Film über Plattensammler Meine Welt ist eine Scheibe

Schallplatten sind wie Katzen: Eine ist ein Freund, tausend sind eine Last. Der Arte-Film "Vinylmania" begibt sich auf die Spur von Sammlern, DJs und anderen Liebhabern der Vinylscheibe. Die ist längst von den Toten auferstanden - die Verkaufszahlen steigen deutlich.

ZDF

Von


Was für eine Katastrophe! Der Alptraum eines jeden Sammlers wird wahr in einer Tiefgarage in Südfrankreich. Über den Betonboden verstreut liegen verdreckte Plattencover, wellig geworden, zu Batzen zusammengeklebt, Tausende. Chris de Gan, Besitzer des Lagerraums, steht davor im Jimi-Hendrix-T-Shirt und erzählt, es habe einen Wasserschaden gegeben; 40.000 Schallplatten sind hin. "Ist nicht so schlimm", sagt er, "ich hab' noch dreimal so viele." Nach einer kurzen Pause: "Doch, es ist schlimm." Was er tun werde? "Weinen."

Es ist der traurigste Moment eines Dokumentarfilms, der ansonsten voller Optimismus steckt, voller trotziger Hoffnung, dass ein totgesagtes Medium ganz und gar nicht tot ist: die Vinyl-Schallplatte. Paolo Campana hat ihn gedreht, ein Filmemacher und DJ aus Turin, der sagt, seine Liebe zu den schwarzen Scheiben rühre daher, dass ihm seine Mutter als Kleinkind immer mit Mozart-Platten weckte.

Für "Vinylmania. Das Leben in 33 Umdrehungen pro Minute" ist er um die halbe Welt gereist, um andere Vinyl-Enthusiasten aufzusuchen. Die betreiben Plattenläden wie Rough Trade in London, Amoeba in San Francisco oder Space Hall in Berlin; sie sind DJs wie The Karminsky Experience oder The Millionaire; sie entwerfen Plattencover wie Peter Saville (Factory Records) oder Winston Smith (Dead Kennedys, Green Day).

Absatzplus von 20 Prozent

Oder sie sind einfach nur Sammler, wie Chris, der Mann mit dem Wasserschaden. Er steht für die Manie im Titel "Vinylmania": Paolo Campana begleitet ihn über eine Plattenbörse, filmt ihn, wie er hektisch durch die Kisten grabbelt, steht um vier Uhr morgens mit ihm auf, um rechtzeitig auf dem Flohmarkt zu sein, wenn die Händler ihre Ware gerade aus den Kofferräumen packen.

Chris sagt, er kaufe erstmal und sortiere später - die Folge ist ein Labyrinth aus Plattenstapeln in seiner Wohnung. Was für ein Kontrast zu den wohlsortierten Musikzimmern bekannter DJs, die das deutsche Musikmagazin "Groove" in einer wunderbaren Fotoserie zeigte. "Man sagt, eine Katze sei ein Freund, aber hundert Katzen eine Last", sagt der angenehm selbstironische Platten-Messie im Film: "Ich habe tausend."

Ja, Schallplatten nehmen viel Platz weg, sie sind schwer und sie können verkratzen. Aber Campana und seine Interviewpartner schwören trotzdem auf sie: "CDs sind eine Lüge", sagt zum Beispiel der Mod-Veteran Eddie Piller, Londoner DJ und Gründer des Labels Acid Jazz: "Mit einer CD spielst du die Kopie einer Schallwelle ab", während die Rillen der Vinylplatte die Schallwelle direkt physisch nachbildeten.

Wie das geschieht, wird in "Vinylmania" ebenfalls gezeigt: Der Film macht Station bei der tschechischen Firma GZ. In den neunziger Jahren, als wirklich nur schrullige Nostalgiker noch Vinyl zu hören schienen, war das Presswerk ein Geheimtipp, den man sich zuraunte. Heute ist es das weltweit größte Unternehmen seiner Art und presst Millionen Scheiben aus dem schwarzen Plastik.

5000 Euro für eine Wundertechnologie

Das Comeback der Schallplatte, von dem Paolo Campana in seiner filmischen Liebeserklärung so eindrucksvoll anekdotisch erzählt, ist in Zahlen belegt: In Deutschland verzeichnete die Vinyl-LP 2010 laut Bundesverband Musikindustrie ein Absatzplus von 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr, in den USA wuchs der Umsatz sogar um 44 Prozent.

Doch in absoluten Zahlen ist Vinyl immer noch ein Minderheitending. Und wer es kauft, das lässt "Vinylmania" erahnen - eine einzige Frau kommt zu Wort, und die Männer sind alle mehr oder weniger weit über dreißig. Eddie Piller, der mit etwas verwittertem Gesicht an seinem Nachmittags-Pint nippt, sagt voller Verve: "Du kannst einen Download nicht besitzen." Aber vielleicht ist das den jugendlichen Musikhörern, die im "Age of Access" (Jeremy Rifkin) groß geworden sind, gar nicht mehr so wichtig - Zugang zählt, Besitz ist was fürs Bürgertum?

Campana lässt sich in Japan das Ultimum an Klangqualität und Bedienkomfort vorführen, das sich ein Vinyl-Aficionado vorstellen kann: den Laser-Plattenspieler von ELP. Statt mit einer Nadel wird die Schallplatte hier mit einem Laser abgetastet, mit allen Skip- und Suchmöglichkeiten der CD, aber eben mit dem warmen Analogklang, der sich nicht durch wiederholtes Abspielen abnutzt. Etwa 1500 Kunden in aller Welt hat der freundliche, ältere Herr von ELP in seinem Hängeregister (der Zuschauer erhascht den Namen "Jarrett, Keith") - sie haben mindestens 5000 Euro gezahlt für die Wundertechnologie.

"Nur schade, dass die Platte im Gerät verschwindet", sagt Campana im Off-Kommentar dazu - und schneidet dann auf den Scratch-Künstler DJ Kentaro, einen ehemaligen Discjockey-Weltmeister, der an zwei herkömmlichen (aber goldenen!) Technics-Plattenspielern zaubert.

"Vinylmania" ist sich seines grundsätzlich nostalgischen Ansatzes bewusst, aber lässt sich dadurch nicht beirren. Das macht die Dokumentation zu einem großen Fernsehvergnügen. Derzeit sammelt Paolo Campana auf der Crowdfunding-Plattform Kickstarter.com Unterstützer, um eine spezielle DVD-Edition seines gelungenen Films zu finanzieren. Ja, richtig: auf DVD, nicht auf Super 8!


"Vinylmania", Arte, 3. November, 22.50 Uhr

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 5 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
derinformatiker 03.11.2011
1. Und wie so eine Vinyl hergestellt wird
kann man hier sehen - http://www.electronicbeats.net/tv/external/tv/video/slices-tech-talk-vinyl-manufacturing
plattenboss 03.11.2011
2. Jedesmal
Jedesmal wenn die Rede auf Hobbies kommt, sag´ ich Plattensammeln. Das interessiert die meisten und ergibt reichlich Gesprächsstoff. Gerne auch mit wehmütigem Blick in die Vergangenheit. Nur einer Frage weiche ich aus. "Wieviele hast Du denn?" Denn die schiere Größe einer Sammlung sagt nichts über die Qualität aus und ich möchte nicht die Bemerkung kassiert: "Wie unpraktisch. Das nimmt doch soviel Platz weg .. schau mal hier mein neuer ipod ..blablabla."
kioto 03.11.2011
3. 1000 sind keine Last
Zitat von sysopSchallplatten*sind wie*Katzen: Eine ist ein Freund, tausend sind eine Last. Der Arte-Film "Vinylmania" begibt sich auf die Spur von Sammlern, DJs und anderen Liebhabern der Vinylscheibe.*Die*ist längst von den Toten auferstanden*- die Verkaufszahlen steigen deutlich. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,795602,00.html
Hallo. Wenn ich nach 2 Stunden optimod komprimierter Digitalmusik aus dem Radio meinen TD320 mit MC System einschalte, den Verstärker mit 6C33C in A-Schaltung 15 Minuten warmlaufen lasse und dann "Tango in the night" von Fleetwood Mac oder "Brothers in Arms" von Dire Straits auflegen, habe ich das Gefühl, dass mir Pfropfen aus den Ohren gezogen werden. Leider sind viele Neupressungen, trotz 180g Vinyl, Mist, weil es scheinbar keine Fachleute mehr gibt, die LPs abmischen können. Schade. Natürlich gilt auch für LPs wie für CDs, die meisten sind schlecht abgemischt oder mangelhaft aufgenommen, und bei CDs sorgt der Kopierschutz für weitere Qualitätseinbußen. Deshalb habe ich trotz 1500 LPs nur wenige wirklich gute. Übrigens, wer in Läden mit Gabrauchtplatten geht, sieht dort viele jüngere Leute und auch Mädchen. Also nicht nur was für Graubärte. Gruß Kioto
manteltasche 03.11.2011
4. zu spät...
übrigens fängt die sendung nicht wie unten im artikel erwähnt um 22.50 an sondern schon um 22.25... bestes
klafuenf 03.11.2011
5. Die Übersetzung ist unglaublich schlecht
... und das Blabla kriegt auch keinen Punkt. Wieso hören sich die Übersetzungssprecher viel, viel schlechter als Hörspiel oder Hörbuchsprecher an? Die ARD hat so viele gute Sprecher, die wenigstens etwas Emotionen rinbringen können. ... ich geh jetzt ins Bett.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.