Fifa-Hymne Deutschland, was dreht?

Die Hymne, die wir verdient haben: Herbert Grönemeyer hat den offiziellen Fifa-Song zur Fußball-WM komponiert, der uns in jeder Beziehung auf die Sprünge helfen soll. Nächste Woche wird "Zeit, dass sich was dreht" veröffentlicht, bei SPIEGEL ONLINE können Sie schon mal hineinhören.


London - Herbert Grönemeyer ist ja seit seiner Oderflut-Hymne "Mensch" sowas wie die deutsche Eiche unter den Liedermachern. Wer, wenn nicht der 50-jährige Barde mit Wohnsitz in London, wäre also geeigneter, den Deutschen ihr Lied zur Fußball-WM im eigenen Land auf den Leib zu schreiben? Am 19. Mai wird die von ihm komponierte offizielle Fifa-Hymne "Zeit, dass sich was dreht" veröffentlicht, für die sich Grönemeyer Unterstützung von dem afrikanischen Popduo Amadou & Mariam holte, die im vergangenen Jahr mit ihrem Album "Dimanche à Bamako" einen Sommerhit feierten.

Sänger Grönemeyer: "Ein bisschen tückisch"
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Sänger Grönemeyer: "Ein bisschen tückisch"

Das Lied fängt besinnlich wie ein echter Grönemeyer an, nachdenklich und schwermütig - deutsch eben. "Wer sich jetzt nicht regt, wird ewig warten", dräut der Sänger in Anlehnung an Rilkes "Herbsttag". Wir haben verstanden: Kommt jetzt mal in die Hufe, heißt das; runter vom Sofa, rein ins Stadion. Oder auch: Jetzt jammert mal nicht so viel, sondern freut euch des Lebens und vor allem der WM.

Es gibt mehrere Versionen dieses Songs. In England und Frankreich heißt er unsubtil "Celebrate the Day" respektive "Fêter la journée". Nur für die Deutschen gibt es diesen Subtext, der weit über die Fußball-Ermunterung herausreicht. "Für Deutschland gesehen geht es in dem Lied auch um das Gefühl, die Dinge andersherum zu sehen", sagt Grönemeyer in einem Interview der Plattenfirma SonyBMG, "nach vorne zu blicken, dass sich die Stimmung dreht". Bei den Engländern zum Beispiel, sagt der Wahl-Londoner, sei das sprichwörtliche Glas immer halb voll, eine optimistische Sichtweise, die er seinen Landsleuten in der alten Heimat gerne nahe bringen möchte. Das Stück soll eine Leichtigkeit "von uns Deutschen repräsentieren, die man nicht so kennt".

Damit das auch klappt, folgt auf das besinnliche Intro ein Zwischenspiel mit fröhlichen afrikanischen Beats und Gesängen des blinden Ehepaars aus Mali. Er habe mit der Beteiligung von Amadou & Mariam den Bogen nach Afrika schlagen wollen, "wo ja 2010 die nächste WM stattfindet", erzählte er der dpa. Danach geht das Lied in den stadiongerechten Refrain über: "Zeit, dass sich was dreht, was dreht, was dreht, was dreht!", grölt der Chor in Endlosschleife, und wenn man nicht genau hinhört, könnte man da auch ein saloppes "Was geht?" heraushören. Hey, Deutschland! Was geht?

Dass der Refrain dieses seltsam in drei Teile zerfallenden Songs ein ganz klein bisschen peinlich nach "Dschingis Kahn" klingt, daran ist Grönemeyer wohl unbeteiligt. Die Fifa habe sich kaum eingemischt, sagt der Sänger, nur die Erkennungsmelodie des Fußballverbands, die habe er im Refrain einfangen müssen. Das, sagt er, sei "ein bisschen tückisch" gewesen. Eine Hymne sollte es werden, klar, ansonsten gab es keine Vorgaben.

Haben wir diese Hymne verdient? Grönemeyer ahnt schon das übliche Gemecker voraus: "Da werden einige sagen: 'Was hat der denn da gemacht'". Allerdings hätte es, nachdem der Goleo-Song "Love Generation" von erschreckender Banalität zeugte, noch viel, viel schlimmer kommen können. Aber auf Grönemeyer ist Verlass, man wird sich schon dran gewöhnen können. Man kann sagen: Der Bochumer hat uns eine Hymne geschrieben, die zum Zeitgeist passt und uns vielleicht sogar weltoffener darstellt, als wir in Wahrheit sind. 

Und, wird die deutsche Elf Weltmeister? Grönemeyer bleibt realistisch, blickt aber nach vorne: "Ich glaube nicht, dass sie Weltmeister werden, aber sie können weit kommen. Halbfinale wäre ein unglaublicher Erfolg." 

Die offizielle WM-Hymne wird übrigens erst am WM-Eröffnungstag veröffentlicht. Sie wird "Time Of Our Lives" heißen und von dem Klassikpop-Trio Il Divo und dem R&B-Star Toni Braxton eingesungen.

bor

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