Festtagsmusik Frischer frohlocken!

Bachs Weihnachtsoratorium und funkelnde Blechbläser schmücken die kommenden Feiertage. Das Ensemble Resonanz und Gábor Boldoczki erneuern die Traditionsmusik.

Tobias Schult

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Rituale sind ja etwas Schönes, aber alle Jahre wieder Johann Sebastian Bachs "Weihnachtsoratorium" als Jubel-Soundtrack fürs Fest? Natürlich gehört das Opus Magnum zum Kanon der bürgerlich-jahreszeitlichen Feierkultur im christlichen Abendland, aber man könnte ja auch mal "ohne". Oder sich von der intimen Version des Ensemble Resonanz überraschen und erleuchten lassen. Die Hamburger Kammerorchester-Truppe hat das Werk liebevoll gegen den Strich gebürstet und den musikalischen Festakt in eine irritierende Meditation verwandelt.

Natürlich blieben die Melodien unverändert, keine Neukomposition oder gar aufgebrezelten Pop-Nachschöpfungen fanden statt, eher eine respektvoll-nachdenkliche Rückführung auf den besinnlichen Kern der christlichen Botschaft. Damit hätte wahrscheinlich sogar Johann Sebastian Bach leben können.

Neben der h-moll-Messe und der Matthäus-Passion gehört das "Weihnachtsoratorium" zu den bekanntesten Werken Bachs und somit auch den meistaufgeführten. Also prädestiniert für fachlich fundierte Runderneuerung! Und mit Familie Bach kennt man sich beim Ensemble ebenso gut aus wie mit Zeitgenossen.

Swing mit E-Piano

Man höre nur die Swing-Version des "Ich will nur dir zu Ehren leben" und die zahlreichen Soundmalereien mit verstärkten Gitarren ("Warum wollt ihr erschrecken?") von Johannes Öllinger. Oder die raffiniert eingesetzten "klassischen" E-Pianos und frühen Keyboards aus der Progrock-Küche ("Ich will der Höllen Schrecken"), die der findige Michael Petermann für den Resonanz-Sound nutzbar machte. Jede Irritation wendet sich beim Hörer schnell in freudige Wahrnehmung, die den neuen Pfaden der Empfindung gern folgt.

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Festtagsmusik: Frohlocken mit dem Ensemble Resonanz

Denn viele Parts des Oratoriums klingen immer noch vertraut, auch wenn sie in intimem Hausmusik-Sound dargeboten werden. Das Ensemble Resonanz bleibt seinem Ruf als Botschafter des Unerhörten treu. Daneben glänzen Johanna Winkels glockenheller Sopran neben Benjamin Glaubitz' kraftvoll-dezentem Tenor und Dominik Köningers tiefgründigem Bass und Truike van Poels sensibel hingetupftem Alt: solide und zuverlässig in Artikulation und klarer Textvermittlung.

Seitdem das Ensemble im Hamburger Bunker-Gebäude zwischen FC St. Pauli-Stadion und Karolinenviertel seinen eigenen Konzertsaal ("Resonanzraum" genannt) betreibt, beglücken die Musikerinnen und Musiker das Publikum regelmäßig mit außergewöhnlichen Konzerten.

Ensemble Resonanz - "J.S. Bach: Weihnachtsoratorium"
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Über das Programm zwischen Barock und Gegenwart entscheidet das demokratisch organisierte Ensemble natürlich selbst. So etablierte sich die Location schnell als feine Adresse, nicht nur für Fans. Da die Resonanz-Truppe obendrein "Ensemble in Residence" in der Elbphilharmonie ist, kann man sich über eine breite Präsenz freuen, die eine fruchtbare Konkurrenz zu den großen Orchestern bietet.

Raffiniertes aus Böhmen

Klassisch im Klang kommt der ungarische Trompeten-Virtuose Gábor Boldoczki daher, als fleißiger Interpret ist er schnell an die Grenzen des Repertoires gestoßen. Aber man kann ja in der Fülle der barocken und klassisch-romantischen Konzertliteratur Bearbeitungen vornehmen. Alles okay, wenn die Ergebnisse so klingen, wie sie Boldoczki auf seiner neuen CD "Bohemian Rhapsody" (Sony Classical) präsentiert. Und das regionale Konzept stützt auch den festlichen Wohlklang, den die tschechisch/böhmischen Komponisten des Albums mit ihrer Melodienseligkeit entfalten.

Notabene: Die künstlerisch profilierten "Bohèmiens" bekamen ihren Namen nach den aus Böhmen nach Westeuropa eingewanderten Roma. Also funktioniert der CD-Titel nicht nur in Pop-Richtung (Queen). Antonin Dvoráks Beispiel aus "Lieder, die mich meine Mutter lehrte" op. 55/4, von Péter Erdély arrangiert für Flügelhorn, gelingt Gábor Boldoczki als fluffig leichtes und ausdrucksvolles Showstück. Die Prager Philharmoniker, stilistisch voll kompetent in diesem Segment, sekundieren stets dicht und einfühlsam.

Gábor Boldoczki: "Bohemian Rhapsody"
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Seidige Leichtigkeit

Die Ouvertüre des Albums, Johann Baptist Georg Nerudas (1708-1780) Hornkonzert, nicht weit entfernt von der Trompete und daher ganz organisch von Boldoczki adaptiert, fließt mit der seidigen Leichtigkeit, die für wirkungsvolle Trompetenkonzerte typisch ist. Voll auf Wirkung, dieses Etikett dürfen sich auch die Oboenkonzert-Bearbeitungen anheften, sei es beim D-Dur-Werk von Dittersdorf (1739-1799) oder bei den variantenreichen und hochvirtuosen Variationen op. 102 von Johann Nepomuk Hummel (1778-1837).

Hummels berühmtes Trompetenkonzert von 1803 (am Neujahrstag 1804 uraufgeführt) kann einer wie Boldoczki wohl nicht mehr auf CD brennen, zu oft wurde das Standardwerk schon interpretiert. Dabei stellt es hohe technische Anforderungen und hat die Trompetenwelt seinerzeit neu vermessen.



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ogonoi 26.11.2017
1. Ensemble Resonanz und das WO
Ich finde es ja erstmal sehr mutig was da das Ensemble Resonanz wagt. Deswegen war ich sehr neugierig auf diese Produktion. Eigentlich schätze ich auch das Ensemble sehr, aber mit dieser überflüssigen Produktion macht sich dieses Hamburger Ensemble keinen Gefallen. Um es deutlich zu sagen: ich finde es misslungen und sogar geschmacklos. Was hätte ein guter Jazzarrangeur draus machen können! Oder ein Soulkenner! Aber hier wird das Bachsche Original banal und wenig originell mit Synthie- und E-Gitarrensounds aufgepeppt. Mehr nicht und das ist sehr langweilig und sehr nervig. Wer braucht sowas und was soll das dem Hörer von heute an Erkenntnis bringen? Abgesehen davon, dass das keinen Mehrwert bringt überzeugen auch die Gesangssolisten nur teilweise. Sorry, aber diese Aufnahme braucht kein Mensch.
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