ich glaube, die haben sich selbst einmal als "größte pop-band aus bristol" bezeichnet; muss ziemlich lustig ausgesehen haben, bei diesem 2m- langen sänger). egal, the pop group (gibt von beiden übrigens wiederveröffentlichungen) waren nur was für beinharte fans, wie etwa auch throbbing gristle; neneh and the boys waren da schon sehr anders und richtig interessant ... grüße an den boulevard der ulmen, dr. ambulans (alle kassen)
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