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Pop für Mathematiker

"Wenn ich mich selbst zähle, werde ich schwach"

Peter Scholze hat die Fields-Medaille gewonnen. Das muss gefeiert werden! Unsere Kulturredaktion hat es nicht mal bis zum Mathe-LK geschafft, die beste Playlist für die Siegesparty hat sie trotzdem.

Getty Images

Graf Zahl

Mittwoch, 01.08.2018   18:12 Uhr

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99 Problems / Jay-Z

Viel Kohle und ein Haufen Probleme: Die Schnittmenge zwischen Peter Scholze und Jay-Z ist klein, aber deutlich. Während sich die "99 Problems" im gleichnamigen Song des millionenschweren Rappers um Polizeigewalt und schwache Rivalen drehen, hat Scholze für seine Beschäftigung mit den dornigen Chancen der Zahlentheorie die Fields-Medaille eingestrichen. Das Preisgeld liegt zwar nur bei 15.000 kanadischen Dollar, aber es gibt Luft nach oben: Auf die Lösung der sechs Millennium-Probleme der Mathematik sind jeweils eine Million US-Dollar ausgelobt. Ob sich der 30-Jährige der Herausforderung annimmt, weiß wohl nur er selbst. Schon jetzt hat er bewiesen: "I got 99 problems, but a brain ain't one". Katharina Koerth

Zahlen lernen / Graf Zahl

Früher jagte Graf Zahl (im Original noch viel schöner: Er ist hier "Count von Count") in der Sesamstraße allen Fünfjährigen Angst ein, unabhängig vom mathematischen Talent: Vampirzähne, ungesund fliederfarbene Gesichtsfarbe, außerdem donnerte es in seinen Gewölben immer genau dann, wenn er mal wieder vor Zahlenfreude lachend eskalierte. Heute gewinnen manche die Fields-Medaille, während andere nicht mal mehr schriftlich dividieren können. Graf Zahl aber eint Mathematiker und Nicht-Mathematiker wieder, dieses Mal sogar völlig angstfrei: Wenn er im Klassiker "Das Lied von Graf Zahl" zu Gypsy-Variationen durch sein Schloss fetzt, nimmt er nach sechs Bier jeden mit: "Wenn ich mich selbst zähle, werde ich schwach". Schöner wurde selten nach Zahlen geschunkelt. Eva Thöne

Pi / Kate Bush

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Die schönste Ode an einen Mathematiker stammt von der britischen Künstlerin Kate Bush. Auf ihrem Doppelalbum "Aerial" aus dem Jahr 2005 besingt sie die irrationale Kreiszahl Pi und einen von der Zahl besessenen Mann: "Sweet and gentle sensitive man / With an obsessive nature and deep fascination / For numbers". Und weil Kate Bush selbst ein Genie ist, schafft sie es nicht nur, gefühlvoll (!) über einen Mathematiker zu schreiben und jede einzelne Nummer bis zur 88. Dezimalstelle mit einer lyrischen Sanftheit zu besingen (!!), sondern auch noch die Unendlichkeit der Zahl Pi mit ihren immer wiederkehrenden Wiederholungen zum Leben zu erwecken (!!!). "3.1415926535 897932 3846 264 338 3279 [...] 50288419 716939937510 580974944 59230781 6406286208 821 4808651 32" Enrico Ippolito

Math Song / One Direction

Okay, okay, niemand steht noch auf Boybands. Wissen wir. Und tanzen trotzdem, sobald die ersten Takte von Backstreet Boys' "Everybody" durch die Lautsprecher jagen. Deshalb sollte auch dieser Song auf keiner Mathefete fehlen: der "Math Song" von One Direction. Addier zwei Dreien, singen die Jungs, multiplizier mit 60, pack zwei drauf, zieh 100 ab, füg 24 hinzu und so weiter. Wahrscheinlich werden die Feiernden dieser Party die einzigen sein, die diesen Zahlendschungel bezwingen und dann der restlichen Welt ganz unbekümmert vorsingen: "Your Math skills are terrible - if you only had a mind like me". Elisa von Hof

Witches' Multiplication Table / Holger Czukay

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Für Menschen, die keine Ahnung vom Rechnen haben, sind die "perfektoiden Räume" des Peter Scholze pure Magie. Wie man hört, sind seine zahlentheoretischen Erkenntnisse sogar den meisten anderen Mathematikern ein Rätsel. Weshalb bei der Feier nach der Ehrung, vielleicht zu vorgerückter Stunde, unbedingt "Witches' Multiplication Table" von Holger Czukay gespielt werden sollte. Zu verschlucktem Dub und vertrackter Rhythmik erklärt hier der große Spaßvogel von Can im vertraulichen Sprechgesang eines Nachhilfelehrers das kleine Einmaleins der Hexen. Auch so etwas, das wohl nur Peter Scholze verstehen dürfte. Arno Frank

Add it Up / Violent Femmes

Mathe-Wunderkindern sagt man allgemein ein freudloses Heranwachsen nach. Viele Zahlen, wenig Partys, kein Sex. Jedenfalls nicht mit anderen Menschen. In ihrem Klassiker "Add it Up" verwandeln Violent Femmes die geballte Weltverlorenheit der Adoleszenz in eine aggressive Party. Manisch addiert Sänger Gordon Gano, der beim Verfassen des Songs noch keine 20 war, all die fehlenden "Fucks" und "Kisses", all die Wut der Isolation zu einem ekstatischen und eskalierenden Fest des Frustes. So schreit sich Graf Zahl den Schmerz von der einsamen Seele. Christian Buß

The Scientist / Coldplay

Klar, dieser Song läuft erst sehr spät am Abend, es ist schließlich eine Klavierballade. Aber dann so richtig. Denn wenn Chris Martin singt, dass ihm der Kopf wegen der vielen, vielen Zahlen schwirrt, dann können das hier nun mal wirklich alle verstehen. "Scientist" ist, darauf wird man sich bestimmt nicht nur in Mathematikerkreisen einigen können, einer der besten Coldplay-Songs. So kühl nämlich und so voll Schmerz, dass er dem Namen der Band ziemliche Ehre macht. Wer dieser Scientist ist, den Leadsänger Martin hier in den Titel des Songs gehoben hat, wissen wir nicht. Die erste Zeile "Nobody said it was easy" steht aber nicht nur am Beginn jeder großen Liebe, sondern auch vor jeder komplexen Rechnung. Und auch der Neuanfang, der sich zwischen den Strophen versteckt - "I'm going back to the start" -, den können doch nun Mathematiker fühlen: Immer dann, wenn sich doch irgendwo ein Fehler eingeschlichen hat und man von vorn beginnen muss. Die Wissenschaft, singt Martin, spräche nie so laut wie sein Herz. Außer heute vielleicht. Elisa von Hof

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